Zu den Anomietheorien von Durkheim und MertonTheorie, Kritik, empirische Bewährungsprüfung und Fortentwicklung im Zusammenhang einer empirischen Studie zum Haftverlauf von Gefangenen des JugendstrafvollzugsI. In der Anomietheorie von Merton gibt die "Kultur" allen Mitgliedern einer Gesellschaft die gleichen Erfolgsziele vor, und zugleich differenziert die Gesellschaft die Zugangschancen zu den legitimen Möglichkeiten, Ziele zu erreichen, gruppenspezifisch (schichtabhängig). Dadurch entsteht ein gruppenspezifischer "Druck", der zu gruppenspezifischen Raten abweichenden Verhaltens führt. Für diese Theorie gibt es eine von Opp explizierte Fassung mit besonders guter Untersuchbarkeit. |
| Projektkategorie: | Forschungsprojekt |
| Organisatorischer Status: | Forschungsgruppenprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 1979 Projektende: 1997 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
Leiter(in):
II. Der Forschungsstand zu den Grundlagen der Anomietheorien erweist sich in der Analyse als derart unbefriedigend, daß die Hauptaufgabe nicht, wie oft angenommen, in empirischen Arbeiten - wie z.B. der Bewährungsprüfung - liegen kann, sondern bei theoretischen Arbeiten liegen muß. So ist z.B. die Bedeutung der anomietheoretischen Grundbegriffe Ziele, Normen, Möglichkeiten und Anomie nach wie vor recht unbestimmt. Auch zeigt sich, daß Durkheims Gedanken zur Anomietheorie im Vergleich zu den die Diskussion dominierenden Überlegungen Mertons die tiefere Grundlage und den weiteren Horizont haben und stärker berücksichtigt werden sollten. Bei Durkheim erweist sich u.a. der Gleichgewichtsbegriff zu den Bedürfnissen und Möglichkeiten als theoretisch sehr fruchtbar. Weitgehend unklar ist auch die Funktion der Gesellschaft. Ist es für die Entstehung abweichenden Verhaltens z.B. wichtig, ob die Ziele, die eine Person verfolgt oder die Möglichkeiten, die sie für das Erreichen der Ziele hat, von der Gesellschaft vorgegeben und beeinflußt wurden, oder haben deren Herkunft und Ursachen keinen Einfluß, so daß jedes individuelle Streben und Scheitern anomietheoretisch betrachtet werden kann?
Diese und weitere Grundlagenfragen zur Anomietheorie behandelt die Arbeit auf der Grundlage einer empirischen Studie zum Haftverlauf von jugendlichen Strafgefangenen.
III. Die drei wichtigsten Ergebnisbereiche betreffen die Bewährung der Anomietheorie in der Richtung von Merton/Opp, Präzisierungen von Grundbegriffen der Anomietheorie - wie z.B. der Ziele - auf der Basis empirischer Ergebnisse und die Entwicklung eines neuen anomietheoretischen Bezugsrahmens, in dem auch die Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft thematisiert wird. Mit ihm kann auch beantwortet werden, daß und warum für die Entstehung abweichenden Verhaltens im Zusammenhang des "sozialen Wandels" der Umstand überhaupt wichtig ist, daß die Gesellschaft - und nicht sonst jemand - die Rahmenbedingungen des Möglichen für den Einzelnen prägt und auch begrenzt.
IV. Das ca. 400 Seiten starke Manuskript wird Anfang 1998 in der Publikationsreihe des Instituts veröffentlicht.
Publikationen (Auswahl):
-
Ortmann, R.: Abweichendes Verhalten und Anomie.
Entwicklung und Veränderung abweichenden Verhaltens im Kontext der Anomietheorien von Durkheim und Merton. Kriminologische Forschungsberichte, Freiburg i. Br. 2000, 768 S. - Ortmann, R.: Die Nettobilanz einer Resozialisierung im Strafvollzug. Negativ? - Plädoyer für eine theoriegeleitete kriminologische Forschung am Beispiel der Begriffe der Resozialisierung, Prisonisierung, Anomie und Selektionseffekt. In: Kury, H. (Hrsg.): Gesellschaftliche Umwälzungen. Kriminalitätserfahrung, Straffälligkeit und soziale Kontrolle. Freiburg i. Br., 1992, S. 375 - 451.