Sanktions- und Wertvorstellungen Jugendlicher im internationalen Vergleich zwischen Baden-Württemberg und der Nordwestschweiz“La Suisse n´existe pas”. Diese Worte, die am Eingang zum schweizer Pavillon bei der Weltausstellung 1992 in Sevilla standen, könnten ebenso für die Kriminalitätsbelastung der Schweiz und ihrer Erforschung in den 70er und 80er Jahren gelten. |
| Projektkategorie: | Dissertation |
| Organisatorischer Status: | Einzelprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 1999 Projektende: 2002 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
Leiter(in):
Mitarbeiter(innen):
- Michael Würger
Ein Blick auf den Forschungsstand in Deutschland zeigt, daß die Anzahl jugendkriminologischer Untersuchungen mit Schwerpunkten in Ausmaß und Begründbarkeit von Jugendkriminalität sowie deren rechtliche Behandlung beträchtlich ist. In der Schweiz dagegen ist bislang keine vergleichbare Datenlage vorhanden. Zwar lassen die gegen Ende der 90er Jahre zunehmende Anzahl von SchülerInnenbefragungen zu Gewalt an Schulen ein wachsendes kriminologisches Interesse an der "Jugendforschung" erkennen, umfassende empirische Studien zur Jugendgewalt sind jedoch bis heute noch ausstehend. Auch die polizei- und strafurteilsstatistischen Datenquellen weisen insbesondere im Bereich der Jugendgewalt erhebliche Defizite und Schwächen auf und sind daher nur bedingt verwertbar.
Die Einschätzung über das tatsächliche Ausmaß der Jugendkriminalität in der Schweiz erweist sich aufgrund der dürftigen Datenlage somit als äußerst schwierig. Ausreichend aussagekräftige Untersuchungen, die Gründe für die zumindest von der Gesellschaft beobachtete bedenkliche Entwicklung der Jugendgewalt geben könnte, gibt es ebenfalls nicht.
Zwar wird die Schweiz immer noch als eines der Länder mit der niedrigsten Kriminalitätsrate Europas angesehen, doch lassen die in letzter Zeit zunehmenden Untersuchungen zur "Jugend und Gewalt"- Thematik sowie die Einführung der KRISTA (Kantonale Polizeistatistik des Kantons Zürich) ein nicht unbeachtliches Ausmaß an Delinquenz auch in der Schweiz erkennen (vgl. Kaiser, Kriminologie, 3. Aufl., S. 408). Inzwischen ist Gewaltkriminalität zu einem wichtigen Thema in den schweizerischen Medien, im Alltagsbewußtsein der Bevölkerung und im politischen Diskurs geworden.
Die Untersuchung knüpft an die von der kriminologischen Forschungsgruppe des Max-Planck-Instituts sowie der Pädagogischen Hochschule in Freiburg durchgeführte Studie über "Sanktionsprofile, abweichendes Verhalten, Gewalt- und Wertorientierungen Jugendlicher". Sie befragten 1998 in sieben baden-württembergischen Gemeinden insgesamt 3.641 SchülerInnen mit einem Fragebogen zu dieser Thematik.
Die Arbeit versucht mit Hilfe einer in der Schweiz durchgeführten Schülerbefragung sowie einer vergleichenden Gegenüberstellung der hierbei gewonnenen Ergebnisse mit denen der zuvor an baden-württembergischen Schulen erfolgten Erhebung, auf die Ursachen von Jugendkriminalität und deren Behandlungsmöglichkeiten eine Antwort zu finden. Damit möchte sie auch zur im Rahmen der in der Schweiz laufenden Jugendstrafrechtsreform geführten Diskussion über die "richtigen" Reaktionen auf abweichendes Verhalten Jugendlicher und der damit verknüpften Frage der Erforderlichkeit einer Strafverschärfung und ihrer Alternativen, einen Beitrag leisten.
Von einem Großteil der bisherigen Jugendforschung wurden insbesondere die sozialen Lebensbedingungen der Jugendlichen für deren Delinquenz verantwortlich gemacht. Ein Erklärungsmodell, daß sich nach den Ergebnissen der Dunkelfeldforschung, die delinquentes Verhalten in allen sozialen Schichten der Gesellschaft feststellen, so uneingeschränkt nicht mehr halten läßt. Neue Ansatzpunkte sind daher gefragt.
Die baden-württembergische "Ausgangsuntersuchung" sowie die hier beschriebene Vergleichsstudie sehen einen solchen Ansatzpunkt in der Erörterung möglicher Verbindungen zwischen der erfahrenen Sozialisation über die verschiedenen Sozialisationsinstanzen wie Familie und peers, der daraus resultierenden Normverinnerlichung sowie der Delinquenz und der Viktimisierung ("altersabhängige informelle soziale Kontrolltheorie", R.I. Sampson, I.H. Laub: Unraveling Families and Delinquency: A Reanalysis of the Glucks' Data. Criminology 26, 355-381 (1988)). Einflußfaktoren also, die in der bisherigen Delinquenzforschung eher randständig behandelt worden sind und Antworten nicht nur auf die Frage nach der Ursache abweichenden Verhaltens, sondern auch auf die drängende Frage nach Präventionsmöglichkeiten, erwarten lassen.
Im Mittelpunkt stehen dabei die Sanktionseinstellungen der im Rahmen dieser Studie untersuchten Jugendlichen. An Hand dieser Sanktionseinstellungen werden die befragten Schülerinnen und Schüler mit Hilfe der Methodik der clusteranalytischen Typenbildung in Gruppen eingeteilt. Ist diese Einteilung erfolgt, werden die Gruppen nach ihrem Täter- und Opferverhalten sowie ihrem sozialen Hintergrund beschrieben. Es wird erwartet, daß sich am Ende mehrere "Täter- und Nichttätertypen" herausbilden, die sich anhand ihrer Sanktionsvorstellungen und ihrer Lebenslage umfassend beschreiben lassen und damit ein gezieltes generalpräventives Vorgehen ermöglichen. Im Gegensatz zu den bisherigen Untersuchungen zum Thema "Jugend und Gewalt" werden die Jugendlichen nicht nach Täterschaften gruppiert, sondern nach ihren Sanktionsvorstellungen. Damit wird die Chance eröffnet, Gewaltorientierungen von SchülerInnen auch vor ihrer Manifestation in Verhalten zu erkennen, da sie die kognitive Seite des Geschehens wiedergeben. So können Gewaltorientierungen von Anfang an sichtbar gemacht werden, was der diagnostisch-prospektiven Sicht der Arbeitsweise von Prävention entspricht. Vor allem aber ist es möglich, die Gewaltorientierung aller Jugendlichen festzustellen. Dies war mit der bisherigen Vorgehensweise der Jugend und Gewaltforschung ausgeschlossen, da sie diese Positionierung lediglich über verübte Täterschaft abfragt, und somit die Nichttäter außen vor bleiben.
Insofern bilden die Ergebnisse und das zugrundeliegende Konzept eine Basis für zielgruppenadaptive Präventionsarbeit, da durch die Einteilung in "gewaltferne-, nahe- und gewalttätige" Jugendliche, die präventiven Maßnahmen gezielter als bisher auf die vorliegende Gewaltbereitschaft (-nähe) und deren Gründe eingegangen werden kann.
Im Mittelpunkt der Arbeit steht nicht nur die Beschreibung der Jugendlichen des an der Befragung teilnehmenden Kantons Basel-Landschaft und der Stadt Zürich, sondern auch ein Ländervergleich mit den ebenfalls in Baden-Württemberg zu dieser Thematik gewonnenen Ergebnissen.
Der Ländervergleich, der im Rahmen einer weiteren Arbeit noch um eine Frankreich-Studie erweitert werden wird, soll dabei nicht allein einer Überprüfung der "deutschen" Erkenntnisse dienen und damit Rückschlüsse auf deren Aussagekraft ermöglichen, sondern vor allem Unterschiede in den Lebenssituationen der Jugendlichen beider Länder, ihren Sanktionsvorstellungen und deren Bedeutung bzw. Einflußnahme auf ihr Täter- und Opferverhalten aufzeigen.
In der vorliegenden Arbeit sollen daher vor allem die folgenden Fragestellungen untersucht werden:
- Welche Sanktionseinstellungen haben Jugendliche in der Schweiz im Vergleich zu der Grundstudie aus Baden-Württemberg?
- Welche Rolle spielen die Variablen des Lebenshintergrundes der Jugendlichen in der Schweiz für ihre Sanktionseinstellungen?
Des Weiteren sind aufgrund der erheblichen Unterschiede im deutschen und schweizerischen Strafrecht weitere Erkenntnisse zur generalpräventiven Wirkung des Strafrechts bei Jugendlichen zu erwarten.
Im Mai/Juni 2000 wurden im Kanton Basel-Landschaft ca. 800 und im November 2000 in der Stadt Zürich ca. 700 Schülerinnen und Schüler aller Schultypen zwischen 13 und 16 Jahren befragt. Erhebungsvorgang- und instrument sind dabei bis auf wenige "schweizspezifische" Änderungen am Fragebogen mit dem Vorgehen in der Grundstudie identisch. Die Vergleichbarkeit beider Studien ist somit gewährleistet.
Die Dateneingabe wurde im Februar 2001 abgeschlossen, so daß zum Frühjahr 2001 mit der Auswertung und Interpretation der Ergebnisse hat begonnen werden können.
Publikationen (Auswahl):
-
Backmann, B.: Sanktionseinstellungen und Delinquenz Jugendlicher.
Eine vergleichende empirische Darstellung zur schweizerischen und deutschen Situation unter Berücksichtigung des jeweiligen Jugendstrafrechts. Kriminologische Forschungsberichte, Freiburg i. Br. 2003, 540 S. - Eisner, M. / Manzoni, P. / Ribeaud, D.: Gewalterfahrungen von Jugendlichen, Opfererfahrungen und selbst berichtete Gewalt bei Schülerinnen und Schülern im Kanton Zürich. Pädagogik bei Sauerländer Bd. 31., 2000.
- Alsaker, F. D. / Brunner, A.: Das Problem des Plagens in Schweizer Schulen. Forschungsbericht Uni Bern, 1998.
- Eisner, M. / Manzoni, P.: Gewalt in der Schweiz, Studien zu Entwicklung, Wahrnehmung und staatlicher Reaktion. Verlag Rüegger, 1998.
- Albrecht,, H.-J.: Jugend und Gewalt. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 1998, Heft⁄Band 81, S. 381 - 398.
- Killias, M. / Villetaz, P. / Rabasa, J.: Self- Reported Juvenile Delinquency in Switzerland. In: Junger-Tas, J. / Terlouw, J. / Klein, M. W. (Hrsg.): Delinquent Behaviour Among Young People in the Western World. Amsterdam, Kluwer Academic Publishers, 1994.
- Schumann, K. F. / Berlitz, C. / Guth, H.-W. / Kaulitzki, R.: Jugendkriminalität und die Grenzen der Generalprävention. Luchterhand, 1987.