Referat Lateinamerika

Bereich:

Der Referatsbereich erstreckt sich auf 19 Länder in Südamerika, Mittelamerika und der spanischsprachigen Karibik einschließlich Mexiko. Kernländer sind aktuell Argentinien, Brasilien, Mexiko, Chile und Kolumbien. Die anderen Länder sind in die Mitarbeit einbezogen. Auf regionaler Ebene findet der Annährungsprozess im MERCOSUR mit den Parallelen zur Europäischen Integration Beachtung.

Leiter(in):

  • Jan-Michael Simon [Email]

Mitarbeiter(innen):

So unterschiedlich die Entwicklungen des Strafrechts in Lateinamerika verlaufen, beruhen sie doch auf gemeinsamen grundlegenden Entwicklungslinien. Mit dem Verlust der Kolonien im 19. Jh. verloren Spanien und Portugal ihre bis dahin umfassende Macht in Lateinamerika. Das hatte Folgen für das Strafrecht des kolonialen Ausbeutungssystems. So ist infolge der Einflüsse der französischen Revolution früh eine Ausrichtung am Code Pénal (1810) erkennbar, so in Brasilien (1830) und Kolumbien (1837). Jedoch blieb die Europäische Aufklärung ein Projekt der Eliten Lateinamerikas, ohne echte gesellschaftliche Konsequenzen. Demzufolge verblieb auch der Strafprozess bis zum Ende der Militärdiktaturen in den 1980er Jahren beim geheimen spanischen Inquisitionsverfahren. Anschließend begann ein bis heute andauernder Übergang zum Akkusationsprozess (Guatemala 1992, Costa Rica und El Salvador 1996, Paraguay 1998, Honduras und Bolivien 1999, Chile 2000, Venezuela, Nicaragua und Ecuador 2001, Dominikanische Republik 2002). Der Anstoß dazu ging von der kontinentaleuropäisch geprägten Musterstrafprozessordnung für Iberoamerika (1988) aus. Daneben ist zuletzt ein zunehmender Einfluss des angloamerikanischen Parteiprozesses erkennbar, z.B. in der kolumbianischen Verfahrensordnung (2004).

Auch das materielle Strafrecht in Lateinamerika steht heute auf einer breiten Grundlage. Nachdem einerseits das italienische Strafrecht umfassend rezipiert wurde, was heute noch an den Strafgesetzbüchern von Mexiko (1931), Uruguay (1934) und Brasilien (1940) erkennbar ist, fand andererseits vor allem auch das deutsche Strafrecht Eingang in die Strafrechtsentwicklung. Dies wird an dem 1971 verabschiedeten Modellstrafgesetzbuch für Lateinamerika deutlich, das besonders für die Strafgesetzbücher Zentralamerikas ein Modell ist (Costa Rica 1970, Guatemala 1973, Nicaragua 1974). Weitere Einflüsse des deutschen Strafrechts zeigen sich an den Strafgesetzbüchern von Argentinien (1984), Peru (1991), Paraguay (1997) und zuletzt von Kolumbien (2000).

Insgesamt entsprechen heute nach zweieinhalb Jahrzehnten der Reform die Regelungen des Straf- und Strafverfahrensrechts in Lateinamerika für gewöhnlich modernen, rechtsstaatlichen Standards. Darüber hinaus ist die Reform in einen umfassenden Modernisierungsprozess des Justizsystems eingebettet, besonders auch mit Blick auf die Gewährleistung und institutionelle Absicherung der Grund- und Menschenrechte. Eine bedeutende Rolle spielt dabei auf regionaler Ebene der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof. Die wichtigsten gegenwärtigen Herausforderungen für den Modernisierungsprozess sind die Unterbindung politischer Einflussnahme auf das und politische Patronage im Justizsystem sowie die Einbeziehung der Interessen der indigenen Völker in die Strafjustiz. Auch hat eine Reform der Aus- und Weiterbildung von Rechtsanwendern nicht in dem Maße stattgefunden, wie es zur Umsetzung der normativen und institutionellen Reformen erforderlich wäre.

Im Mittelpunkt der Zusammenarbeit stehen derzeit die Projekte "Strafbare Mitwirkung von Führungspersonen in Straftätergruppen und Netzwerken – Eine rechtsvergleichende Analyse" und "REMEP - Projekt zur Prävention und Lösung von Gewaltkonflikten in Lateinamerika". Ferner fand zu den Kernländern eine Erfassung des Bibliotheksbestands seit 1990 statt.



Veranstaltung:


Die internationale Konferenz "Kriminelle Strategen und ihre Handlanger: Der Täter hinter dem Täter im lateinamerikanischen Strafrecht" (5.-7. Oktober 2010) bezieht Strafrechtsexperten aus Kolumbien, Argentinien, Brasilien, Costa Rica, Chile, Deutschland, Mexiko, Peru, Uruguay und Venezuela ein. Veranstaltungsort ist der Oberste Gerichtshof Kolumbiens in Bogotá. Zielgruppe der Konferenz sind neben erfahrenen Wissenschaftlern und Nachwuchswissenschaftlern aus ganz Kolumbien, die Richterschaft, Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft und der kolumbianischen Procuraduría General de la Nación.

En la Conferencia internacional "Los estrategas del crimen y sus instrumentos: el autor detrás del autor en el Derecho Penal de América Latina" (del 05 al 07 de octubre de 2010) participarán expertos en Derecho Penal de Colombia, Alemania, Argentina, Brasil, Costa Rica, Chile, México, Perú, Uruguay y Venezuela. Intervendrán en la Conferencia, además de reputados académicos y jóvenes estudiosos de toda Colombia, el Poder Judicial, los representantes de la Fiscalía General de la Nación y los de la Procuraduría General de la Nación.

Aktuelle Projekte:


Strafbare Mitwirkung von Führungspersonen in Straftätergruppen und Netzwerken in einem lateinamerikanischen Modellstrafgesetz - Eine rechtsvergleichende Analyse (Jan-Michael Simon, Dr. Pablo Galain Palermo)

Retaliation-Mediation-Punishment (Vergeltung-Mediation-Bestrafung) - Projekt zur Prävention und Lösung von Gewaltkonflikten in Lateinamerika (Jan-Michael Simon, Dr. Pablo Galain Palermo)


Abgeschlossene Projekte:


Strafrechtsreformen in Mexiko - Strafrechtsordnungen und Integration aus einer vergleichenden Perspektive 2004-2006 (Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Sieber, Pof. Dr. Dr. h.c. Hans-Jörg Albrecht, Jan-Michael Simon, Dr. Gerardo Laveaga, Alvaro Vizcainos)

Nationale Strafverfolgung völkerrechtlicher Verbrechen 2001-2006 (Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Albin Eser, M.C.J., Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Sieber, Dr. Helmut Kreicker)

Die Polizei im lateinamerikanischen Rechtsstaat 2001-2003 (Prof. Dr. Kai Ambos, Ezequiel Malarino)

Strafverfahrensreform in Lateinamerika 1997-2000 (Prof. Dr. Albin Eser, Prof. Dr. Kai Ambos)


Publikationen (Auswahl):

 

  • Galain Palermo, Pablo / Ruíz Díaz, Tomás: El instituto de la prescripción en Uruguay. In: Revista Penal, 2008, Heft⁄Band 22, S. 58 - 73.
  • Galain Palermo, Pablo / González, José Luis: Informe Uruguay. In: Ambos, Kai / Malarino, Ezequiel / Elsner, Gisela (Hrsg.): Jurisprudencia Latinoamericana sobre derecho penal internacional. Montevideo, Konrad-Adenauer-Stiftung, 2008, S. 307 - 354.
  • Galain Palermo, Pablo / Bernal, Paola: Informe regional sobre la jurisprudencia del sistema interamericano de derechos humanos relacionada con el derecho penal internacional y sobre los mecanismos alternativos creados para la superación del pasado. In: Ambos, Kai / Malarino, Ezequiel/Elsner, Gisela (Hrsg.): Jurisprudencia Latinoamericana sobre derecho penal internacional. Montevideo, Konrad-Adenauer-Stiftung, 2008, S. 365 - 393.
  • Simon, Jan-Michael: La Función del Derecho Penal en Casos de Violencia Colectiva: Algunas Consideraciones sobre los Objetivos y Fines del Derecho Penal en Situaciones de Posconflicto. In: García Ramírez, Sergio / Islas de González Mariscal, Olga (Hrsg.): Panorama Internacional Sobre Justicia Penal. México D.F., Séptimas Jornadas sobre Justicia Penal Instituto de Investigaciones Jurídicas de la UNAM, 2007, S. 555 - 566.
  • Galain Palermo, Pablo: Informe Uruguay. In: Ambos, Kai / Malarino, Ezequiel/Elsner, Gisela (Hrsg.): Cooperación y asistencia judicial con la Corte Penal Internacional. Contribuciones de América latina, Alemania, España e Italia. Montevideo, Konrad-Adenauer-Stiftung, 2007, S. 493 - 556.
  • Galain Palermo, Pablo / Romero Sánchez, Angélica: Criminalidad organizada y reparación. Hacia una propuesta político – criminal que disminuya la incompatibilidad entre ambos conceptos. In: Pérez Alvárez, Fernando (Hrsg.): Universitas Vitae. Homenaje a Ruperto Núñez Barbero. Spanien, Ediciones Universidad Salamanca, 2007, S. 245 - 278.
  • Simon, Jan-Michael: Guatemala. In: Simon, Jan-Michael / Woischnik, Jan (Hrsg.): Estado de Derecho y Delincuencia de Estado en América Latina. Una visión comparativa. México, Universidad Nacional Autónoma de México, 2006, S. 353 - 406.
  • Simon, Jan-Michael: Criminal Accountability and Reconciliation. In: Albrecht, Hans-Jörg / Simon, Jan-Michael (Hrsg.): Conflicts and Conflict Resolution in Middle Eastern Societies - Between Tradition and Modernity. Interdisziplinäre Forschungsberichte aus Strafrecht und Kriminologie I 13. Berlin, Duncker & Humblot, 2006, S. 99 - 116.


Downloads und Links:

Veranstaltungen am Max-Planck-Institut

In regelmäßigen Abständen werden vom Referat Lateinamerika in Zusammenarbeit mit dem Referat Portugal Vorträge zu aktuellen forschungsrelevanten Themen im Bereich des Strafrechts und des Strafprozessrechts organisiert.
Die institutsinternen Seminare finden in spanischer, portugiesischer oder italienischer Sprache statt.

Symposien, Kolloquien, Workshops – Fachveranstaltungen am MPI

Nachfolgend steht eine inhaltliche Zusammenfassung einiger Vorträge zum Download zur Verfügung:

  • Geändert am: 22.07.2010
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