Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht


Im Fokus

Polizei und Jugendliche in multi-ethnischen Gesellschaften (POLIS)

Die Unruhen in den französischen Vorstädten, die ihren Höhepunkt im Herbst 2005 erreichten, haben auch in Deutschland großes öffentliches Interesse erfahren. Zwar blieben vergleichbare Vorfälle hierzulande bislang weitgehend aus, jedes neuerliche Auflodern gewalttätiger Konflikte im Nachbarland jedoch führt zu der Frage, ob derartige Krawalle auch in deutschen Städten zu befürchten seien. Wenngleich die Frage bisher nahezu einhellig verneint wurde, so führt sie doch direkt zu der Suche nach den Ursachen kollektiver Gewalt. Dabei gerät auch zunehmend das Thema Polizei und Migration ins Blickfeld des wissenschaftlichen Interesses. Sowohl in Frankreich wie auch in Deutschland stellen Jugendliche mit Migrationshintergrund mittlerweile einen bedeutenden Bevölkerungsanteil. Neben der sozialen Benachteiligung und mangelnden Integration von Migranten zählt das Verhältnis von Polizei und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu einem potenziellen Konfliktfeld multi-ethnischer Stadtgesellschaften.

Im Rahmen eines deutsch-französischen Vergleichs zielt die POLIS-Studie darauf ab, das vorhandene Wissen über die Ursachen kollektiver Jugendgewalt in den Städten zu vertiefen sowie die Quellen polizeilicher und staatlicher Legitimität und ihrer Konsequenzen für die soziale Ordnung in multi-ethnischen Gesellschaften zu untersuchen. Einerseits sollen dabei Einstellungen, Verhaltensweisen und Erwartungshaltungen der Polizei untersucht, andererseits aber auch die Frage beantwortet werden, welche sozialen Bedingungen, Verhaltensorientierungen und Erfahrungen auf Seiten der Migranten das alltägliche Bild der Polizei prägen. Dazu gehört auch die Frage, zu welchem Grade Konflikte und Problemwahrnehmungen überhaupt einen spezifisch ethnischen Hintergrund haben, oder ob vielmehr soziale Benachteiligungen insbesondere in Stadtvierteln mit hohen Armutskonzentrationen als primäre Ursache anzusehen sind.

Methodisch soll die Triangulation aus qualitativen und quantitativen Methoden einen differenzierten Einblick in das komplexe Verhältnis von Polizei und Migrantenjugendlichen ermöglichen. Eine standardisierte Schülerbefragung unter Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund wird dabei ergänzt durch die teilnehmende Beobachtung des polizeilichen Alltags und eine Reihe leitfadengestützter Experteninterviews mit Beamten verschiedener Organisationseinheiten. Das Forschungsdesign der Studie ist so angelegt, dass sich die gewonnenen Ergebnisse zwischen Frankreich und Deutschland vergleichen lassen. In beiden Ländern wurden dazu jeweils eine Stadt mittlerer Größe sowie eine Großstadt ausgewählt, um auf diese Weise die Varianz polizeilicher Aktivitäten über verschiedene Städte hinweg zu vergrößern und das Risiko nationaler Verallgemeinerungen zu verringern. Der qualitative Teil der Untersuchung konzentriert sich dabei in jeder Stadt auf zwei benachteiligte Stadtteile und ein als ‚gut situiert’ geltendes Viertel.

Das Projekt wird gefördert mit Mitteln des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Agence Nationale de la Recherche (ANR) getragenen „Förderprogramms in den Geistes- und Sozialwissenschaften 2008“.


Zur Projektseite


Aktuelle Publikation

Anonymität im Internet

In der mehrfach ausgezeichneten Dissertation „Anonymität im Internet“ wird untersucht, ob und in welchem Umfang Anonymität im Internet heute noch möglich ist. Die Arbeit verbindet zwei Bereiche, die sonst häufig als Gegenpole oder sogar als unvereinbar dargestellt werden: Recht und Technik. In ihr wird zum einen untersucht, welchen Schutz die geltende Gesetzeslage Bürgern bietet, die – aus welchen Gründen auch immer – anonym bleiben möchten. Zum anderen wird im Rahmen einer kriminalistischen Analyse darauf eingegangen, welche technischen Möglichkeiten gegenwärtig zur Verfügung stehen, um identifizierende Spuren bei der Nutzung des Internet zu vermeiden.

Die Ergebnisse der Arbeit sind nicht nur für die Personen bedeutsam, die vermeiden möchten, dass ihre personenbezogenen Daten umfassend überwacht und ausgewertet werden. Auch für den Gesetzgeber und die mit der Auslegung des inzwischen unüberschaubar gewordenen Regelungsgeflechts befassten Gerichte kann die Arbeit wichtige Impulse liefern, denn sie stellt erstmals umfassend den Status Quo der elektronischen Anonymität in Deutschland dar. Im Ergebnis bringt sie auch Antworten auf die Frage, ob der in den 1980er Jahren im so genannten „Volkszählungsurteil“ des Bundesverfassungsgerichts vorgezeichnete Ausgleich zwischen den Sicherheitsinteressen von Staat und Bürgern einerseits und dem Anspruch auf Privatsphäre des Einzelnen andererseits noch möglich ist, oder ob die Vision eines „gläsernen Bürgers“ inzwischen Wirklichkeit geworden ist.

Zur Projektseite
Zur Publikation

  • Geändert am: 21.05.2010
  • Top