Jugendliche Sexualstraftäter in den sozialtherapeutischen Abteilungen des Freistaates Sachsen

Im Zuge der allgemeinen Diskussion zu Sexualstraftätern sind auch jugendliche Sexualstraftäter in den Blickpunkt des rechtspolitischen und wissenschaftlichen Interesses gerückt. Dabei geht es um die Frage, ob eine frühzeitige Intervention Risikopotentiale verringern kann.
Die Untersuchung bezieht sich auf die Sozialtherapie der Jugendstrafvollzugsanstalt Zeithain in Sachsen, in der junge Sexualstraftäter untergebracht sind. Die Ausgestaltung der Sozialtherapie wird dahingehend überprüft, ob jugendspefizifische Sozialtherapie zu einer Reduzierung des Risikos in Sexualkriminalität führt. Dabei sollen - aus jugendspezifischen Perspektiven - Kriterien einer Legalprognose entwickelt werden, die dann an Hand des registrierten Rückfalls einer Untersuchung unterzogen werden.

Projektkategorie: Forschungsprojekt
Organisatorischer Status: Institutsprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2003
Projektende: 2013
Projektstatus: laufend
Projektsprache(n): Deutsch

Leiter(in):

Mitarbeiter(innen):

Im Zuge der rechtspolitischen Diskussion über den Umgang mit Sexualstraftätern und den Schutz der Allgemeinheit vor gefährlichen Straftätern sind in den vergangenen Jahren auch junge Sexualstraftäter in den Blickpunkt des kriminologischen und forensischen Interesses gerückt. Gegenüber den erwachsenen Sexualstraftätern wird bei den Jugendlichen insbesondere angenommen, dass aufgrund der noch vorhandenen Entwicklungsfähigkeit durch gezielte Interventionen einer Verfestigung des abweichenden Verhaltens entgegengewirkt und somit eine einschlägige kriminelle Karriere verhindert werden kann. Die bisherigen Forschungsergebnisse zum einschlägigen Rückfall bei jugendlichen Sexualstraftätern sind äußerst heterogen, sie reichen – je nach berücksichtigtem Zeitraum und erfassten Tätergruppen – von etwa 4 % bis hin zu 79 %. Dennoch besteht weitgehend Konsens in der Forschung, dass chronische Sexualstraftaten bei Jugendlichen eher die Ausnahme als die Regel sind. Aufgrund des Mangels an kontrollierten Langzeitstudien sind verlässliche Aussagen aber kaum zu treffen.

Auch hinsichtlich der Therapie jugendlicher Sexualstraftäter ist eine Fokussierung auf das spezifische Delikt und dessen Entstehung wohl zu kurz gegriffen. Vielmehr müssen die zahlreichen, sich noch in der Entwicklung befindlichen Bereiche eines jungen Menschen berücksichtigt werden. Dies betrifft die Sexualentwicklung ebenso wie die Entwicklung der persönlichen Identität oder die Entwicklung sozialer Rollen und Beziehungen. Breit angelegte und kontrollierte Wirksamkeitsstudien sind jedoch kaum vorhanden. Dies gilt v.a. für Studien, die über das Kriterium der (einschlägigen) Legalbewährung hinaus für den möglichen Rückfall relevante psychologische und soziale Parameter einbeziehen.

Ziel der Untersuchung:

Mit dieser Studie soll die Frage beantwortet werden, wie die Sozialtherapie ausgestaltet werden soll, um solche Bedingungen zu schaffen, die das Rückfallrisiko bei jungen Sexualstraftätern reduzieren und so auch einer Verfestigung in chronische Devianz vorbeugen. Dabei sollen auch legalprognostische Kriterien entwickelt und diese anhand des registrierten Rückfalls überprüft werden.

Das Projekt ist Bestandteil eines Gesamtprojekts zur Evaluation der Sozialtherapie bei Sexualstraftätern in Sachsen (vgl. hierzu auch das Projekt Sexualstraftäter in sozialtherapeutischen Anstalten des Freistaates Sachsen).

Das Untersuchungsdesign:

Die Untersuchung richtet sich in erster Linie auf Insassen der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen (vormals: Zeithain) in Sachsen, die hier als Jugendliche oder Heranwachsende nach Jugendstrafrecht wegen Sexualstraftaten untergebracht sind. Da es aufgrund ethischer und auch rechtlicher Gegebenheiten nicht möglich ist, eine unbehandelte Kontrollgruppe zu bilden, sollen zum Vergleich jugendliche Gewaltstraftäter aus dem Regelvollzug wie auch aus der Sozialtherapie herangezogen werden. Die Gruppe der unbehandelten jugendlichen Sexualstraftäter ist zu klein, um als aussagekräftige Kontrollgruppe berücksichtigt zu werden. Um die Spezifität der Behandlungserfordernisse jugendlicher (Sexual)straftäter im Vergleich mit erwachsenen untersuchen zu können, folgt das Studiendesign der Hauptuntersuchung (vgl. hierzu auch das Projekt Sexualstraftäter in sozialtherapeutischen Anstalten des Freistaates Sachsen).

Ein besonderer Schwerpunkt gilt der Messung der Veränderung kognitiv-behavioraler Variablen sowie sozialer Faktoren nach der Haftentlassung. Aus diesem Grund werden zu Beginn und zum Ende der Behandlung Ausgangswerte erhoben. Die Erfassung der entsprechenden Parameter geschieht mittels standardisierter Befragungen sowie durch den Einsatz standardisierter psychologischer Inventare und selbst entwickelter Skalen. Dabei orientiert sich die Vorgehensweise an der Erwachsenenstudie, um eine maximale Vergleichbarkeit herzustellen. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls zu berücksichtigen, dass es sich bei den Insassen in Zeithain meist um ältere Jugendliche oder auch junge Erwachsene handelt, so dass der Übergang zwischen den Gruppen fließend ist. Nachbefragungen nach der Entlassung sowie das Einholen von BRZ-Auskünften sind – parallel zum Erwachsenenprojekt - vorgesehen.

Bislang befragten wir 108 Probanden zum Zeitpunkt t1 (Haftbeginn), davon 62 auch kurz vor deren Entlassung zum Zeitpunkt t2. Von rund 22 Jugendlichen liegt die Befragung ein Jahr nach deren Entlassung vor.


Das Gesamtprojekt wird mit Mitteln des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz gefördert.


Weitere Projekte in diesem Forschungsschwerpunkt:

Das Projektteam

Lebensverläufe von Sexualstraftätern nach Entlassung

Im Zentrum dieses Teilprojektes steht die Identifizierung der Einflussquellen für einen Rückfall bzw. die Legalbewährung nach Entlassung. In erster Linie sollen dynamische Faktoren analysiert werdenn, denn diese sind im Gegensatz zu den statischen Risikofaktoren einer Veränderung zugänglich und bieten demnach einen Ansatzpunkt für sinnvolle (sozial)therapeutische Maßnahmen im Vorfeld der Entlassung. Weiterhin wird mit dieser Teilstudie die Erfassung von im Dunkelfeld verbliebenen Straftaten intendiert. [Mehr]

Die Auswirkung der Inhaftierung Jugendlicher auf die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben

Basierend auf einem Konzept des amerikanischen Entwicklungspsychologen Robert Havighurst (1948) gibt es im Lebensverlauf bestimmte Lebensphasen, in denen spezifische, altersentsprechende Aufgaben bewältigt werden müssen. Das Misslingen oder Gelingen dieser Aufgaben trägt wiederum dazu bei, ob nachfolgend auftretende Aufgaben erfolgreich bewältigt werden können. Solche Aufgaben sieht der Autor als Bindeglied zwischen den individuellen Bedürfnissen in bestimmten Lebensabschnitten und den gesellschaftlichen Anforderungen. Diese Veränderungen bezeichnet Havighurst als Entwicklungsaufgaben.

Die Jugendphase ist geprägt durch signifikante Veränderungen auf körperlicher sowie psychosozialer Ebene. Mit dem Eintritt in diese Phase sieht sich der Jugendliche mit neuen Anforderungen und Aufgaben konfrontiert; er entwickelt weitere Fähigkeiten und Möglichkeiten. Ausgangsfrage ist, ob sich bei inhaftierten Jugendlichen und Heranwachsenden im Vergleich zu nichtinhaftierten Gleichaltrigen Defizite bei der Bewältigung dieser Aufgaben feststellen lassen. Die Ergebnisse werden auch im Rahmen des neueren Konzeptes der Resilienzforschung beleuchtet.

Die Wiedereingliederung junger Haftentlassener im Übergang zwischen Abhängigkeit und Autonomie

Ziel des Teilprojektes ist es anhand der Auswertung von Interviews zur sozialen Situation nach Haftentlassung mögliche Einflüsse auf eine erfolgreiche Wiedereingliederung entlassener Straftäter in Abhängigkeit von altersspezifischen Faktoren zu identifizieren. Aufgrund des Mangels an Forschung zur Wiedereingliederung von jugendlichen und erwachsenen Haftentlassenen, soll ein Teilbeitrag zur Weiterentwicklung des Wissens um Desistance-begünstigende Faktoren geleistet werden. [Mehr]


Publikationen (Auswahl):

  • Wößner, Gunda / Wienhausen-Knezevic, Elke / Rauschenbach, Jana: Sozialtherapie im Jugendstrafvollzug – und dann? In: Jehle, Jörg-Martin u.a. (Hrsg.): Täter – Taten – Opfer. Grundlagenfragen und aktuelle Probleme der Kriminalität und ihrer Kontrolle. Neue Kriminologische Schriftenreihe, Bd. 114 (im Erscheinen / forthcoming). Mönchengladbach, Forum Verlag Godesberg, 2012.
  • Wößner, Gunda / Vogt, Horst: Die Bedeutung von Störungen durch psychotrope Substanzen bei jugendlichen Strafgefangenen. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 2010, Heft⁄Band 93/5, S. 382 - 391.
  • Wößner, Gunda / Maier, Ilina / Sibold, Manuela: Die sozialtherapeutische Behandlung jugendlicher Sexualstraftäter: Ziele, Praxis, Divergenzen & Kongruenzen. In: Peer Briken, Aranke Spehr, Georg Romer, Wolfgang Berner (Hrsg.): Sexuell grenzverletzende Kinder und Jugendliche. Lengerich, Pabst Science Publishers, 2010, S. 273 - 290.
 

Downloads und Links:

  • Geändert am: 04.05.2012
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