Strafeinstellungen der BevölkerungStrafeinstellungen haben sich in Deutschland aber auch den anderen westlichen Industrieländern, vor allem den USA, in den letzten Jahren erheblich verhärtet. Zum Teil haben die Forderungen der Öffentlichkeit nach schärferen und längeren Strafen auch Eingang in neuere gesetzliche Regelungen gefunden. Ziel des Projekts ist es, vor dem Hintergrund der Opferstudien des Instituts einen Längsschnittvergleich der Strafeinstellungen der Bevölkerung zu erarbeiten. Anhand der vorhandenen Daten, ergänzt durch weitere Umfragedaten, soll die Entwicklung der Strafeinstellungen aufgezeigt werden und geprüft werden, von welchen gesellschaftlichen Indikatoren diese Strafeinstellungen moderiert werden. |
| Projektkategorie: | Forschungsprojekt |
| Organisatorischer Status: | Forschungsgruppenprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 1998 Projektende: 2001 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
Leiter(in):
Die Datenauswertungen wurden weitergeführt und der Forschungsbericht wurde im Jahre 2001 vorgelegt. Im Rahmen der eigenen Untersuchung wurden Daten zur Punitivität aus verschiedenen lokalen Stichproben Ost- und Westdeutschlands (Jena und Kahla sowie Freiburg, Emmendingen und Löffingen) verglichen. Die Operationalisierung des Konstrukts erfolgte durch ein modifiziertes Todesstrafe-Item, vor allem aber durch eine umfangreiche Frage zu Sanktionsvorschlägen zu 21 vorgegebenen unterschiedlich schweren Straftaten.
Da in einer Jenaer Teilstichprobe im Gegensatz zur sonst schriftlichen Befragung auch mündlich interviewt wurde, konnte ein Methodenvergleich zwischen beiden Vorgehensweisen durchgeführt werden. Dieser zeigte erwartungsgemäß, dass bei schriftlicher - und damit anonymerer - Befragung insgesamt härtere Strafeinstellungen geäußert werden als bei mündlicher. Dies spricht für die Bedeutung des Faktors "soziale Erwünschtheit" und bedeutet, dass bereits die Datenerhebungsmethode einen Einfluß auf die gefundenen Ergebnisse hat.
Wenig überraschend konnte beobachtet werden, dass die ostdeutschen Befragten eine durchgängig harschere Strafeinstellung zeigten als die Westdeutschen, ein Ergebnis, das sich auch in anderen vergleichbaren Studien einhellig fand. Besonders auffallend war dies in Bezug auf die Bewertung solcher Straftaten, die in der ehemaligen DDR so gut wie keine Rolle spielten, z.B. der Haschisch- oder Heroinkonsum Andererseits waren die Ostdeutschen z.B. in Bezug auf den Schwangerschaftsabbruch oder auch die Vergewaltigung in der Ehe weniger straforientiert als die Westdeutschen. Dies spiegelt die unterschiedliche Erfahrung und Bewertung von Kriminalität Anfang der 90er Jahre wieder.
Hinsichtlich der weiteren berücksichtigten demographischen Variablen zeigte die Studie teilweise wenig eindeutige Zusammenhänge, was auch die in der Forschungsliteratur berichteten Ergebnisse weitgehend bestätigt. Als relativ stabil erwies sich der Einfluss des Geschlechts: Männer erweisen sich in der ost- wie auch in der westdeutschen Stichprobe deutlich punitiver als Frauen. Was das Alter betrifft, zeigte sich deutlich, dass die Punitivität bei den einzelnen Altersklassen erheblich vom Delikt, auf das sich die Sanktionsvorstellungen beziehen, abhängt. Bei eher von Jugendlichen begangenen Straftaten ("jugendtypische Delikte") erwiesen sich die älteren Befragten deutlich als punitiver als die jüngeren, während sich letztere als punitiver bei solchen Straftaten darstellten, die vor allem in neuerer Zeit problematisiert und kritisch diskutiert wurden, so z.B. der Kindesmisshandlung oder der Vergewaltigung in der Ehe. Dies weist auf den Einfluss der altersspezifischen Sozialisationserfahrungen hin.
Die Punitivität nahm zwar mit steigendem Ausbildungsstand (Schulbildung) ab, allerdings spielte hier die Ortsgröße eine moderierende Rolle: In den kleineren Kommunen unterschieden sich die besser Gebildeten relativ weniger von den anderen Gruppen, wohingegen sie in den Großstädten deutlich mildere Strafeinstellungen zeigten. Hier mag der in Großstädten intensivere Austausch innerhalb der vergleichsweise großen Akademikergruppen eine wichtige Rolle spielen. Zwar ließ sich bei der Bildungsvariablen der moderierende Einfluss des Stadt-Land-Gefälles zeigen, was jedoch die Bedeutung des Urbanisierungsgrades generell betrifft, waren die Resultate weniger eindeutig. Zwar wiesen einige Ergebnisse darauf hin, dass mit steigendem Urbanisierungsgrad auch die Punitivität abnimmt, die Unterschiede waren jedoch weniger deutlich, als dies erwartet wurde. Hier mag sicherlich eine Rolle spielen, dass eine traditionelle Trennung von städtischer und ländlicher Bevölkerung weitgehend aufgehoben wurde, dass vielfach das ländliche Umfeld von Großstädten ein attraktives Wohngebiet vermögender und gut ausgebildeter Schichten darstellt und so auch eine Durchmischung von Einstellungen stattfindet.
Was letztlich den Einfluss eigener Viktimisierungserfahrungen auf Strafeinstellungen betrifft, so waren auch hier die Resultate nicht einheitlich. Während in der Freiburger Stichprobe die Opfer vielfach weniger punitiv waren als die Nichtopfer, war es in Jena umgekehrt. Dies gilt auch über die verschiedenen Schweregrade hinweg.
Ein Vergleich der Ergebnisse allgemeiner Strafeinstellungen mit der Befürwortung der Todesstrafe zeigte, dass mit diesen beiden Operationalisierungen von Punitivität unterschiedliche Einstellungsmuster gemessen werden. Je nach vorgegebenem Delikt stellen sich Befragte, die für die Todesstrafe plädieren, hinsichtlich ihrer präferierten Sanktionsvorschläge für Delikte bei denen Todesstrafe nicht als mögliche Sanktionsform vorgegeben wurde, teils als sanktionsorientierter andererseits aber auch als weniger punitiv dar. Besonders deutlich war, dass die Freiburger Befürworter der Todesstrafe besonders im leichten Straftatenbereich (z.B. Schwarzfahren, Haschischkonsum) relativ zu den Gegnern härtere Sanktionen vorschlagen. Dies deutet darauf hin, dass mit dem Todesstrafe-Item ein "Mix" punitiver Einstellungen erfasst wird, der letztlich schwer zu interpretieren ist, da wohl auch Aspekte des Konservatismus mit eingehen.
Da in der zugrunde liegenden Vergleichsstudie Freiburg-Jena eine Fülle weiterer Einstellungsskalen vorlagen, wurde der Einfluss dieser Dimensionen auf Sanktionseinstellungen untersucht. Dabei zeigte sich, dass insbesondere Befragte mit geringem Anomieerleben, die sich gegenüber kleineren Abweichungen als tolerant erwiesen und die eine positive Zukunftssicht hatten, auch - zumindest bei leichteren Delikte - weniger zu harten Strafeinstellungen neigten.
Multivariate Zusammenhangsanalysen (Multiple Lineare Regressionen) mit der Kriteriumsvariablen Strafeinstellungen erwiesen sich in Jena als nur bedingt ertragreich (Multiples R = .20), in Freiburg konnte dagegen ein vorsichtig akzeptables Zusammenhangsmodell ermittelt werden (Multiples R = .35), das die besondere Bedeutung genereller Befürwortung von Sicherheit und Ordnung, einem geringen Interesse an Politik sowie den demographischen Variablen Geschlecht und Alter belegte. Die Befürwortung der Todesstrafe wurde insbesondere moderiert durch politisch rechte Einstellungen sowie durch politisches Desinteresse, Variablen die im Zusammenhang mit dem Konstrukt der "Modernisierungsverlierer" im Hinblick auf die Folgen der Wende häufig diskutiert wurden.
Die Datenauswertung zum Methodenband soll sich auf die Fragen konzentrieren, welchen Einfluss einerseits verschiedene Erhebungsmodalitäten (schriftliche Befragung im Vergleich zu mündlichen Interviews) und andererseits eine unterschiedliche Gestaltung des Fragebogens auf die gewonnenen Ergebnisse haben. Die Diskussion solcher Methodeneinflüsse auf Umfrageergebnisse ist in der deutschen Kriminologie noch am Anfang, Untersuchungen hierzu können zu einer Verfeinerung der Erhebungsmethodik bei zukünftigen Umfragen, etwa im Rahmen der Viktimologie beitragen. Das Design war in allen Untersuchungsschritten experimentell, d.h. es erfolgte eine Zufallszuteilung der einzelnen Erhebungsmethoden auf die Befragtengruppen, was die Herausarbeitung kausaler Zusammenhänge erlaubt. Neben der Datenerhebungsart wurde insbesondere der Einfluss der Fragebogengestaltung auf die Resultate geprüft. Hierbei wurde der Schwerpunkt auf folgende Bereiche gelegt: - Fragebogeninstruktion, - Erfassung der Verbrechensangst, - Erfassung der Schwere der Viktimisierung, - Sanktionseinstellung, - demographische Variablen (wie Einkommen). Der Einfluss der Position dieser inhaltlichen Bereiche im Fragebogen auf deren Ausprägung aber auch auf die Ausprägung der anderen Bereiche kann aufgrund des Forschungsdesigns jeweils geprüft werden. Vor diesem Hintergrund können Aussagen gemacht werden zum Einfluß der Fragebogengestaltung auf die Erfassung solch sensibler Bereiche wie Verbrechensfurcht oder Sanktionseinstellungen und die Validität der gewonnen Ergebnisse. Vor dem Hintergrund der breiten politischen Diskussion von Ergebnissen zu Verbrechensfurcht oder Sanktionseinstellungen kommt deren möglichst exakten Erfassung eine nicht unerhebliche Bedeutung zu.
Publikationen (Auswahl):
- Kury, H. / Ferdinand, T.: Public Opinion and Punitivity. In: International Journal of Law and Psychiatry, 1999, Heft⁄Band 22, S. 373 - 392.
- Kury, H., Obergfell-Fuchs, J.: Public attitudes towards sanctioning. In: H.-J. Albrecht, H. Kury (Hrsg.): Research on crime and criminal justice at the Max Planck Institute Freiburg. Kriminologische Forschungsberichte, Freiburg i. Br. 1998, S. 41 - 49.
- Kury, H.: Zur Sanktionseinstellung der Bevölkerung. In: Albrecht, H.-J. et al. (Hrsg.): Internationale Perspektiven in Kriminologie und Strafrecht. Festschrift für Günther Kaiser zum 70. Geburtstag. Berlin, 1998, S. 237 - 267.