Jugendliche und heranwachsende Sexualstraftäter

Eine empirische Studie über Rückfälligkeit und Risikofaktoren

Gegenstand des Projektes war eine Rückfalluntersuchung bei jugendlichen und heranwachsenden Sexualstraftätern. Neben der Ermittlung von unterschiedlichen Rückfallquoten bei dieser Gruppe könnten systematisch Risikofaktoren identifiziert werden. Das Hauptziel der Untersuchung war die Validierung verschiedener aktuarischer Instrumente zur prognostischen Einschätzung des Rückfallrisikos an einer deutschen Stichprobe. Die zentrale Fragestellung des Forschungsprojektes beschäftigte sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Vorhersagbarkeit von Rückfälligkeit bei jungen Sexualstraftätern mit Hilfe von aktuarischen Verfahren.

Projektkategorie: Dissertation
Organisatorischer Status: Einzelprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2006
Projektende: 2009
Projektstatus: abgeschlossen
Projektsprache(n): Deutsch

Leiter(in):

Forschungsgegenstand

Sexualstraftäter sind seit einigen Jahren aufgrund mehrerer spektakulärer Fälle im In- und Ausland verstärkt in den Blickpunkt geraten, wobei eine zunehmende Thematisierung von Sexualdelikten in den Medien stattfindet und sich der Umgang mit dieser Tätergruppe zu einem hochsensiblen politischen Thema entwickelt hat. Die Forschung bezüglich Sexualdelinquenten und deren (einschlägiger) Rückfälligkeit hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Viele Untersuchungen und Studien erstrecken sich ausschließlich auf erwachsene Sexualstraftäter. Erst in letzter Zeit hat sich die Forschung auch auf jugendliche und heranwachsende Sexualdelinquenten konzentriert, da ein nicht zu vernachlässigender Anteil von Sexualdelikten von jungen Menschen begangen wird. Die beiden biologischen Faktoren Alter und Geschlecht beeinflussen wie kein sonstiges Merkmal die kriminelle Aktivität. Junge Sexualstraftäter stellen ein ernstzunehmendes Problem für die Gesellschaft dar, da es im Laufe ihrer weiteren Entwicklung zu einer Verfestigung des abweichenden Verhaltens kommen kann. Darüber hinaus sind bei dieser Gruppe noch entscheidende entwicklungspsychologische Veränderungen durch Interventionen möglich. Aus diesen Gründen fokussiert das Projekt sexuelle Jugendkriminalität.


Projektziel

In der vorliegenden Studie wurden erstmalig aus dem angloamerikanischen Raum stammende Instrumente zur prognostischen Einschätzung des Rückfallrisikos bei jungen Tätern aus Deutschland eingesetzt. Anhand der Validierung dieser Verfahren an einer deutschen Stichprobe konnte die Vorhersagegenauigkeit ermittelt und miteinander verglichen werden. Hauptziel war dabei zu überprüfen, in welchem Umfang und Ausmaß die im Ausland bereits eingesetzten Prognoseverfahren auch im deutschsprachigen Raum zu einer verbesserten Prognoseleistung für die spezifische Gruppe der jungen Sexualstraftäter führen kann.


Methodik

Im Rahmen eines retrospektiven Designs wurden jugendliche und heranwachsende Sexualdelinquenten untersucht. Die Stichrobe setzte sich aus Personen zusammen, die wegen eines Sexualdelikts (§§ 174-184c StGB) rechtskräftig zu einer Jugendstrafe verurteilt und zwischen 2000 und 2002 aus dem Jugendstrafvollzug entlassen worden sind. Die Untersuchung wurde mit einem eigens für das Forschungsprojekt entwickelten Erhebungsbogen durchgeführt. Dieser Erhebungsbogen stützte sich auf die Analyse der Gefangenenpersonalakte, wobei biographische und klinische Daten, Art und Schwere des Indexdelikts (Merkmale des Täters und des Opfers) sowie das soziale Umfeld berücksichtigt wurden. Ferner wurden verschiedene aktuarische Verfahren angewandt. Zu diesen speziellen Verfahren, die bei jungen Sexualdelinquenten anzuwenden sind, zählen das Juvenile Sex Offender Assessment Protocol-II (J-SOAP-II; Prentky & Righthand, 2003) und das Estimate of Risk of Adolescent Sexual Offense Recidivism (ERASOR; Worling & Curwen, 2001). Das Static-99, das bei erwachsenen Sexualdelinquenten moderate bis gute Vorhersagewerte erzielte, kam ebenfalls zur Anwendung, um die Übertragbarkeit auf junge Täter zu überprüfen. Neben diesen Instrumenten zur Vorhersage von einschlägiger Rückfälligkeit kamen Verfahren zum Einsatz, um allgemeinen und gewalttätigen Rückfall bei jungen Sexualstraftätern vorherzusagen. Zu diesen Instrumenten zählen das Youth Level of Service/Case Management Inventory (YLS/CMI; Hoge & Andrews, 2006), das Manual for the Structured Assessment of Violence Risk in Youth (SAVRY; Borum, Bartel & Forth, 2003) und die Hare Psychopathy Checklist: Youth Version (PCL: YV; Forth, Kosson & Hare, 2003). Es wurde eine Vergleichsgruppe von jungen Gewalttätern gebildet, die keine Sexualdelikte begangen haben. Der Vergleich zwischen Sexual- und Gewaltstraftätern ermöglicht es, die spezifischen Besonderheiten bei jugendlichen und heranwachsenden Sexualdelinquenten zu ermitteln.

Die Untersuchung wurde in ausgewählten Jugendstrafanstalten der Bundesrepublik durchgeführt. Die Gesamtstichprobe besteht aus 294 Tätern. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Verteilung der Stichprobe.


Tabelle 1: Verteilung der Stichprobe

Jugendstrafanstalt Sexualstraftäter Gewaltstraftäter
Adelsheim (Baden-Württemberg) 41 41
Berlin 11 11
Halle (Sachsen-Anhalt) 6 6
Neuburg-Herrenwörth (Bayern) 33 33
Neustrelitz (Mecklenburg-Vorpommern) 24 24
Raßnitz (Sachsen-Anhalt) 1 1
Rockenberg (Hessen) 9 9
Spremberg (Brandenburg) 4 4
Wiesbaden (Hessen) 13 13
Wriezen (Brandenburg) 5 5
Summe 147 147


Die Rückfälligkeit der Stichprobe wurde mit Hilfe der Bundeszentralregisterauszüge aus dem Jahr 2008 erfasst, so dass ein ausreichend langer Katamnesezeitraum von durchschnittlich 80 Monaten gewährleistet ist. Es wurden fünf verschiedene Rückfallkriterien zugrunde gelegt: allgemeine Rückfälligkeit, Rückfälligkeit mit Haftstrafe, Rückfälligkeit mit mehr als zweijähriger Haftstrafe, Rückfälligkeit mit einem Gewaltdelikt und einschlägige Rückfälligkeit. Tabelle 2 informiert über die unterschiedlichen Rückfallquoten.


Tabelle 2: Verteilung der Rückfallquoten

Rückfallkriterien Sexualstraftäter Gewaltstraftäter
allgemeine Rückfälligkeit 79 % 78 %
Rückfälligkeit mit Haftstrafe 48 % 39 %
Rückfälligkeit mit mehr als zweijähriger Haftstrafe 31 % 23 %
gewalttätiger Rückfall 49 % 56 %
Rückfall mit Sexualdelikt 11 % 2 %


Ergebnis

Die aus dem angloamerikanischen Raum stammenden Prognoseverfahren erreichten bei der Anwendung an einer Stichprobe aus dem deutschen Jugendstrafvollzug moderate bis gute Vorhersagewerte. Täter, die anhand der Prognoseinstrumente ein hohes Risiko aufwiesen, wurden schneller rückfällig als Täter mit niedrigem Risiko. Die erzielten Ergebnisse sprechen für die prädiktive Validität und die Übertragbarkeit auf deutsche Verhältnisse im Jugendstrafvollzug.


Promotionsbetreuung

Betreuer der Dissertation war Herr PD Dr. phil. Klaus-Peter Dahle [E-Mail], Institut für Forensische Psychiatrie der Charité - Universitätsmedizin Berlin.


Publikationen (Auswahl):

  • Quenzer, C.: Jugendliche und heranwachsende Sexualstraftäter.
    Eine empirische Studie über Rückfälligkeit und Risikofaktoren im Vergleich mit Gewaltstraftätern. Kriminologische Forschungsberichte, Berlin 2010, 292 S.
  • Weiterführende Literatur:

  • Borum, R. / Bartel, P. & Forth, A.: Manual for the Structured Assessment of Violence Risk in Youth (SAVRY). University of South Florida, 2003.
  • Forth, A.E. / Kosson, D.S. & Hare, R.D.: Hare Psychopathy Checklist: Youth Version (PCL:YV). North Tonawanda, Multi-Health Systems, 2003.
  • Hoge, R.D. / Andrews, D.A.: Youth Level of Service/Case Management Inventory (YLS/CMI). North Tonawanda, Multi-Health Systems, 2006.
  • Prentky, R.A. & Righthand, S. (2003). Juvenile Sex Offender Assessment Protocol-II (J-SOAP-II). Manual.
  • Worling, J.R. / Curwen, T.: Estimate of Risk of Adolescent Sexual Offense Recidivism (ERASOR; Version 2.0). In: Calder, M. C. (Hrsg.): Juveniles and children who sexually abuse: Frameworks for assessment. Dorset, Russell House Publishing, 2001, S. 372 - 397.
  • Geändert am: 31.08.2011
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