Viktimisierung und Verbrechensangst in den alten und neuen Bundesländern Deutschlands

Vergleich Jena-Freiburg I und II

Zur Fragestellung möglicher Opferwerdungen im kommunalen Nahraum wurde zur Jahreswende 1991/92 in Zusammenarbeit zwischen dem MPI für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg und der Friedrich-Schiller-Universität Jena eine Befragung repräsentativ ausgewählter Bürger aus den ostdeutschen Kommunen Jena und Kahla/Thüringen sowie aus den westdeutschen Städten Freiburg, Emmendingen und Löffingen durchgeführt. Erhoben wurden neben Viktimisierungen auch subjektive Parameter wie z.B. die Zufriedenheit mit den Ordnungs- und Strafverfolgungsbehörden, die Einschätzung der Kriminalitätsentwicklung und deren Ursachen sowie die Verbrechensfurcht und die Einstellungen zu Sanktionen. Ein besonderer Schwerpunkt der Untersuchung war der Vergleich der ost- und westdeutschen Populationen hinsichtlich der speziellen Erfahrung der Umbruchsituation und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen. Das Untersuchungsdesign sollte zudem einen Vergleich der Kriminalitätsbelastungen und der Einstellungen der Bürger in Gemeinden unterschiedlicher Größe ermöglichen. Dabei standen Parameter wie z.B. unterschiedliche Gelegenheits- und Freizeitstrukturen sowie eine verschieden starke informelle Sozialkontrolle im Mittelpunkt.

Projektkategorie: Forschungsprojekt
Organisatorischer Status: Forschungsgruppenprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 1997
Projektende: 2004
Projektstatus: abgeschlossen

Leiter(in):

Zur Frage, inwieweit sich im Laufe des Anpassungsprozesses in den neuen Ländern auch Einstellungsänderungen der Bürger ergeben haben und ob eine Angleichung der Kriminalitätsbelastung erfolgt ist, wurde zum Jahreswechsel 1995/96 eine weitere Vergleichsstudie zwischen Freiburg und Jena mit einem weitgehend identischen Untersuchungsinstrument durchgeführt.

Die Auswertungen der Studie von 1995/96 (Freiburg-Jena II) wurden weitergeführt und sind inzwischen weitgehend beendet. Zur Datenreduktion wurden Faktorenanalysen durchgeführt. Der Längsschnittvergleich zwischen den beiden Studien ist in den zentralen Bereichen weitgehend abgeschlossen. Insbesondere wurde die Literatur zu Methodenfragen weiter ausgewertet. Die Ergebnisse zum Einfluss unterschiedlicher Erhebungsmethoden auf die Resultate liegen weitgehend vor und wurden für eine Veröffentlichung vorbereitet.

Arbeitsplan 2004:
Neben methodischen Fragestellungen wird ein Schwerpunkt der Tätigkeit auf der Analyse der Veränderungen der Variablenausprägungen zwischen 1991/92 und 1995/96 liegen. Die Vergleiche zwischen den beiden Studien wurden inzwischen, was die Rechenarbeiten betrifft, weitgehend abgeschlossen, die Interpretation der Resultate und Zusammenfassung in mehreren Veröffentlichungen ist im Gange. Die restliche Datenauswertung zum Methodenteil der Studie soll sich auf die Fragen konzentrieren, welchen Einfluss einerseits verschiedene Erhebungsmodalitäten (schriftliche Befragung im Vergleich zu mündlichen Interviews) und andererseits eine unterschiedliche Gestaltung des Fragebogens, etwa was die Formulierung der Fragen betrifft, auf die gewonnenen Ergebnisse haben. Die Diskussion solcher Methodeneinflüsse auf Umfrageergebnisse ist in der deutschen Kriminologie weitgehend noch am Anfang, Untersuchungen hierzu können zu einer Verfeinerung der Erhebungsmethodik bei zukünftigen Umfragen, etwa im Rahmen der Viktimologie beitragen. Solche Untersuchungen werden auch in der internationalen Literatur zunehmend gefordert. Das Design war in allen Untersuchungsschritten experimentell, d.h. es erfolgte eine Zufallszuteilung der einzelnen Erhebungsmethoden auf die Befragtengruppen, was die Herausarbeitung kausaler Zusammenhänge erlaubt. Neben der Datenerhebungsart wurde insbesondere der Einfluss der Fragebogengestaltung auf die Resultate geprüft. Hierbei wurde der Schwerpunkt auf folgende Bereiche gelegt: - Fragebogeninstruktion, - Erfassung der Verbrechensangst, - Erfassung der Schwere der Viktimisierung, - Sanktionseinstellung, - demographische Variablen (wie Einkommen), - Stellung der einzelnen Fragen im Gesamtkontext, - Veränderung in den Antwortkategorien bei einzelnen Items. Der Einfluss der Position dieser inhaltlichen Bereiche im Fragebogen auf deren Ausprägung aber auch auf die Ausprägung der anderen Bereiche kann aufgrund des Forschungsdesigns jeweils geprüft werden. Vor diesem Hintergrund können Aussagen gemacht werden zum Einfluss der Fragebogengestaltung auf die Erfassung solch sensibler Bereiche wie Verbrechensfurcht oder Sanktionseinstellungen und die Validität der gewonnen Ergebnisse. Vor dem Hintergrund der breiten politischen Diskussion von Ergebnissen zu Verbrechensfurcht oder Sanktionseinstellungen kommt deren möglichst exakten Erfassung eine nicht unerhebliche Bedeutung zu. Die Berechnung der Ergebnisse ist weit fortgeschritten, ebenso die Literaturanalyse. 2004 wird das Projekt durch mehrere Veröffentlichungen zu methodischen in inhaltlichen Bereichen der zwei Opferstudien abgeschlossen. Die Veröffentlichungen sind Ende 2003 weitgehend vorbereitet.

Publikationen (Auswahl):

  • Kury, H., Obergfell-Fuchs, J., Würger, M.: Strafeinstellungen.
    Ein Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland. Kriminologische Forschungsberichte, Freiburg i. Br. 2002, 174 S.
  • Kury, H., Obergfell-Fuchs, J., Würger, M.: Gemeinde und Kriminalität.
    Eine Untersuchung in Ost- und Westdeutschland. Kriminologische Forschungsberichte, Freiburg i. Br. 2000, 770 S.
  • Kury, H. / Obergfell-Fuchs, J.: Kriminalität Jugendlicher in Ost und West. Auswirkungen gesellschaftlicher Umwälzungen auf psychisches Erleben und Einstellungen. In: Lamnek, S. (Hrsg.): Jugend und Gewalt. Devianz und Kriminalität in Ost und West. Opladen, Leske + Budrich, 1995, S. 291 - 314.
  • Kury, H., Würger, M.: Opfererfahrungen und Kriminalitätsfurcht - Ein Beitrag zur Viktimisierungsperspektive. In: G. Kaiser, H. Kury (Hrsg.): Kriminologische Forschung in den 90er Jahren - Criminological Research in the 1990's. Kriminologische Forschungsberichte, Freiburg i. Br. 1993, S. 411 - 462.
  • Kury, H. (Hrsg.): International Comparison of Crime and Victimization: The ICVS. Willowdale, de Sitter Publications, 2001.
  • Geändert am: 22.09.2011
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