Polizei und Jugendliche in multi-ethnischen Gesellschaften (POLIS)

Interaktionen und wechselseitige Wahrnehmung von Polizei und Jugendlichen (mit Migrationshintergrund) in Frankreich und Deutschland

Die Unruhen in den französischen Vorstädten, die ihren Höhepunkt im Herbst 2005 erreichten, haben auch in Deutschland großes öffentliches Interesse erfahren. Zwar blieben vergleichbare Vorfälle hierzulande bislang weitgehend aus, jedes neuerliche Auflodern gewalttätiger Konflikte im Nachbarland jedoch führt zu der Frage, ob derartige Krawalle auch in deutschen Städten zu befürchten seien. Wenngleich die Frage bisher nahezu einhellig verneint wurde, so führt sie doch direkt zu der Suche nach den Ursachen kollektiver Gewalt. Dabei gerät auch zunehmend das Thema Polizei und Migration ins Blickfeld des wissenschaftlichen Interesses. Sowohl in Frankreich wie auch in Deutschland stellen Jugendliche mit Migrationshintergrund mittlerweile einen bedeutenden Bevölkerungsanteil. Neben der sozialen Benachteiligung und mangelnden Integration von Migranten zählt das Verhältnis von Polizei und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu einem potenziellen Konfliktfeld multi-ethnischer Stadtgesellschaften. Im Rahmen eines deutsch-französischen Vergleichs zielt das vorliegende Projekt darauf, das vorhandene Wissen über die Ursachen kollektiver Jugendgewalt in den Städten zu vertiefen sowie die Quellen polizeilicher Legitimität und ihrer Konsequenzen für die soziale Ordnung in multi-ethnischen Gesellschaften zu untersuchen. Das Projekt umfasst sowohl qualitative Erhebungen (teilnehmende Beobachtungen, Leitfaden-Interviews) als auch eine standardisierte Schulbefragung. Ausführliche Informationen zur Schulbefragung "Lebenslagen und Risiken von Jugendlichen" sind HIER verfügbar.

Projektkategorie: Forschungsprojekt
Organisatorischer Status: Forschungsgruppenprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2009
Projektende: 2012
Projektstatus: laufend
Projektsprache(n): Englisch

Leiter(in):

Mitarbeiter(innen):

Projektbeschreibung:

Nicht nur in Frankreich waren es in der Vergangenheit zumeist kleinere Vorfälle zwischen einzelnen Polizeibeamten und Migrantenjugendlichen, die größere Krawalle auslösten. Die Interaktionen und wechselseitigen Wahrnehmungen zwischen Polizei und Jugendlichen (mit Migrationshintergrund) sowie Art und Ausmaß des Auftretens der Polizei in benachteiligten Stadtteilen sind daher ein wesentliches Element in der Untersuchung der Ursachen kollektiver Jugendgewalt. Während sich die empirische Polizeiforschung in Frankreich und Deutschland bislang vor allem im nationalen Kontext mit den komplexen Beziehungen von Polizei und Migranten beschäftigt hat, steht eine international vergleichende Forschung zwischen beiden Ländern noch weitgehend aus. Der internationale Vergleich ermöglicht es jedoch erst die Varianz der makrostrukturellen Bedingungen zu vergrößern, die einerseits das Verhalten Jugendlicher (soziale, ökonomische und ethnische Bedingungen) und andererseits das Verhalten der Polizei (institutionelle und organisatorische Bedingungen) determinieren. Wenn angesichts einer vergleichbaren sozialen Benachteiligung ganzer Bevölkerungsgruppen einige Länder durch Jugendunruhen erschüttert werden, andere aber nicht, so könnte die Qualität der Beziehungen zwischen Polizei und Jugendlichen (mit Migrationshintergrund) diesbezüglich das fehlende Glied in der Erklärung sein. Eine andere Erklärung wäre der in verschiedenen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägte Grad der sozialen Exklusion von Migranten. Eine der im vorliegenden Projekt verfolgten Hypothesen geht entsprechend davon aus, dass sozio-ökonomische Benachteiligung und sozialräumliche Segregation einen wesentlichen Beitrag leisten zur Entstehung von Kriminalität, Gewalt und Konflikten zwischen Polizei und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund.

Das zentrale Anliegen des Projekts ist es daher nicht allein, die potentielle Konfliktträchtigkeit des Verhältnisses zwischen Polizei und Migranten auf der Folie gegenseitiger Wahrnehmungen und alltäglicher Beziehungskonstellationen zu erforschen. Im Fokus stehen ebenso die wachsende ethnische Vielfalt in den europäischen Städten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Einerseits sollen daher Einstellungen, Verhaltensweisen und Erwartungshaltungen der Polizei untersucht werden, andererseits soll aber auch die Frage beantwortet werden, welche sozialen Bedingungen, Verhaltensorientierungen und Erfahrungen auf Seiten der Migranten das alltägliche Bild der Polizei prägen.

Methodisch soll eine Triangulation aus qualitativen und quantitativen Methoden einen differenzierten Einblick in das komplexe Verhältnis von Polizei und Migrantenjugendlichen ermöglichen. Eine standardisierte Schülerbefragung unter Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund wird dabei ergänzt durch die teilnehmende Beobachtung des polizeilichen Alltags und eine Reihe leitfadengestützter Experteninterviews mit Beamten verschiedener Organisationseinheiten. Gegenstand der Schülerbefragung sind die Einstellungen der Jugendlichen zur Polizeiarbeit und zu ihren Erfahrungen mit Polizeikontakten. Das Ziel ist die Überprüfung relevanter Hypothesen und der systematische Vergleich zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, Nachbarschaftskontexten und Ländern. Der qualitative Teil der Untersuchung soll darüber hinaus detailliert Aufschluss geben über Einstellungen und Interaktionen zwischen Jugendlichen und der Polizei.

Das Forschungsdesign der Studie ist so angelegt, dass sich die gewonnen Ergebnisse der Untersuchung problemlos vergleichen lassen. In beiden Ländern wurden dazu jeweils eine Stadt mittlerer Größe sowie eine Großstadt ausgewählt, um auf diese Weise die Varianz polizeilicher Aktivitäten über verschiedene Städte hinweg zu vergrößern und das Risiko nationaler Verallgemeinerungen zu verringern. Der qualitative Teil der Untersuchung konzentriert sich dabei in jeder Stadt auf zwei benachteiligte Stadtteile und ein ‚gut situiertes’ Viertel, die jeweils auch durch die quantitative Befragung abgedeckt werden.

Die gewonnenen Erkenntnisse sollen Antwort geben im Hinblick auf ein offensichtliches und andauerndes soziales Problem und die Polizei bei der Weiterentwicklung ihrer Strategien im Umgang mit Jugendlichen (mit Migrationshintergrund) unterstützen.

Finanzierung:

Das Projekt wird gefördert mit Mitteln des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Agence Nationale de la Recherche (ANR) getragenen "Förderprogramms in den Geistes- und Sozialwissenschaften 2008".

Publikationen (Auswahl):

  • Lukas, Tim / Hunold, Daniela: Polizei und Jugendliche in multi-ethnischen Gesellschaften. Beschreibung eines deutsch-französischen Forschungsprojekts und erste Befunde der deutschen Teilstudie. In: Tangram, 2010, Heft⁄Band 26, S. 101 - 105.
  • Lukas, Tim / Hunold, Daniela: Polizei und Soziale Arbeit. Der Bezirksdienstbeamte in Analogie zum Streetworker? In: Recht der Jugend und des Bildungswesens, 2010, Heft⁄Band 3/58, S. 339 - 352.
  • Oberwittler, Dietrich / Lukas, Tim: Schichtbezogene und ethnisierende Diskriminierung im Prozess der strafrechtlichen Sozialkontrolle. In: Scherr, Albert / Hormel, Ulrike (Hrsg.): Diskriminierung: Grundlagen und Forschungsergebnisse. Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010, S. 221 - 254.
  • Lukas, Tim: Why are there no riots in Germany? Interactions and mutual perceptions between police forces and minority adolescents. In: Waddington, David / Jobard, Fabien; King, Mike (Hrsg.): Rioting in the UK and France. Cullompton, Willan, 2009, S. 216 - 338.
  • Albrecht, Hans-Jörg: Legitimacy and Criminal Justice: Inequality and Discrimination in the German Criminal Justice System. In: Tyler, Tom (Hrsg.): Legitimacy and Criminal Justice. New York, Russell Sage Foundation, 2007, S. 302 - 331.
  • Albrecht, Hans-Jörg: Polizei, Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit in multi-ethnischen Gesellschaften. In: Donatsch, Andreas / Forster, Marc; Schwarzenegger, Christian (Hrsg.): Strafrecht, Strafprozessrecht und Menschenrechte (Festschrift für Stefan Trechsel). Zürich, Schulthess, 2002, S. 327 - 354.
  • Albrecht, Hans-Jörg: Ethnic Minorities, Crime and Criminal Justice in Germany. In: Tonry, Michael (Hrsg.): Crime and Justice. A Review of Research, vol. 21. Chicago, University of Chicago Press, 1997, S. 31 - 99.
  • Geändert am: 02.09.2011
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