Private Sicherheitsdienste in der RisikogesellschaftDie Untersuchung befaßt sich in kriminologisch-soziologischer Sichtweise mit den in Deutschland seit knapp 100 Jahren existierenden selbständigen privaten Sicherheitsdiensten, deren Anzahl und Tätigkeitsbereich kontinuierlich wächst. Mittlerweile gibt es über 100.000 Mitarbeiter selbständiger privater Sicherheitsdienste in einem Markt mit einem Umsatz von jährlich ca. 5 Mrd. DM allein in Deutschland. |
| Projektkategorie: | Dissertation |
| Organisatorischer Status: | Einzelprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 1998 Projektende: 1999 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
Leiter(in):
Die bisherigen Ansätze zur Erklärung der Nachfrage nach den privaten Sicherheitsdiensten und ihres anhaltenden Wachstums berücksichtigen nach der Auffassung des Autors die gesellschaftspolitischen Veränderungen seit der Mitte des letzten Jahrhunderts nur unzureichend. Mit Hilfe Ulrich Becks Risikogesellschaftstheorie untersucht der Verfasser die tatsächlichen, politischen und rechtlichen Hintergründe des Bewachungsgewerbes, die Ordnungs- und Sicherheitsvorstellungen seiner Auftraggeber und die entsprechenden sicherheitspolitischen Auswirkungen.
Erstes Ergebnis der Arbeit ist die Feststellung, daß das primäre Gut, dessen Sicherheit durch die privaten Sicherheitsdienste gewährleistet werden soll, das private Sacheigentum ist. In den unterschiedlichsten Einsatzbereichen des Bewachungsgewerbes sollen seine Substanz und Nutzungsmöglichkeiten geschützt werden. Die Untersuchung zeigt, warum die privaten Sicherheitsdienste hierbei den effektivsten Schutz verheißen.
Die zu den geänderten Sicherheitsanforderungen führende Bedeutungszunahme des Sacheigentums wird zunächst historisch und politisch in der Arbeit nachvollzogen. Anschließend wird der Frage nachgegangen, ob sich das private Sacheigentum zu einem Risiko im Sinne der Risikogesellschaftstheorie entwickelt hat und ob die Beauftragung der Wach- und Sicherheitsgesellschaften die Reaktion des liberalen Bürgertums hierauf darstellt.
Das Sacheigentum wird im Zuge dessen unter den soziologischen Aspekten von Risiko, Gefahr und Chance betrachtet. Insbesondere werden die gefährdenden Momente untersucht, die das private Sacheigentum aufgrund der Industrialisierung und Liberalisierung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vermittelt. Seit der Liberalisierung von Politik und Wirtschaft im 19. Jahrhundert, der Durchsetzung der marktwirtschaftlichen Grundsätze und dem allmählichen Rückzug des Staates aus der Wohlfahrtsverwaltung seit Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts ist das körperliche Eigentum als Produktions-, Investitions- und Sicherungsgut, als in einem entscheidungsabhängigen Sachverhalt angelegte positive Aussicht (Chance), zum existentiellen und motivierenden Zentralpunkt des wirtschaftlichen und auch des privaten Lebens geworden.
Ausführlich wird in diesem Zusammenhang auf die Veränderungen der sozialen Kontrollstrukturen in jüngerer Zeit eingegangen, die durch den maßgeblichen Stellenwert des Sacheigentums in der Wachstumsgesellschaft und die korrespondierenden Sicherheitsbedürfnisse hervorgerufen werden. Das Sacheigentum wird dabei im Fazit der Arbeit als mittelbares soziales Risiko im Sinne der Risikogesellschaftstheorie klassifiziert. Die privaten Sicherheitsdienste bekämpfen die durch das Eigentum für das Eigentum entstehenden Gefahren durch die Produktion und Inszenierung von Sicherheit, schaffen aber gleichzeitig dadurch Gefahren, die begriffsnotwendige Bestandteile von Risiken sind.
Die Verwendung des soziologischen Entwurfs der “Risikogesellschaft” soll die überdisziplinäre Verbindung der unterschiedlichen Blickwinkel erleichtern und eine Basis für die Entwicklung eines neuen theoretischen Ansatzes schaffen.
Publikationen (Auswahl):
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Gollan, L.: Private Sicherheitsdienste in der Risikogesellschaft.
Kriminologische Forschungsberichte, Freiburg i. Br. 1999, 280 S.