Hasskriminalität

Auswirkungen von Hafterfahrungen auf Selbstbild und Identität von fremdenfeindlichen jugendlichen Gewalttätern

Die Dissertation ist Bestandteil des DFG-Projekts Recht – Norm – Kriminalisierung.

Projektkategorie: Dissertation
Organisatorischer Status: Einzelprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2004
Projektende: 2009
Projektstatus: abgeschlossen
Projektsprache(n): Deutsch

Leiter(in):

Gewalttätiges fremdenfeindliches Verhalten ist, wie alles Verhalten des Menschen, unausweichlich eingebunden in Erscheinungen des Zeitgeistes. “Zeitgeist” soll hier verstanden werden als übergeordneter Begriff aller zu einem bestimmten Zeitabschnitt herrschenden Sozialisationseinflüsse, die Orientierung bei der Suche nach Verhaltensrichtlinien gewährleisten. Unsere heutige Zeit, meist mit Begriffen wie “Spät-” oder “Postmoderne” etikettiert, ist gekennzeichnet durch ein immer pluralistischer werdendes Angebot an akzeptierten Lebensentwürfen und -konzepten. Damit einher geht bekanntlich auch die Relativierung einzelner Werte und Normvorstellungen, was wiederum mit einem Verlust an Halt verbunden ist. Gerade Jugendlichen wird damit die Erfüllung ihrer zentralen entwicklungspsychologischen Aufgabe, nämlich ihre (eigene) Identität zu entwickeln, wesentlich erschwert. Die sog. “Patchwork-Identität”, die ohne integrative Kraft zusammengesetzt ist und damit auch keinen einheitlichen Identitätskern mehr besitzt, ist individuumsbezogener Ausdruck dieser gesellschaftlichen Verhältnisse.

Die Untersuchung der Auswirkungen von Hafterfahrungen auf fremdenfeindliche jugendliche Gewalttäter soll hier anhand des Konzepts des Selbstbildes und der Identität vorgenommen werden. Damit mag der Zugang zunächst nur perspektivisch und darum einseitig erscheinen. Jedoch ist dieses Konzept für die vorliegende Fragestellung sowohl theoretisch als auch methodologisch ein äußerst ergiebiges. Denn es berührt mehrere Disziplinen und inhaltliche Ebenen, die gerade auch für das Thema der in Gewalt mündenden Fremdenfeindlichkeit eigenständige und herausragende Bedeutung haben.

Denn die Identität lässt eine sowohl entwicklungs- und sozialpsychologische als auch soziologische Deutung fremdenfeindlichen gewalttätigen Verhaltens von Jugendlichen zu. Das Bild, das man von sich selbst hat, kann nur dadurch erzeugt werden, dass man sich selbst mit den Augen der anderen sieht. Dies wiederum kann nur durch Interaktion mit anderen Menschen geschehen. Interaktion findet auf verschiedenen Ebenen, sowohl zwischen Einzelnen wie auch zwischen Gruppen (Gruppenidentität) bis hin zu ganzen Gesellschaftsgruppen statt. Identitäten auf allen Ebenen werden über Interaktionen stets von neuem ausgehandelt, bestätigt oder verändert. Gerade in der Haft beschränken sich Interaktionen allerdings auf einen nur äußerst kleinen Kreis von Menschen; das Austesten verschiedener Rollen, auf die Jugendliche zur Bewältigung ihrer Identitätsfindung angewiesen sind, ist somit nur sehr eingeschränkt möglich. Die Interaktionen in der Haft haben daher eine kaum zu überschätzende Bedeutung für die Identitätsentwicklung im Strafvollzug.
Zudem lässt sich am Konzept des Selbstbildes fremdenfeindliches Gewaltverhalten im Lichte des Etikettierungsansatzes, und zwar in doppelter Hinsicht fruchtbar untersuchen: Denn die strafrechtliche Reaktion auf die Gewalttat ist vorliegend auch eine auf die hassmotivierte Tat. Die Etikettierung könnte sich mithin nicht nur auf die Kriminalisierung, sondern auch auf die Hassmotiviertheit der Tat beziehen. Die psychologische Kehrseite des Labeling Approach besteht bekanntlich darin, dass die erfahrene Etikettierung von außen ins Selbstbild übernommen wird.

Daher stellt sich die Frage: Bezieht sich diese Internalisierung nur auf den Stempel des “Kriminellen” bzw. “Gewaltkriminellen” oder auch auf den des “Handelns aus Hass”? Letzteres würde bedeuten, dass Prozesse der sich selbst erfüllenden Prophezeihung nicht lediglich hinsichtlich allgemeinen kriminellen (oder auch gewalttätigen) Verhaltens, sondern auch in bezug auf hassmotiviertes Verhalten im Allgemeinen oder auch hassmotivierter Gewalt im Besonderen wirken würden.

In diesem Zusammenhang ist aber auch die besondere Beziehung der zu untersuchenden Häftlingsgruppe zu der sie strafenden Instanz, dem Staat, zu beachten: Während “normale” Gefangene die Strafe in der Regel als eine normale Reaktion auf ihre Tat ansehen, ist bei fremdenfeindlichen Gewalttätern nicht auszuschließen, dass sie die Reaktion des Staates ideologiekritisch hinterfragen, und die Strafe nicht als gerechtfertigt, sondern gar als Bestätigung ihrer kritischen Einschätzung gegenüber dem “untätigen” Staat, demgegenüber sie wenigstens mal die Dinge “in die Hand genommen haben”, ansehen.
Dieser Gesichtspunkt hängt eng zusammen mit einem weiteren Schwerpunkt der Untersuchung, den Neutralisierungstechniken. Diese wurden von Sykes und Matza zur Erklärung dafür herangezogen, wie es Angehörigen von Subkulturen möglich ist, bei erwiesener Aufrechterhaltung des sonstigen Normen- und Wertesystems, ihre Taten ohne Schuldgefühle begehen zu können. In Bezug auf die vorliegende Studie soll untersucht werden, ob und wie Neutralisierungstechniken über die Tiefe der Überzeugung, mithin auch über die Verwurzelung derselben in bezug auf gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Selbstkonzept Aufschluss geben können.

Für die Untersuchung anhand des Identitätskonzepts ist das qualitative Interview – angesichts der geringen Fallzahlen ohnehin – die Methode der Wahl, insbesondere, da nur über offen gehaltene Fragen der Proband selbst über die Struktur seines Selbstbildes entscheiden kann. Allein dadurch werden – was mit quantitativen Methoden nicht möglich ist – Sinndeutungen explizierbar, wodurch nicht nur ein Erklären, sondern ein Verstehen der inneren Prozesse der Jugendlichen ermöglicht wird. Auf Aussagen zu Inhaltskomponenten verschiedener Teilbereiche der Identität und der emotional-evaluativen Komponenten des Selbstkonzepts (Selbstwertgefühl) muss aufgrund der Nachfragemöglichkeiten im Rahmen des sog. themenzentrierten Interviews nicht verzichtet werden. Einheitliche Aussagen zu Selbstbild und Identität fremdenfeindlicher Gewalttäter sollen in einem hermeneutisch-ähnlichen Zirkel aus den Interviewdaten ermöglicht werden.

Die Studie steht im Zusammenhang mit der Arbeit von Frau Figen Özsöz zu Auswirkungen von Jugendhaft auf rechtsextremistische Orientierungsmuster jugendlicher Gewalttäter.


  • Geändert am: 23.11.2011
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