Rechtsextremismus & Jugendstrafvollzug

Auswirkungen von Jugendhaft auf rechtsextremistische Orientierungsmuster jugendlicher Gewalttäter

Die Dissertation ist Bestandteil des DFG-Projekts Recht – Norm – Kriminalisierung.

Projektkategorie: Dissertation
Organisatorischer Status: Einzelprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2004
Projektende: 2008
Projektstatus: abgeschlossen
Projektsprache(n): Deutsch

Leiter(in):

Rechtsextremistische Orientierungen und Fremdenfeindlichkeit stellen auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts – vor allem angesichts einer fortwährenden internationalen Vernetzung – eine besondere Herausforderung für moderne Gesellschaften dar. Die vorliegende Dissertation widmet sich dem bisher weitgehend vernachlässigten Thema Rechtsextremismus im Kontext des Jugendstrafvollzugs. Das zentrale Ziel ist es, die Auswirkungen von Jugendhaft auf Entwicklungsprozesse junger Männer zu untersuchen, die rechtsextremistisch bzw. fremdenfeindlich motivierte Gewalttaten begangen haben. Ein wesentlicher Schwerpunkt bezieht sich dabei auf die Frage, inwiefern der Strafvollzug rechtsextreme Orientierungsmuster abschwächt, verfestigt oder in ihren inhaltlichen Ausprägungen verändert. Hierbei geht es insbesondere um die spezifischen Einflussgrößen dieser Veränderungsprozesse, d.h. um die Frage unter welchen individualpsychologischen sowie sozial-institutionellen Bedingungen es zu einer Verfestigung bzw. Ablösung von rechtsextremen Tendenzen kommt.

Zuallererst gilt es zu klären, inwieweit die als „rechtsextremistisch“ bzw. „fremdenfeindlich“ etikettierte Straftat tatsächlich aus einer rechtsextremen Ideologie heraus begangen wurde und in welcher Art und Weise sich vorhandene rechtsextreme Orientierungen inhaltlich äußern. Konstituiert sich der Kern dieser jugendlichen Weltanschauung lediglich in einer Ablehnung und Abwertung von sozialen Minderheiten oder lassen sich weitere Fassetten wie Nationalismus oder Führer- und Gefolgschaftsideologien feststellen? Im Bereich individualpsychologischer Bedingungen richtet sich das Augenmerk auf Einflüsse des soziodemographischen Hintergrunds, der Persönlichkeitsmerkmale sowie der autoritären Persönlichkeitszüge auf rechtsextremistische Orientierungsmuster und den Vollzugsverlauf. In Bezug auf sozial-institutionelle Einflussgrößen werden sowohl formelle (z.B. Vollzugsform, Anstaltsgröße, Förderangebote) als auch informelle Strukturen (z.B. Subkulturbildung, Gruppenkonflikte, Anstaltsklima) des Vollzugs analysiert. Hierbei geht es zunächst um die Bedeutung der konkreten Haftsituation für rechtsextreme Tendenzen. Welche Rolle spielt beispielsweise die institutionelle Unterbringung oder die ethnische Zusammensetzung der Insassen für Einstellungsveränderungen und den Vollzugsverlauf? Der Einfluss von Gruppenprozessen, was zumindest das Tathandeln anbetrifft, gilt als eindeutig gesichert, aber welche Rolle spielen diese für rechtsextreme Orientierungsmuster im Vollzug? Gibt es fremdenfeindliche Konflikte im Vollzug und in welcher Art und Weise werden diese Konflikte ausgetragen? Eine weitere Fragestellung bezieht sich auf den Umgang der Anstaltsleitung und der Bediensteten mit fremdenfeindlichen Konflikten und rechtsextremen Straftätern. Welche Regeln und Strategien entwickeln Anstalten beispielsweise um fremdenfeindliches Verhalten zu unterbinden? Ebenfalls von Interesse sind die Kontakte der jungen Gefangenen außerhalb des Vollzugs. So wird der Frage nachgegangen, inwieweit rechte Strafgefangene noch Beziehungen zu rechtsextremen Freundescliquen oder gar Organisationen unterhalten.

Fremdenfeindliche Orientierungen im Jugendstrafvollzug stellen ein weitgehend unbekanntes Themenfeld dar. Daher werden in der vorliegenden Studie neben quantitativen Methoden wie z.B. standardisierte Fragebögen zu den Untersuchungsbereichen Persönlichkeit, Autoritarismus, und Prisonisierung, schwerpunktmäßig qualitative Verfahren in Form von Leitfaden-Interviews eingesetzt. Die Untersuchung ist mit zwei Messzeitpunkten (t1: Haftantritt; t2: 7 – 9 Monate später im Haftverlauf) längsschnittlich angelegt und umfasst den Vergleich drei verschiedener Stichprobengruppen:

(a) inhaftierte fremdenfeindliche Gewalttäter
(b) inhaftierte Gewalttäter ohne fremdenfeindlichen Hintergrund
(c) fremdenfeindliche Jugendliche ohne Hafterfahrungen

Die jeweiligen Untersuchungsgruppen bestehen ausschließlich aus jungen Männern deutscher Herkunft im Alter von 14 bis 24 Jahren. Die Stichprobengröße wird etwa 15 bis 20 Personen je Gruppe betragen.

Die Studie ist Bestandteil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts Hasskriminalität — Auswirkungen von Hafterfahrungen auf fremdenfeindliche jugendliche Gewalttäter und wird bundesweit in Zusammenarbeit mit Jugendstrafvollzugsanstalten und verschiedenen Jugendeinrichtungen durchgeführt.


Publikationen (Auswahl):

  • Özsöz, Figen: Rechtsextremistische Gewalttäter im Jugendstrafvollzug.
    Kriminologische Forschungsberichte, Berlin 2009, 284 S.
  • Özsöz, Figen: Hasskriminalität. Auswirkungen von Hafterfahrungen auf fremdenfeindliche jugendliche Gewalttäter. In: Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht (Hrsg.): Forschung Aktuell - Research in Brief (Nr. 40). Freiburg, 2008.
  • Özsöz, Figen: Rechtsextremistische Gewalttäter im Jugendstrafvollzug - Verfestigung oder Ablösung rechtsextremistischer Orientierungen im Haftverlauf. In: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Der Aufstand der Zuständigen. Was kann der Rechtsstaat gegen Rechtsextremismus tun. Berlin, 2007, S. 95 - 103.
  • Özsöz, Figen: Rechtsextreme Gefangene im Strafvollzug - Ein Überblick. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 2007, Band⁄Heft 1/90, S. 30 - 47.
  • Literatur zum Projekt:

  • Frindte, Wolfgang / Neumann, J.: Fremdenfeindliche Gewalttäter. Biographien und Tatverläufe. Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 2002.
  • Heitmeyer, Wilhelm / Müller, J.: Fremdenfeindliche Gewalt junger Menschen. Biographische Hintergründe, soziale Situationskontexte und die Bedeutung strafrechtlicher Sanktionen. Bonn, Forum Verlag Godesberg, 1995.
  • Kühnel, Wolfgang (Hrsg.): Fremdenfeindlichkeit und ethnische Konflikte im Jugendstrafvollzug. Eine vergleichende Untersuchung von Insassen und Bediensteten im Jugendstrafvollzug. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2006.
  • Möller, Kurt: Rechte Kids. Eine Langzeitstudie über Auf- und Abbau rechtsextremistischer Orientierungen bei 13- bis 15jährigen. Weinheim und München, Juventa, 2000.
  • Wahl, Klaus (Hrsg.): Fremdenfeindlichkeit. Antisemitismus, Rechtsextremismus. Drei Studien zu Tatverdächtigen und Tätern. Berlin, Bundesministerium des Innern, 2001.
  • Willems, Helmut / Eckert, R. / Würtz, S. / Steinmetz, L.: Fremdenfeindliche Gewalt. Einstellungen, Täter, Konflikteskalation. Opladen, Leske + Budrich, 1993.
 

Downloads und Links:

  • Geändert am: 29.10.2013
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