Elektronische Aufsicht im Vollzug der Freiheitsstrafe in Baden-Württemberg

Vom 01.10.2010 bis 30.03.2012 wurde in Baden-Württemberg der Einsatz der elektronischen Aufsicht im Vollzug der Freiheitsstrafe im Rahmen eines Modellprojektes erprobt. In dem hier vorgestellten Forschungsprojekt wurde zunächst die Implementation, die Akzeptanz und die psychosozialen Effekte des Modellprojekts der elektronischen Fußfessel in Baden-Württemberg untersucht, daran schloss sich eine Rückfalluntersuchung für die Zeit nach der Maßnahme an (Follow-up: drei Jahre). 

Projektkategorie: Forschungsprojekt
Organisatorischer Status: Forschungsgruppenprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2010
Projektende: 07/2017
Projektstatus: abgeschlossen
Projektsprache(n): Deutsch

Leitung

Mitarbeit

  • Katharina Meuer (bis Januar 2018)
  • Andreas Schwedler (bis März 2014)

Forschungsgegenstand:

Mit dem am 30.07.2009 verabschiedeten „Gesetz über elektronische Aufsicht im Vollzug der Freiheitsstrafe“ (EAStVollzG) wurde in Baden-Württemberg die Möglichkeit geschaffen, die elektronische Fußfessel bei Strafgefangenen einzusetzen. Das EAStVollzG war bis 06.08.2013 gültig und wurde dann nicht mehr weiterverfolgt. Das Gesetz sah drei Einsatzbereiche vor:

  • Einsatz der Fußfessel zur Vermeidung von Ersatzfreiheitsstrafen
  • Elektronische Aufsicht gegen Ende der Haftzeit zur Vorbereitung der Entlassung im elektronisch überwachten Hausarrest
  • Elektronische Aufsicht zur Gewährung von Vollzugslockerungen wie Freigang  

Wissenschaftliche Begleitforschung:

Mit der wissenschaftlichen Begleitung wurde untersucht, ob die elektronische Aufsicht resozialisierende Auswirkungen auf die Entlassungssituation der Probanden hat, ob sie den erwarteten haftvermeidenden Effekt (vor allem im Bereich der Ersatzfreiheitsstrafe) ausübt und wie sich die Maßnahme auf die spätere Legalbewährung auswirkt. Somit sollte auch der Frage nachgegangen werden, ob die elektronische Aufsicht für die vorgesehenen Zielgruppen eine lohnende alternative Sanktionsform darstellt.

Design

Zur Untersuchung der Forschungsfragen konnte ein experimentelles Design verwirklicht werden. Die von den fünf teilnehmenden Vollzugsanstalten gemeldeten Probanden wurden vom Max-Planck-Institut zufällig zu einer Experimentalgruppe (deren Teilnehmer bei entsprechender Eignung unter elektronische Aufsicht gestellt wurden) oder einer Kontrollgruppe (deren Teilnehmer das normale Vollzugsprogramm durchliefen und im Regelvollzug verblieben) zugeteilt. Für jeden Probanden unter elektronischer Aufsicht wurde ein Vollzugsprogramm mit definierten Einschlusszonen festgelegt, deren Einhaltung per GPS-Technik überwacht wurde. Verstöße wurden automatisch an die Technik-Zentrale übermittelt, die wiederum die Vollzugsanstalt zur Einleitung weiterer Schritte informierte. Bei der elektronischen Aufsicht mit Hausarrest war die Betreuung durch die Bewährungshilfe ein fester Bestandteil des Gesamtkonzepts. Insgesamt war die Teilnahme am Modellprojekt nur möglich, wenn die Probanden bestimmte Voraussetzungen erfüllten, wozu u.a. das Vorhandensein eines Arbeitsplatzes in einem Umfang von mindestens vier Stunden pro Tag (oder eine vergleichbare Tätigkeit) gehörte.

Neben der Exploration der Probanden der Experimental- und Kontrollgruppen wurden auch andere Projektbeteiligte befragt (Bewährungshilfe, Staatsanwaltschaften, Justizvollzug).

Implementation und psychosoziale Effekte

Die erste Phase des Modellprojekts diente der Untersuchung der mit der elektronischen Aufsicht verbundenen psychosozialen aber auch haftvermeidenden Effekte und resozialisierenden Potentialen (vgl. Schwedler & Wößner, 2015; Schwedler & Woessner 2017).

Die geplante Teilnehmerzahl von 150 Probanden wurde nicht erreicht. Insgesamt nahmen 92 Probanden am Modellprojekt teil. Der Einsatz der elektronischen Aufsicht im Bereich der Ersatzfreiheitsstrafe scheiterte sogar gänzlich (nur ein Teilnehmer). Denn die Probanden, die eine Geldstrafe nicht bezahlen konnten, erfüllten in der Regel die Bedingungen für die Teilnahme am Modellprojekt nicht.

Die für die Teilnahme am Modellprojekt vorgeschlagenen Strafgefangenen wiesen allesamt ein vergleichsweise hohes funktionales Niveau in den Bereichen auf, in denen von der Fußfessel ein Effekt zu erwarten gewesen wäre (vgl. Schwedler & Wößner 2015). Die meisten Probanden hatten keine Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche, waren sozial eingebunden und waren testpsychologisch unauffällig. Es handelte sich somit gleichzeitig um Gefangene mit einem relativ niedrigen Risikoniveau. Ein kleiner Effekt zeigte sich bei der Reduzierung des Prisonisierungserlebens.  

Ein Viertel der Probanden empfand die elektronische Aufsicht als psychisch belastend und etwa zwei Drittel berichteten von physischen Beschwerden. Gleichwohl wurde die Maßnahme von fast allen Probanden positiv konnotiert, was vor dem Hintergrund des Vergleichs mit der Inhaftierung zu interpretieren ist. Insgesamt entfaltete die elektronische Aufsicht nicht das von ihr erwartete Potenzial und blieb alles in allem hinter den mit ihr verbundenen Erwartungen zurück, und zwar sowohl unter dem Gesichtspunkt der Resozialisierung als auch der Haftvermeidung.

Rückfall nach Beendigung der elektronischen Aufsicht

Für die Rückfalluntersuchung wurden die Bundeszentralregisterauszüge angefordert und ausgewertet. Die Rückfallraten der beiden Vergleichsgruppen (Experimental- vs. Kontrollgruppe) unterschieden sich weder im Anwendungsbereich der elektronisch überwachten Entlassungsvorbereitung (Hausarrest) noch im elektronisch überwachten Freigang signifikant voneinander (vgl. Meuer & Wößner im Druck).

Um den Einfluss von möglichen Selektionseffekten aufgrund eines beträchtlichen Probandenausfalls zu minimieren (vgl. Schweder & Wößner 2015), wurde mittels des matched-pair Verfahrens eine zweite „Zwillings“-Kontrollgruppe geschaffen (n=45), sodass die Experimentalgruppe mit der im Rahmen der Randomisierung entstandenen Kontrollgruppe und der Zwillingsgruppe für die Rückfallanalyse verglichen werden konnte. Auch diese Analyse bestätigt das Ergebnis der randomisierten Untersuchung.

Die ausführlichen Ergebnisse der Rückfalluntersuchung finden sich in Meuer (in Vorbereitung) „Legalbewährung nach elektronischer Aufsicht im Vollzug der Freiheitsstrafe“ (Arbeitstitel; zugl. Dissertation).

Publikationen (Auswahl)

  • Meuer, Katharina/Woessner, Gunda: Does electronic monitoring as a means of release preparation reduce subsequent recidi-vism? A randomized controlled trial in Germany. In: European Journal of Criminology online first (2018).
  • Meuer, Katharina / Wößner, Gunda: Kriminalprävention durch elektronische Aufsicht?. In: Walsh, M., Pniewski, B., Kober, M., Amborst, A. (Hrsg.), Evidenzorientierte Kriminalprävention in Deutschland. Ein Leitfaden für Politik und Praxis. Springer, Berlin 2018, S. 617-640.

  • Schwedler, Andreas / Woessner, Gunda: Identifying the rehabilitative potential of electronically monitored release preparation: A randomized controlled study in Germany. In: International Journal of Offender Therapy and Comparative Criminology, 2017, 61(8), 839-856.

  • Schwedler, Andreas / Wößner, Gunda: Elektronische Aufsicht bei vollzugsöffnenden Maßnahmen: Implementation, Akzeptanz und psychosoziale Effekte des baden-württembergischen Modellprojekts. Duncker & Humblot, Berlin 2015, 126 S.

  • Wößner, Gunda / Schwedler, Andreas: Aufstieg und Fall der elektronischen Fußfessel in Baden-Württemberg: Analysen zum Modellversuch der elektronischen Aufsicht im Vollzug der Freiheitsstrafe. In: Neue Kriminalpolitik, 1/2014, S. 60-77.

  • Wößner, Gunda / Schwedler, Andreas: Elektronische Aufsicht im Vollzug der Freiheitsstrafe in Baden-Württemberg – Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung. In: Bewährungshilfe, 2/2013, S. 130-145.

  • Geändert am: 11.12.2018
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