Verhinderung von Wohnungseinbrüchen  durch Predictive Policing ?

Lassen sich Wohnungseinbrüche durch Computer vorhersagen und damit auch verhindern? Das Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht hat diese Frage in einer vom Stuttgarter Landeskriminalamt in Auftrag gegebenen Evaluationsstudie untersucht. Es handelt sich um die erste externe wissenschaftliche Evaluation der als „Predictive Policing“ bekannt gewordenen Strategie. Das zentrale Ergebnis der Studie ist, dass Predictive Policing nur bedingt funktioniert und moderate Wirkungen hat. In ländlichen Gebieten, in denen Wohnungseinbrüche seltener sind als in Großstädten, lohnt sich der Einsatz von Predictive Policing nicht.


Angesichts steigender Zahlen von Wohnungseinbrüchen kam bei einem Pilotprojekt der Polizei Baden-Württemberg die Computersoftware PRECOBS des Instituts für musterbasierte Prognosetechnik aus Oberhausen zum Einsatz, die für bestimmte Gebiete erhöhte Wahrscheinlichkeiten von zukünftigen Einbrüchen vorhersagt. Daraufhin werden entsprechende polizeiliche Maßnahmen ergriffen, um weitere Einbrüche zu verhindern. Das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht wurde vom Stuttgarter Landeskriminalamt beauftragt, das Pilotprojekt wissenschaftlich zu evaluieren. Zu dieser ersten wissenschaftlich unabhängigen Evaluation von Predictive Policing liegt nun ein detaillierter Forschungsbericht vor.


Durchführung der Evaluation
Das Pilotprojekt wurde zwischen November 2015 und April 2016 in den Polizeipräsidien Karlsruhe und Stuttgart durchgeführt. In diesem Zeitraum gab es 183 PRECOBS-Alarme, wobei die Vorhersagen auf dem „Near Repeat“-Phänomen basieren. Dabei geht es um die Beobachtung, dass Wohnungseinbrüche nicht selten in zeitlicher und räumlicher Nähe weitere Einbruchsdelikte nach sich ziehen. Die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhergesagten Folgedelikte sollen dann durch den gezielten Einsatz von Polizeikräften verhindert und somit die Zahl der Wohnungseinbrüche gesenkt werden. Wie gut das funktioniert, und auch die Akzeptanz dieses neuen Ansatzes wurden in der Evaluation untersucht.


Ergebnisse
In Teilen des Pilotgebiets sank die Zahl der Wohnungseinbrüche in der Testphase, in anderen blieb sie konstant oder nahm zu. Projektleiter Dominik Gerstner weist darauf hin, dass „die Entwicklung von Fallzahlen alleine ohne experimentelles Forschungsdesign aber nur Hinweise auf die Wirkung von Predictive Policing geben kann und vorsichtig beurteilt werden muss, da die Zahl der Einbrüche natürlichen Schwankungen unterliegt“. Die Evaluationsstudie untersuchte deshalb auch das Auftreten von Near-Repeat-Delikten genauer. „Für dieses Tatmuster“, so Dominik Gerstner, „ließen sich in relevanten Gebieten Zusammenhänge mit der Intensität polizeilicher Maßnahmen während eines Alarms beobachten. Die aus statistischen Modellen errechneten kriminalitätsminderen Effekte sind jedoch nur moderat, und für sichere Belege zur präventiven Wirksamkeit ist weitere Forschung nötig.“ Außerdem betraf die große Mehrzahl der Vorhersagen städtische Gebiete, die generell höhere Einbruchsraten aufweisen. Für ländliche Gebiete mit geringem Fallaufkommen gab es kaum PRECOBS-Alarme, und der Nutzen für diese Gebiete wird in der Studie kritisch gesehen. Die Analyse von Daten aus dem täglichen Betrieb hat gezeigt, dass die zeitlichen Abläufe für das Funktionieren der Software aus kriminologischer Perspektive als praxistauglich eingestuft werden können. Dies wurde auch von den Polizisten und Polizistinnen, die die PRECOBS-Software im Evaluationszeitraum bedienten so gesehen.


Für die Evaluationsstudie wurden 700 Polizisten und Polizistinnen nach ihrer Meinung und ihren Erfahrungen zum Einsatz von Predictive Policing befragt. Ein zentrales Ergebnis ist, dass Einschätzungen zum Nutzen stark polarisiert sind. Diejenigen, die im täglichen Dienst mit besonders vielen Alarmen konfrontiert wurden, schätzten den Nutzen geringer ein. „Eine mögliche Erklärung ist“, so Dominik Gerstner, „dass die Arbeit der Polizei infolge der Vorhersagen im Idealfall präventiv wirkt und das Ergebnis dann nicht unmittelbar sichtbar wird."