Migrationserfahrungen und Kriminalisierung von jugendlichen Spätaussiedlern im nationalstaatlichen KontextMit dem starken Anstieg der Zuwanderungszahlen aus Osteuropa seit Ende der 1980er Jahre rückt die Zuwanderung osteuropäischer Spätaussiedler immer mehr in das Blickfeld der politischen, wissenschaftlichen und medialen Debatte. Bis in die 80er hinein kamen sie überwiegend aus Polen, aber auch aus der ehemaligen Sowjetunion, Ungarn und Rumänien. Die Zahlen dieser Zuwanderungsbewegung blieben lange Zeit auf niedrigem Niveau: von 1960 bis Mitte der 70er kamen durchschnittlich 20.000 Spätaussiedler pro Jahr nach Deutschland; ab 1976 bis 1987 ca. 40.000 pro Jahr. Erst mit den Reformen in den osteuropäischen Ländern, im Zuge derer die Restriktionen bei der Ausreise entfielen, stiegen die Zahlen drastisch an: allein 1989 kamen fast 400.000 Spätaussiedler aus den osteuropäischen Ländern. |
| Projektkategorie: | Dissertation |
| Organisatorischer Status: | Einzelprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 2002 Projektende: 2006 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
Leiter(in):
Seit Ende der 80er Jahre wurde der Gruppe der deutschstämmigen Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion und deren Integrationsproblemen besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Die Annahme einer leichten oder "geräuschlosen" Integration der Spätaussiedler in die deutsche Gesellschaft, die lange Zeit vorausgesetzt worden war, geriet immer mehr in Zweifel. Neu war auch die seit Anfang der 90er Jahre entstandene Diskussion über die zunehmende Kriminalisierung von jugendlichen Spätaussiedlern, die als Folge der mangelhaften Integration in der aussiedlerbezogenen Debatte gesehen wurde.
Ziel der Studie:
Diese Arbeit verfolgt zwei Ziele: Das erste Ziel ist, dem Ursprung von Migrationsproblemen nachzuspüren. Die Bedenken hinsichtlich der in der Aussiedlerforschung etablierten Perspektive bezüglich der Entstehung von Migrationsproblemen und Kriminalität von Aussiedlerjugendlichen und die Aufdeckung von bestimmten Risiken, die hinter der etablierten Logik der Aussiedlerforschung steckt, führte mich zum Rückgriff auf eine alternative soziologische Sichtweise. Aus dem Blickwinkel dieser theoretischen Perspektive gewinnt der Nationalstaat, in dem sich die sozialen Mechanismen mit ihren symbolischen und institutionalisierten Praktiken der sozialen Ausschließung verwirklichen, zentrale Bedeutung. Die Verlagerung des Schwerpunkts auf den Nationalstaat führte zur Analyse der nationalstaatlichen Konstruktion von Migrationen als spezifisches Phänomen und der nationalstaatlich bedingten Entstehung sozialer Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden. In dieser Arbeit wird der Konstruktionsprozess am Beispiel von drei Mechanismen oder Ebenen verdeutlicht:
- gesetzliche Regelungen, die das Aufnahmeverfahren einer Zuwanderungsgruppe bestimmen,
- gesetzliche Regelungen, die den Rahmen für die Inklusion von Migranten in Systeme sozialer und wohlfahrtsstaatlicher Leistungen bilden,
- symbolische Darstellung von Migranten in der medialen Debatte.
Das zweite Ziel ist festzustellen, ob zwischen dem nationalstaatlichen Konstruktionsprozess und der Kriminalisierung der jugendlichen Spätaussiedler ein Zusammenhang besteht, das heißt, ob die Entstehung von abweichenden Verhaltensformen von ihrer durch den Spätaussiedlerstatus bedingten sozialen Stellung abzuleiten ist. Dieser Zusammenhang wird mit Hilfe von Interviews mit Spätaussiedlerjugendlichen erforscht.
Zur Struktur der Doktorarbeit:
Die Doktorarbeit wird aus fünf Teilen bestehen. Im ersten Teil werden migrationssoziologische Ansätze von H. Esser und H-J. Hoffmann-Nowotny dargestellt und ihr Einfluss auf die Aussiedlerintegrations- und mit ihr eng zusammenhängende Aussiedlerkriminalitätsforschung kritisch diskutiert. Im Anschluss erfolgt der Vorschlag einer alternativen soziologischen Perspektive auf die Erforschung der Aussiedlermigrations- und Kriminalitätsproblematik.
Im zweiten Teil dieser Arbeit wird die Beziehung zwischen dem Nationalstaat und grenzüberschreitenden Migrationen unter die Lupe genommen und die gesetzmäßige Notwendigkeit eines Nationalstaates, Migrationen abzuwehren und auszugrenzen, aufgedeckt. Gesetzmäßig ist diese Notwendigkeit vor allem darum, weil der Staat sich durch Migrationsbewegungen in der Grundlage seiner weiteren Existenz und in der Loyalitätserwartung gegenüber nationalstaatlicher Machtausübung - der Vergemeinschaftungsform der Nation - bedroht fühlt. Darüber hinaus lässt sich Zuwanderungsabwehr nicht auf bloße Fremdenfeindlichkeit reduzieren, sondern wird als eine der primären Staatsaufgaben begriffen, die auf die Schaffung kontinuierlicher und geordneter sozialer Beziehungen innerhalb der nationalstaatlich begrenzten Territorien abzielen.
Der dritte und vierte Teil der Arbeit konzentriert sich auf die empirische Analyse der nationalstaatlichen Konstruktionsebenen, die der Kanalisierung von Aussiedlerkarrieren und Herausbildung einer durch eine bestimmte soziale Position gekennzeichneten gesellschaftlichen Gruppe zu Grunde liegen. Diese Analyse erfolgt entlang der Änderungen des Staatsbürgerschaftskonzepts in der Bundesrepublik, das die Aufteilung der Analyse in zwei Zeiträume bedingt. Während der dritte Teil sich mit dem Zeitraum bis Ende der 80er Jahre beschäftigt, steht die Zeit ab Ende der 80er bis zur Gegenwart im Fokus der Analyse des vierten Teils.
Der fünfte Teil der Arbeit ist der Analyse der Entstehung von abweichenden Verhaltensformen jugendlicher Spätaussiedler und der Darstellung von Ergebnissen, die im Laufe von problemzentrierten Interviews gewonnen werden sollen, gewidmet. Als Zielgruppe werden jugendliche und heranwachsende Spätaussiedler definiert, die in den 90er nach Deutschland ausgewandert waren. Insgesamt sind 20 Gespräche geplant. Die Hälfte dieser Gruppe soll aus Jugendlichen bestehen, die durch kriminelles Verhalten auffällig wurden; der andere Teil von Befragten soll Jugendliche umfassen, die nicht zu dieser Problemgruppe gehören. Der Hintergrundgedanke einer solchen Vergleichsanalyse ist, die Unterschiede zwischen den Biographienverläufen der beiden Stichgruppen zum Ausdruck zu bringen und somit die Ursachen des abweichenden Verhaltens von Spätaussiedlerjugendlichen zu verdeutlichen.
Diese qualitativ ausgelegte Forschung erhebt keinesfalls den Anspruch, die Ergebnisse, die sich im Laufe der Forschung ergeben sollen, auf die ganze Gruppe der jugendlichen Spätaussiedler oder Ausländer zu generalisieren. Das wäre bei dieser kleinen Stichprobe gar nicht möglich und entspricht somit nicht dem Anliegen der Doktorarbeit. Es wird aber erhofft, dass die gewonnenen Ergebnisse eine neue Perspektive auf die Entstehung der Migrantenkriminalität eröffnen und einen Hinweis für die weitere Erforschung dieses Phänomens geben.
Von 2002 bis 2003 sind die ersten vier Teile - die Entwicklung der für diese Arbeit grundlegenden theoretischen Perspektive, die Analyse der Gesetzgebung und die Medienanalyse - zum großen Teil abgeschlossen worden.
Im Winterhalbjahr 2003/2004 sind die Vorbereitung und Durchführung von Interviews geplant. Im Laufe dieser Untersuchungsphase muss über Sozialarbeiter und Sozialorganisationen Kontakt zu jugendlichen Aussiedlern aufgenommen, die Vorgehensweise für die Interviews ausgearbeitet und Interviews durchgeführt und ausgewertet werden.
Publikationen (Auswahl):
- Rabkov, I.: Aussiedler in der Bundesrepublik Deutschland. Migrationserfahrungen und Kriminalitätsrisiken von ethnischen Migranten im Kontext der bundesdeutschen Zuwanderungspolitik. Freiburg i. Br., Freiburger Dokumentenserver FreiDok, 363 S., 2006. Zusätzl.: Dissertation an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br.
- Rabkov, I.: Deutsch oder Fremd? Staatliche Konstruktion und soziale Realität des „Aussiedlerseins“. In: Ipsen-Peitzmeier, S. / Kaiser, M. (Hrsg.): Zuhause fremd. Russlanddeutsche zwischen Russland und Deutschland. Bielefeld, transcript Verlag, 2005.
- Mirimovitsch, I.: Ethnische Migration: Heimkehr oder Zuzug von Fremden? Integrationsproblematik der deutschen AussiedlerInnen im nationalstaatlichen Kontext. In: Forum Recht, 2003, Heft⁄Band 2, S. 54 - 57.
- Klepowski von Koppenfels, A.: Politically Minded The Case of `Aussiedler` as an Ideologically Defined Category. In: Hunger, U. u.a. (Hrsg.): Migration in erklärten und "unerklärten" Einwanderungsländern: Analyse und Vergleich. Münster, LIT, 2001, S. 89 - 120.
- Luff, J.: Kriminalität von Aussiedlern. Polizeiliche Registrierungen als Hinweis auf misslungene Integration? München, KFG, Bayerisches Landeskriminalamt, 2000.
- Joppke, C.: Einwanderung und Staatsbürgerschaft in den USA und Deutschland. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 1999, Heft⁄Band 51, S. 34 - 54.
- Bommes, M. / Halfmann, J.: Staatsbürgerschaft, Inklusionsvermittlung und Migration. Zum Souveränitätsverlust des Wohlfahrtsstaates. In: Bommes, M. / Halfmann, J. (Hrsg.): Migration in nationalen Wohlfahrtstaaten: theoretische und vergleichende Untersuchungen. Osnabrück, Univ.-Verl. Rasch, IMIS-Schriften 6, 1998, S. 81 - 97.
- Pfeiffer, C. / Brettfeld, K. / Delzer, I.: Hohe Kriminalitätsbelastung von Aussiedlern - Zur Kriminalität in Niedersachsen. In: Recht und Politik, 1996, Heft⁄Band 2, S. 87 - 90.
- Elias, N. / Scotson, J. L.: Etablierte und Außenseiter. Suhrkamp, 1993.
- Agnew, R.: Foundation for a General Strain Theory of Crime and Delinquency. In: Criminology, 1992, Heft⁄Band 1/30, S. 47 - 87.
- Otto, K. A.: Aussiedler und Aussiedler-Politik im Spannungsfeld von Menschenrechten und Kaltem Krieg. Historische, politisch-moralische und rechtliche Aspekte der Aussiedlerpolitik. In: Otto, K. A. (Hrsg.): Westwärts - Heimwärts? Aussiedlerpolitik zwischen "Deutschtümmelei" und "Verfassungsauftrag". Bielefeld, AJZ Verlag, 1990, S. 11 - 68.
- Witzel, A.: Verfahren der qualitativen Sozialforschung. Überblick und Alternativen. Frankfurt/M., New York, Campus Verlag, 1982.