Sozialökologische Analyse der Kriminalität in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Jugendkriminalität(Kooperationsprojekt mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)Die historische Kriminalitätsforschung hat sich in den letzten Jahren als interdisziplinäres Forschungsgebiet zwischen Geschichte und Sozialwissenschaften etabliert. Die übergeordnete Fragestellung zielt dabei auf die Auswirkungen des sozialen Wandels auf Delinquenz und soziale Kontrolle. Der Gegenstand des Projektes ist eine multivariate Analyse (im Sinne einer ökologischen Regression) der Jugend- und Erwachsenenkriminalität (auf der Basis der allein verfügbaren Verurteiltenziffern) im Deutschen Reich zwischen 1883 und 1902 auf der räumlichen Ebene aller ca. 1000 Kreise und kreisfreien Städte. Ziel dieser Analyse ist es, einen Beitrag zur sozialstrukturellen Erklärung der Kriminalität in einer historisch zentralen Phase gesellschaftlicher Modernisierung zu leisten. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem überdurchschnittlichen Anstieg der registrierten Jugendkriminalität, dessen Bedeutung als ein grundlegendes Phänomen der Modernisierung im Rahmen der "age-crime-Debatte" kontrovers diskutiert wird. Im einzelnen wird gefragt, in welchem Maße Struktur und Entwicklung der registrierten Kriminalität durch Industrialisierung und Urbanisierung, Armut, Ethnizität, aber auch durch Veränderungen der Opportunitäts- und Kontrollstrukturen beeinflußt werden. Der differenzierten Analyse regionaler Entwicklungen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Das Projekt ist als eine kombinierte Quer- und Längsschnittanalyse angelegt, die durch die Verwendung von Daten aus drei Zeiträumen (1883-87, 1893-97, 1898-1902) ermöglicht wird. Mit den Ergebnissen soll auch ein Beitrag zur aktuellen kriminologischen Diskussion über die Zusammenhänge von gesellschaftlichem Wandel und Kriminalitätsentwicklung geleistet werden. |
| Projektkategorie: | Forschungsprojekt |
| Organisatorischer Status: | Forschungsgruppenprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 1997 Projektende: 1999 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
Leiter(in):
- Priv.-Doz. Dr. Dietrich Oberwittler [Email]
- Helmut Thome (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Soziologie)
Mitarbeiter(innen):
- Robert Herter-Eschweiler (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Soziologie)
Zum Herbst 1998 wurde der Aufbau des Datensatzes durch die Eingabe und Kontrolle von Daten der historischen Statistik auf der Ebene der ca. 1000 Land- und Stadtkreise des Deutschen Reiches für den Zeitraum von ca. 1882 bis 1902 abgeschlossen. Ein besonderes Problem dabei bestand in der Kontrolle zahlreicher Gebietsänderungen, die die Berechnung von zeitlichen Veränderungsraten erschweren. Das Forschungsprojekt wurde mit Ablauf der Förderung im März 1999 mit der Durchführung multivariater Berechnungen und der Fertigstellung eines Berichts vorläufig abgeschlossen. Im folgenden sollen einige wesentlichen Ergebnisse zusammengefaßt werden.
Ein erstes Ziel der Datenanalyse lag in der Bestimmung des Einflusses der Urbanisierung als einem Basisprozeß der gesellschaftlichen Modernisierung auf die Delikthäufigkeiten im Bereich der gefährlichen Körperverletzung (§ 223a RStGB) und der Diebstahlsdelikte (§§ 242-244 RStGB), getrennt für Jugendliche und Erwachsene. Dabei ging es auch um eine kritische Überprüfung der bisherigen Forschungsergebnisse zur Kriminalität im Deutschen Kaiserreich, die einen Zusammenhang zwischen Urbanitätsgrad und Deliktsraten überwiegend verneinen. Diese v.a. von dem amerikanischen Historiker Eric A. Johnson (Urbanization and Crime. Germany 1871-1914, Cambridge 1995) vertretene Position stützt sich primär auf bivariate Korrelationskoeffizienten, die jedoch zur Identifizierung nicht-linearer Zusammenhänge ungeeignet sind. Bei differenzierteren Analysen zeigt sich für das Deutsche Reich unter Konstanthalten regionaler Niveauunterschiede insgesamt ein schwacher kurvenförmiger Zusammenhang, bei dem die Körperverletzungsraten der Erwachsenen von den rein ländlichen Kreisen zu den teilweise urbanisierten Kreisen zunächst ansteigen, in den weitgehend oder voll urbanisierten Kreisen jedoch unterhalb des Ausgangsniveaus der ländlichen Kreise liegen. Dieses lokale Zusammenhangsmuster wird von starken regionalen Niveauunterschieden mit weit überdurchschnittlichen Raten v.a. in den preußischen Ostprovinzen und in Bayern - beides gering urbanisierte Regionen - überlagert. Für die Diebstahlsraten der Erwachsenen zeigen sich demgegenüber in allen Regionen klare positive Korrelationen mit dem Urbanitätsgrad mit einer Varianzaufklärung zwischen 6 % (Bayern) und 57 % (Rheinland/Westfalen/Hessen). Körperverletzungsdelikte scheinen demnach in Deutschland um die Jahrhundertwende tendenziell ein eher ländliches, Diebstahlsdelikte ein eher städtisches Phänomen gewesen zu sein.
Im nächsten Analyseschritt ging es um die Erklärung der festgestellten lokalen und regionalen Varianzen mit Hilfe zusätzlicher demographischer und ökonomischer Sozialindikatoren, deren Auswahl sich an den wenigen, auf kleinräumlichen Niveau der Stadt- und Landkreise verfügbaren historischen Statistiken zu orientieren hatte. Im Ergebnis zeigen sich deutliche positive Zusammenhänge der Körperverletzungsraten mit der Mortalitätsrate, die zunächst als Armutsindikator interpretiert wird, sowie dem Anteil polnischer und baltischer Minderheiten, der zusätzlich als Indikator für ethnisch-kulturelle Konflikte interpretiert wird. Negative Zusammenhänge bestehen mit einer Einkommenssteuervariable (als Indikator für ökonomischen Wohlstand) sowie einem multiplikativen Term aus Urbanitätsgrad mit dem Anteil der Beschäftigten im öffentlichen Dienst und der Freien Berufe (als Indikator für "bürgerliche" Städte). Den mit Abstand stärksten Zusammenhang in einem multivariaten Pfadmodell erhält jedoch die Geburtenrate mit einem Regressionsgewicht von ß = +0.53. Die Geburtenrate wird dabei primär als ein kultureller Indikator interpretiert, der für traditionelle, kollektivistische Orientierungen vs. moderne, individualistische Orientierungen steht. Deutschland befand sich um 1900 mitten im sog. "demographischen Übergang" von dem traditionellen Muster hoher Geburten- und Sterberaten zum modernen Muster niedriger Geburten- und Sterberaten. Dieser Modernisierungsprozeß war räumlich unterschiedlich weit fortgeschritten (in den Städten weiter als auf dem Land, im Westen weiter als im Osten, in protestantischen Regionen weiter als in katholischen). Diese Interpretation bleibt jedoch problematisch, nicht nur weil kulturelle Prägungen eng mit Wohlstands- beziehungsweise Armutsniveaus verbunden sind, sondern auch weil in der Geburtenrate gleichzeitig die relative Stärke verschiedener sozialer Schichten sowie die demographische Zusammensetzung von Geschlechts- und Altersgruppen reflektiert wird; letzteres konnte durch einen Vergleich mit der für einige Regionen verfügbaren Fertilitätsrate zumindest teilweise kontrolliert werden. Daß die Körperverletzungsrate der Jugendlichen, die eine altersbereinigte Rate darstellt, einen zwar schwächeren, aber immer noch deutlichen Zusammenhang mit der Geburtenrate zeigt, spricht jedoch für die Validität dieses Ergebnisses (siehe Abbildung; der Steigungsgrad der Regressionslinie zeigt hier an, daß bei einer Zunahme der Geburtenrate um 10 Punkte die Körperverletzungsrate der Jugendlichen um 60 pro 100.000 ansteigt). Insgesamt erscheint dieses Ergebnis als eindrucksvolle Bestätigung der Theorien Durkheims und Elias von der langfristig rückläufigen Gewaltanwendung und der Zunahme der Affektkontrolle im gesellschaftlichen Modernisierungsprozeß.
Für die Erklärung der Diebstahlsraten erweist sich gegenüber den genannten Armutsindikatoren der Anteil der Beschäftigten im Handel und Verkehr (als Indikator für den Umfang des kommerziellen Warenverkehrs) als der stärkste Prädiktor. Dies kann vorsichtig als Bestätigung der Opportunitätstheorien gewertet werden, die die Bedeutung der Gelegenheitsstrukturen für die Eigentumsdelinquenz betonen.
Im Vergleich zu den Deliktraten der Erwachsenen sind die der Jugendlichen wesentlich weniger durch regionale und wesentlich stärker durch lokale Stadt-Land-Unterschiede, d.h. durch den Urbanitäts- und Industrialisierungsgrad bestimmt; für die Höhe der Diebstahlsraten haben zudem die Gelegenheitsstrukturen ein noch größeres Gewicht als bei den Erwachsenen. Dieser wesentlich stärkere Zusammenhang der Jugendkriminalität mit den Indikatoren der gesellschaftlichen Modernisierung bleibt über das statistische Modell hinaus erklärungsbedürftig. Zu denken ist an die von den Zeitgenossen und der sozialgeschichtlichen Forschung festgestellte Herausbildung einer neuartigen, stärker von der Erwachsenenwelt abgelösten und von dieser als solche wahrgenommenen Jugendkultur, die vor allem in den großen Industriestädten ihre Heimat hatte, sowie möglicherweise auch ein stärkerer Rückgang informeller Sanktionsformen speziell gegenüber Jugendlichen in den Städten.
Publikationen (Auswahl):
- Thome, H.: Sozialökologische Analyse der Kriminalität in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts. Halle (Forschungsberichte des Instituts für Soziologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg), 1999.