Fußfessel hat keinen Einfluss auf Rückfallquote

Die Über­wa­chung mit­hil­fe ei­ner elek­tro­ni­schen Fuß­fes­sel bei so­ge­nann­ten Low-Risk-Kri­mi­nel­len hat kei­nen Ein­fluss auf de­ren Rück­fall­quo­te. Das ist ei­nes der Er­geb­nis­se ei­ner Stu­die des Max-Planck-In­sti­tuts für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht in Frei­burg im Auf­trag des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums Ba­den-Würt­tem­bergs. Da­nach kann auch wis­sen­schaft­lich nicht be­legt wer­den, dass die elek­tro­ni­sche Über­wa­chung den Straf­tä-tern die Re­so­zia­li­sie­rung ver­ein­facht.


In ei­nem Mo­dell­ver­such hat­te das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um Ba­den-Würt­tem­berg vom 1. Ok­to­ber 2010 bis zum 31.3.2012 den Straf­voll­zug mit elek­tro­ni­scher Auf­sicht (Fuß­fes­sel) er­probt. Durch das am 30.07.2009 ver­ab­schie­de­te „Ge­setz über elek­tro­ni­sche Auf­sicht im Voll­zug der Frei­heits­s­tra­fe“ (EASt­VollzG) wur­de in Ba­den-Würt­tem­berg die Mög­lich­keit ge­schaf­fen, die elek­tro­ni­sche Fuß­fes­sel bei Straf­ge­fan­ge­nen ein­zu­set­zen. Das EASt­VollzG war bis 06.08.2013 gül­tig und wur­de dann al­ler­dings nicht mehr wei­ter­ver­folgt.

Das Max-Planck-In­sti­tut für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht in Frei­burg be­glei­te­te den Mo­dell­ver­such wis­sen­schaft­lich. Un­ter­sucht wer­den soll­te, ob die elek­tro­ni­sche Auf­sicht re­so­zia­li­sie­ren­de Aus­wir­kun­gen auf die Ent­las­sungs­si­tua­ti­on der Pro­ban­den hat, ob sie den er­war­te­ten haft­ver­mei­den­den Ef­fekt aus­übt und wie sich die Maß­nah­me auf das spä­te­re Rück­fall­ri­si­ko aus­wirkt. Da­mit ver­bun­den soll­te auch die Fra­ge ge­klärt wer­den, ob die elek­tro­ni­sche Auf­sicht für die vor­ge­se­he­nen Ziel­grup­pen ei­ne loh­nen­de al­ter­na­ti­ve Sank­ti­ons­form dar­stellt.

In die­sem Zu­sam­men­hang wur­den 46 Straf­ge­fan­ge­ne aus fünf ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten (JVA) un­ter elek­tro­ni­sche Auf­sicht ge­stellt und mit nicht elek­tro­nisch über­wach­ten Straf­ge­fan­ge­nen ver­gli­chen. Da­bei han­del­te es sich vor al­lem um Straf­ge­fan­ge­ne mit ei­nem nied­ri­gen Ri­si­ko­pro­fil („Low-Risk-Straf­tä­ter“), die Ver­kehrs­de­lik­te, leich­te­re Ge­walt­straf­ta­ten oder Be­trugs­de­lik­te be­gan­gen hat­ten. Zu­gleich han­del­te es sich vor al­lem um Straf­ge­fan­ge­ne mit Er­satz­frei­heits­s­tra­fe (al­so Ge­fan­ge­ne, die ei­ne ver­häng­te Geld­stra­fe nicht zah­len konn­ten und da­für ins Ge­fäng­nis ka­men) so­wie um Frei­gän­ger und Ge­fan­ge­ne in der Ent­las­sungs­pha­se.

In der kürz­lich zu En­de ge­gan­ge­nen letz­ten Pha­se der Un­ter­su­chung wur­de der Zu­sam­men­hang der elek­tro­ni­schen Auf­sicht mit der spä­te­ren Le­gal­be­wäh­rung bzw. dem Rück­fall­ver­hal­ten un­ter­sucht. Aus den Er­geb­nis­sen wird deut­lich, dass die elek­tro­ni­sche Auf­sicht für die­se Nied­rig-Ri­si­ko-Grup­pe we­der po­si­ti­ve noch ne­ga­ti­ve Ef­fek­te auf die Rück­fall­quo­te hat: Die Rück­fall­ra­ten der bei­den Ver­gleichs­grup­pen (Ex­pe­ri­men­tal- vs. Kon­troll­grup­pe) un­ter­schie­den sich we­der im An­wen­dungs­be­reich der elek­tro­nisch über­wach­ten Ent­las­sungs­vor­be­rei­tung (Haus­ar­rest) noch im elek­tro­nisch über­wach­ten Frei­gang si­gni­fi­kant von­ein­an­der. (Für die Grup­pe der Er­satz­frei­heits­s­tra­fen konn­te kei­ne Rück­fall­quo­te be­rech­net wer­den, denn die­se Ziel­grup­pe er­füll­te in der Re­gel nicht die Vor­aus­set­zun­gen zur Teil­nah­me an der elek­tro­ni­schen Über­wa­chung.) Die Bi­lanz: Ins­ge­samt ent­fal­te­te die elek­tro­ni­sche Auf­sicht nicht das von ihr er­war­te­te Po­ten­zi­al und blieb al­les in al­lem hin­ter den mit ihr ver­bun­de­nen Er­war­tun­gen zu­rück - und das, so­wohl un­ter dem Ge­sichts­punkt der Re­so­zia­li­sie­rung als auch der Haft­ver­mei­dung.

„Ei­ne zen­tra­le Idee der elek­tro­ni­schen Auf­sicht im Rah­men des Voll­zugs von Frei­heits­s­tra­fen ist es, Pri­so­ni­sie­rungs­ef­fek­te, al­so die An­pas­sung von Ge­fan­ge­nen an die Ge­fäng­nis­kul­tur, zu ver­hin­dern“, er­klärt Dr. Gun­da Wöß­ner, die das For­schungs­pro­jekt ge­mein­sam mit Prof. Hans-Jörg Al­brecht, dem Di­rek­tor des MPI in Frei­burg, lei­te­te. „Tat­säch­lich be­legt die Stu­die einen klei­nen Ef­fekt bei der Re­du­zie­rung des Pri­so­ni­sie­rungs­er­le­bens. Un­se­re Stu­die hat al­ler­dings zu­gleich er­ge­ben, dass die Rück­fall­quo­te der elek­tro­nisch über­wach­ten Pro­ban­den sich nicht si­gni­fi­kant von der der im Voll­zug ge­blie­be­nen Pro­ban­den un­ter­schei­det“, so die Psy­cho­lo­gin. Der Nut­zen der elek­tro­ni­schen Auf­sicht bei die­ser Ziel­grup­pe lie­ge al­len­falls dar­in, „dass sie ei­ne frü­he­re Ent­las­sung in ei­ne Si­tua­ti­on er­mög­licht, in der sich für die­se Ge­fan­ge­ne gar kein ty­pi­scher Re­so­zia­li­sie­rungs­be­darf mehr er­gibt.“ Das Fa­zit: Man weiß noch sehr we­nig über den Ein­satz der Fuß­fes­sel und de­ren Lang­zeit­fol­gen. Man müs­se aber schon sehr ge­nau hin­schau­en, „für wen der Ein­satz der Fuß­fes­sel im Rah­men wel­cher An­wen­dung ge­eig­net ist“.

Me­tho­dik

Die von den fünf teil­neh­men­den Voll­zugs­an­stal­ten ge­mel­de­ten Pro­ban­den wur­den vom Max-Planck-In­sti­tut zu­fäl­lig zu ei­ner Ex­pe­ri­men­tal­grup­pe (de­ren Teil­neh­mer bei ent­spre­chen­der Eig­nung un­ter elek­tro­ni­sche Auf­sicht ge­stellt wur­den) oder ei­ner Kon­troll­grup­pe (de­ren Teil­neh­mer das nor­ma­le Voll­zugs­pro­gramm durch­lie­fen und im Re­gel­voll­zug ver­blie­ben) zu­ge­teilt. Die Teil­nah­me am Mo­dell­pro­jekt war nur mög­lich, wenn die Pro­ban­den be­stimm­te Vor­aus­set­zun­gen er­füll­ten, et­wa wenn sie ei­ner Ar­beit in ei­nem Um­fang von min­des­tens vier Stun­den pro Tag nach­gin­gen. Grund­la­ge der Un­ter­su­chung wa­ren per­sön­li­che Ge­sprä­che mit den Teil­neh­mern so­wie Da­ten aus den Ge­fan­ge­nen­per­so­nal­ak­ten. Zu­dem führ­ten die Wis­sen­schaft­ler/in­nen Be­fra­gun­gen mit den Pro­jekt­be­tei­lig­ten durch, z.B. der Be­wäh­rungs­hil­fe so­wie der Staats­an­walt­schaft und Ver­ant­wort­li­chen der Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zum For­schungs­pro­jekt fin­den Sie un­ter: htt­ps://www.mpicc.de/elek­tro­ni­sche-auf­sicht