Opfer von SexualstraftatenIn den vergangenen Jahren ist, nicht zuletzt auf der Grundlage besonders schwerer Fälle sexueller Straftaten gegen Kinder, eine intensive Diskussion zum Thema Sexualstraftaten geführt worden. Dabei stand jedoch in erster Linie der Umgang mit den Tätern im Vordergrund. So wurde auf der einen Seite durch die Verabschiedung neuer Gesetze, so z.B. dem "Gesetz zur Bekämpfung schwerer und Sexualstraftaten" von 1998 oder der baden-württembergischen Fassung des Straftäterunterbringungsgesetzes aus dem Jahr 2001, versucht, durch verstärkte Repression die Bürger vor Sexualstraftaten, insbesondere durch Rückfalltäter, zu schützen. Auf der anderen Seite wurde vermehrt die Forderung nach effektiven therapeutischen Intervention für die Täter gestellt, wenngleich hier in Deutschland bislang nur zögerliche Fortschritte erzielt wurden. Zwar wurde bereits durch das 1976 eingeführte Opferentschädigungsgesetz sowie das 1987 in Kraft getretene Opferschutzgesetz sowohl die finanzielle Unterstützung für Verbrechensopfer sowie deren Stellung im Strafverfahren verbessert und auch im Zusammenhang mit den genannten repressiven Maßnahmen gegenüber Tätern werden immer wieder Belange des Opferschutzes in den Mittelpunkt gerückt, eine evaluierte flächendeckende psychische Betreuung der Opfer ist jedoch in Deutschland bislang nicht verwirklicht. So bieten der Weisse Ring als bundesweite Opferhilfsorganisation mit zahlreichen Regionalbüros sowie viele lokale Beratungs- und Kriseninterventionsstellen oftmals intensive Hilfe für Opfer von Sexualdelikten an, inwieweit diese jedoch von den Betroffenen selbst als hilfreich erlebt werden, ist weitgehend unklar. |
| Projektkategorie: | Forschungsprojekt |
| Organisatorischer Status: | Forschungsgruppenprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 1999 Projektende: 2003 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
Leiter(in):
Ziel des Forschungsprojektes ist es, in erster Linie die Wirksamkeit von Opferhilfe bei Opfern schwerer Sexualstraftaten zu untersuchen. Dabei wird, ausgehend von verschiedenen situationsbezogenen Opfertypen, zunächst das Verhalten der Opfer und der Täter vor und nach der Tat betrachtet. Eine wichtige Frage hierbei ist, wie es zur Viktimisierungssituation kam und welche Reaktionen danach erfolgten. Darauf aufbauend wird untersucht, welche Rolle die verschiedenen Hilfsangebote (z.B. Beratungsstellen, Psychotherapie, Selbsthilfegruppen) für die Bewältigung der erlittenen Straftat spielen. Das heißt, gibt es Formen der Hilfe welche eine Bewältigung erleichtern und welche Strukturen sind hierbei relevant. Es wird angenommen, daß Opferhilfen, die eine umfassende, tiefergehende und die Lebensumstände berücksichtigende Intervention beinhalten (z.B. Psychotherapie) eher zur Bewältigung post-traumatischer Streßstörungen beitragen als nur beratende oder allgemein unterstützende Angebote (z.B. Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen). Weiterhin wird angenommen, daß Opfergruppen, die umfassende und tiefergehende Hilfe erhalten rascher und nachhaltiger sich von posttraumatischen Streßsymptomen erholen als die anderen Gruppen.
Darüber hinaus spielt die Reaktion des sozialen Umfeldes eine wichtige Rolle in der Bewältigung des Viktimisierungserlebnisses. Es wird davon ausgegangen, dass verständnisvolle und unterstützende Reaktionen durch relevante Angehörige des sozialen Nahraums (z.B. Partner, Freunde, Verwandte oder Arbeitskollegen) einen positiven Einfluss auf die Erholung von post-traumatischen Belastungsstörungen haben. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit sich differentielle Unterschiede, z.B. aufgrund der Beziehungsnähe zum Opfer, feststellen lassen.
Diese Informationen sollen durch die Befragung von weiblichen Opfern schwerer Sexualstraftaten (Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung, sexuelle Nötigung) erhoben werden, als Datenquelle dient hierbei in erster Linie die Opferdatenbank des Weissen Rings. Daneben sollen weitere Informationen über den Zugang zur lokalen Opferhilfseinrichtung Frauenhorizonte in Freiburg gewonnen werden.
Nach den Vorarbeiten und einer umfangreichen Pretestphase im Jahr 2001 wurden in der ersten Jahreshälfte 2002 die empirischen Erhebungen anhand der beiden Stichproben "Weisser Ring" und "Frauenhorizonte" durchgeführt. Während durch den Weissen Ring eine Bruttostichprobe von 800 Personen vorgegeben wurde, stellte Frauenhorizonte den gesamten Adressenbestand der vergangenen 10 Jahre zur Verfügung (n = 396). Es zeigte sich jedoch rasch, dass in beiden Stichproben eine Vielzahl der Adressen veraltet war und entsprechend zahlreiche Fragebögen nicht zustellbar waren. Dies führte in der Gruppe "Weisser Ring" zu Nachziehungen und erneuter Versendung der als unzustellbar zurückkommenden Fragebögen. Nach Abschluss der Datenerhebungsphase lagen in der Stichprobe "Weisser Ring" 250 und in der Stichprobe "Frauenhorizonte" nur 50 auswertbare Fragebögen vor, die Rücklaufquoten bezogen auf die bereinigte Bruttostichprobe (Weisser Ring 800; Frauenhorizonte 236) betragen somit 31% bzw. 21%. Da die Anlage der Untersuchung nicht auf Repräsentativität ausgerichtet war, sind die geringen Rücklaufquoten weniger problematisch, allenfalls die für Unterauswertungen rasch zu gering werdende Fallzahl ist kritisch.
In der zweiten Jahreshälfte 2002 konnten die umfangreichen Dateneingabearbeiten abgeschlossen und mit der Auswertung begonnen werden. Im Folgenden werden einige zentrale Forschungsergebnisse berichtet. Es ergab sich eine Reihe von Unterschieden zwischen den beiden Stichproben: Während z.B. in der bundesweiten Stichprobe des Weissen Rings eine breite Verteilung über alle Bildungsabschlüsse vorhanden war, waren die Frauen der auf die Region Freiburg konzentrierten Stichprobe Frauenhorizonte überwiegend hoch gebildet. Dies entspricht zwar der Bevölkerungszusammensetzung Freiburgs, zeigt aber, dass die beiden Stichproben nicht unbedingt miteinander vergleichbar sind. Dies konnte auch durch weitere Analysen bestätigt werden, was darauf hindeutet, dass die Kontaktaufnahme zu einer Beratungsstelle durchaus auch von demographischen Faktoren und Einstellungen zur bzw. Erwartungen an die beratende Stelle abhängt.
Was die Opfercharakteristika anbelangt, so überwogen in beiden Stichproben Vergewaltigungsdelikte, geben in der Gruppe Weisser Ring 59% der Frauen an, sie seine Opfer einer vollendeten Vergewaltigung geworden, 19% berichteten von einer versuchten Vergewaltigung und und 23% von einer sexuellen Nötigung. In der Gruppe Frauenhorizonte wurde aufgrund der kleinen Fallzahlen nur zwischen vollendeter Vergewaltigung (64%) und anderen Sexualdelikten (versuchte Vergewaltigung, sexuelle Nötigung) (36%) unterschieden. Während es somit hinsichtlich der Viktimisierungsschwere kaum Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gibt, lassen sich um so größere Differenzen in Bezug auf die Anzeigequote feststellen: Während in der Gruppe Weisser Ring immerhin 96% der Frauen die Tat bei der Polizei anzeigen, sind es in der Gruppe Frauenhorizonte nur 50%. Dieser Unterschied dürfte durch die oftmals enge Kooperation zwischen Weissem Ring und der Polizei bedingt sein. Andererseits sind diese Zahlen auch Beleg dafür, dass beide Stichproben keinen Gradmesser für Sexualdeliktsopfer im Allgemeinen darstellen, hier wird in aller Regel von einer Anzeigequote von nur etwa 10% ausgegangen.
Von den anzeigenden Opfern berichteten 48% aus der Gruppe Weisser Ring, dass bereits eine Gerichtsverhandlung gegen den Täter stattgefunden habe, in der Frauenhorizonte-Gruppe waren es 61%. Als Strafmaß überwog bei beiden Gruppen die unbedingte Freiheitsstrafe (Weisser Ring 58%; Frauenhorizonte 50%). Dennoch war, abhängig von der Härte des gefällten Urteils, jeweils die Mehrheit der Frauen der Ansicht, dass das Strafmaß zu milde ausgefallen sei. Obwohl beide Opfergruppen die Verhandlung insgesamt als fair erlebten und die Prozessbeteiligten positiv bewerteten, war doch eine erhebliche psychische Belastung durch die Verhandlung festzustellen. Auf einer Skala von 1 (keine Belastung) bis 10 (extreme Belastung) lag das Mittel in der Gruppe Weisser Ring bei 9,09 und in der Gruppe Frauenhorizonte bei 8,54. Damit wurde - zumindest in der Gruppe Weisser Ring - die Verhandlung als belastender eingestuft als die Befragungen bei der Polizei (Weisser Ring 8,02; Frauenhorizonte 8,68).
Hinsichtlich der durch den Weissen Ring erhaltenen Unterstützung konnte festgestellt werden, dass der relativ größte Anteil der Opfer (46%) eine umfassende Unterstützung bestehend aus finanziellen Zuwendungen, Beratungsangeboten, Hilfen bei Behörden und weiteren Empfehlungen (z.B. Therapeuten) erhielt, etwa ein Viertel der Frauen erhielt dieses Angebot allerdings ohne finanzielle Zuwendungen. Die restlichen Frauen erhielten ein geringeres Angebot, etwa 9% bekamen nur finanzielle Mittel. Da die Beratungsstelle Frauenhorizonte im Gegensatz zum Weissen Ring keine finanziellen Hilfen leisten kann, waren hier andere Schwerpunkte zu erwarten: Es zeigte sich jedoch, dass auch hier die Beratung der Opfer (82%) im Vordergrund stand, ebenso wurden häufig Empfehlungen von Anwälten oder Therapeuten gegeben. Anders jedoch als beim Weissen Ring gab ein Viertel der Opfer an, eine durch Frauenhorizonte selbst durchgeführte gruppentherapeutische Behandlung erhalten zu haben. Dies zeigt, dass die beiden, in ihrer Struktur sehr unterschiedlichen Opfereinrichtungen sich in erster Linie in spezifischen Anteilen unterscheiden - auf der Seite Weisser Ring das finanzielle Hilfsangebot, auf Seiten Frauenhorizonte die selbst durchgeführte Therapie -, die "Angebotspalette" jedoch in vergleichbarer Form abgefragt wird.
Aus der Stichprobe Weisser Ring gaben 56% der Frauen an, dass sie eine Psychotherapie in Anspruch genommen hätten, hierbei dominieren eindeutig die ambulanten Therapieformen (70%; 12% ambulant in Einrichtungen; 18% stationär). Während es hinsichtlich der Opferschwere und eines möglichen Stadt-Land-Gefälles keine bedeutenden Unterschiede gab, fiel auf, dass Opfer aus unteren sozioökonomischen Schichten deutlich seltener Psychotherapie erhielten, bei Frauen aus mittleren Bildungs- und höheren Einkommensschichten war sie dagegen vergleichsweise häufig. Dies bestätigt Befunde aus der allgemeinen Psychotherapieforschung, wonach sozial schlechter Gestellte - nicht selten aufgrund von Vorurteilen gegenüber psychotherapeutischen Behandlungen - oftmals nicht den Weg in eine angemessene Therapie finden. Als Therapieformen wurde von den Frauen in erster Linie die Gesprächspsychotherapie genannt, dabei ist es allerdings für Laien in aller Regel schwer zu beurteilen, ob es sich tatsächlich um die gleichnamige Therapieform handelt oder aber um die - fast allen Therapien gemeinsame - Form des Dialogs. Darüber hinaus wurden fast durchweg verschiedene Kombinationen der Intervention genannt, dies entspricht auch dem mittlerweile gängigen Trend einer eklektischen Mischung von Therapieschulen.
In der Gruppe Frauenhorizonte war die Zahl der Frauen, die über das eigene Angebot von Frauenhorizonte hinaus Psychotherapie in Anspruch nahmen mit 69% größer als in der Gruppe Weisser Ring, auch hier standen mit 68% ambulante Therapieformen im Mittelpunkt. Dabei war die Zahl der verschiedenen Therapieschulen noch größer, erneut dominierten jedoch eklektische Ansätze.
Der Besuch anderer Beratungsstellen war in beiden Gruppen eher selten, während 28% der Frauen aus der Weisser Ring Gruppe weitere Beratungsstellen aufsuchten, waren es in der Gruppe Frauenhorizonte 29%. Selbsthilfegruppen wurden ebenfalls eher selten aufgesucht, wenngleich der Anteil in der Gruppe Frauenhorizonte (16%) in etwa doppelt so groß war wie in der Gruppe Weisser Ring (7%).
Ein besonderes Schwergewicht der Auswertung wurde auf die Frage der Bewertung der unterschiedlichen Formen erhaltener Unterstützung gelegt. Hierzu wurde in das Instrument eine Fülle von Variablen aufgenommen. Als besonders aussagekräftig erwies sich dabei die anhand einer 10-stufigen Skala gegebene Bewertung wie hilfreich die erhaltene Unterstützung für die Bewältigung des Ereignisses gewesen sei (1 gar nicht hilfreich … 10 extrem hilfreich). Abbildung 1 zeigt die Ergebnisse für beide Gruppen im Überblick.
Abbildung 1: Bewertung der Hilfseinrichtungen im Hinblick auf die Bewältigung der Viktimisierung
Die Abbildung zeigt, dass Weisser Ring und Frauenhorizonte von den jeweiligen Gruppen relativ gleich bewertet werden, in beiden Fällen geben die Frauen an, von dieser Unterstützung am meisten profitiert zu haben. Während jedoch in der Gruppe Weisser Ring die Tätigkeit anderer Beratungsstellen hilfreicher bewertet wird als Psychotherapie und Selbsthilfegruppen, ist dies bei der Frauenhorizonte-Gruppe umgekehrt. Dies könnte darauf hindeuten, das Sexualdeliktsopfer die Kontakt zum Weissen Ring suchen stärker an Beratung und Unterstützung orientiert sind, wohingegen der Kontakt zu Frauenhorizonte eher von Frauen gesucht wird, die Psychotherapie oder auch das Klima von Selbsthilfegruppen bevorzugen. Hier könnten die oben genannten Bildungsunterschiede eine gewisse Rolle spielen. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass durch den spezifischen Kontakt derartige Präferenzen erst geschaffen werden.
Ein weiteres auffallendes Ergebnis kann man feststellen, wenn man innerhalb der Gruppe Weisser Ring der Frage nachgeht, welche erhaltenen Formen der Unterstützung mit einer besonders positiven Bewertung verbunden sind. Hier zeigt Abbildung 2, dass die erhaltenen Hilfen dann als besonders positiv bewertet werden, wenn sie möglichst umfassend sind. So zeigt ein Vergleich der ersten und letzten abgebildeten Kategorie, dass z.B. der Wegfall finanzieller Hilfe zu einer deutlichen Verschlechterung der Bewertung führt, was dafür spricht, dass auch Geldleistungen zur subjektiven Bewältigung des Viktimisierungsgeschehens beitragen können.
Abbildung 2: Art der erhaltenen Unterstützung durch den Weissen Ring und deren Bewertung im Hinblick auf die Bewältigung der Viktimisierung
Hinsichtlich eines möglichen Einflusses des sozialen Nahraums auf die Bewältigung der Opferwerdung konnte zunächst gezeigt werden, dass nur wenige Frauen ihre Viktimisierung verheimlichen konnten oder wollten (Weisser Ring 1%; Frauenhorizonte 4%). Am häufigsten gelangte das Ereignis Freunden und Bekannten zur Kenntnis (Weisser Ring 91%; Frauenhorizonte 84%), gefolgt von Verwandten (jeweils 83%) und dem Lebenspartner (61%; 68%). Deutlich seltener erfuhren Arbeitskollegen (55%; 36%) oder auch Nachbarn (23%; 11%) von der Viktimisierung.
Geht man der Frage nach, wie hilfreich die Unterstützung des sozialen Nahraums für die Bewältigung des erlebten Geschehens war, so findet man deutliche Unterschiede. Anhand einer vierstufigen Skala (1 "sehr hilfreich" … 4 "überhaupt nicht hilfreich") war diese Information für den Partner, Freunde und Bekannte, Arbeitskollegen sowie Verwandte erhoben worden. Wie Abbildung 3 zeigt, wird in der Gruppe Weisser Ring die Unterstützung des Partners als besonders hilfreich empfunden, gefolgt von Freunden und Bekannten. In der Gruppe Frauenhorizonte stehen dagegen Freunde und Bekannte im Vordergrund, der Partner rangiert hier erst auf dem zweiten Platz. Zudem fällt auf, dass in dieser Gruppe die Unterschiede zwischen Freunden und Bekannten sowie dem Partner auf der einen Seite und Arbeitskollegen und Verwandten auf der anderen Seite deutlich größer sind als in der Gruppe Weisser Ring. Hier ist nicht auszuschließen, dass es sich um ein Charakteristikum der Stichprobe handelt, bereits oben wurde ein differentieller Zugang zu den Hilfsangeboten diskutiert.
Abbildung 3: Bewertung des sozialen Nahraums im Hinblick auf die Bewältigung der Viktimisierung
Anhand multivariater Analysen wurde schließlich geprüft, welches Gewicht den verschiedenen Faktoren - Hilfseinrichtungen, soziales Umfeld, sozioökonomischer Status und Viktimisierungsschwere - für die Bewältigung der erlebten Sexualstraftat zukommt. Als Methode wurde dabei die Kategoriale Regressionsanalyse gewählt, welche den Vorteil bietet, dass auch nominal skalierte Prädiktoren aufgenommen sowie nicht-lineare Variablenzusammenhänge modelliert werden können. Als Kriteriumsvariablen dienten auf der einen Seite subjektive Angaben zur Verbesserung der aufgrund der Viktimisierung aufgetreten Symptomatik. Diese wurden faktorenanalytisch zu folgenden Symptombereichen zusammengefasst: "psychosomatische Störungen und Flashbacks", "Angst und Wut", "schwere psychosomatische Krankheitsbilder", "Autoaggressionen" und "Substanzmissbrauch". Auf der anderen Seite wurden die drei Skalen der Posttraumatische Belastungsstörungen erfassenden Impact of Event Scale (IES-R) von Maercker und Schützwohl (1998) "Intrusion", "Vermeidung" und "Übererregung" als Kriteriumsvariablen eingeführt. Da angesichts der kleinen Fallzahl die statistischen Modelle der Gruppe Frauenhorizonte nur wenig zufrieden stellend waren, sollen nur einige, statistisch signifikante Ergebnisse der Gruppe Weisser Ring dargestellt werden.
Im Hinblick auf "psychosomatische Störungen und Flashbacks" (R = .32) zeigt sich, dass eine positiv bewertete Unterstützung durch den Weissen Ring (beta = .11) sowie durch Psychotherapie (.16) mit einer Verbesserung der Symptomatik einherging. Dagegen ist die - ebenfalls positiv bewertete - Hilfe durch Arbeitskollegen (-.17) und Familienmitglieder (-.21) eher kontraproduktiv im Hinblick auf dieses Störungsbild. Bezüglich der Symptomatik "Angst und Wut" (R = .30) wirkt sich die Unterstützung durch Freunde und Bekannte (.14) sowie ein hoher sozioökonomischer Status (.13) positiv aus, negativ dagegen die Hilfe durch Arbeitskollegen (-.14). Was die Verbesserung "schwerer psychosomatischer Störungsbilder" (R = .40) anbelangt, erweisen sich Psychotherapie (.20), die Unterstützung durch Verwandte (.13) und ein hoher sozioökonomischer Status (.20) als wirksame Faktoren, es ergeben sich aber wenig hilfreiche Einflüsse durch die Unterstützung des Weissen Rings (-.17), Beratung im allgemeinen (-.13) und die Hilfe durch Freunde (-.11). Auch bezüglich "Autoaggressionen" (R = .34) zeigen sich differentielle Wirkfaktoren: Während die Unterstützung durch Kollegen (.13) einen positiven Einfluss auf die Verbesserung der Symptomatik hat, erweisen sich dagegen Psychotherapie (-.19), Beratung (-.13) und auch ein hoher sozioökonomischer Status (-.11) als ungünstige Faktoren. Was den "Substanzmissbrauch" (R = .26) betrifft, so ist die Zahl der signifikanten Einflussfaktoren gering, während Selbsthilfegruppen (.11) einen symptommindernden Einfluss zeigen, haben Beratungsstellen eher einen negativen Effekt (-.14).
Diese Ergebnisse zeigen, dass es weder hinsichtlich der angebotenen Hilfseinrichtungen noch im Hinblick auf die Unterstützung durch das soziale Netzwerk einen ausnahmslos wirksamen Faktor gibt. Vielmehr ist es, um ein Angebot optimal nutzen zu können, notwendig, eine genaue Analyse der vorliegenden Symptomatik vorzunehmen um dann - soweit möglich - die entsprechenden Interventionen darauf abzustimmen oder aber mit den möglichen negativen Konsequenzen, z.B. durch Bemühungen aus dem sozialen Umfeld, umzugehen.
Auch hinsichtlich der aktuelle vorhandenen Posttraumatischen Belastungsstörungen - erfasst anhand des IES-R - lassen sich differentielle Einflüsse feststellen: So verstärken die Interventionen durch den Weissen Ring (beta = .12) eher die "Intrusion" (z.B. immer wiederkehrende Gedanken an die Viktimisierung; R = .33), wogegen sie durch die Hilfe der Arbeitskollegen (-.13) oder auch durch einen hohen sozioökonomischen Status (-.17) gemildert wird. Schwerere Viktimisierungen, d.h. vollzogene Vergewaltigungen, haben ebenfalls einen symptomverstärkenden Einfluss (.15). Auf die "Vermeidung" (Vermeidung von Gedanken und Gefühlen; R = .41) haben eine Fülle von Variablen Einfluss, so ist zunächst eine verstärkende Wirkung der Viktimisierungsschwere zu sehen (.15), ebenso aber auch durch die Unterstützung durch den Weissen Ring (.15), andere Beratungsstellen (.14) sowie durch Selbsthilfegruppen (.15). Gemildert wird die Vermeidung durch eine positiv bewertete Psychotherapie (-.16), sowie Unterstützung durch die Familie (-.19). Was die Übererregung betrifft (R = .34) so zeigt sich hier nur, dafür jedoch deutlich, ein mildernder Einfluss durch einen hohen sozioökonomischen Status (-.26). Was den Gesamtscore der Impact-of-Event Skala betrifft, d.h. das Vorliegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung, so wird diese eher ungünstig beeinflusst durch die Unterstützung des Weissen Rings (.14) und die Schwere der Opferwerdung (.15). Positiv wirken sich dagegen Psychotherapie (-.12), die Unterstützung durch Kollegen (-.13) sowie ein hoher sozioökonomischer Status (-.20) aus. Damit sind die Ergebnisse hier eindeutiger als in Bezug auf die Symptomveränderungen. Es lassen sich klarer Wirkfaktoren herausarbeiten die einen positiven Einfluss auf Posttraumatische Belastungsstörungen haben bzw. solche, die trotz positiver Bewertung durch das Opfer, eher einen negativen Effekt zeigen. Insgesamt bestätigt sich hier die eingangs aufgestellte Hypothese, dass umfassende, tiefergehende und die Lebensumstände berücksichtigende Interventionen (Psychotherapie) zu einer geringeren Ausprägung post-traumatischer Belastungsstörungen beitragen als beratende Angebote (Weisser Ring).
Diese Ergebnisse sind nur ein kleiner Ausschnitt aus der Fülle der Gesamtresultate, deren Analyse in der zweiten Jahreshälfte 2003 abgeschlossen werden konnte und die mittlerweile in einem Gesamtmanuskript vorliegen, das 2004 in der Reihe des Weissen Rings erscheinen wird.
Finanzierung:
Das Projekt wurde mit Mitteln des Weissen Rings gefördert.
Publikationen (Auswahl):
- Obergfell-Fuchs, Joachim: Wirksamkeit und Nutzen von Opferhilfe bei Opfern schwerer Sexualstraftaten. Mainz, Weisser Ring, 2003.