Gewalt- und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext

Das Ziel des Projekts liegt in der empirischen Analyse der urbanen Jugenddelinquenz und der sie bedingenden Einflussfaktoren am Beispiel zweier westdeutscher Städte (Köln und Freiburg) und - als Kontrastfolie - einer benachbarten ländlichen Region (Breisgau/Markgräfler Land). Der besondere theoretische und methodische Zugang der Studie liegt in der Einbeziehung des Raumes in die Deskription und Erklärung von delinquentem Verhalten und in der Verknüpfung verschiedener Datenquellen auf individueller und kollektiver Ebene im Rahmen von Mehrebenenmodellen. Die Fragestellung des Projekts knüpft an die aktuelle sozialwissenschaftliche Diskussion über eine Gefährdung des städtischen Zusammenlebens durch die Zunahme von sozialen Problemen im städtischen Raum an.

Projektkategorie: Forschungsprojekt
Organisatorischer Status: Forschungsgruppenprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 1998
Projektende: 2005
Projektstatus: abgeschlossen

Leiter(in):

Mitarbeiter(innen):

  • Tilmann Köllisch
  • Thomas Naplava

Die Hauptphase des Projekts wurde 2003 mit dem Ende der Förderung durch die DFG abgeschlossen. Im Anschluss daran wurden vertiefende Analysen mit den erhobenen Daten durchgeführt und international vergleichende Kooperationsprojekte begonnen, in erster Linie im Rahmen des Marie- Curie-Fellowships, das der Projektleiter an der Universität Cambridge im Forschungsnetzwerk SCOPIC (Direktor: Professor Per-Olof Wikström) innehatte. Die wesentlichen Ergebnisse dieser Mehrebenenanalysen lassen sich kurz so umreißen:

Eine zentrale Bedeutung für die Existenz von Kontexteffekten des Stadtviertels für die Delinquenz von Jugendlichen kommt der räumlichen Ausrichtung der Freundesnetzwerke zu. Der Stadtviertelkontext ist für Jugendliche offenbar nur dann bedeutsam ist, wenn ihre Freunde im selben Stadtviertel wohnen; wenn nicht, dann ist der Stadtviertelkontext offenbar völlig bedeutungslos – zumindest der, in dem die Jugendlichen wohnen, wie in beinahe allen bisherigen Studien angenommen wird. Für die deutschen Jugendlichen mit lokalem Freundeskreis verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit der Begehung schwerer Eigentumsdelikte pro Anstieg der Sozialhilfequote des Wohnquartiers um eine Standardabweichung unter Kontrolle individueller sozio-demographischer Merkmale (Odds Ratio 1,97). Damit ist die vorliegende Studie die erste europäische, die empirische Anhaltspunkte für die Existenz von Verstärkungseffekten konzentrierter Armut auf Jugenddelinquenz gefunden hat.

Die Rolle der räumlichen Ausrichtung der Freundeskreise könnte eine erhebliche Bedeutung für die theoretische Interpretation sozialräumlicher Kontexteffekte auf jugendliches Verhalten haben. Es scheint ein starkes Argument für Erklärungsansätze in der Tradition der differenziellen Assoziation zu sein, die die Bedeutung der Gleichaltrigen betonen und gegen eine allzu große Reichweite der Desorganisationstheorie zu sprechen. Weit entfernt davon, passive ,Reaktionsdeppen‘ (von Trotha) zu sein, entscheiden Jugendliche mit der Ausrichtung ihrer Freundesnetzwerke selbst über die Rolle, die der sozialräumliche Kontext ihres Stadtviertels in ihren Alltagsroutinen und ihrem Verhalten spielt. Die empirischen Beobachtungen lassen jedenfalls Raum für die Annahme, dass in der Auseinandersetzung der Jugendlichen mit ihrem Wohnquartier ein Element der Wahl und damit der Selbstselektion enthalten ist. In den sozialen Brennpunkten führt dies offenbar dazu, dass viele Jugendliche mit höherem Bildungsstatus ihr Stadtviertel kritischer beurteilen und ihre Aktionsräume in andere Viertel verlagern, während die übrigen Jugendlichen die sozialräumlichen Verhältnisse vor ihrer Haustür akzeptieren und sich weitgehend lokal orientieren. Die pauschale Annahme einer für alle Jugendlichen in sozial benachteiligten Stadtvierteln wirksamen Einschränkung der räumlichen Orientierungen ist jedenfalls nicht berechtigt. Dies bedeutet in der Konsequenz, dass die soziale Segregation der Wohnsitze durch eine von den Jugendlichen selbst gesteuerte soziale Segregation ihrer sozialen Netzwerke und Aktionsräume ergänzt und noch übertroffen wird. Methodisch gesehen ist der Einfluss des Kontextes dann jedoch - nicht anders als für delinquente Peers bekannt - eine schwer zu entwirrende Mischung aus Selbstselektion und Verstärkungseffekten.

Zu diesem Bild gehört entscheidend die Schule als weiterer prägender sozialer Kontext hinzu. Bisherige Mehrebenenanalysen mit sogenannten ‚cross-classified models‘, in denen Stadtviertel und Schule als unabhängige Kontexte berücksichtigt werden, deuten auf eine eigenständige Rolle sowohl von Schulen als auch von Wohnquartieren hin. Diese komplexen Mehrebenenanalysen werden zur Zeit weiter fortgeführt.

Im Rahmen des Projekts wurden im Berichtszeitraum weitere Veröffentlichungen und Konferenzbeiträge sowie zwei Dissertationen (s.u. Downloads und Links) und eine Habilitationsschrift fertiggestellt.

Die Durchführung wurde in den Jahren 2000 bis 2003 mit Mitteln der DFG gefördert.


 

Downloads und Links:

  • Geändert am: 26.08.2008
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