Opferperspektiven im interkulturellen Vergleich

Eine viktimologische Untersuchung im Kontext der Al-Aqsa-Intifada

Während sich die Opferforschung bisher primär mit Opfern konventioneller Straftaten beschäftigt hat, beschreibt der Bereich kollektiver Gewalt aus viktimologischer Perspektive ein noch weitgehend unberührtes Forschungsfeld. Dies gilt insbesondere für solche Untersuchungen, welche die Einstellungen von Opfern solcher Gewalt erfasst. Im Gegensatz hierzu wächst jedoch die viktimologische Herausforderung auch und gerade im Bereich kollektiver Auseinandersetzungen. Hierzu gehört auch die jüngste Konfliktperiode des Nahostkonflikts, die zweite Intifada (sog. al-Aqsa Intifada).
Die Studie untersucht nun die Einstellungen der Opfer beider Seiten hinsichtlich einer strafrechtlichen Reaktion auf ihre Viktimisierung. Dies erfolgt auf der Grundlage eines 3-Ebenen-Modells, welches eine systematische Erfassung verschiedener opferrelevanter Aspekte erlaubt und auch auf andere Konfliktkontexte übertragbar ist. Die gefundenen Perspektiven israelischer und palästinensischer Opfer werden einer vergleichenden Analyse unterzogen und dabei auf maßgebliche Einflussgrößen untersucht. Dabei weisen die Befunde der Untersuchung neben manchen Übereinstimmungen auch auf deutliche Unterschiede zwischen den Opfergruppen hin und legen den Schluss nahe, dass für diese Unterschiede insbesondere soziokulturelle und gesellschaftspolitische Momente die Einstellungen der Opfer prägen.

Projektkategorie: Dissertation
Organisatorischer Status: Einzelprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2002
Projektende: 2006
Projektstatus: abgeschlossen
Projektsprache(n): Englisch

Leiter(in):

Hintergrund und Forschungsgegenstand der Untersuchung:

Die vorliegende Untersuchung greift ein Themengebiet auf, das in der viktimologischen Forschung bislang praktisch keine Beachtung gefunden hat: Opferinteressen im Bereich kollektiver Konflikte. Zwar findet sich dieses Thema immer stärker als Gegenstand theoretischer Diskurse. Auch die Praxis - wie etwa das Rom Statut des Internationalen Strafgerichtshofs - strebt in zunehmend die Berücksichtigung von Opferinteressen an. Dies konnte mangels empirischer Untersuchungen auf diesem Gebiet jedoch bislang jedoch nur auf generalisierenden Grundannahmen erfolgen. Dies ist umso misslicher, als sich Opferuntersuchungen in der konventionellen Viktimologie als unverzichtbare Ergänzung und wertvolles Instrument der Überprüfung theoretischer Annahmen erwiesen haben. Am Beispiel des Nahostkonflikts wird die Notwendigkeit viktimologischer Forschung für die effektive Berücksichtigung von Opferinteressen aufgezeigt. Die Studie lässt hierfür israelische und palästinensische Opfer der zweiten Intifada zu Wort kommen und untersucht neben ihren Erfahrungen vor allem ihre Einstellungen zu verschiedenen Aspekten, die im Rahmen einer Strafverfolgung aus Opfersicht relevant sind. Die Arbeit wollte zugleich ein Instrument zur systematischen Erfassung der Opferperspektive entwickeln, das auch für künftige Opferuntersuchungen eine operable Grundlage bieten kann (vgl. Abb. 2). [mehr]

Die Studie wurde im Jahr 2006 abgeschlossen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse ist für das Jahr 2007 vorgesehen. Einzelne Untersuchungsteile haben bereits Eingang in bisherige Veröffentlichungen gefunden [siehe unten "Publikationen (Auswahl)"].

Todesopfer während der zweiten Intifada
Abb. 1 (Grafik: Rohne; Datenquelle: B'tselem. IDF/SK-Personal: Israelische Armee/Sicherheitskräfte)


Projektziele:

Der Untersuchung liegen folgende Zielsetzungen zugrunde:

  • Entwicklung eines mehrdimensionalen Konzeptes zur systematischen Erfassung von opferrelevanten Aspekten im Rahmen einer rechtlichen bzw. institutionalisierten Bewältigung von Viktimisierung (vgl. Abb. 1). Dieses Konzept soll auch auf weitere Konfliktkontexte übertragbar und somit in anderen Untersuchungen einsetzbar sein. Dies ermöglicht eine größtmögliche Vergleichbarkeit der Befunde verschiedener Studien.
  • Explorative Untersuchung und Vergleich von Opferperspektiven israelischer und palästinensischer Opfer der zweiten Intifada.
  • Identifikation von maßgeblichen Faktoren, welche die Opferperspektiven der jeweiligen Seite beeinflussen und so für Gemeinsamkeiten und Unterschiede (mit-) verantwortlich sind; hierbei wird ein besonderes Augenmerk auf spezifische gesellschaftspolitische und kulturelle Einflussgrößen gelegt.
  • Rückschlüsse auf die Frage, ob eine theoretische Antizipation und Verallgemeinerung von Operperspektiven möglich ist oder ob die Absicht ihrer Berücksichtigung notwendig eine empirische Erfassung und Analyse der vorherrschenden Opferperspektiven voraussetzt.


Abb. 2 (Quelle: Rohne)


Methodischer Ansatz:

Auf der Grundlage eines in dieser Arbeit entwickelten 3-Ebenen-Modells werden die Opferperspektiven in zwei empirischen Untersuchungsteilen beleuchtet.

In einem ersten Teil kommen die Opfer selbst zu Wort und werden zu verschiedenen opferrelevanten Elementen einer Strafverfolgung befragt. Die Studie untersucht hierbei die Einstellungen von solchen Opfern, die aufgrund ihrer während der zweiten Intifada erlittenen Viktimisierung in lokalen Opferhilfsprogrammen betreut werden. Insgesamt konnten 298 Opfer in die Untersuchung einbezogen werden. Hierunter finden sich 119 Israelis sowie 179 Palästinenser (hiervon 110 Personen von der Westbank und 69 Personen aus dem Gazastreifen). Die Befragung der Opfer erfolgt durch den Einsatz eines standardisierten Fragebogens. Der in der vorliegenden Untersuchung verwendete Opferbegriff bestimmt sich nach verschiedenen objektiven und subjektiven Kriterien, insbesondere dem Vorliegen konkreter Viktimisierungsformen, der Anerkennung als Opfer durch die kooperierende Organisation und der Selbstwahrnehmung als Opfer.
In einem zweiten Schritt wird diese Opferbefragung durch neun Expertengespräche ergänzt, in denen fünf palästinensische und vier israelische Experten aus dem Bereich der lokalen Opferhilfe bzw. -betreuung vertieft zu ihren Erfahrungen und Einschätzungen hinsichtlich der hier relevanten Themenbereiche befragt wurden. Die von ihnen gewährten Einblicke ermöglichen zum einen ein näheres Verständnis der Befunde aus der Opferbefragung und ergänzen diese zum anderen um solche Aspekte, die im Rahmen einer persönlichen Befragung der Opfer nicht erfasst werden konnten.

Die Studie steht im Forschungskontext zu der parallel durchgeführten, international-komparativen Studie "Victims of War" (vgl. Kiza, E., Rathgeber, C., Rohne, H.-C.: Victims of War - War-Victimization and Victims’ Attitudes Towards Addressing Atrocities (Final Report). Hamburg, edition online, Hamburger Institut für Sozialforschung, 2006).

Förderung/Finanzierung:

Die Studie ist durch ein Stipendium der Max-Planck-Gesellschaft gefördert worden. Die Durchführung der Opferbefragung ist zugleich Bestandteil des von der Hamburger Stiftung zur Förderung der Kultur und Wissenschaft finanzierten Projektes "Victims of War".

Wesentliche Befunde der Untersuchung:

Die wesentlichen Befunde der Studie lassen sich wie folgt zusammenfassen: [mehr]

Themenbezogene Vorträge (Auswahl):

  • „Prospects for Restorative Justice in the Israeli-Palestinian conflict – Contrasting Restorative Justice with attitudes among intifada victims towards legal responses”, 24. November 2006, Vortrag auf der Konferenz „Restorative Justice Research in Europe: Outcomes and Challenges“ (EU-Forschungsprogramm COST Action A 21), 22.-24. November 2006, Warschau (Polen).
  • „Victims of War: An Empirical Study on War-Victimization and Victims Attitudes towards Adressing Atrocities” (zusammen mit Ernesto Kiza), 27. August 2006, Vortrag auf der 6th Annual Conference of the European Society of Criminology zum Thema „Understanding Crime – Structural and Developmental Dimensions and their Implications for Policy”, 26-29. August, 2006, Tübingen (Deutschland).
  • „Opferperspektiven und Kultur – Eine viktimologische Studie im Kontext der Al-Aqsa-Intifada“, 6. Mai 2006, Vortrag auf der IV. Wiener Konferenz für Mediation zum Thema „Culture meets Culture“, 3.-6. Mai 2006, Wien (Österreich).
  • „Sulha and Mediation – Cultural Aspects of Informal Conflict Resolution“ (dt. Titel: Sulha und Mediation – Kulturelle Aspekte im Rahmen informeller Konfliktbeilegung), 6. Mai 2006, Vortrag auf der IV. Wiener Konferenz für Mediation zum Thema „Culture meets Culture“, 3.-6. Mai 2006, Wien (Österreich).
  • „The German Legal System - An Overview”, 9. März 2006, Gastvortrag an der Birzeit University (Faculty of Law), Ramallah (Westbank).
  • „Victims' Perspectives and Legal Responses. A Comparative Study in the Context of the Second Intifada", 8. März 2006, Gastvortrag an der Hebrew University (Swiss Center Program for Conflict Research, Management and Resolution), Jerusalem (Israel).
  • „Intracultural approaches to violent conflicts and their victimological significance - A research in the context of the Israeli-Palestinian-Conflict”, „Responding to Victimization Surveying Attitudes of Victims of the Al-Aqsa Intifada”, 9.August 2005, Vortrag auf dem XIV. World Congress of Criminology „Preventing Crime & Promoting Justice: Voices for Change” International Society of Criminology, 7-11. August 2005, Philadelphia (USA).
  • „Legal Prosecution and Responsibility in Darfur – Findings from a Victimological Study”, 7. Mai 2005, Vortrag auf dem Workshop „Between State, Religion and Tradition – Re-examining the Concepts of Collective and Individual Responsibility in the Islamic World”, 5-8. Mai 2005, Danish Institute, Damaskus (Syrien).
  • „Victim’s expectations: The International War-Victim Survey”, 16. Juni 2005, Vortrag auf dem Workshop „Sentencing Research: Theory, Practice, Methodology and Perspective” (in Kooperation mit der Nottingham Law School, Centre for Legal Research), 16. Juni 2005, MPI, Freiburg (Germany) (zusammen mit Ernesto Kiza).
  • „Victims of War – A Victimological Study in the Context of Research on Punitiveness”, 28. April 2005, Vortrag auf dem Nordisk Workshop i Strafferet, 27. April – 1. Mai 2005, MPI, Freiburg (Germany) (zusammen mit Ernesto Kiza).
  • „Attitudes of Victims in Macro-Conflicts - Findings in the Context of the Israeli-Palestinian Conflict”, 18. März 2005, Vortrag anlässlich des Interlabo dans le cadre du GERN (Groupe européen de recherche sur les normativités „L'envie de punir - recherches sur l'usage de la sanction / The Desire to Punish - Research on Punishment / Straflust - Forschungen zur Strafe” , 18. März 2005, MPI, Freiburg (Germany) (zusammen mit Hila Auer-Shayan).
  • „Sulha – Eine palästinensische Konfliktbeilegungsmethode”, 24. September 2004, Vortrag auf dem Jahreskongress des Bundesverbands Mediation, 23-26. September 2004, Frankfurt (Oder) (Germany).
  • „Cultural Aspects of Conflict and its Resolution – A comparative perspective on Sulha and Western Mediation”, 2. September 2004, Vortrag im Rahmen der Alumni Summer School 2004 „Formal and Informal Means of Conflict Prevention & Resolution in the Middle East”, 1-9. September 2004, Banz/Bamberg (Germany).
  • „Intracultural approaches to violent conflicts and their victimological significance - A research in the context of the Israeli-Palestinian-Conflict”, 6. Dezember 2003, Vortrag auf dem Experts' Seminar „Alternative Means to Retributive Justice in Violent Conflicts in the Middle East”, 4-7. Dezember 2003, Istanbul (Türkei).

Medienbeitrag:

Opfer und Täter suchen die Versöhnung – Ein Modell für den Nahostkonflikt?, 3. Mai 2006, Bayern2Radio. Feature aus der Reihe IQ – Wissenschaft & Forschung (Sendedauer ca. 25 Min).

Publikationen (Auswahl):

  • Rohne, Holger-C. / Aertsen, Ivo / Arsovska, Jana / Valiñas, Marta / Vanspauwen, Kris (Hrsg.): Restoring Justice after Large-scale Violent Conflicts. Cullompton, Willan Publishing, 2008, 512 S.
  • Rohne, Holger-C.: The Israeli-Palestinian Conflict and the Second Intifada – The Cycle of Violence. In: Aertsen, Ivo et al. (Hrsg.): Restoring Justice after Large-scale Violent Conflicts. Cullompton, Willan Publishing, 2008, S. 215 - 228.
  • Rohne, Holger-C.: Prospects for Restorative Justice in the Context of the Israeli-Palestinian Conflict. In: Aertsen, Ivo et al. (Hrsg.): Restoring Justice after Large-scale Violent Conflicts. Cullompton, Willan Publishing, 2008, S. 279 - 319.
  • Rohne, Holger-C. / Arsovska, Jana / Aertsen, Ivo: Challenging Restorative Justice – State-based Conflict, Mass Victimisation and the changing Nature of Warfare. In: Aertsen, Ivo et al. (Hrsg.): Restoring Justice after Large-scale Violent Conflicts. Cullompton, Willan Publishing, 2008, S. 3 - 45.
  • Rohne, Holger-C.: Conceptualizing Punitiveness from a Victims’ Perspective – Findings in the Context of the Al-Aqsa Intifada. In: Kury, Helmut / Ferdinand, Ted N. (Hrsg.): International Perspectives on Punitivity. Bochum, Brockmeyer, Reihe/Series: Crime and Crime Policy (Bd./Vol. 4), 2008, S. 161 - 186.
  • Rohne, Holger-C.: Opferperspektiven im interkulturellen Vergleich. Eine viktimologische Studie im Kontext der Al-Aqsa-Intifada. Hamburg, Verlag Dr. Kovač, 2007, 410 S.
  • Kiza, Ernesto / Rathgeber, Corene / Rohne, Holger-C.: Victims of War. An Empirical Study on War-Victimization and Victims' Attitudes towards Addressing Atrocities. edition online (Hamburger Institut für Sozialforschung). Hamburg 2006.
  • Rohne, Holger-C. / Albrecht, Hans-Jörg / Simon, Jan-Michael / Rezaei, Hassan / Kiza, Ernesto (Hrsg.): Conflicts and Conflict Resolution in Middle Eastern Societies. Between Tradition and Modernity. Berlin, Duncker & Humblot, 2006.
  • Rohne, Holger-C.: Approaches to Responding to Violent Conflicts – Victimological Reflections in the Context of the Al-Aqsa-Intifada. In: Albrecht, Hans-Jörg et al. (Hrsg.): Conflicts and Conflict Resolution in Middle Eastern Societies. Between Tradition and Modernity. Berlin, Duncker & Humblot, 2006, S. 79-97.
  • Rohne, Holger-C.: Cultural Aspects of Conflict Resolution – Comparing Sulha and Western Mediation. In: Albrecht, Hans-Jörg et al. (Hrsg.): Conflicts and Conflict Resolution in Middle Eastern Societies. Between Tradition and Modernity. Berlin, Duncker & Humblot, 2006, S. 187-214.
  • Rohne, Holger-C. / Kiza, Ernesto / Rathgeber, Corene: War and Conflict Resolution – A Victimological Perspective. In: Albrecht, Hans-Jörg et al. (Hrsg.): Conflicts and Conflict Resolution in Middle Eastern Societies. Between Tradition and Modernity. Berlin, Duncker & Humblot, 2006, S. 45-78.
  • Rohne, Holger-C.: Sulha – Traditionelle Konfliktbeilegung in der palästinensischen Gesellschaft. In: Zeitschrift für Konfliktmanagement, 2004, Heft⁄Band 7/5, S. 204 - 209.
  • Rohne, Holger-C.: Kontinuität und Diskontinuität – Kennzeichen der rechtsgeschichtlichen Entwicklung der Quellen des Jüdischen Rechts. In: Zeitschrift für Altorientalische und Biblische Rechtsgeschichte, 2004, Heft⁄Band 10, S. 50 - 70.
 

Downloads und Links:

  • Ernesto Kiza / Corene Rathgeber / Holger-C. Rohne: Victims of War. An Empirical Study on War-Victimization and Victims' Attitudes towards Addressing Atrocities. edition online (Hamburger Institut für Sozialforschung). Hamburg 2006.
  • Rohne, Holger-C.: The Victims and Witnesses Section at the ICTY. An Interview with Wendy Lobwein.
    (working paper)
  • Rohne, Holger-C: International Jurisdiction and Reconciliation – Experiences from the ICTR. A discussion with Mathias Marcussen.
    (working paper)
  • Rohne, H.-C., Kiza, E., Rezaei, H. & Simon, J.-M.: International Alumni Summer School 2004 – Formal and Informal Means of Conflict Prevention and Resolution in the Middle East. edition iuscrim, forschung aktuell - research in brief, Nr. 29. Freiburg i. Br. 2006 (Online-Version).
  • Geändert am: 31.08.2011
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