Victims of WarWar-Victimization and Victims' Attitudes Towards Addressing AtrocitiesDas Ziel des Projektes „Victims of War” besteht darin, explorative empirische Daten zum Themenkomplex der Makroviktimisierung in Kriegen zu liefern. Die viktimologische Perspektive des Projektes ist in dieser Form einmalig und innovativ, da sie darauf ausgelegt ist, mit einem bottom-up Zugang systematisches, interdisziplinäres und grenzübergreifendes Wissen über Viktimisierungsvorgänge in Kriegssituationen und vor allem über die Bedürfnisse und Wünsche der Opfer in Bezug auf die Bearbeitung ihrer Viktimisierungserfahrung zu generieren. Die Studie bezieht dabei auch Fragen der Transitional Justice Forschung mit ein, die sich sui generis mit verschiedenen Aspekten formeller wie informeller Konfliktbearbeitungsmechanismen in durch Kriege zerstörten Gesellschaften befasst. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden in 12 verschiedenen Regionen Europas, Asiens und Afrikas insgesamt 1114 Kriegsopfer befragt. |
| Projektkategorie: | Forschungsprojekt |
| Organisatorischer Status: | Referatsprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 01/2003 Projektende: 08/2006 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
| Projektsprache(n): | deutsch und englisch |
| Systematische Gliederungspunkte: | Viktimologie, Krieg, internationale Opferbefragung, internationales Strafrecht, Transitional Justice |
Leiter(in):
Mitarbeiter(innen):
- Corene Rathgeber
- Dr. Holger-C. Rohne
1. Historie des Projektes
Das ursprüngliche Forschungsprojekt “Viktimisierung und Viktimisierungsverarbeitung in den Bürgerkriegsregionen des ehemaligen Jugoslawien” wurde darauf ausgelegt, die Situation in den Bürgerkriegsregionen des ehemaligen Jugoslawien in mikro- und makroviktimologischer Perspektive zu untersuchen. Auf diese Weise sollten Fragestellungen der – konventionell individualistisch orientierten – Viktimisierungsforschung hinsichtlich solcher Aspekte weiterentwickelt werden, die sich aus dem Kontext von Krieg und Bürgerkrieg ergeben. Zur Vorbereitung dieser Forschungsbemühungen wurde vom 2. bis 4. November 2001 ein internationaler Workshop zu dem Thema “War - Victimization - Security: The Case of the Former Yugoslavia” (Programm s.u. Downloads und Links) durchgeführt. Der Workshop wurde gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und finanziell unterstützt vom Stabilitätspakt organisiert. Mit Beiträgen aus Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien-Montenegro und Mazedonien sowie Deutschland und der Schweiz wurde das Ziel verfolgt, konzeptionelle und methodologische Voraussetzungen einer komplexen Studie zur Opferwerdung in ehemaligen Kriegsgebieten und anderen von struktureller Gewalt (wie z.B. ethnische Auseinandersetzungen, Terror, Vertreibungen) betroffenen Gebieten zu diskutieren. Die auf dem Workshop vorgestellten Beiträge sind im European Journal of Crime, Criminal Law and Criminal Justice (2/2002) erschienen.
Auf der Grundlage der Ergebnisse des Workshops wurde ein Forschungsdesign für die vorliegende Studie “Victims of War” erarbeitet. Angesichts der evidenten Forschungslücken im Bezug auf makroviktimologischer Phänomene wurde sehr schnell deutlich, dass zunächst eine explorative Studie nötig sein würde. Darüber hinaus wurde die territoriale Perspektive erweitert, um eine international vergleichende Untersuchung vornehmen zu können. Dabei wurde der Fokus auf Fragestellungen der Transitional Justice gerichtet.
2. Gegenstand
Mit unterschiedlichen Instrumenten und Mitteln versucht die internationale Gemeinschaft mit den Kriegen “neuen” Typs – die zumeist auch als weitgehend enthemmte, interne Konflikte ohne Beachtung der Regeln des Kriegsrechtes beschrieben werden – umzugehen und den damit einhergehenden Massenviktimisierung von Zivilpersonen entgegenzutreten. Dabei spielt seit einigen Jahren der Versuch, Individuen für die im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten begangenen Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen, eine immer wichtigere Rolle. Ausdruck dieser “end impunity” Strategie sind zum einen die ad-hoc Tribunale, die im Rahmen der Vereinten Nationen für das ehemalige Jugoslawien und Ruanda eingerichtet wurden. Eine neue, dauerhafte Dimension dieses Zugangs findet sich in der Etablierung des Internationalen Strafgerichtshofes basierend auf dem Rom Statut von 1998. Wie jedoch stehen die Opfer zu diesen Strategien? Sind mit ihnen adäquate Mechanismen entwickelt worden, um tatsächlich einen Beitrag zu Gerechtigkeit, Versöhnung und ein friedvolles Zusammenleben nach dem Krieg zu sorgen oder verfehlen die Bemühungen die vorherrschenden Einstellungen und Forderungen der Kriegsopfer? Die empirische Studie “Victims of War” widmet sich der Untersuchung dieser Fragen. Dabei kommen quantitativ-empirische Methoden zur Anwendung, die – im Hinblick auf die Methodenwahl eher ungewöhlich – zur Generierung einer systematischen und international komparativen Grundlage für die weitere Erforschung dieses speziellen Feldes der Viktimologie-Kriminologie sorgen sollen.
3. Methode
Unter Verwendung voll-standardisierter Fragebögen, die Fragen zu zwei wichtigen Teilaspekten von Viktimisierung und Viktimisierungsbearbeitung beinhalten, wurden in insgesamt 12 Regionen (Bosnien Herzegowina/Föderation und Republika Srpska, Kroatien, Serbien, Montenegro, Kosovo, Mazedonien, Israel, Westbank/Gazastreifen, DR Kongo, Sudan, Afghanistan, Philippinien, Kambodscha) 1114 Personen befragt, die nach der vorliegenden Konzeption als Kriegsopfer identifiziert wurden. Die Zusammenarbeit mit Opferhilfsorganisationen ermöglichte eine zeitnahe und forschungsethisch relativ unproblematische Erhebung der Daten. Das Erhebungsinstrument erfasst dabei einerseits die Viktimisierungserfahrung und -wahrnehmung der Probanden und anderseits die Einstellungen der Befragten zu verschiedenen Elementen aus dem Bereich der Transitional Justice (nationale und internationale Gerichtsverfahren sowie Wahrheitskommissionen; Fragen bzgl. Bestrafung sowie materieller und immaterieller Reparationsformen).
Neben der rein deskriptiv-komparativen Evaluierung der Daten (Grundauszählung, Verteilungen), wurden in einem weiteren Schritt unter Anwendung der Konfigurationsfrequenz- und Faktoranalyse Makrozusammenhänge beleuchtet, die sich im Kontext konflikt-, kultur-, alters- und genderspezifischer Stratifizierungen des Gesamtsamples erschließen. Letzteres ermöglicht einen ersten Einblick in die systematischen Differenzen zwischen unterschiedlichen Opfertypen und erlaubt Rückschlüsse auf die Universalisierbarkeit spezifischer Zugänge zur Konfliktbearbeitung. Dieser analytische Schritt zielt insbesondere auf die empirische Verifikation oder Falsifikation des eingeschlagenen Weges globaler Konfliktbearbeitung durch Strafgerichte, sei es durch nationale, internationale oder gemischte Gerichtsbarkeiten.
4. Finanzierung
Die Finanzierung der Feldforschung dieses Initialprojektes wurde durch die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur realisiert.
5. Stand der Arbeit und Veröffentlichungen
Die Untersuchungsergebnisse liegen vollständig zum Download oder als book on demand vor (Kiza/Rathgeber/Rohne: Victims of War. An Empirical Study on War-Victimization and Victims' Attitudes towards Addressing Atrocities. edition online, Hamburger Institut für Sozialforschung. Hamburg 2006). Zusätzlich ist eine Zusammenfassung der Ergebnisse auf dieser Seite zum Download erhältlich. Im Kontext der Forschungsarbeiten entstanden über den Abschlussreport hinaus, zahlreiche Beiträge der Projektmitarbeiter, die allen Interessierten weitere Dimensionen der Forschungsarbeit im Bereich der bislang weitestgehend unerforschten Thematik der Massenviktimisierung in Konfliktszenarien eröffnen sollen. Zudem sollen die vorliegenden Beiträge zur kritischen Reflexion anregen und dazu beitragen, dieses Forschungsfeld weiter auszubauen. In diesem Kontext verweisen wir auf die bereits erschienen Rezensionen und umfassenden Rückgriffe auf unsere Arbeit in Entwicklung und Zusammenarbeit (1/2007), bei Mark Drumbl (2007) in Atrocity, Punishment, and International Law und bei Kai Ambos (2007) in The legal framework of Transitional Justice.
Im Rahmen der Forschungsarbeiten fand zudem ein Besuch des ICTY und ICC statt. Hieraus sind die im Download-Bereich verfügbaren Kurzberichte hervorgegangen.
Publikationen (Auswahl):
- Kiza, Ernesto / Rathgeber, Corene / Rohne, Holger-C.: Victims of War - War-Victimization and Victims’ Attitudes Towards Addressing Atrocities (Final Report). Hamburg, edition online, Hamburger Institut für Sozialforschung, 2006.
- Kiza, Ernesto / Rathgeber, Corene / Rohne, Holger-C.: War and Conflict Resolution - A Victimological Perspective. In: Albrecht, H.-J. / Simon, J.-M. / Rezaei, H. / Rohne, H.-C. / Kiza, E. (Hrsg.): Conflicts and Conflict Resolution in Middle Eastern Societies. Between Tradition and Modernity. Berlin, Duncker & Humblot, 2006.
- Kiza, Ernesto: Victims’ Attitudes Towards Punishing War-Crimes. In: Ewald, U. / Turkovic, K. (Hrsg.): Large-Scale Victimization due to Protracted Conflicts as a Potential Source of Terrorist Activities and Regaining Security in Post-Conflict Societies. Amsterdam, NATO Security through Science Series, IOS Press, 2006.
- Kiza, Ernesto: Post-War Societies and Punitivity - The Inquiry into an Under-Explored Field of Research. In: International Journal of Comparative Criminology, 2005 (forthcoming).
- Rathgeber, Corene: Victimization of Women through Human Trafficking - an Aftermath of War? In: European Journal of Crime, Criminal Law and Criminal Justice, 2002, Heft⁄Band 10 (2/3), S. 152 - 163.
- Rohne, Holger-C.: Approaches to Responding to Violent Conflicts – Victimological Reflections in the Context of the Al-Aqsa-Intifada. In: Albrecht, H.-J. / Simon, J.-M. / Rezaei, H. / Rohne, H.-C. / Kiza, E. (Hrsg.): Conflicts and Conflict Resolution in Middle Eastern Societies. Between Tradition and Modernity. Berlin, Duncker & Humblot, 2006.
- Rohne, Holger-C.: Cultural Aspects of Conflict Resolution – Comparing Sulha and Western Mediation. In: Albrecht, H.-J. / Simon, J.-M. / Rezaei, H. / Rohne, H.-C. / Kiza, E. (Hrsg.): Conflicts and Conflict Resolution in Middle Eastern Societies. Between Tradition and Modernity. Berlin, Duncker & Humblot, 2006.
- Rohne, Holger-C.: Conceptualizing Punitiveness from a Victims’ Perspective – Findings in the Context of the Al-Aqsa Intifada. In: International Journal of Comparative Criminology, 2005 (forthcoming).
- von Oppeln-Bronikowski, Constanze: Viktimisierung in Konfliktgebieten - Der Fall des ehemaligen Jugoslawien. Internationaler Workshop "War - Victimization - Security: The Case of the Former Yugoslavia" vom 2. bis 4. November 2001 in Berlin. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 2002, Heft⁄Band 85 (6), S. 445 - 447.
Downloads und Links:
- Ernesto Kiza / Corene Rathgeber / Holger-C. Rohne: Victims of War. An Empirical Study on War-Victimization and Victims' Attitudes towards Addressing Atrocities. edition online (Hamburger Institut für Sozialforschung). Hamburg 2006.
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Victims of War - Final Report Summary
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Rohne, Holger-C.: The Victims and Witnesses Section at the ICTY. An Interview with Wendy Lobwein.
(working paper) -
Rohne, Holger-C: International Jurisdiction and Reconciliation – Experiences from the ICTR. A discussion with Mathias Marcussen.
(working paper) -
von Oppeln-Bronikowski, Constanze: Michelle JARVIS – The Gender Perspective at the ICTY
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Internationaler Workshop "War - Victimization - Security: The Case of the Former Yugoslavia" (11/2001)