Die Ju­ris­tin und Kri­mi­no­lo­gin Ju­lia Kas­selt hat im Rah­men ih­rer Dis­ser­ta­ti­on am Max-Planck-In­sti­tut für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht die Straf­zu­mes­sung deut­scher Ge­rich­te in so ge­nann­ten Eh­ren­mord­fäl­len un­ter­sucht. Im Ver­gleich mit Part­ner­tö­tun­gen oh­ne einen ent­spre­chen­den kul­tu­rel­len Hin­ter­grund zeigt sich, dass „Eh­ren­mör­der“ häu­fi­ger zu le­bens­lan­gen Frei­heits­s­tra­fen und lan­gen Zeit­stra­fen ver­ur­teilt wer­den.


Die Stu­die be­legt, dass „Eh­ren­mör­der“ von deut­schen Rich­tern här­ter be­straft wer­den als Be­zie­hungs­tä­ter oh­ne Ehr­hin­ter­grund. Dies gilt ins­be­son­de­re für die Recht­spre­chung ab dem Jahr 2002, in de­nen „Eh­ren­mör­der“ in der Mehr­heit der Fäl­le mit le­bens­lan­ger Frei­heits­s­tra­fe und da­mit der Höchst­stra­fe im deut­schen Straf­recht be­dacht wur­den. Die Aus­wer­tun­gen be­zie­hen 63 Tä­ter von Eh­ren­mor­den und 91 Tä­ter von Be­zie­hungs­taten ein. Die Er­geb­nis­se im Ein­zel­nen:  

  • Häu­fi­ger le­bens­lan­ge Frei­heits­s­tra­fen: 24 der 63 „Eh­ren­mör­der“ (38 %), die we­gen ei­nes Tö­tungs­de­likts nach all­ge­mei­nem Straf­recht ver­ur­teilt wur­den, er­hiel­ten ei­ne le­bens­lan­ge Frei­heits­s­tra­fe. Bei vier die­ser Tä­ter (6 %) wur­de zu­dem die be­son­de­re Schwe­re der Schuld fest­ge­stellt. In der Ver­gleichs­grup­pe der Part­ner­tö­tun­gen be­trug der An­teil der le­bens­lan­gen Frei­heits­s­tra­fen hin­ge­gen nur 23 % (21 von 91 Tä­tern). Die be­son­de­re Schwe­re der Schuld wur­de eben­falls bei vier Tä­tern (4 %) fest­ge­stellt.  
  • Län­ge­re zei­ti­ge Frei­heits­s­tra­fen: Die zei­ti­gen Frei­heits­s­tra­fen fie­len bei den Eh­ren­mor­den si­gni­fi­kant hö­her aus als in der Ver­gleichs­grup­pe der Part­ner­tö­tun­gen: Der An­teil an Frei­heits­s­tra­fen, die an der Ober­gren­ze des Strafrah­mens beim Tot­schlag, d.h. zwi­schen 12,5 und 15 Jah­ren, la­gen, be­trug bei den Eh­ren­mor­den 17,5 %, bei den Part­ner­tö­tun­gen le­dig­lich 10 %. 38 % der „Eh­ren­mör­der“ er­hiel­ten ei­ne Frei­heits­s­tra­fe un­ter zehn Jah­ren, bei den Part­ner­tö­tun­gen lag die­ser An­teil bei 48 %.  
  • Kla­rer Trend zu här­te­ren Stra­fen seit 2002: Bei den Eh­ren­mor­den zeigt sich ab dem Jahr 2002 ein kla­rer Trend zu hö­he­ren Stra­fen, der nicht auf den Ein­fluss tat­be­zo­ge­ner Fak­to­ren wie z.B. die Op­fer­zahl zu­rück­zu­füh­ren ist. Die­ser Wan­del steht im Ein­klang mit ei­nem Ur­teil des Bun­des­ge­richts­ho­fes (BGH) vom Fe­bru­ar 2002, in dem ent­schie­den wur­de, dass Ta­ten mit Ehr­hin­ter­grund in der Re­gel als Mord aus nied­ri­gen Be­weg­grün­den zu be­wer­ten sind, und nur aus­nahms­wei­se ei­ne Ver­ur­tei­lung we­gen Tot­schlags in Be­tracht kommt. Die­ser Recht­spre­chung fol­gen die Land­ge­rich­te seit­her, es wur­den in den Ur­tei­len zwi­schen 2002 und 2005 deut­lich häu­fi­ger le­bens­lan­ge und zu­dem hö­he­re zei­ti­ge Frei­heits­s­tra­fen ver­hängt. Als Straf­mil­de­rungs­grund wur­de der Ehr­hin­ter­grund seit 2002 nur noch in 11 % der Fäl­le be­rück­sich­tigt; in den frü­he­ren Ur­tei­len be­trug die­ser An­teil 50 %.
  • Bei den Part­ner­tö­tun­gen der Ver­gleichs­grup­pe ist da­ge­gen kein Trend zu hö­he­ren Stra­fen fest­stell­bar. Die Ver­schär­fung der Stra­fen bei Eh­ren­mor­den ist al­so nicht auf ei­ne ge­ne­rel­le pu­ni­ti­ve Ten­denz in der deut­schen Recht­spre­chung zu­rück­zu­füh­ren.  Da der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) sei­ne Recht­spre­chung zu Tö­tungs­de­lik­ten mit Ehr­hin­ter­grund in spä­te­ren Ur­tei­len be­kräf­tigt hat, ist ei­ne wei­te­re Ver­fes­ti­gung die­ses Recht­spre­chungs­trends in jün­ge­ren Ur­tei­len als wahr­schein­lich an­zu­se­hen. Da­für spre­chen auch die ho­hen Frei­heits­s­tra­fen, die in den Fäl­len der letz­ten Jah­re ver­hängt wur­den.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zur Stu­die:
Be­reits 2011 hat­ten Diet­rich Ober­witt­ler und Ju­lia Kas­selt im Auf­trag des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes (BKA) die bis­lang größ­te Stu­die zum Phä­no­men der Eh­ren­mor­de in Deutsch­land ver­öf­fent­licht.
Nun hat Ju­lia Kas­selt in ih­rer Dis­ser­ta­ti­on ver­tie­fend die straf­recht­li­che Be­hand­lung die­ser Eh­ren­mor­de durch die deut­schen Schwur­ge­richts­kam­mern un­ter­sucht. Ih­re Aus­wer­tun­gen ba­sie­ren auf 78 Eh­ren­mord­fäl­len (in­klu­si­ve Ver­su­chen) aus dem Zeit­raum zwi­schen 1996 und 2005, in de­nen 63 Tä­ter we­gen ei­nes ver­such­ten oder vollen­de­ten Tö­tungs­de­likts nach Er­wach­se­nen­straf­recht von deut­schen Ge­rich­ten ver­ur­teilt wur­den. Zu die­sen Fäl­len zäh­len so­wohl Eh­ren­mor­de im en­ge­ren Sin­ne, al­so Tö­tun­gen von jun­gen Frau­en durch ih­re ei­ge­nen
Ver­wand­ten, als auch Part­ner­tö­tun­gen, bei de­nen die Mo­tiv­la­ge der Tä­ter ei­ne be­son­de­re „Ehr“-Kom­po­nen­te auf­grund ih­res kul­tu­rel­len Hin­ter­grun­des auf­weist.

Zum Ver­gleich wur­den 110 Fäl­le von Part­ner­tö­tun­gen durch männ­li­che Tä­ter aus dem­sel­ben Zeit­raum un­ter­sucht, von de­nen 91 we­gen ei­nes ver­such­ten oder vollen­de­ten Tö­tungs­de­likts ver­ur­teilt wur­den. Die Mo­tiv­la­ge in den Part­ner­tö­tungs- und den Eh­ren­mord­fäl­len ist ähn­lich, hin­ter bei­den Phä­no­me­nen steht häu­fig ei­ne Art männ­li­chen Be­sitz­den­kens. In den Part­ner­tö­tungs­fäl­len fehlt nur die kul­tu­rell ver­fes­tig­te und kol­lek­ti­ve „Ehr“-Kom­po­nen­te. In­so­fern eig­nen sich Part­ner­tö­tun­gen gut als Ver­gleichs­ba­sis, um die recht­li­che Be­wer­tung der Eh­ren­mor­de durch die deut­schen Ge­rich­te bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen.