Analyse von Deliktsähnlichkeiten auf der Basis von IndividualdatenIn der Kriminologie wird meist untersucht, wie häufig Straftaten, allgemein oder differenziert nach einzelnen Deliktskategorien, vorkommen. Muster von Straftaten werden aber seltener analysiert. Jedoch könnte gerade die Kenntnis über Muster von Straftaten, zum Verständnis der Ursachen von Straftaten beitragen und gegebenenfalls auch die Prävention verbessern. |
| Projektkategorie: | Dissertation |
| Organisatorischer Status: | Forschungsgruppenprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 2003 Projektende: 2007 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
| Projektsprache(n): | Deutsch |
Leiter(in):
Ziel dieses Projektes ist es, Ähnlichkeiten von Delikten empirisch anhand der Daten der Freiburger Kohortenstudie zu bestimmen. Dafür wird untersucht, welche Kombinationen von Delikten innerhalb von kriminellen Karrieren besonders häufig (bzw. selten) auftreten.
Dabei wird von der Überlegung ausgegangen, dass Delikte, die von ein und derselben Person im Laufe ihrer kriminellen Karriere begangen werden, Gemeinsamkeiten aufweisen. Diese Gemeinsamkeiten basieren – so die Überlegung – auf bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und/oder Lebensstilen, inklusive der mit diesen Lebensstilen verbundenen situativen Optionen der Tatgelegenheiten. Implizit setzt diese Annahme voraus, dass es zwischen den delinquent Handelnden je nach Persönlichkeitsstruktur / je nach gewähltem Lebensstil, Differenzen bezüglich der begangen Delikte gibt.
Ein Ähnlichkeitsmaß für Delikte wird im Wesentlichen dadurch bestimmt, dass die Häufigkeit der Deliktskombinationen innerhalb krimineller Karrieren erfasst wird. Diese Häufigkeit wird mit der Häufigkeit, die aufgrund einer zufälligen Wahl der Deliktsabfolge zu erwarten wäre, verglichen. Ist die Kombination zweier Deliktskategorien häufiger als auf der Basis eines zufälligen Prozesses erwartet, so sind diese zwei Deliktskategorien ähnlich. Ist umgekehrt die Kombination zweier Deliktskategorien seltener als auf der Basis eines zufälligen Prozesses erwartet, so sind diese zwei Deliktskategorien unähnlich. Das Adjusted Standardized Residuum (ASR) eignet sich gut als Similaritätsmaß für die Analyse der Deliktsähnlichkeit. Im Gegensatz zu anderen Arbeiten zu diesem Thema wird kein spezifischer Übergang von einem Delikt zu einem anderen betrachtet sondern alle Deliktskombinationen im Laufe einer kriminellen Kariere werden gleichzeitig analysiert.
Die Analyse der Deliktsähnlichkeiten wird für Polizeidaten und für justizielle Daten jeweils differenziert nach Geschlecht und Nationalitätsstatus durchgeführt. Bei allen Deliktskategorien kann sowohl bei polizeilich wie bei justiziell Registrierten relativ deutlich ihre „Eigenähnlichkeit“ festgestellt werden, d.h. ein gewisser Grad an Spezialisierung. Besonders hoch ist der Grad der Spezialisierung bei den Deliktskategorien Betrug, BtM-Delikte und Sexualdelikte. Auch bei den justiziell erfassten Verkehrsdelikten ist eine „Spezialisierung“ erkennbar.
Die Ähnlichkeit von Delikten wird mit Hilfe der Methode der Multidimensionalen Skalierung grafisch dargestellt. Diese Methode erlaubt es aus paarweisen Ähnlichkeitsangaben von Objekten, Aussagen über die Gesamtkonstellation dieser Objekte zu treffen. Die Delikte werden – aufgrund von Informationen über ihre paarweise Ähnlichkeit bzw. Unähnlichkeit – in einem mehrdimensionalen Raum, gewählt wird hier wegen der Anschaulichkeit die 2-dimensionale Darstellung, so platziert, dass die Ähnlichkeiten der Delikte möglichst optimal repräsentiert werden.
Das Ergebnis der Multidimensionalen Skalierung für justizielle Registrierungen deutscher Männer ist in der folgenden Abbildung zu sehen. Von Bedeutung bei dieser Darstellung sind nur die Entfernungen der einzelnen Punkte untereinander, „oben unten“, „links rechts“ spielt keine Rolle. Je näher die Punkte beieinander liegen, desto ähnlicher sind die Delikte. Ein Abstand von 0,7 Einheiten entspricht einem ASR von Null, d.h, liegen die Deliktskategorien näher als 0,7 Einheiten beieinander, sind diese Deliktskategorien ähnlich, anderenfalls unähnlich.
Deliktskonfiguration von justiziellen Registrierungen (deutsche Männer)
Ähnlich sind, nah beieinander liegen, Körperverletzung, schwere Körperverletzung, Beleidigung, Straftaten gegen die persönliche Freiheit, Sexualdelikte und auch Tötungsdelikte. Die Ähnlichkeit der Gewaltdelikte lässt auf gemeinsame Ursachen und Motive dieser Straftaten schließen. Fahrlässige Körperverletzung und Gewaltdelikte sind einander nicht ähnlich. Bei Betäubungsmitteldelikten zeigt sich eine Ähnlichkeiten zu einfachem Diebstahl und zu Leistungserschleichung, was den Zusammenhang von Drogendelikten und Beschaffungskriminalität sichtbar macht. Verkehrsdelikte liegen weit entfernt von anderen Delikten. Somit wird der Unterschied von Verkehrsdelikten und "normalen", klassischen und konventionellen Rechtsbrüchen deutlich. Die Güte der Präsentation ist bei den einzelnen Delikten unterschiedlich, ist aber im Mittel als überdurchschnittlich gut zu bezeichnen (R² = 0,76).
Anders als bei justiziell registrierten deutschen Männern zeigt sich bei polizeilich registrierten Männern beim schweren Diebstahl eine Unähnlichkeit zu allen anderen Delikten. Schwerer Diebstahl (Einbruch) wird häufig in Serie begangen und dementsprechend häufig polizeilich registriert. Dadurch ist die Spezialisierungsrate bei schwerem Diebstahl bei polizeilich registrierten Männern hoch und dementsprechend die Häufigkeit von Kombinationen von schwerem Diebstahl mit anderen Delikten unterdurchschnittlich. Justiziell wird diese "Einbruchserie" innerhalb einer Entscheidung abgehandelt, wird somit als ein schwerer Diebstahl gezählt und die deutliche Unähnlichkeit von schwerem Diebstahl zu anderen Delikten zeigt sich somit hier nicht.Auch Vergehen gegen das Ausländergesetz oder Asylverfahrensgesetz treten im Fall von Nichtdeutschen selten im Zusammenhang mit anderen Deliktskategorien auf. Einzig die Deliktskategorien Fälschung (Urkundenfälschung und Wertzeichenfälschung) und Leistungserschleichung stehen in einem gewissen Zusammenhang mit diesen Vergehen.
Besondere Ergebnisse bringt die nach Altersstufen differenzierte Analyse. Obgleich die für die einzelnen Altersstufen gefundenen Ergebnisse weitgehend übereinstimmen, zeigt sich im Einzelnen doch, dass der über das Individuum hergestellte Zusammenhang zwischen verschiedenen Deliktstypen entsprechend den verschiedenen Alters-Entwicklungsphasen variiert. Zu erwähnen sind hier insbesondere die Sexualdelikte, die tendenziell bei Jugendlichen und Heranwachsenden enger mit Gewaltdelikten zusammenhängen als bei Älteren.
Des Weiteren werden Delinquenzmuster im Verlauf einer kriminellen Karriere untersucht. Dazu wird in einem ersten Schritt das Auftreten verschiedener Delinquenzkategorien bei Personen innerhalb jeweils 5-jähriger Zeitspannen mit Hilfe einer probabilistischen Clusteranalyse zu typischen Delinquenzmustern zusammengefasst. Diese Delinquenzmuster werden dabei im ersten Schritt unabhängig vom Alter der Registrierten betrachtet. In einem zweiten Schritt wird dann der Delinquenzverlauf untersucht, d.h. es wird analysiert, wie sich die gefundenen Delinquenzmuster, denen die Registrierten jeder Alterstufe zugeordnet werden, im Altersverlauf wiederholen oder verändern, einschließlich des Abbruchs der kriminellen Karriere.
Auch die probabilistische Clusteranalyse gibt Hinweise auf die Ähnlichkeit von Gewaltdelikten. Es wird ein Cluster gefunden, in das hauptsächlich Personen einsortiert werden, die in den entsprechenden Altersabschnitten wegen Körperverletzungsdelikten, Straftaten gegen die persönliche Freiheit, Tötungsdelikten und sexuellen Gewaltdelikten offiziell registriert waren, aber auch wegen Beleidigung, Sachbeschädigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Des Weiteren ergibt die Analyse ein kleines Cluster „verschiedene Straftaten“, in dem alle Delikte überdurchschnittlich und in erhöhter Anzahl (mit ca. jeweils sechs verschiedenen Delikten etwa dreimal so viele wie durchschnittlich) auftreten. In diesem Cluster werden hauptsächlich „chronische“ Straftäter erfasst.
Bei der Analyse der justiziellen Registrierungen ergeben sich zwei Cluster die Delikte aus dem Straßenverkehr beinhalten und zwar einmal Verkehrsdelikte ohne Personenschäden und einmal Verkehrsdelikte mit Personenschäden.
Bezüglich des Delinquenzverlaufs im Sinne einer Spezialisierung, d.h. der Zuordnung in gleiche Cluster von einer Altersstufe zur nächsten, ergibt sich, dass die Spezialisierung mit dem Alter zunimmt, unter der Voraussetzung, dass die kriminelle Karriere nicht abbricht. Bei allen Clustern ergeben sich insofern Hinweise auf Spezialisierung, als dass diese Cluster in vorausgehenden und folgenden Altersstufen überdurchschnittlich häufig vertreten sind. Gleichwohl ist die jeweils größte Gruppe die der Abbrecher. Eine Ausnahme stellt diesbezüglich das Cluster „verschiedene Straftaten“ dar.
Publikationen (Auswahl):
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Tetal, C.: Analyse von Deliktsähnlichkeiten auf der Basis von Individualdaten der Freiburger Kohortenstudie.
Kriminologische Forschungsberichte, Berlin 2008, 276 S. -
Grundies, V., Höfer, S. & Tetal, C.: Basisdaten der Freiburger Kohortenstudie: Prävalenz und Inzidenz polizeilicher Registrierung Arbeitsberichte aus dem Max-Planck-Institut 2002/1, Freiburg i. Br., edition iuscrim, 202 S., 2002
Zusätzlich verfügbar als PDF (siehe unten)