FIDUCIA – New European Crimes and Trust-based Policy

Das EU-Projekt "FIDUCIA – New European Crimes and Trust-based Policy" warf die Frage nach effektiven Alternativen zu einer im Schwerpunkt strafrechtlichen Regulierung von (grenzüberschreitender) Transaktionskriminalität in der Gestaltung der Politik der Europäischen Union auf. In diesem Rahmen wurde die Frage analysiert, ob der Wechsel von einer repressiven europäischen Kriminalpolitik hin zu einer Politik der Normkonformität durch Normakzeptanz und durch Vertrauen in das Justizsystem und Verfahrensgerechtigkeit wünschenswert ist.

Projektkategorie: Forschungsprojekt
Organisatorischer Status: Forschungsgruppenprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 02/2012
Projektende: 05/2015
Projektstatus: abgeschlossen
Projektsprache(n): Englisch

Leitung

Mitarbeit

Untersuchungsschritte

Die empirische Überprüfung der Fragestellung erfolgte anhand von vier Fallstudien zu sogenannten neuen Formen von Kriminalität (Menschenhandel, Cyberkriminalität, unerlaubter Warenhandel und die Kriminalisierung von Migranten und ethnischen Minderheiten) sowie der Frage nach der Übertragbarkeit von Vertrauen und Normakzeptanz des Einzelnen auf ein anderes Rechtssystem der EU. Neben Sekundäranalysen wurde in sechs Mitgliedsstaaten der EU (Bulgarien, Deutschland, Finnland, Litauen, Italien, Vereinigtes Königreich) und der Türkei eine repräsentative Befragung durchgeführt.

Der Menschenhandel, der unerlaubte Warenhandel, die Cyberkriminalität und die illegale Migration stellen internationale Phänomene dar. Sie korrelieren stark mit der zunehmenden Mobilität sowie dem technischen Fortschritt. Gemeinsam ist den sog. "neuen" Formen kriminellen Verhaltens, dass sie sich (in unterschiedlicher Weise) auf ökonomische Transaktionen beziehen und dass die Nachfrage nach entsprechenden Gütern oder Leistungen aus der Gesellschaft heraus entsteht. Das heißt, dass jedenfalls für Teile der Gesellschaft die Strafbarkeit derartiger Transaktionen nicht selbstverständlich ist.

Anhand der repräsentativen Befragung wurden die Einstellung zu den neuen Formen der Kriminalität und das Vertrauen in die Justiz im eigenen Land und innerhalb der europäischen Union untersucht.

Projektteil: Unerlaubter Warenhandel

Schattenwirtschaft und illegale Märkte verweisen auf verschiedene Grundlagenfragestellungen der Kriminologie. Im Kern geht es um Fragen der politischen Ökonomie, der Behavioral Economy und der strafrechtlichen Regulierung von wirtschaftlichen Transaktionen. Mit Fragestellungen der Akzeptanz illegaler Märkte für bestimmte Güter, den damit verbundenen Entscheidungen und alternativen Regulierungen befassen sich neben der Kriminologie vor allem die Ökonomie und ferner die Psychologie.

Der unerlaubte Warenhandel – in der Strategie für die Innere Sicherheit der EU als ein Beispiel der schweren und organisierten Kriminalität genannt – wird innerhalb einer grenzenlosen EU und der damit verbundenen Möglichkeit, Waren ohne Kontrollen über die Binnengrenzen zu transportieren, als ein zunehmendes Problem angesehen. Die Konsequenzen werden in wirtschaftlichen Schäden, insbesondere für konform handelnde Unternehmen, reduzierten Steuereinnahmen und Gesundheitsgefahren lokalisiert. Hinzu tritt ein erheblicher Aufwand für Regulierung und Strafverfolgung.

Im Zentrum der Untersuchung stand die Ausarbeitung der rechtlichen, kriminologischen und soziologischen Aspekte des unerlaubten Warenhandels unter besonderer Betrachtung der Drogenmärkte, unverzollter Güter (Tabakwaren, Alkohol), gefälschter Produkte (u.a. gefälschter Medikamente) sowie des Kunst- und Antiquitätenschmuggels. Im Rahmen der oben beschriebenen Forschungsfrage des Projektes FIDUCIA wurden in der Fallstudie der Umfang, die Strukturen, die treibenden Faktoren des unerlaubten Warenhandels sowie legislative, politische und praktische Maßnahmen zur Prävention und Verfolgung des unerlaubten Warenhandels beschrieben und analysiert. Zudem wurden die Einstellung der Öffentlichkeit sowie typische Rechtfertigungen für rechtswidriges Verhalten untersucht und alternative kriminalpolitische Vorschläge entwickelt. In diesem Zusammenhang waren die Fragen von besonderer Bedeutung, ob, inwieweit und durch welche Mittel sich die Nachfrage und die mit Nachfrage verbundene Akzeptanz illegaler Transaktionen beeinflussen lassen.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Im Ergebnis ließ sich feststellen, dass eine effektive Kriminalprävention nicht allein auf repressive Kontrollmechanismen gestützt werden sollte. Da sich die Täter nicht nur von rationalen, sondern auch normativen Erwägungen leiten lassen, sollte die Förderung interner Mechanismen (moralischer Verpflichtung) sowie des Vertrauens von Menschen in das Rechtssystem und die Legitimität von Normen einbezogen werden. Die Förderung von Normakzeptanz und die Unterbrechung der sozialen Akzeptanz abweichenden Verhaltens können flankierende Schritte sein.

Auch wenn normative Strategien keine kurzfristigen Erfolge bringen, zeigte sich bei den untersuchten Fallstudien ausreichend Potential für ihre Anwendung:
(1.) Beim Menschenhandel oder dem Umgang mit Migranten korrelieren die Anerkennung und das Vertrauen in die Institution Polizei mit einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen den Betroffenen und Strafverfolgungsbehörden.
(2.) Beim unerlaubten Warenhandel kann, in einem beschränkten Rahmen, die Nachfrage sowie die mit der Nachfrage verbundene soziale Akzeptanz der unerlaubten Transaktionen beeinflusst werden.
(3.) Die globale Prävention von Cyberkriminalität erfordert auch Strategien für Selbstregulierungen, die zur Erhöhung der Normakzeptanz auf der Grundlage normativer Strategien entwickelt werden sollten.

Inwieweit die Befragten dem Rechtssystem eines ihnen durch persönliche Aufenthalte bekannten europäischen Landes vertrauen und sie in diesem Land die Legitimität der Polizei anerkennen, hing stark von dem Vertrauen und der Einstellung zur Legitimität im Heimatland ab. War das Vertrauen in die Polizei des eigenen Landes hoch, so wurden auch die Entscheidungen der Polizei in einem anderen Land als legitim und fair angesehen. Dieses Ergebnis zeigt, dass auch die EU bei ihrer kriminalpolitischen Ausrichtung normative Elemente einbeziehen sollte.

Kooperation

Im Projekt FIDUCIA arbeiteten wissenschaftliche Institute aus 13 Ländern zusammen. Neben der Leitung der Fallstudie zum unerlaubten Warenhandel war das Max-Planck-Institut als Partner an folgenden Arbeitspakten beteiligt: "Statistische Beschreibung von Kriminalität", "Entwicklung eines Modells zu einer auf Vertrauen basierenden Politik", "Kriminalisierung von Migration und ethnischen Minderheiten", "Cyberkriminalität", "Kriminalisierungskriterien" und "Einstellungen der Bevölkerung zu Vertrauen in die Justiz außerhalb des eigenen Landes". Die (Zwischen-) Ergebnisse wurden auf drei internationalen Tagungen präsentiert.

Die Abschlusskonferenz fand im Mai 2015 in Brüssel statt. Neben der Veröffentlichung der Projektergebnisse in einem Abschlussbericht wurden die Ergebnisse mit Vertreter(inne)n der Europäischen Kommission diskutiert.

Förderung

Förderung durch das 7th Framework Programme for Research von der Europäischen Union.

Publikationen (Auswahl)

  • Knickmeier, Susanne: Ein Kampf gegen Windmühlen? Zur Prävention von Alltagsdelikten. In: Evidenzorientierte Kriminalprävention in Deutschland/Walsh, Maria/Pniewski, Benjamin/Kober, Marcus/Armborst, Andreas (Hrsg.), Wiesbaden 2018, Springer VS, 841-857.
  • Knickmeier, Susanne/Bikelis, Skirmantas/Buker, Hasan/Hough, Mike/Sato, Mai: Trafficking of goods: Report on the state-of-the-art situation of trafficking of goods in EU countries. In: FIDUCIA volume #3, Maffei, Stefano/Carillo Calderón, Edith Stephany (Hrsg.), Athen 2015, EPLO, 35-52. Fiducia #3
  • Knickmeier, Susanne/Haverkamp, Rita/Hough, Mike/Sato, Mai/Bikelis, Skirmantas/Buker, Hasan: Trafficking of goods: report on the latest statistics, with accessible factsheets.. In: FIDUCIA volume #2/Maffei, Stefano/Markopoulou, Lenga (Hrsg.), Athen 2014, EPLO, 43-74. Fiducia #2
  • Literaturhinweise:

    Mazar, Nina; Ariely, Dan (2006): Dishonesty in Everyday Life and Its Policy Implications. Journal of Public Policy and Marketing, vol. 25, S. 117-126.

    Shapland, Joanna et al. (Hrsg.) (2003): The Informal Economy: Threat and Opportunity in the City. Freiburg i. Br.: edition iuscrim, vol. K 114.

    Tyler, Tom R. (2011): Why people cooperate – the role of social motivations. Princeton, Woodstock: Princeton University Press.

  • Geändert am: 02.08.2018
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