Kriminalprävention in Großwohnsiedlungen
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| Projektkategorie: | Forschungsprojekt |
| Organisatorischer Status: | Institutsprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 2005 Projektende: 2009 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
| Projektsprache(n): | Englisch |
Leiter(in):
Projektbeschreibung:
Die Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung gehört seit jeher zu den wichtigsten Aufgaben von Städten und Kommunen. Zwar beschäftigt sich die Kriminologie schon seit langem mit kriminalgeographischen und städtebaulichen Fragestellungen, gleichsam praktische Relevanz aber gewann das Thema Städtebau und Kriminalität erst im Zusammenhang mit der in den letzten Jahren zunehmend geführten Diskussion um die situationsbezogene Kriminalprävention und der Renaissance gelegenheitsbasierter Theorien abweichenden Verhaltens.
Gegenstand der hier vorgestellten Untersuchung ist nun die empirisch fundierte Bewertung kriminalpräventiv motivierter Interventionen im baulich-architektonischen Kontext zweier ost- und westdeutscher Großwohnsiedlungen. Galten diese zur Zeit ihrer Erbauung als Errungenschaften der Moderne, so eilt ihnen heutzutage häufig genug der Ruf als „Brutstätten der Kriminalität“ voraus. Bauschäden, Vandalismus, Angsträume und das Nebeneinander problematischer Lebenslagen sind übliche Attribute, die das generell schlechte Image der Großwohnsiedlungen bedienen. Zwar sind auf der Grundlage zahlreicher kriminalgeographischer Studien eine Reihe von Empfehlungen zur Reduktion von Kriminalität und Kriminalitätsfurcht im öffentlichen Raum ergangen und in die Praxis der städtebaulichen Weiterentwicklung großer Neubaugebiete umgesetzt worden, aussagekräftige Evaluationsstudien jedoch, anhand derer die durchgeführten Maßnahmen systematisch auf ihre Wirksamkeit hin untersucht werden, finden sich - wenigstens hierzulande - nur selten.
Angesichts möglicherweise fehlinvestierter und ohnehin knapper Ressourcen, empfiehlt es sich aber auch in Deutschland, den Erfolg kriminalpräventiver Initiativen wissenschaftlich zu untersuchen. Mit dem hier vorgestellten Forschungsvorhaben soll nun der Versuch unternommen werden, erstmals auch im deutschsprachigen Raum die Wirksamkeit städtebaulicher Maßnahmen im Hinblick auf die Entwicklung der Kriminalität und der subjektiven Kriminalitätswahrnehmung zu untersuchen. Grundlegend wird dazu angenommen, daß baulich-architektonische Sanierungsbemühungen auf der Folie eines kriminalpräventiven Einwirkens auf die deliktische Gelegenheitsstruktur interpretierbar sind. Forschungsleitend sind dabei folgende Fragestellungen:
- Inwieweit haben strukturelle Interventionen in der baulichen Substanz einen Einfluß auf die allgemeine Wohnzufriedenheit, die durchschnittliche Fluktuationsrate und auf die soziodemographische Zusammensetzung der Bewohnerschaft?
- Sind bauliche Maßnahmen dazu geeignet, sowohl das Ausmaß der Kriminalitätsfurcht als auch das Niveau der kriminellen und nicht-kriminellen Devianz (Zeichen sozialer Destabilisierung) zu reduzieren?
- Inwieweit können Sanierungsarbeiten einen Beitrag dazu leisten, Verantwortungsgefühle der Bewohnerschaft zu aktivieren oder zu verstärken und das Maß der sozialen Kontrolle zu erhöhen?
- Wird durch baustrukturelle Einwirkungen die Kriminalität verlagert und inwieweit erweisen sich Maßnahmen dieser Art unter Kosten-Nutzen-Aspekten als effizient?
Arbeitsplan 2005 bis 2007:
Maßgebliche Verschiedenheiten in der baulichen und sozialen Struktur zwischen ost- und westdeutschen Großwohnsiedlungen lassen die Durchführung der Untersuchung in beiden Teilen Deutschlands notwendig erscheinen. Immerhin werden mit Städtebau und Architektur als einem kriminalpräventiven Instrument zwei völlig unterschiedliche Wohn- und Sozialräume zum Gegenstand des kriminalpräventiven Bemühens: Während ostdeutsche Großwohnsiedlungen überwiegend geprägt sind durch bauliche Homogenität und auffällig hohe soziale Durchmischung (trotz zunehmenden Leerstands), weisen ihre westdeutschen Pendants eine größere architektonische Vielfalt bei gleichzeitig hoher sozialer Homogenität ihrer Bewohnerschaft auf. Fraglich also ist auch, ob ähnliche strukturelle Maßnahmen unter derart verschiedenen Bedingungen gleiche Resultate erbringen können.
In einem ersten Schritt soll nun durch lokale Situationsanalysen und die Sammlung verwertbarer Materialien (Fotos, Baupläne, Presseberichte etc.) ein erster bildlicher Eindruck des Geschehens vor Ort gewonnen werden. Die Auswertung offizieller Kriminalstatistiken aus der Zeit vor, während und nach der Implementierung der Maßnahmen wird zudem vorläufige Aufschlüsse über die längerfristige Entwicklung der registrierten Kriminalitätslage geben können. Flankierend sollen Sozialdaten der Stadt und lokaler Wohnunternehmen aufklären über die soziodemographische Struktur der Bewohnerschaft (Wandel des sozialen Status, der Arbeitslosenquote und des Sozialhilfebezugs, Veränderungen in der Fluktuationsrate etc.). Halb-standardisierte Interviews mit ausgewählten Experten (engagierten Bewohnern, Sozialarbeitern, Polizisten, Sicherheitsdiensten, Architekten, Hausmeistern etc.) sollen das gewonnene Datenmaterial qualitativ unterfüttern.
Kernstück der Untersuchung ist die Befragung von etwa 500 Bewohnern in jedem der beiden Stadtteile auf der Basis einer repräsentativen Stichprobe. Damit soll zunächst das Dunkelfeld der Kriminalität ausgeleuchtet, die nicht-registrierte Kriminalität über Selbstberichte erfragt und das offizielle Datenmaterial sinnvoll ergänzt werden. Darüber hinaus soll die Bewohnerbefragung Aufschluß geben über das Ausmaß der Kriminalitätsfurcht im Quartier sowie über Entwicklungstendenzen seit der baulichen Neugestaltung. Die Bemessung von Entwicklungstrends erfordert originär die Datenerhebung vor Beginn und nach Beendigung der jeweiligen Maßnahme. Da jedoch aufgrund des begrenzten zeitlichen Rahmens dieser Arbeit einerseits und der deutlich längeren Dauer baulicher Maßnahmen andererseits die Durchführung der Untersuchung im Sinne eines Pre-/Post-Designs nicht möglich ist, soll mit einer retrospektiven Befragung an das kollektive Gedächtnis der Bewohner appelliert werden um auf diese Weise Entwicklungslinien der Kriminalität und Kriminalitätsfurcht nachzuzeichnen.
Letztlich werden mit der quantitativen Analyse der Befragungsdaten Hypothesen zum spezifischen Zusammenhang von Stadtstruktur, baulicher Sanierung und der Entwicklung von Kriminalität und Kriminalitätsfurcht überprüft, die bereits auf der Grundlage theoretischer Vororientierungen und der lokalen Situationsanalysen gewonnen wurden.
Im Hinblick auf die Gewährleistung interner wie externer Validität wäre darüber hinaus die Durchführung der Untersuchung innerhalb eines Experimentalgebiets und einer Kontrollgruppe wünschenswert. Auch vor dem Hintergrund der Untersuchung von Verlagerungstendenzen wäre die Analyse angrenzender, nicht sanierter Gebiete erstrebenswert. Noch konnte allerdings nicht abschließend geklärt werden, ob sich in den Untersuchungsgebieten derartige Parallel-Konstellationen finden lassen. Schließlich haben die ökonomischen Zwänge der letzten Jahre die Wohnungsunternehmen im ganzen Land zunehmend genötigt, die Wohnraumbestände der Großsiedlungen sukzessive zu modernisieren um dem grassierenden Leerstand Einhalt zu gebieten.
Initiativen zur städtebaulichen Aufwertung von Großwohnsiedlungen finden sich also in Hülle und Fülle, nur der empirische Nachweis ihres Erfolges in kriminalpräventiver Hinsicht ist bis heute ausgeblieben. Diese Lücke soll mit dem hier vorgestellten Forschungsprojekt geschlossen werden.
Finanzierung:
Mit finanzieller Unterstützung des AGIS Programms: Europäische Kommission - Generaldirektion Justiz, Freiheit und Sicherheit (2004/AGIS/164).
Ergebnisse:
Publikationen (Auswahl):
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Lukas, Tim: Kriminalprävention in Großsiedlungen. Wirkungen baulicher und sozialer Maßnahmen am Beispiel der randstädtischen Neubaugebiete Marzahn Nord und Gropiusstadt. Kriminologische Forschungsberichte, Berlin, Duncker & Humblot, 2010, 315 S.
Rezensionen:Socialnet | Bundespolizeigewerkschaft - Lukas, Tim (Hrsg.): Crime Prevention in High-Rise Housing. Lessons from the Crime Prevention Carousel. Kriminologische Forschungsberichte, Berlin, Duncker & Humblot, 2007, 132 S.
- Lukas, Tim: Kriminalprävention in Großwohnsiedlungen. In: Soziale Stadt, info 18, 2005, S. 13 - 16.
- Lukas, Tim: "Crime Prevention Carousel" - Kriminalprävention in Großwohnsiedlungen. In: Forum Kriminalprävention, 2006, Heft⁄Band 1, S. 17 - 21.
- Buchbesprechung: Riedel, Claudia: Situationsbezogene Kriminalprävention. Kriminalitätsbekämpfung oder lediglich Deliktsverlagerung? In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 2004, Heft/Band 1, S. 73 - 75.
- Lukas, Tim: Bauliche Sanierung als Kriminalprävention. Universität Bielefeld, Diplomarbeit, 2002.
- Shaftoe, Henry: Crime in high-rise housing - is it the built environment's fault? In: EURA Newsletter, 20/2007, S. 9-10.
- Smits, Nicole / Woldendorp, Tobias: Criminaliteitspreventie in Europese hoogbouw. In: Stedebouw & Architectuur, 5/2007, S. 32 - 33.
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Veröffentlichungen zum Projekt:
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Berlins neue Ghettos?
Uni Leben, 02/2010, S. 3 -
Sicherheit nach Plan
MaxPlanckForschung, 2/2007, S. 26-33 -
Plattenbauten: Angst vor Kriminalität wächst
Scinexx, 03.08.2007 -
Sicherer leben im Wohnsilo
Telepolis, 04.04.2005
Downloads und Links:
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Informationen zum Projekt:
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Nachhaltigkeit und Kriminalprävention im Städtebau:
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https://www.polizei.schleswig-holstein.de
Sachstandsbericht Kriminalprävention im Städtebau -
http://www.kriminalpraevention.de
Deutsches Forum für Kriminalprävention -
http://www.sozialestadt.de
Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" -
http://www.quartiersmanagement-berlin.de/
Quartiersmanagement Berlin -
http://www.bbr.bund.de
Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung