Kriminelle Karrieren und KriminalpräventionDie Karrieretäterforschung hat in jüngster Zeit auch in der Volksrepublik China Aufmerksamkeit gefunden. Der große Wandel, den die chinesische Gesellschaft schon seit geraumer Zeit durchläuft und der zurzeit insbesondere die Ökonomie transformiert, führt auf vielen Ebenen zu kriminalitätsfördernden Bedingungen. Beispielhaft zu nennen sind hier die Abschwächung sozialer Kontrolle (insbesondere in den Großstädten), die Zunahme der Anomie, aber auch die Veränderung der Gelegenheitsstrukturen. |
| Projektkategorie: | Forschungsprojekt |
| Organisatorischer Status: | Einzelprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 2004 Projektende: 2008 |
| Projektstatus: | abgeschlossen |
| Projektsprache(n): | Deutsch und Chinesisch |
Leiter(in):
Eine empirische Studie untersucht auf der Grundlage von Daten, die in China erhoben wurden, auf der einen Seite, wie sich formelle Sanktionen unter diesen Bedingungen des gesellschaftlichen Wandels entwickelt haben. Auf der anderen Seite wird untersucht, in wie weit unter diesen Bedingungen sozial-psychologische Merkmale wie Schichtzugehörigkeit, Bildung oder das familiäre Umfeld die Ausbildung krimineller Karrieren beeinflussen.
In der Untersuchung werden Fragen zu kriminellen Karrieren in der Volksrepublik China aufgegriffen. Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht die Analyse, ob und wie die strafrechtliche Sanktionierung – im vorliegenden Fall in erster Linie die in China dominierenden Freiheitsstrafen – sich auf den Verlauf von kriminellen Karrieren auswirkt. Hierzu wurden die kriminellen Biographien von rund 1220 Strafgefangenen in 13 chinesischen Strafvollzugsanstalten auf der Grundlage einer standardisierten Befragung analysiert. Im Übrigen wurden mit – stichprobenartig ausgewählten – Gefangenen Interviews geführt, um einerseits die Wahrnehmung von Sanktionen und kriminellen Entwicklungsverläufen und andererseits die Vollzugswirklichkeit aus der Betroffenenperspektive einbeziehen zu können.
Die Arbeit soll auf einer empirischen Grundlage einen Beitrag zur internationalen Karriereforschung leisten. Sie verspricht deshalb weiterführende Erkenntnisse, weil einerseits der rapide ökonomische, politische und soziale Umbruch, andererseits Differenzen in der Kultur des Strafrechts und des sozialen Umgangs mit Devianz Gelegenheiten dafür bieten, in westlicher Moderne entwickelte Hypothesen in einer anderen Umwelt zu testen.
Im Jahre 2006 wurde die Untersuchung in 13 chinesischen Gefängnissen durchgeführt. Es wurden jeweils ca. 50 erstmals mit Freiheitsstrafe Sanktionierte und ca. 50 wiederholt Sanktionierte befragt. Insgesamt wurden von 1184 Gefangenen Daten erhoben. Davon waren 648 erstmals Inhaftierte und 483 Frauen.
Bis Frühjahr 2007 wurden die Daten EDV-technisch aufbereitet. Weiter wurden die Daten in einem ersten Durchgang in deskriptiver Form mono- bzw. bivariat ausgewertet, um einen Überblick zu gewinnen und die Daten auf Konsistenz zu prüfen.
Die Arbeit gliedert sich in 11 Kapitel. Nach einer Einleitung und der Formulierung der Fragestellung (1), werden zunächst die kriminologische Theorien und Hypothesen zur Entstehung und Entwicklung krimineller Karrieren beschrieben (2). In einem Exkurs werden die normativen Regelungen der strafrechtlichen Sanktionierung von Rückfälligen und Karrieretätern in China dargestellt (3), bevor, nach einer Darstellung des Standes der internationalen Karriereforschung (4), die eigenen Forschungshypothesen formuliert werden (5). Sodann wird die Durchführung der Untersuchung beschrieben (6).
Im Mittelpunkt der Analyse der erhobenen Daten steht der Vergleich zwischen Erstregistrierten und Rückfälligen hinsichtlich soziodemo- und biographischer Merkmale (7) sowie legalbiographischer Merkmale der ersten Verurteilung (8). Bezüglich der Rückfälligen werden weitere Thematiken wie z. B. Spezialisierung und Sanktionierung (9), aber auch Haftfolgen (10) aufgegriffen. Zum Schluss werden die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst und die Möglichkeit der Prävention diskutiert (11).
Die Arbeit wurde im Winter 2008/2009 abgeschlossen.
Publikationen (Auswahl):
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Wen Fan: Kriminelle Karrieren.
Straftaten, Sanktionen und Rückfall. Kriminologische Forschungsberichte, Berlin 2009, 345 S.