Familiale Tötungsdelikte mit anschließendem Suizid in europäischen Ländern / The European Homicide-Suicide Study (EHSS)

Kriminalpsychologische und soziologische Analyse einer seltenen und schweren Form häuslicher Gewalt

Tötungsdelikte mit anschließendem Suizid des Täters stellen eine sehr schwere und komplexe Form der interpersonellen Gewalt dar, die sich überwiegend in Partnerschaften und Familien ereignet, und die in Deutschland bislang weder erfasst noch systematisch untersucht wurde. Ziel des Projekts ist eine auf amtlichen Quellen und Medienberichten beruhende Vollerhebung dieser Fälle in Deutschland und weiteren europäischen Ländern (Niederlande, Finnland, Spanien, Polen, England & Wales, Schweiz). Die Analyse ist interdisziplinär und auf mehreren Ebenen angelegt: Zum einen erfolgt auf der Individualebene eine kriminalpsychologische Untersuchung, die sich auf justizielle Akten und auf Interviews mit inhaftierten Tätern mit Suizidversuch stützt. Zum anderen erfolgt auf der Makroebene eine soziologische Untersuchung zu den sozialen Kontexten und Normen, die die Wahrscheinlichkeit dieser Gewaltform erhöhen. Beide Perspektiven verfolgen das gemeinsame Ziel, die psycho-sozialen Ursachen dieser Gewaltform aufzuhellen.

Zu dem europäischen Projekt gibt es eine ausführliche englischsprachige Website.

Im einem engen Zusammenhang mit diesem Projekt steht das parallel durchgeführte Projekt Ehrenmorde in Deutschland.

Projektkategorie: Forschungsprojekt
Organisatorischer Status: Forschungsgruppenprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2006
Projektende: 2014
Projektstatus: ruhend
Projektsprache(n): Englisch; Deutsch

Leitung

Mitarbeit

  • Dipl.-Psych. Felipe Montiel (bis 14. Januar 2012)
  • Dipl.-Psych. Bianca Lafrenz (bis 15. Mai 2010)
Tötungsdelikte mit anschließendem Suizid des Täters (Homizid-Suizid, HS) werden als komplexe Gewaltereignisse in offiziellen Statistiken nicht gesondert erfasst, weshalb in Deutschland und den meisten anderen Ländern nicht einmal die Anzahl der Fälle bekannt ist. Neuere Studien in einigen Ländern lassen für Deutschland jährlich zwischen 40 und 120 Fälle mit teilweise multiplen Opfern, überwiegend Frauen und Kinder, erwarten. Familiäre HS sind für 19% aller kindlichen Opfer von Tötungsdelikten im Alter zwischen 1 und 15 Jahren in England und Wales verantwortlich.
Im Gegensatz zu sowohl Homizid als auch Suizid sind kombinierte HS bislang selten systematisch und auf breiter empirischer Basis untersucht worden. Eine einflussreiche Forschungstradition sieht Homizid und Suizid als antagonistische Ausdrucksformen menschlicher Gewalt an. Inwieweit sich das Phänomen der HS in diese gegenläufigen Erklärungsansätze einordnen lässt, ist weitgehend offen. In bisherigen Studien deutet sich an, dass Täter von HS tendenziell weniger Risikomarker, eine geringere kriminelle Vorbelastung und einen höheren Sozialstatus aufweisen als Täter sonstiger Tötungsdelikte, was viele HS-Fälle als überraschend und unvoraussehbar erscheinen lässt. Bestehende Typologien heben zwei zentrale Motivlagen hervor: 1) Eifersucht und Besitzansprüche des männlichen Täters gegenüber seiner (Ex-)Partnerin; 2) ein pseudo-altruistischer Wunsch, seine Kinder (im Falle der Mutter) oder seine Familie (im Falle des Vaters) bei einem Suizid ‚mitzunehmen’; dabei spielen depressiv-suizidale Persönlichkeitsstörungen oder wirtschaftliche Probleme eine wichtige Rolle. Im ersten Fall handelt es sich eher um ein Tötungsdelikt mit anschließendem Suizid, im zweiten Fall eher um einen erweiterten Suizid.
Das erste Ziel der Studie ist eine vollständige Erfassung von familiären HS in Deutschland und weiteren europäischen Ländern (Niederlande, Finnland, Spanien, Polen, England & Wales, Schweiz) für einen Zeitraum von ca. 10 Jahren rückwärts. Die vorrangige Informationsquelle sind Archive von Nachrichtenagenturen und Zeitungen, und darauf aufbauend justizielle Akten. Bei der Analyse der Fälle sollen die theoretischen und methodischen Zugänge zweier Disziplinen – Psychologie und Soziologie – zu einer Mehrebenenanalyse verbunden werden. Auf der individuellen Ebene soll eine detaillierte Einzelfallrekonstruktion auf der Basis verschiedener Datenquellen erfolgen, die Aufschluss über Täter-Opfer-Konstellationen, sozialen und ethnischen Status, Krisengeschichte, Tatanlaufzeit, -hergang, -motive und Täterpersönlichkeit geben. Das Kernstück der individuellen Analyse sind - auf Deutschland beschränkt - an eine Aktenanalyse anschließende teilstandardisierte Interviews mit Tätern, die sich wegen eines familialen Tötungsdelikts im Straf- oder Maßregelvollzug befinden, und die unmittelbar nach dem Tötungsdelikt einen Suizidversuch unternommen haben. Die Interviews sollen Einblick die Psychodynamik von familiären HS geben, und diese gegenüber den Merkmalen anderer Tötungsdelikte abgrenzen. Für diesen Vergleich kann auf die Daten einer früheren Studie (Steck et al. 1997, 2002) zurückgegriffen werden. Auf der Makroebene soll die Bedeutung kollektiver, sozialstruktureller und kultureller Einflussfaktoren untersucht werden. Dabei ist die Durkheimsche These des Zusammenhangs zwischen kollektivistischem Integrationstypus und Gewalt forschungsleitend. Dieser Ansatz kann auf die Hypothese zugespitzt werden, dass familiäre HS keine Folge gesellschaftlicher Des-Integration, sondern eine ‚Kehrseite’ hoher (familienbezogener) Sozialintegration ist. Räumliche Variationen in der Häufigkeit von familiären HS sollen mit Makroindikatoren in Beziehung gesetzt werden, die das Ausmaß gesellschaftlicher Integration bzw. kollektivistischer Normen widerspiegeln, wie z.B. die Scheidungsrate, die Fertilitätsrate, oder der Urbanisierungsgrad.


Förderung: EU-Förderung (Marie-Curie Reintegration Grant).

Downloads und Links:

Publikationen (Auswahl)

  • Steck, Peter/Matthes, B., Wenger de Chavez, C., Sauter, K.: Tödlich endende Partnerkonflikte. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 80, 404-417 (1997).
  • Steck, Peter/Moehle, B.; Sautner, A.; Schmid, U.: Partnertötung durch Frauen. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 85, 341-348 (2002).
  • Geändert am: 14.12.2017
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