Kriminalitätsvorstellungen in der BevölkerungEine qualitative Analyse von Alltagsvorstellungen und -theorien über KriminalitätAls Ergänzung zu den in der kriminologischen Forschung und Praxis seit längerem bekannten v. a. kriminalstatistischen Lagebildern objektiver Kriminalitätsphänomene wurde im Rahmen dieses Projekts ein erstes Lagebild der subjektiven Kriminalitätswirklichkeit in Deutschland erstellt. Unter Einsatz von qualitativen Erhebungs- und Auswertungsmethoden wurden dabei das Alltagswissen und die Alltagsvorstellungen von Normalbürgern über Kriminalität erhoben (u. a. im Hinblick auf Begriffsdefinitionen, Kriminalitätsfurcht und Strafziele). Zu diesem Zweck wurden Interviews mit Befragten aus dem Großraum Freiburg über Kriminalität im weiteren Sinne geführt. Die inhaltsanalytische Auswertung der Gesprächstranskripte führt im Ergebnis zu (a) ausführlichen Einzelfalldarstellungen, (b) thematischen Überblicken und (c) einer ersten verallgemeinerten Theorie subjektiver Kriminalitätskonzepte. Darüber hinaus wurde speziell für den Bereich „Strafen“ eine qualitative Typologie der Befragten erarbeitet. |
| Projektkategorie: | Dissertation |
| Organisatorischer Status: | Einzelprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 2000 Projektende: 2004 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
| Projektsprache(n): | Deutsch |
Leiter(in):
1. Projektziel
Was wissen und denken „Normalbürger“ über Kriminalität? Das Ziel dieses Projekts war es, dieser Frage umfassend und differenziert nachzugehen. Um mögliche Zusammenhänge erfassen zu können, konnten die Befragten uneingeengt über alle Aspekte von „Kriminalität“ sprechen, ohne sich – wie oft üblich – auf isolierte Einzelaspekte beschränken zu müssen. Im Ergebnis führt dieses Vorgehen zu einer ersten Zustandsbeschreibung der Vorstellungswelt(en) in Bezug auf Kriminalität. Darüber hinaus könnten die Befunde auch helfen, die Erklärungskraft bestehender Befragungsinstrumente zu optimieren.
2. Forschungshintergrund
Die bisherige Forschung hat eine Vielzahl an Arbeiten zu verschiedenen subjektiven Aspekten von Kriminalität hervorgebracht (z. B. zur Kriminalitätsfurcht, zur Deliktsschwere, zu Strafeinstellungen), meist unter Einsatz der Fragebogenmethode. Die verwendeten Operationalisierungen berücksichtigen allerdings nur einen kleinen Ausschnitt des gesamten subjektiven Erlebens von Kriminalität und berühren häufig nur die Oberfläche des Gegenstands. In Ergänzung dazu wurden die relevanten Einzelaspekte in diesem Projekt erstmals mit Hilfe einer erlebensnahen qualitativen Methodik in ihrem Zusammenhang und in der Tiefe erfasst.
Den Ausgangspunkt bildete eine ausführliche Aufarbeitung der relevanten Forschungsliteratur in Psychologie, Soziologie und Kriminologie zu den Themen „Alltagsvorstellungen und subjektive Theorien“, „Massenmedien und Kriminalität“, „Kriminalitätsfurcht“, „Strafeinstellungen“ sowie „Deliktsschwere“. In einem weiteren Schritt wurde versucht, die zuvor einzeln bzw. getrennt berichteten Befunde (soweit möglich) auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Aus der Literatursichtung wurden die Forschungsfragen für die empirische Erhebung abgeleitet, die schließlich im Interviewleitfaden umgesetzt wurden.
3. Anlage und Methodik der Untersuchung
Der Leitfaden wurde in mehreren Probeinterviews getestet und optimiert und umfasste schließlich insgesamt acht Themenbereiche („Eigene Erfahrungen“, „Definition von ‚Kriminalität‘“, „Deliktsschwere“, „Kriminalitätsfurcht“, „Vorstellungen über Strafe“, „Medien und Kriminalität“, „Moral, Normen, Werte“ und „Sonstiges“). Als Erhebungsmethode kam das „episodische Interview“ (Flick, 1996, 2002) zum Einsatz, das als Erweiterung zum narrativen Interview (Schütze, 1983) bzw. in Abgrenzung zum problemzentrierten Interview (Witzel, 1985) entwickelt wurde. Für die vorliegende Fragestellung ist das Verfahren sehr gut geeignet, da sowohl die erfahrungsnah-narrativen eigenen Erfahrungen als auch die eher abstrakt-semantischen Wissensanteile abgerufen werden können. Dabei werden alle inhaltlichen Bereiche, soweit möglich, immer zuerst anhand eigener Erfahrungen und Erlebnisse der jeweiligen Befragten („Episoden“) besprochen und erst in einem zweiten Schritt allgemeiner diskutiert und definiert. In einem zweistufigen Auswahlprozess wurde eine nach Geschlecht, Alter und „sozioökonomischer Status“ quotierte Stichprobe der Bevölkerung (N = 18) befragt, um ein möglichst breites Meinungsspektrum zu gewährleisten. Die Gespräche wurden aufgezeichnet und wörtlich transkribiert. Im Anschluss wurden die Transkripte in einem mehrstufigen spiralförmigen Kodierungsprozess verdichtet und interpretiert („thematisches Kodieren“; vgl. Strauss, 1991 und v. a. Flick, 2002). Zunächst wurden für alle Befragten ausführliche Einzelfallanalysen erstellt, auf deren Basis dann personübergreifende thematische Strukturen herausgearbeitet wurden. In einem dritten Schritt wurde eine erste themen- und personenübergreifende „Alltagstheorie der Kriminalität“ erarbeitet. Durch die inhaltsanalytische Auswertung und Verdichtung der Gespräche konnten (1) einige wesentlichen Faktoren subjektiver Kriminalitätstheorien ermittelt werden, um dadurch (2) verschiedene kriminologische Konzepte (s. o.) zu konkretisieren bzw. mit Leben zu füllen. Dies ermöglicht wiederum, (3) Annahmen über die Zusammenhänge zwischen diesen Konzepten zu formulieren, die ggf. in nachfolgenden, auf diesen Ergebnissen aufbauenden (Fragebogen-)Untersuchungen überprüfbar sind. Als Ergänzung zu der Auswertungslogik des „thematischen Kodierens“ (d. h. von der Beschreibung der subjektiven Theorien für die Einzelfälle zu einer allgemeinen Theorie) wurde ebenfalls anhand der Interviewdaten eine qualitative Typologie der Befragten für den sehr ergiebigen inhaltlichen Bereich „Einstellungen zu Verbrechen und Strafe“ erstellt.
4. Zusammenfassung der Ergebnisse
Weil der dieser Untersuchung zugrunde liegende ideographische (individualisierende) Ansatz die Person als die natürliche Analyseeinheit betrachtet, stehen ausführliche Einzelfalldarstellungen am Anfang des Ergebnisteils. Dieser Teil versucht, die Erfahrungen, Annahmen und Alltagsvorstellungen der jeweiligen Befragten zu einem möglichst schlüssigen Gesamtbild zusammenzufassen („subjektive Theorie“). Im Anschluss folgen zusammenfassende Darstellungen der Befunde über die einzelnen Befragten hinweg (nomothetischer bzw. generalisierender Ansatz), u. a. zu den folgenden Themen: (a) Definitionen und Bedeutungen von Kriminalität (z. B. Was ist „Kriminalität“ für die Befragten? Warum werden Menschen kriminell – und wie lässt sich eine solche Entwicklung ggf. verhindern?); (b) Einschätzung der Deliktsschwere (z. B. Lassen sich verschiedene Delikte hinsichtlich ihrer Schwere vergleichen – und, falls ja, welches sind die Faktoren einer solchen Einschätzung?); (c) Kriminalitätsfurcht (Was wird darunter verstanden – eher konkrete Furcht oder abstrakte Ängste? Bei welchen Personen und in welchen Situationen kommt es zu solchen Gefühlen? Ist die so genannte „Standardfrage“ eine geeignete Operationalisierung?). Die (d) „Vorstellungen und Einstellungen zu Verbrechen und Strafe“ erwiesen sich als Kernthema der Interviews (und damit auch der Auswertungen). Inhaltlich ging es dabei vor allem um die persönlichen Vorstellungen der Befragten über Strafzwecke und -ziele (Warum wird überhaupt bestraft?) sowie um die Begründungen von Strafe (u. a. anhand des Extrembeispiels der Todesstrafe). Am Schluss des allgemeinen Ergebnisteils steht ein erster Versuch, die zuvor vorgestellten Befunde zu den verschiedenen Themenbereichen – wiederum personübergreifend – aufeinander zu beziehen und in einer ersten umfassenderen „Alltagstheorie von Kriminalität“ zu integrieren. In einem ergänzenden Auswertungsschritt dienten die besonders ergiebigen Ergebnisse zum Themenbereich „Strafe“ als Grundlage für die Erstellung einer qualitativen Typologie (vgl. Kelle & Kluge, 1999). Diesbezüglich ließen sich die Aussagen der Befragten zum größten Teil zu wenigen besonders relevanten Oberkategorien zuordnen (Strafzweckorientierung, Gewichtung verschiedener Grundrechte, Einschätzung der Wirksamkeit von Strafe, Strafbedürfnis und Strafhärte, Einfluss eigener Kriminalitätserfahrungen). Auf der Basis dieser Kategorien wurde schließlich ein dreidimensionaler Merkmalsraum der „Strafmentalitäten“ erstellt mit den Achsen: (1) Adressat der Strafe (Individuum vs. Gesellschaft); (2) Strafhärte (Milde vs. Härte); (3) Flexibilität des Strafbedürfnisses (Rigidität vs. Flexibilität). Im letzten Schritt konnten die Einzelfälle innerhalb dieses dreidimensionalen Raums lokalisiert und zu vier gut voneinander abgrenzbaren Gruppen von Strafmentalitäten („Typen“) zusammengefasst werden: (a) „Verzeiher“ (niedriges und flexibles Strafverlangen, individuelle Strafziele); (b) „Humanisten“ (mittelhohes und -flexibles Strafverlangen, gesellschaftsorientiert); (c) „Gerechtigkeitsfanatiker“ (hohes, rigides Strafverlangen, gesellschaftsorientiert); (d) „Rächer“ (sehr hohes und rigides Strafverlangen, individuelle Strafziele).
Publikationen (Auswahl):
- Kania, Harald: Kriminalitätsvorstellungen in der Bevölkerung. Eine qualitative Analyse von Alltagsvorstellungen und -theorien über Kriminalität. Freiburg i. Br., Freiburger Dokumentenserver FreiDok, 239 S., 2004. Zusätzl.: Dissertation an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br.
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Im Text erwähnte Forschungsliteratur
- Flick, Uwe: Psychologie des technisierten Alltags: soziale Konstruktion und Repräsentation technischen Wandels in verschiedenen kulturellen Kontexten. Opladen, Westdeutscher Verlag, 1996.
- Flick, Uwe: Qualitative Sozialforschung - eine Einführung. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 6. Aufl., 2002.
- Kelle, Udo / Kluge, Susann: Vom Einzelfall zum Typus. Fallvergleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung. Opladen, Leske + Budrich, 1999.
- Schütze, Fritz: Biographieforschung und narratives Interview. In: Neue Praxis, 1983, Heft⁄Band 3, S. 283 - 293.
- Strauss, Anselm L.: Grundlagen qualitativer Sozialforschung - Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung. München, Fink, 1991.
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Witzel, Andreas: Das problemzentrierte Interview. In: Gerd Jüttemann (Hrsg.): . In: Qualitative Forschung in der Psychologie. Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder. Weinheim, Beltz, 1985, S. 227 - 256.
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Projektbezogene Veröffentlichungen
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Serassis, Telemach / Kania, Harald / Albrecht, Hans-Jörg (Hrsg.): Images of Crime III. Representations of Crime and the Criminal.
Kriminologische Forschungsberichte, Berlin 2009, 217 S. -
Albrecht, Hans-Jörg / Serassis, Telemach / Kania, Harald (Hrsg.): Images of Crime II. Representations of Crime and the Criminal in Politics, Society, the Media and the Arts.
Kriminologische Forschungsberichte, Freiburg i. Br. 2004, 354 S. - Herz, Annette / Kania, Harald: Everyday Perceptions of Crime. In: European Journal of Cime, Criminal Law and Criminal Justice, 2002, Heft⁄Band 10, S. 276 - 285.
- Kania, Harald: La rappresentazione televisiva del crimine e la costruzione delle realtà soggettive. In: Gabrio Forti / Marta Bertolino (Hrsg.): La televisione del crimine. Milano, Vita e Pensiero, 2005, S. 359 - 381.
- Kania, Harald: Kriminalitätsberichte im Fernsehen und die Konstruktion subjektiver Kriminalitätswirklichkeit. In: Landeskommission Berlin gegen Gewalt (Hrsg.): Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 12, Themenschwerpunkt: Kriminalitätsopfer. Berlin, 2003, S. 60 - 71.
- Kania, Harald / Höfer, Sven: „Crime Time“ zur Prime Time. Ein Kommentar zu vier Sendungen über Kriminalität in der ZDF-Reihe „Abenteuer Wissen“ (In: Journascience [JSO]: Informationsportal zum Thema Kriminalität).
URL:
http://www.journascience.org/de/mediensammlung/content/crime_time.pdf
, letzter Zugriff: 15.3.2006.
- Kania, Harald / Brand, Thomas / Zimmermann, Sina / Walter, Michael: Die Einschätzung von Gewaltdelikten im europäischen Vergleich. Eine Fragebogenuntersuchung an Studierenden in zehn Ländern. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 2003, Heft⁄Band 86, S. 247 - 264.
- Kury, Helmut / Kania, Harald / Obergfell-Fuchs, Joachim: Worüber sprechen wir, wenn wir über „Punitivität“ sprechen? Versuch einer konzeptionellen und empirischen Begriffsbestimmung. In: Kriminologisches Journal, 2004, Heft⁄Band 8. Beiheft, S. 51 - 88.
- Walter, Michael / Kania, Harald / Albrecht, Hans-Jörg (Hrsg.): Alltagsvorstellungen von Kriminalität. Individuelle und gesellschaftliche Bedeutung von Kriminalitätsbildern für die Lebensgestaltung. Münster, Lit, 563 S., 2004.