Individuelle und strukturelle Determinanten von Anzeigeverhalten und Entdeckungsrisiko delinquenter Jugendlicher

Ziel der Untersuchung ist die Identifizierung sozialer und individueller Faktoren, die das Risiko eines Jugendlichen beeinflussen, wegen eines strafbaren Deliktes bei der Polizei registriert zu werden. Da die Arbeit Teil des umfangreicheren, von der DFG geförderten Projektes Gewalt- und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext ist, liegt ein Schwerpunkt in der Identifizierung und Untersuchung sozialökologischer Einflüsse auf das Anzeigeverhalten und Registrierungsrisiko der Jugendlichen.
Ein Schlüsselmechanismus bei der Produktion von (registrierter) Kriminalität ist bei allen Delikten der Bringkriminalität das Anzeigeverhalten von betroffenen Opfern oder dritten Personen, die von dem Delikt Kenntnis erhalten. Wenn also bei Kriminalitätsopfern Diskriminierung im Anzeigeverhalten vorliegt, wird sich diese auch als Diskriminierung der Täter in den Polizeistatistiken niederschlagen. Ein weiterer Schlüsselmechanismus ist das Verfolgungsverhalten der Polizei. Dieses kann allerdings mit den zur Verfügung stehenden Daten nicht erfasst werden.

Projektkategorie: Dissertation
Organisatorischer Status: Forschungsgruppenprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2000
Projektende: 2004
Projektstatus: abgeschlossen

Leiter(in):

Die Relevanz der Arbeit ergibt sich auch aus der aktuellen kriminalpolitischen Diskussion in der BRD. Dabei stellt sich die entscheidende Frage, ob einem erheblichen Anstieg jugendlicher Gewaltkriminalität im Hellfeld auch ein Anstieg im Dunkelfeld des nicht kriminalisierten abweichenden Verhaltens entspricht, oder ob der Anstieg weitgehend auf eine Erhellung des Dunkelfeldes zurückzuführen ist. Eine Veränderung von Anzeigeverhalten und Registrierungsrisiko von Jugendlichen über die Zeit hinweg könnte den Hellfeldanstieg zum Teil erklären.

In den bereits vorliegenden Untersuchungen zu diesem Thema - die sich natürlich nicht immer auf das Registrierungsrisiko Jugendlicher beschränken - lassen sich zwei unterschiedlich orientierte Vorgehensweisen unterscheiden, die im folgenden als ergebnisorientiert und als prozessorientiert bezeichnet werden.

Die ergebnisorientierte Vorgehensweise zeichnet sich dadurch aus, dass in einem Modell gezeigt werden kann, anhand welcher Merkmale von Tätern und Taten sich die Dunkel- und Hellfeldpopulation unterscheiden bzw. welche Tätermerkmale dessen Entdeckungsrisiko steigern. Der Nachteil der ergebnisorientierten Vorgehensweise besteht darin, dass zwar eine Diskriminierung nach sozialen Merkmalen im Ergebnis (also der Registrierung) festgestellt werden kann. Über die sozialen Mechanismen, die zur Produktion dieses Ergebnisses führen, können aber nur Vermutungen aufgestellt werden.

Die zwischen der Tatbegehung und der Registrierung eines Jugendlichen bei der Polizei ablaufenden Prozesse sind allerdings keineswegs trivial, wie im folgenden gezeigt werden soll. Die hauptsächlichen Determinanten des Anzeigeverhaltens sind folgende: Zunächst einmal muss das abweichende Verhalten von den Geschädigten oder Dritten überhaupt bemerkt werden (z.B. Ladendiebstahl, Diebstähle allgemein). Im Anschluss an seine Entdeckung muss ein wahrgenommenes Verhalten als abweichend definiert werden, bzw. das Opfer muss festlegen, für wie schwerwiegend es das Delikt hält. Allerdings muss der Geschädigte nicht nur definieren, ob er ein bestimmtes Verhalten als normabweichend beurteilt. Vielmehr muss er auch entscheiden, ob das Verhalten ihn so stark geschädigt hat, dass es sich lohnt, sich die Mühe einer Anzeige zu machen. Ein weiterer intervenierender Faktor zwischen Tatentdeckung und Anzeigeerstattung ist die informelle Einigung zwischen den Konfliktparteien. In diesem Zusammenhang ist auch auf die Möglichkeit von Selbstjustiz hinzuweisen. Ein weiterer Selektionsfaktor ist die Einstellung des betroffenen Opfers zu Bestrafung im allgemeinen und der Polizei im besonderen. Ein zentraler Faktor, der sich in zahlreichen Untersuchungen als relevant herausgestellt hat, ist weiterhin die Einschätzung des Erfolges einer Anzeige. Je schlechter die Erfolgsaussichten der Anzeige eingeschätzt werden, desto geringer ist die Anzeigeneigung. Ein weiterer Mechanismus, der vor allem für die Variation des Anzeigerisikos nach unterschiedlichen Deliktsarten sorgt, sind unterschiedliche institutionelle Rahmenbedingungen der Schadensregelung. Damit ist gemeint, dass beispielsweise Versicherungen Schäden aufgrund von Ein- oder Aufbrüchen oder auch Diebstahl in der Regel nur begleichen, wenn eine Anzeige erstattet wurde. Auch Ladendiebstähle werden bei vielen Unternehmen mittlerweile routinemäßig zur Anzeige gebracht. Das bedeutet, dass Täter von Diebstahlsdelikten ein größeres Basisrisiko tragen, von der Polizei registriert zu werden, als beispielsweise Gewalttäter.

Der letzte Selektionsmechanismus zwischen einer Tat und der Registrierung des Täters ist die Behandlung von Anzeigevorgängen durch die Polizei. Hier sind im wesentlichen zwei Faktoren wirksam: Zum einen die "Eingangskontrolle" der Anzeigen durch die Polizei. Weiterhin können je nach organisationalen Rahmenbedingungen unterschiedliche Prioritäten bei der Verfolgung einzelner Delikte oder Deliktsarten gesetzt werden, um beispielsweise Erfolgsquoten anzupassen. Es könnte durchaus sein, dass diese Rahmenbedingungen polizeilichen Handelns sich auf den einzelnen Polizeiwachen unterscheiden und daher zusätzliche Streuung in der Registrierungswahrscheinlichkeit Jugendlicher auf Aggregatebene produzieren.

Der Nachteil der prozessorientierten Betrachtungsweise liegt auf der Hand. Aufgrund der Komplexität des Modells ist es (zumindest mit den vorliegenden Daten) unmöglich, alle Faktoren simultan zu prüfen. Werden dagegen ausschließlich einzelne Bereiche des Modells betrachtet, so ist nicht geklärt, welche Verzerrungen zwischen Hell- und Dunkelfeld sich letztlich ergeben.

Für den empirischen Teil der Dissertation bietet es sich daher an, eine kombinierte Strategie zu verfolgen und sowohl ein ergebnisorientiertes Modell zu berechnen als auch mehrere prozessorientierte.

In den Jahren 2000 und 2001 wurden im Wesentlichen Vorleistungen erbracht, die sowohl dem Dissertationsprojekt als auch dem dieses einschließende -deaktiviert-->Gesamtprojekt "Gewalt- und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext"<--deaktiviert- zugute kommen. Dies beinhaltete u.a. die Vorbereitung und Durchführung einer Schülerbefragung, die Aufbereitung von Individualdaten, und Literaturrecherche. Darüber hinaus wurden Beiträge zu Veröffentlichungen erarbeitet. Im Jahr 2002 wurde die Untersuchung zur Validität von Dunkelfelddaten (selbstberichtete Delinquenz Jugendlicher) sowie die theoretische Aufarbeitung des Dissertationsthemas abgeschlossen. Im bisherigen Verlauf des Jahres 2003 wurden die Ergebnisse der Validitätsstudie zur Veröffentlichung aufbereitet. Weiterhin wurde eine Studie über die zeitliche Veränderung von Anzeigeverhalten und Registrierungsrisiko überarbeitet und zur Veröffentlichung eingereicht. Die Betrachtung der Bestimmungsgründe und Determinanten des Anzeigeverhaltens aus der Opferperspektive mittels bi- und multivariater Analysen (u.a. logistische Regressionen) wurde abgeschlossen. Darüber hinaus wurde mit der Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Hell- und Dunkelfeld auf Aggregatsebene (Stadtviertel) begonnen.

Mittels einer ökologischen Regression soll tiefergehend überprüft werden, welche Faktoren (insbesondere soziale Integration und soziales Kapital der Bewohner) das Registrierungsrisiko der Jugendlichen vermindern oder vergrößern. Die Berechnung eines ergebnisorientierten Modells (aus der Täterperspektive) mittels einer Logit-Analyse, bei der sozialräumliche Merkmale der Jugendlichen eingehen, soll einen Überblick darüber geben, welche Merkmale das Registrierungsrisiko eines Jugendlichen beeinflussen. Diese Arbeiten werden im Rahmen eines Marie-Curie-Stipendiums an der Keele-University in England durchgeführt.


Finanzierung:

Gefördert mit Mitteln der DFG.


Vortrag (Auswahl):

  • Köllisch, T., Oberwittler, D.: "Wie dunkel ist das Dunkelfeld? Befragungen zur selbstberichteten Delinquenz von Jugendlichen". Institut für Soziologie an der Universität Freiburg, Lehrveranstaltung im Rahmen der Methodenausbildung, 26.11.2002.


Publikationen (Auswahl):

  • Köllisch, T. / Oberwittler, D.: Wie ehrlich berichten männliche Jugendliche über ihr delinquentes Verhalten? Ergebnisse einer externen Validierung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 2004, Heft⁄Band 4/56, S. 708 - 735.
  • Köllisch, Tilman / Oberwittler, D.: Sozialer Wandel des Risikomanagements bei Kindern und Jugendlichen. Eine Replikationsstudie zur langfristigen Zunahme des Anzeigeverhaltens. In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 2004, Heft⁄Band 1.
  • Oberwittler, D. / Köllisch, T.: Jugendkriminalität in Stadt und Land. Sozialräumliche Unterschiede im Delinquenzverhalten und Registrierungsrisiko. In: Raithel, J. / Mansel, J. (Hrsg.): Kriminalität und Gewalt im Jugendalter. Hell- und Dunkelfeldbefunde im Vergleich. Weinheim, Juventa, 2003, S. 135 - 160.
  • Oberwittler, D. / Köllisch, T. / Würger, M.: Selbstberichtete Delinquenz bei Jugendlichen. In: Glöckner-Rist, A. (Hrsg.): ZUMA-Informationssystem. Elektronisches Handbuch sozialwissenschaftlicher Erhebungsinstrumente Version 6.0. Mannheim, Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen, 2002.
 

Downloads und Links:

  • Arbeitsbericht (Nr. 7):
    Köllisch, T.: Wie ehrlich berichten Jugendliche über ihr delinquentes Verhalten? - Ergebnisse einer externen Validierung selbstberichteter Delinquenz. Freiburg i. Br. 01/2003.
  • Geändert am: 22.09.2011
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