Jugenddelinquenz im interethnischen VergleichDie Untersuchung beschäftigt sich mit der sozialen Lage von Jugendlichen ausländischer Herkunft und den sozialen Ursachen delinquenten Verhaltens Jugendlicher unterschiedlicher ethnischer Gruppen im Vergleich. Ziel ist es einerseits, die Verallgemeinerung theoretischer Ansätze zur Erklärung abweichenden Verhaltens über ethnische Gruppen hinweg zu prüfen, und daran anschließend andererseits spezifische Faktoren für einzelne ethnische Gruppen zu identifizieren, die mit delinquentem Verhalten der Jugendlichen in Beziehung stehen, indem die einzelnen theoretischen Ansätze hinsichtlich ihrer relativen Bedeutung für die Erklärung der Delinquenz für die ethnischen Gruppen bewertet werden. Darauf aufbauend sollen spezifische Zusammenhangsmuster zwischen Lebensbedingungen und Delinquenz innerhalb ethnischer Gruppen identifiziert werden. Die ethnischen Gruppen beinhalten deutsche, osteuropäische, türkische und Jugendliche aus Jugoslawien, Albanien und Kosovo. Die Arbeit ist Teil des Forschungsprojektes Gewalt- und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext unter der Leitung von Dr. D. Oberwittler. Die empirischen Auswertungen basieren auf den Schulbefragungen, die 1999 in Köln und Freiburg an allgemeinbildenden Schulen im Rahmen des Projektes durchgeführt wurden. |
| Projektkategorie: | Dissertation |
| Organisatorischer Status: | Forschungsgruppenprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 2001 Projektende: 2006 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
Leiter(in):
Die Forschung zum Zusammenhang zwischen Ethnie und Kriminalität konzentriert sich vorwiegend auf sozialstrukturelle Aspekte sowie als problematisch zu bewertende Integrationsprozesse ausländischer Personen, um die in offiziellen Statistiken ausgewiesene höhere Kriminalitätsbelastung vor allem ausländischer Jugendlicher zu erklären, obwohl über das genaue Ausmaß der Differenz in der Kriminalitätsbelastung zwischen autochthonen und ausländischen Personengruppen Unklarheit herrscht. Befunde zur Delinquenzbelastung Jugendlicher aus Befragungsstudien zeigen dagegen, dass zwar Unterschiede zwischen einzelnen ethnischen Gruppen vorhanden sind, diese aber nicht annähernd so dramatisch ausfallen wie in offiziellen Statistiken. Sofern Unterschiede erkennbar sind, beziehen sich diese auch hauptsächlich nur auf schwerere Formen der Delinquenz. Zudem ist auch in offiziellen Statistiken verschiedener Länder im Vergleich abzulesen, dass einzelne ethnische Gruppen nicht in allen Ländern die gleiche Delinquenzbelastung aufweisen, d.h. der Rückschluss von sozialstrukturellen Benachteiligungen auf höhere Kriminalitätsraten ausländischer Personen erscheint zu einfach.
Empirische Arbeiten zu dem Zusammenhang zwischen Ethnie und Kriminalität bestehen häufig allgemein darin, die Eigenschaft der Ethnie bzw. Rasse neben weiteren Variablen mit Kriminalität in Beziehung zu setzen, und zu prüfen, ob sich unter Kontrolle der anderen Eigenschaften die Differenz zwischen den ethnischen Gruppen aufhebt. Diesem Vorgehen liegt häufig die Annahme zugrunde, dass eine höhere Kriminalitätsbelastung von Ausländern auf den benachteiligten sozioökonomischen Status dieser Bevölkerungsgruppen zurückzuführen ist, so dass sich unter Kontrolle entsprechender Variablen die Differenz aufhebt. Ethnische Gruppen unterscheiden sich aber nicht nur in sozialstrukturellen Merkmalen, sondern auch in weiteren Lebensbereichen wie Einstellungen, Zukunftsorientierungen, sozialen Netzwerken und kulturellen Mustern. Die Komplexität der Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen wird durch das nominale Merkmal der Ethnie bzw. der Rasse nicht ausreichend abgebildet. Um den vielfältigen Unterschieden ethnischer Gruppen und den sich möglicherweise daraus ergebenden Konsequenzen für die Ursachenzusammenhänge abweichenden Verhaltens Rechnung zu tragen, sind Gruppenvergleiche zwischen verschiedenen Ethnien erforderlich. Diese bieten die Möglichkeit, die Verallgemeinerung theoretischer Erklärungen über ethnische Gruppen hinweg zu prüfen, und auch spezielle Erklärungsmodelle für ethnische Minderheiten zu entwickeln.
Vor diesem Hintergrund sind bei der Erklärung von Delinquenz ausländischer Jugendlicher den Wechselwirkungen zwischen der Situation im Herkunftsland, dem Migrationsprozess sowie den Lebensumständen im Gastland Rechnung zu tragen. Die Prüfung der Erklärungsgüte von Theorien abweichenden Verhaltens innerhalb ethnischer Gruppen stellt einen Ansatz dar, das Zusammenspiel verschiedener Ursachenfaktoren zu berücksichtigen und auf diese Weise auch Grundlagen für präventive Maßnahmen zu entwickeln. Neben der individuellen Prüfung von Annahmen aus der sozialen Kontrolltheorie, der Anomie- bzw. Strain-Theorie und der Theorie Differentieller Assoziationen wird auch ein integriertes Modell zur Erklärung abweichenden Verhaltens zwischen ethnischen Gruppen entwickelt. Darüber hinaus werden auch Einflüsse des sozialräumlichen Kontextes auf das Verhalten geprüft, um Thesen über einen Zusammenhang zwischen räumlicher Segregation ethnischer Gruppen und Delinquenz zu testen.
Um die Angaben zur Delinquenzbelastung einheimischer und immigrierter Jugendlicher gegenüber den eigenen Daten zu validieren, konnten vier Jugendbefragungen der letzten Jahre sekundäranalytisch ausgewertet werden. Die Ergebnisse zu dem Vergleich wurden bei einer Fachzeitschrift zur Veröffentlichung eingereicht (siehe auch Arbeitsbericht Nr. 5 unter Downloads).
Die ersten beiden Kapitel der Dissertation zu anomie- und kontrolltheoretischen Ansätzen wurden unter besonderer Berücksichtigung des Vergleiches einheimischer und immigrierter Jugendlicher bearbeitet. In Übereinstimmung mit bisherigen Befunden stehen sozialstrukturelle Merkmale nur schwach mit der selbst berichteten Delinquenz in Beziehung und sind zudem nicht in der Lage, Unterschiede in der Delinquenzbelastung zwischen einheimischen und immigrierten Jugendlichen zu erklären.
Das Ausmaß an sozialen Bindungen hingegen steht in starkem Zusammenhang mit der Delinquenz bei allen Jugendlichen. Allerdings erweist sich die Bedeutung der familiären Einbindung bei immigrierten Jugendlichen als schwächer. Dies ist vor der Beobachtung plausibel, dass die Orientierungen zugewanderter Jugendlicher außerhalb der Familie ausgeprägter sind.
Zwei weitere Kapitel, die die Analyse lerntheoretischer und sozialökologischer Einflüsse auf delinquentes Verhalten bei einheimischen und immigrierten Jugendlichen im Vergleich behandeln, wurden erarbeitet. Die Dissertation wurde zum Ende des Berichtszeitraums fertiggestellt.
Finanzierung:
Gefördert mit Mitteln der DFG.
Publikationen (Auswahl):
- Naplava, Thomas: Jugenddelinquenz im interethnischen Vergleich. Erklärungsmöglichkeiten delinquenten Verhaltens einheimischer und immigrierter Jugendlicher. Bielefeld, Bielefelder Server für Online-Publikationen BieSOn, 191 S., 2005. Zusätzl.: Dissertation an der Universität Bielefeld.
- Eisner, M.: Jugendkriminalität und immigrierte Minderheiten im Kanton Zürich. In: Bauhofer, S. / Bolle, P.-H. / Dittmann, V. / Niggli, M.A. (Hrsg.): Jugend und Strafrecht. Chur, Rüegger, 1998, S. 103 - 137.
- Geissler, R.: Das gefährliche Gerücht von der hohen Ausländerkriminalität. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 1995, Heft⁄Band 35, S. 30 - 39.
- Junger, M. / Marshall, I. H.: The Interethnic Generalizability of Social Control Theory: An Empirical Test. In: Journal of Research in Crime and Delinquency, 1997, Heft⁄Band 1/34, S. 79 - 112.
- Junger, M. / Polder, W.: Some Explanations of Crime Among Four Ethnic Groups in the Netherlands. In: Journal of Quantitative Criminology, 1992, Heft⁄Band 1/8, S. 51 - 78.
Downloads und Links:
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Arbeitsbericht (Nr. 5):
Naplava, T.: Delinquenz bei einheimischen und immigrierten Jugendlichen im Vergleich. Freiburg i. Br. 07/2002.