Projekt Anglistik - Literaturwissenschaft

Prozesse der Kriminalisierung und die Erfahrung von Gefangenschaft: Räume, Körper, Identitäten, Topoi, Metaphern

Das literaturwissenschaftliche Projekt thematisiert einerseits die diskursive Stigmatisierung von Personengruppen, die in Folge der Übertretung von Rechtsnormen ausgegrenzt werden (Kriminalisierung); andererseits befasst es sich mit der Erfahrung dieser Stigmatisierung, die häufig zu einer neuen Identitätskonstitution führt, und in erster Linie mit dem Ort der Ausgrenzung, dem Gefängnis, assoziiert ist. Literarisch werden diese Prozesse in Zuschreibungsdiskursen, Metaphern und imagologischen Entwürfen bzw. Strategien der Sympathiewerbung oder Sympathielenkung greifbar.

Ziele des Projekts sind:

  • die Beschreibung und Analyse diskursiver Ausgrenzungspraktiken sowie der Markierung sozialer Identität in literarischen und nichtliterarischen Gattungen der englischen Literatur (Roman, Drama, Film, Journalismus, Autobiographie, Hagiographie, kriminologischer Fachdiskurs), soweit sie den 'Verbrecher' charakterisieren;
  • die Analyse literarischer Topoi, von Metaphorik und visueller Darstellung (auch im Film), soweit diese die diskursiven Ausgrenzungen ergänzen bzw. konterkarieren;
  • die historische Analyse dieser Stilmittel am Beispiel ausgewählter Genre von der Spätrenaissance bis zur Moderne, inklusive Filmanalysen, da der Film im 20. Jahrhundert die wichtigste Quelle für Alltagsvorstellungen von Gefängnisrealität ist;
  • die Untersuchung des Einflusses der Tiermetaphorik auf den Wissenschaftsdiskurs, besonders der positivistischen Kriminologie.
  • Schließlich will das Projekt die theoretischen Positionen Foucaults und des New Historicism bezüglich des Verhältnisses von Macht und Diskurs entscheidend modifizieren.

Teilprojekt Fludernik

Das Buchprojekt von Prof. Dr. Monika Fludernik befasst sich mit Kerkerräumen, Gefängnismetaphern und der Konstituierung eines kulturellen Imaginariums in literarischen und nichtliterarischen Texten, das sich aus Metaphorik und Raumdarstellung speist und von dort ins allgemeine kulturelle Gedächtnis weitertransportiert wird. Es wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass die Vorstellungen, die wir vom Gefängnis haben, zu einem großen Teil auf literarischen (und heutzutage filmischen) Darstellungen beruhen, welche ihrerseits starke traditionelle Wurzeln haben. So gehen viele Topoi der Raumdarstellung auf mittelalterliche, ja sogar antike Quellen zurück und werden noch heute verwendet. Besonders anachronistisch ist auch der Gebrauch von Gefängnismetaphorik, die sich in ihren Details überwiegend auf den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kerker bezieht, auch wenn die Kontexte, in denen diese Metaphorik angewandt wird, Gefängnisse moderneren Stils notwendig machen würden.

Insgesamt geht es in der Studie um ausgewählte Fallbeispiele, an denen die Entstehung einer imaginären Gefängnisvorstellung im kulturellen Gedächtnis beschrieben wird. Dabei fokussieren einzelne Kapitel auf verschiedene Topoi, die in den Texten rekurrieren; andere Kapitel befassen sich mit Gefängnismetaphern. Das Textkorpus reicht von der Renaissance bis zur Postmoderne. Besonderes Augenmerk wird der postkolonialen Literatur und feministischen Aspekten gewidmet.
Erste Vorarbeiten sind in Publikationen einzusehen (siehe Bibliographie).

Neben dieser Monographie plant Fludernik weitere Aufsätze und Untersuchungen zur Kriminalisierung und will intensiv an der Analyse von TV-Serien gemeinsam mit Kriminologen und Medienwissenschaftlern mitarbeiten. Fludernik koordiniert zudem die Arbeiten der Projektgruppe.


Teilprojekt Alber

Jan Alber beschäftigt sich in seiner Dissertation ("Banished Behind Bars: The Representation and Role of Prisons from Charles Dickens's Novels to Twentieth-Century Film") mit der Darstellung von Gefängnissen in Romanen und Filmen. Die Untersuchung beginnt mit den Romanen von Charles Dickens und endet bei Gefängnisfilmen des zwanzigsten Jahrhunderts. Folgende Aspekte sind hierbei zentral:

  • das reziproke Austauschverhältnis zwischen realen Gefängnissen und Gefängniserzählungen;
  • der Einfluss von Dickens auf Gefängniserzählungen des zwanzigsten Jahrhunderts;
  • medienspezifische Fragestellungen bzgl. der Darstellung von zentralen Aspekten der Gefangenschaft und damit verbundenen Metaphern;
  • die ideologisch motivierten Grundannahmen über das 'Wesen' der Institution Gefängnis und seine Insassen;
  • erzähltheoretische Überlegungen bzgl. der Erzählweise von Filmen und Romanen.

Alber argumentiert, dass die von ihm analysierten Gefängniserzählungen zwei zentrale Strukturelemente des Gefängnisses reproduzieren. Genauer gesagt spiegeln die auktorialen Romane von Dickens und Gefängnisfilme die ständige Überwachung der Körper der Gefangenen wider, während die Ich-Erzählungen, die für Gefängnisromane des zwanzigsten Jahrhundert typisch sind, die Individualisierung der Gefangenen im Gefängnis sowie die Prozesse der Selbstüberwachung und Selbstbeobachtung fortsetzen, die das Gefängnis in Gang gesetzt hat.

Alber zeigt auf, dass die Romane Little Dorrit, A Tale of Two Cities und Great Expectations von Dickens zwei wichtige Entwicklungen von Gefängniserzählungen im zwanzigsten Jahrhundert vorwegnehmen. Die zahlreichen in Ich-Form geschriebenen oder gesprochenen Briefe, Tagebücher und Geständnisse in Little Dorrit und A Tale of Two Cities antizipieren die Reise ins Innere der Gefangenen, die in Gefängnisromanen des zwanzigsten Jahrhunderts beobachtet werden kann: diese fokussieren nämlich auf das Innenleben von gefangenen Protagonisten und deren Gefühle und Gedanken. In diesem Zusammenhang stellt die fiktionale Autobiographie Great Expectations die wichtigste Verbindung zwischen Gefängniserzählungen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts dar. Alber zeigt außerdem auf, daß die proto-filmischen Romane von Dickens im allgemeinen (und die Szenen von Gruppengewalt in A Tale of Two Cities im besonderen) die bewegten Bilder des Films auf vielfältige Art und Weise antizipieren.

Des weiteren untersucht Alber auf der Grundlage von Michel Foucaults Überwachen und Strafen die Darstellung zentraler Aspekte der Gefängniserfahrung (wie den Einweisungsprozess oder die Monotonie des Gefängnisalltags) in Romanen und Filmen. Schließlich wirft Alber auch einen Blick auf die Darstellung von Metaphern die mit dem Gefängnis zu tun haben und vergleicht diesbezüglich ebenfalls Romane und Filme. Alber beschäftigt sich erstens mit Metaphern der Gefangenschaft die das Gefängnis als etwas anderes darstellen (z.B. als Mutterleib, Grabkammer, Käfig, etc.); zweitens zeigt Alber auf wie bestimmte gesellschaftliche Probleme oder Einstellungen (wie z.B. Rassismus oder Klassenkonflikte) im Gefängnis reproduziert und intensiviert werden können; drittens untersucht Alber die Darstellung von Gefängnismetaphern die Seinsbereiche jenseits des Gefängnisses als Gefängnis konstruieren und argumentiert, dass dies in erster Linie durch die Darstellung von Metonymien des Gefängnisses (Gitterstäbe, Stacheldraht, Ketten, etc.) in der Welt außerhalb des Gefängnisses funktioniert.

Da Gefängnisfilme (und auch die Romane von Dickens) einen wesentlichen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung von Gefängnissen und Gefangenen haben, geht Alber auch auf die in Romanen und Filmen versteckten Grundannahmen bezüglich des 'Wesens' von Gefängnissen und Inhaftierten ein. Zum einen kann das Gefängnis dadurch in Frage gestellt werden, dass man die Gefangenen als arme unschuldige Opfer einer kranken Gesellschaft darstellt, die dann in der Hölle des Gefängnisses langsam zugrunde gehen. Zum anderen können uns Gefängniserzählungen aber auch mit unwiederbringlich verdorbenen Kriminellen konfrontieren, deren Existenz die Institution des Gefängnisses unbedingt rechtfertigt. Diese beiden Darstellungsmodi fungieren als Idealtypen im Sinne Max Webers, anhand derer Gefängniserzählungen 'gemessen' werden.


Teilprojekt Lederer

Thomas Lederer untersucht in seiner Dissertation "Sacred Demonization: Constituting Identities and Alterities in English Renaissance Hagiography" geistliche Biographien aus der Reformationszeit. Der Begriff 'geistliche Biographien' wird hier im weitesten Sinne als Schilderungen des Lebens von solchen Frauen und Männern verstanden, deren Verhalten und religiöse Überzeugung ihren Zeitgenossen und danach als überdurchschnittlich und besonders 'gottgefällig' erschienen und daher zur Nachahmung einluden. Folgende Punkte sind für seine Forschung zentral:

  • rhetorische Strategien der Aus- und Einschließung, der Verteufelung und Heiligsprechung, der Kriminalisierung und Normativisierung;
  • inwieweit spielt der Karneval, das bewusste Umkehren von Paradigmata, eine Rolle bei der Verteufelung des Anderen und zur Rechtfertigung des eigenen Standpunktes?
  • der potentielle (Selbst-) Dekonstruktionsmechanismus, der den Texten innewohnt, besonders im Fall von Paradoxa/Oxymora und am Beispiel der Feuermetapher;
  • der Zusammenhang zwischen konfessioneller Bindung und nationaler Zugehörigkeit (Englishness) im Text, mit anderen Worten, 'denomiNation';
  • Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen spätmittelalterlicher geistlicher Biographie und deren Gegenstück in der Renaissance einerseits und zwischen Texten der Reformation und solchen der Gegenreformation andererseits.


Teilprojekt Olson

Dieses Habilitationsprojekt untersucht das Verhältnis zwischen Naturwissenschaft, Literatur und Kultur. Im einzelnem zeigt "'Criminal Animals' and the Rise of Positivist Criminology: From Shakespeare to Conrad and Norris" auf, wie frühere Darstellungen von (männlichen und weiblichen) Verbrechern die Etablierung der Kriminologie am Ende des 19. Jahrhunderts beeinflussten. Die Verwendung und Funktion von Tiermetaphern und 'tierhaften' Charakterisierungen krimineller Personen werden in zwei Textkorpora analysiert, die in reziprokem Verhältnis zu einander stehen: einerseits in 'literarischen' Texten, also in englischen Dramen und Prosawerken die zwischen 1590 und 1900 geschrieben wurden und sich mit Verbrechen beschäftigen, und anderseits in 'nichtfiktionalen' Texten wie Flugblättern, Verhandlungsprotokollen, Kriminalbiographien und Geständnissen sowie in frühen Theorien des Verbrechens.

Die Studie ist in drei große Abschnitte unterteilt - die Renaissance, das "lange 18. Jahrhundert" und das viktorianische Zeitalter - und stellt folgende Thesen auf:

  • "animalistische" Bilder von Verbrechern ab der frühen Neuzeit haben wesentlich zu späteren Theorien von Kriminalität als angeboren und biologisch determiniert beigetragen (zu untersuchende Texte sind hier die Dramen von William Shakespeare und John Webster sowie Komödien der frühen Neuzeit im Vergleich mit u. a. Robert Greenes und Thomas Dekkers Flugblättern.);
  • ab dem 18. Jahrhundert verlieren 'tierhafte' Darstellungen von Verbrechern an Popularität, da mit der Entstehung einer "culture of sensibility" zunehmend Sympathie für Tiere empfunden wurde, die dann nicht mehr als Figuren des Subhumanen dienen konnten. (zu untersuchende Texte sind hier die Romane von Defoe, Fielding, Richardson und Godwin, verglichen mit den "broadsheets" und dem Newgate Calendar.);
  • am Ende des 19. Jahrhunderts setzen sich viele englische Autoren (wie z.B. Robert Louis Stevenson, Oscar Wilde, Joseph Conrad und Bram Stoker) direkt oder indirekt mit Cesare Lombrosos Theorie des "geborenen Verbrechers" auseinander (L'Uomo delinquente, 1876), die wiederum auf Charles Darwins The Descent of Man (1871) und der Theorie der Degeneration von B. A. Morel aufbaut: Die mit einem empirischen Anspruch auftretende Kriminalanthropologie (Lombroso, La Scuola Positiva) wird in der animalistischen Repräsentation von Kriminellen in der Literatur reflektiert. Im amerikanischen Kulturraum findet Lombrosos Theorie des geborenen Kriminellen besonders große Akzeptanz und wird von den amerikanischen Naturalisten literarisch verbildlicht (Texte: Romane von Frank Norris und Stephen Crane);
  • der Körper des Verbrechers fungiert in den hier behandelten Texten primär als Symbol der Kontrastierung von Norm und Normabweichung;
  • Bilder von 'tierhaften' Verbrechern haben nicht nur zur Verwissenschaftlichung der Kriminologie beigetragen, sondern beeinflussen noch heute populäre und fachspezifische Darstellungen von Kriminellen und Kriminalität.


  • Geändert am: 19.09.2011
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