Ältere Menschen und KriminalitätEine empirische Untersuchung zu den Bedingungsfaktoren und Korrelaten kriminellen Handelns von Menschen im höheren LebensalterDas Projekt beschäftigt sich mit den moralisch-normativen Einstellungen und kriminellen Verhaltensweisen von Menschen im höheren Lebensalter. Primäres Anliegen ist es, allgemeine Theorien abweichenden bzw. kriminellen Verhaltens hinsichtlich ihrer Gültigkeit in Bezug auf Menschen im höheren Erwachsenenalter empirisch zu testen. Daneben sollen einige kriminalitätsbezogene Parameter der Population (z.B. deliktspezifische Prävalenz- und Inzidenzraten) im „Dunkelfeld“ geschätzt werden. Weiteres Ziel ist die Typisierung älterer Menschen im Hinblick auf deren moralisch-normative Einstellungen und kriminelle Verhaltensweisen. Grundlage der Analysen bilden hauptsächlich Selbstberichtsdaten, die mittels standardisierter postalischer Befragung von 3555 Bürgern im Alter von 49 bis 81 Jahren, die in Südbaden wohnhaft sind, erhoben wurden. Neben theoretisch bedeutsamen Bedingungsfaktoren und Korrelaten von Kriminalität wurden dabei u.a. Informationen zu Kriminalitätsfurcht, Viktimisierungserfahrungen, Persönlichkeitseigenschaften, gesundheitlichem Zustand, biographischen Ereignissen und sozialer Integration erfragt. In einer Anschlussstudie wurden mit 99 Survey-Teilnehmern persönlich-mündliche Interviews durchgeführt, um ergänzende bzw. vertiefende Informationen zu erhalten. Das Projekt wird im Rahmen der Research School des Max Planck International Research Network on Aging (MaxNetAging) durchgeführt. |
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| Projektkategorie: | Dissertation |
| Organisatorischer Status: | Einzelprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 2007 Projektende: 2012 |
| Projektstatus: | laufend |
| Projektsprache(n): | Deutsch |
Leiter(in):
Forschungshintergrund und -gegenstand:
Infolge sozialer und demographischer Veränderungen nimmt sowohl die absolute Anzahl als auch der relative Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft seit einigen Jahren stetig zu. Die steigende Lebenswartung geht dabei mit verbesserter körperlicher und geistiger Fitness bis ins hohe Alter einher. Kenntnisse über die Lebensumstände, Einstellungen und Verhaltensweisen von Menschen in der zweiten Lebenshälfte werden daher in verschiedener Hinsicht für das gesellschaftliche Zusammenleben immer bedeutsamer. Das hier beschriebene Projekt
konzentriert sich speziell auf die moralisch-normativen Einstellungen und kriminellen Verhaltensweisen von Menschen im höheren Lebensalter. Im Gegensatz zur zeitweise recht häufigen und plakativen Abhandlung des Themas „Alterskriminalität“ in den Medien, liegen bislang kaum wissenschaftliche Untersuchungen zu den benannten Aspekten vor. Die wenigen einschlägigen empirischen Studien sind ausschließlich deskriptiv ausgerichtet und auf die Analyse offizieller Kriminalitätsdaten, wie etwa der PKS, beschränkt.
Vorliegende Studie will vorhandene Forschung ergänzen, indem Informationen zum „Dunkelfeld“ der Kriminalität sowie relevante Kontextinformationen erhoben und sowohl unter deskriptiven Gesichtpunkten als auch theoriegeleitet ausgewertet werden.
Alterskriminalität im Hellfeld:
Basierend auf den Daten relevanter amtlicher Statistiken (PKS, Verurteiltenstatistik) kann Folgendes über die Kriminalität von Personen ab dem 60. Lebensjahr festgestellt werden: ca. 6 % aller innerhalb eines Jahres als Tatverdächtige ermittelten Personen sind 60 Jahre und älter.
Der Anteil sog. „Ersttäter“ ist mit 70 bis 80 % relativ hoch. Kriminalität älterer Menschen weist keine altersspezifischen Delikte auf. Als alterstypisch hingegen gelten Eigentums- und Vermögensdelikte, weshalb Alterskriminalität von einigen Autoren auch als „Kriminalität der Schwäche“ bezeichnet wird. Untypisch für die Altersgruppe 60+ sind schwerwiegende Verbrechen wie etwa Vergewaltigung und Raub. Ein Spezifikum der Straffälligkeit älterer Menschen ist die relativ zu anderen Altersgruppen höhere Kriminalitätsbelastung von Frauen. Dies wird bislang auf demographische Ursachen zurückgeführt.
Ob die aktuellen demographischen bzw. sozialen Wandlungsprozesse zukünftig zu Veränderungen hinsichtlich der Qualität und/oder Quantität von Alterskriminalität führen werden, ist derzeit ungewiss. Ein Blick ins Ausland lässt diese Möglichkeit zumindest denkbar erscheinen:
So steigt etwa in Japan, dem Land mit der stärksten Bevölkerungsalterung weltweit, seit einigen Jahren die Alterskriminalität rapide und deutlich überproportional zu demographischen Alterungsprozessen an. Alterskriminalität entwickelt sich hier zu einem „sozialen Problem“, dessen empirische Erforschung eine Voraussetzung für adäquate gesellschaftliche Reaktion bzw. Prävention darstellt.
Forschungsziele:
Die Studie verfolgt drei Zielstellungen:
- Ergänzung der „Alterskriminalitäts-Beschreibung“ im Hellfeld durch Informationen zur „Dunkelfeld-Kriminalität“ mittels a) Erhebung von Daten zu theoretisch bedeutsamen Bedingungsfaktoren bzw. Korrelaten und b) Schätzung einiger kriminalitätsbezogener Parameter der Grundgesamtheit auf der Basis der Stichprobenverteilungen.
- Überprüfung allgemeiner Theorien abweichenden bzw. kriminellen Verhaltens hinsichtlich ihrer Erklärungskraft in Bezug auf kriminelle Handlungen von Menschen im höheren Erwachsenenalter.
- Typisierung älterer Menschen bzgl. kriminalitätsbezogener Erfahrungen, Einstellungen und Verhaltensweisen.
Die Ergebnisse des Projekts sollen u.a. helfen, einige Folgen (psycho-)sozialer Probleme im höheren Erwachsenenalter besser abschätzen zu können und ggf. geeignete „Präventionsstrategien“ zu entwickeln. Zudem möchte die hier beschriebene Studie einen Beitrag zur Weiterentwicklung der theoretischen Kriminologie leisten, indem einerseits vorhandene Theorieansätze hinsichtlich ihrer altersbezogenen Reichweite evaluiert werden und andererseits weitere Kenntnisse zum Alters-Kriminalitäts-Zusammenhang ermittelt werden.
Methodik:
Die Grundgesamtheit der Untersuchung bilden deutsche Staatsbürger im Alter von 49 bis 81 Jahren, die in Privathaushalten der 302 Gemeinden des Regierungsbezirkes Freiburg, d.h. in der Region Südbaden, wohnhaft gemeldet sind. Die Datenerhebung bezieht sich auf diese Population und ist in zwei Phasen bzw. methodische Vorgehensweisen unterteilt:
| Phase 1: | Standardisierte postalische Befragung |
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Um bestimmte kriminologische Erklärungskonzepte zu prüfen, wurde ein Teil der postalischen Befragung als sog. „Faktorieller Survey“ (vgl. Literatur zum Factorial Survey Approach nach Rossi & Nock 1982) konzipiert. Diese innovative Hybridtechnik, die traditionelle Surveyfragen mit zentralen Merkmalen des Experiments kombiniert, ermöglicht die trennscharfe Analyse der je isolierten Einflüsse verschiedener Faktoren auf interessieren Größen. Allerdings „erzwingt“ der faktorielle Surveyansatz ein recht komplexes Studiendesign, welches u.a. die Individualisierung von Fragebögen erfordert. Die hier vorgestellte Untersuchung beinhaltet 32 verschiedene Fragebogenversionen, die an je 111 bzw. 112 Personen versendet wurden.
Die Prüfung des Erhebungsinstruments wurde als „Zwei-Phasen-Pretesting“ durchgeführt. In Phase 1 wurden die „neuartigen“ Elemente des Fragebogens mithilfe kognitiver Pretest-Strategien in persönlich-mündlichen Interviews (n=8) evaluiert. Der überarbeitete Fragebogen wurde anschließend an weitere 400 zufällig ausgewählte Personen der Grundgesamtheit postalisch verschickt. Dieser sog. Standardpretest beinhaltete zwei Methodenexperimente, welche die Einflüsse von Anonymität und Fragereihenfolge auf Qualität und Quantität des Rücklaufs untersuchten.
| Phase 2: | Persönlich-mündliche Interviews |
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Projektstand März 2012:
Die Datenauswertungen sind abgeschlossen. Zur Zeit wird der Ergebnisbericht verfasst.
Dissertationsbetreuung:
Prof. Dr. Dr. h. c. Hans-Jörg Albrecht (Max-Planck-Institut Freiburg)
Prof. Dr. Baldo Blinkert (Institut für Soziologie, Universität Freiburg)
Publikationen (Auswahl):
- Kunz, Franziska: Kriminelles Verhalten und polizeiliche Registrierung: Selbstberichte von Menschen im höheren Lebensalter. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 2011, Heft⁄Band 44/1, S. 55 - 65.
- Kunz, Franziska: Wie allgemein sind allgemeine Kriminalitätstheorien? Eine empirische Analyse auf der Basis von Querschnittdaten. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 2010, Heft⁄Band 93/1, S. 42 - 68.
- Kunz, Franziska: Mahnaktionen in postalischen Befragungen: empirische Befunde zu Auswirkungen auf den Rücklauf, das Antwortverhalten und die Stichprobenzusammensetzung. In: Methoden Daten Analysen, 2010, Heft⁄Band 4/2, S. 127 - 155.
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Einführende Literatur (nach Themenbereich):
Zur Alterskriminalität:
Albrecht, H.-J. & Dünkel, F. (1981). Die vergessene Minderheit - alte Menschen als Straftäter. Zeitschrift für Gerontologie 14: 259-273.
Kercher, K. (1987). The causes and correlates of crime committed by the elderly. Research on Aging 9 (2):256-280.
Keßler, I. (2005). Straffälligkeit im Alter: Erscheinungsformen und Ausmaß. Kölner Schriften zur Kriminologie und Kriminalpolitik ; 8. Hochschulschrift. Münster, LIT, Univ. Köln, Diss.
Tittle, C. R. & Ward, D. A. (1993). The interaction of age with the correlates and causes of crime. Journal of Quantitative Criminology 9(1): 3-53.
Wahidin, A. & Cain, M. (2006). Ageing, Crime and Society. Cullompton, Willan Publishing.
Zum faktoriellen Surveyansatz (Engl.: Factorial Survey Approach):
Rossi, P. H. & Nock, S. L., (Eds.) (1982). Measuring Social Judgements. The Factorial Survey Approach. Beverly Hills, CA, Sage.
Wallander, L. (2008). Measuring Professional Judgements. An Application of the Factorial Survey Approach to the Field of Social Work. Department of Sociology. Stockholm, Stockholm University.
Zu demographischen Entwicklungen:
Vaupel, J. W. & von Kistowski, K. G. (2007). Die Plastizität menschlicher Lebenserwartung und ihre Konsequenzen. In Gruss, P. (Eds.) (2007). Die Zukunft des Alterns. Die Antwort der Wissenschaft. München, C.H. Beck. 51-78.
Ziegler, U. & Doblhammer-Reiter, G. (2005). Steigende Lebenserwartung geht mit besserer Gesundheit einher: Risiko der Pflegebedürftigkeit in Deutschland sinkt. Demografische Forschung aus erster Hand 2(1): 1-2.
Vaupel, J. W. (2000). Setting the stage: A generation of centenarians? The Washington Quarterly 2(2): 197-200.
Oeppen, J. & Vaupel, J. W. (2002). Broken limits to life expectancy. Science 296: 1029-1031.
Downloads und Links:
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Alterskriminalität: Trau keinem über 30
Max-Planck-Gesellschaft – Aktuelles aus der Forschung vom 11.05.2011 -
Pressemitteilung vom 15.12.2010
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Interview zum Befragungsprojekt in "Der Sonntag" vom 19.07.2009
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Bericht über die Ergebnisse der postalischen Befragung im "Südkurier" vom 16.04.2010
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"Germany’s Graying Gangsters"
Bericht der Deutschen Welle auf DW-world.de vom 28.12.2004
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Kurze Projektskizze in englischer Sprache
[auf den Seiten der MaxNetAging Research School]
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