Lebensverläufe von Sexualstraftätern nach EntlassungEine empirische Untersuchung über die Bedeutung der Lebensgestaltung gefährlicher Straftäter für die Rückfallgefahr
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| Projektkategorie: | Dissertation |
| Organisatorischer Status: | Einzelprojekt |
| Projektlaufzeit: | Projektbeginn: 2007 Projektende: 2011 |
| Projektstatus: | laufend |
| Projektsprache(n): | Deutsch |
Leiter(in):
Forschungsstand
Ausgangspunkt des Projekts ist die Tatsache, dass bei der Vorhersage der zukünftigen Rückfallgefahr dynamische Risikofaktoren - wie z.B. die Wohngegend und die Größe des Wohnorts oder die häusliche Situation – meist vernachlässigt werden (siehe Derzeitiger Projektstand). Diese sind im Gegensatz zu den statischen Risikofaktoren einer Veränderung zugänglich und bieten demnach einen Ansatzpunkt für sinnvolle (sozial)therapeutische Maßnahmen im Vorfeld der Entlassung. Stattdessen werden für die Beurteilung der weiteren Rückfallgefahr zumeist statische Risikofaktoren herangezogen. Zu diesen sind beispielsweise das Alter bei der Ersttat und der ersten Entlassung, die Anzahl der Vorstrafen und Art der Delikte zu zählen. Darüber hinaus sind die der Gefährlichkeitsabschätzung dienenden Merkmalskataloge anhand von retrospektiven Rückfallstudien erhoben worden, welche sich auf Daten aus dem Bundeszentralregister stützen.
Der bisherige Forschungsstand bietet demnach zum einen keine Ergebnisse einer in Form von prospektiven Studien erbrachten empirischen Überprüfung der den Katalogen zugrunde liegenden Risikomerkmale. Zum anderen findet sich keine auf Selbstberichte stützende Dunkelfelderhebung bei Sexualstraftätern, die Aufschluss gibt über die tatsächliche Häufigkeit von Rückfalltaten nach einer durchgeführten strafrechtlichen Sanktionsmaßnahme.
Projektziel
Das Forschungsprojekt ist Bestandteil des Gesamtprojektes Sexualstraftäter in sozialtherapeutischen Anstalten des Freistaates Sachsen. Aufgabe des vorliegenden Teilprojektes ist es aufgrund der zuvor beschriebenen Lücken in der Rückfallforschung die Einflussquellen für einen Rückfall bzw. die Legalbewährung nach Entlassung zu identifizieren.
Hierzu findet zum einen eine Fokussierung auf die Lebensumstände der entlassenen Täter statt. Dabei interessiert es auch, inwiefern die vom Sachsverständigen im Entlassgutachten als rückfallbegünstigenden bzw. rückfallvermeidenden benannten Faktoren tatsächlich prognostisch relevant werden. Zum anderen werden Dunkelfelddaten erhoben, die Aufschluss geben über Ausmaß und Anlässe auch von nicht strafrechtlich verfolgten Rückfalltaten im Nachentlasszeitraum. Diese Daten können dann in Bezug gesetzt werden zu den gewonnenen Erkenntnissen über die Lebenswirklichkeit im Nachentlasszeitraum.
Methodik
Das Projektdesign sieht daher ein zweistufiges Vorgehen vor: Kernstück der Studie sollen durch Interviews erhobene qualitative Daten sein. Dabei wird ein möglichst breiter Zugang gewählt, um auch unerwartete Einflüsse auf die Stabilität im Leben im Gespräch in Erfahrung zu bringen. Darüber hinaus wird die Interviewsituation zur Gewinnung von subjektiven Rükfalltheorien genutzt. Daten über selbstberichtete Delinquenz werden in Form eine vollständig anonymisierten Fragebogens erhoben, neben dem noch weitere Tests und Fragebögen zum Einsatz kommen, die zur Gewinnung von quantitativen Daten genutzt werden.
Derzeitiger Projektstand
Im Rahmen der Vorbereitungen der Interviews wurden zum einen eine Reihe von Gutachten zur Legalprognose gesichtet. Ziel war es, die von den Sachverständigen - also den Gutachtern - als relevant erachteten Kriterien zu erheben, um diese im Interview mit den Probanden besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Leider deckten sich die Ergebnisse dieser Gutachtenanalyse mit den Mankos der Prognoseerstellung, auf die auch in der Literatur hingewiesen werden: Bei der Beurteilung der Rückfallgefahr liegt ein klarer Schwerpunkt auf den statischen, also keiner Veränderung zugänglichen Risikofaktoren.
Da das hier dargestellte Projekt jedoch zum Ziel hat, auf die Lebensverlauf im Nachentlasszeitraum zu fokussieren, wurde bei der Erstellung der Interviewleitfäden ein theoretischer Zugang gewählt. Somit beinhaltet der Leitfaden im ersten Teil die Lebensbereiche, welche in der Literatur als dynamische Risikofaktoren beschrieben werden.
Aufgrund des derzeitigen Erkenntnisstands der Dunkelfeldforschung, wurde die Erhebung von erneuten Rückfalltaten, v.a. jener, die dem im Dunkelfeld zuzurechnen sind, im zweiten Teil des Interviews realisiert. Es zeichnet sich in anderen Studien deutlich ab, dass die Bereitschaft, Delinquenz einzuräumen mit dem auf Seiten des Probanden erlebten Interesse an seiner Person positiv korreliert. Daher liegt der Schwerpunkt der Erhebung auf den Lebensumständen im Nachentlasszeitraum. Mögliche Rückfalltaten im Dunkelfeld werden nur anhand eines anonymen Fragebogens erhoben. Die möglichen rückfallbedingenden Faktoren werden wiederum im direkten Gespräch mit den Probanden anhand eines fiktiven Rückfallszenarios untersucht, welches keinerlei Rückschlüsse auf tatsächliche Tatbestände zulässt. Dies Vorgehen bietet zum einen die Möglichkeit, in der direkten Interaktion ein gemeinsames Verständnis über die Hintergründe von strafrechtsrelevanten Tatbeständen zu entwickeln als auch zum anderen die die Studie vor allem interssierenden tatbegleitenden Lebensumstände auszuleuchten.
Darüber hinaus wurden erste quantitative Zwischenergebnisse anhand der in der Studie Sexualstraftäter in sozialtherapeutischen Anstalten des Freistaates Sachsen gewonnenen Daten produziert. Da die Testbatterie der Hauptstudie für die hier geplante Nachuntersuchung der Probanden vom zeitlichen Aufwand eindeutig zu umfangreich ist, wurde eine Reduktion auf die ausagekräftigsten quantitativen Erhebungsinstrumente vorgenommen.
Nach Abschluss der notwendigen Vorarbeit konnte im Oktober 2008 mit der Erhebung der Daten begonnen werden. Bis zum
Ende des Jahres 2008 wurden schätzungsweise 70 Sexual- und Gewaltstraftäter, welche in die Hauptstudie eingeschlossen werden konnten, aus den sozialtherapeutischen Anstalten sowie den Anstalten des Regelvollzugs des Freistaats Sachsen entlassen. Von diesen konnten bis 31.01.2009 insgesamt 31 erfolgreich kontaktiert und für die Durchführung der Nachbefragung gewonnen werden.