Legalbewährung nach strafrechtlichen Sanktionen

In dieser Studie wird die Legalbewährung von allen in Deutschland justiziell registrierten Personen in Abhängigkeit von Delikt, Sanktion und soziodemografischen Merkmalen wie Alter und Geschlecht untersucht. In der ersten Welle wurden dazu alle im Jahr 2004 strafrechtlich Sanktionierten oder aus der Haft Entlassenen während eines dreijährigen Rückfallzeitraums anhand von Eintragungen im Bundeszentralregister auf erneute Straffälligkeit hin überprüft. In der zweiten Welle wurde der Rückfallzeitraum 2007 bis 2010 und 2004 bis 2010 untersucht und in der dritten Erhebungswelle der Rückfallzeitraum 2010 bis 2013 und 2004 bis 2013 analysiert.

Projektkategorie: Forschungsprojekt
Organisatorischer Status: Forschungsgruppenprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2007
Projektende: 2019
Projektstatus: laufend
Projektsprache(n): deutsch

Leitung

Rückfallforschung ist für die Strafrechtspolitik und Strafrechtspraxis von außerordentlicher Bedeutung. Ziel der Studie zur Legalbewährung ist, die Rückfälligkeit nach einer justiziellen Verurteilung umfassend darzustellen. Der Kriminalpolitik wird damit repräsentatives Material über das Vorkommen von Rückfall zur Verfügung gestellt.

In der ersten Erhebungswelle wurden Personen, gegen die im Jahr 2004 entweder eine nicht freiheitsentziehende Sanktion verhängt wurde (Geldstrafe, zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe, Jugendstrafe, bzw. Unterbringung oder Maßnahme nach JGG) oder die aus dem Vollzug einer freiheitsentziehenden Sanktion (Freiheitsstrafe, Jugendstrafe, Rest der Freiheits- oder Jugendstrafe im Falle eines Bewährungswiderrufs, Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus, in einer Entziehungsanstalt oder in der Sicherungsverwahrung) entlassen wurden, innerhalb eines dreijährigen Rückfallzeitraums daraufhin untersucht, ob sie erneut wegen einer weiteren Straftat verurteilt wurden. Datenbasis hierfür waren Eintragungen im Bundeszentral- und im Erziehungsregister aus dem Jahr 2008. Anhand dieser Daten wird umfassend über den Rückfall in Abhängigkeit von Sanktionsart und -höhe, Delikt, sowie über Vorstrafen, Alter und Geschlecht der Sanktionierten informiert.

Über die Deskription von Rückfallraten hinaus können mit dem Datenmaterial auch weiterführende Auswertungen erfolgen z.B. über die Auswirkung von unterschiedlichen Sanktionen mit Hilfe eines quasi-experimentellen Ansatzes (soweit nach dem Gesetz verschiedene Rechtsfolgen möglich sind) oder hinsichtlich der Analyse von Verlaufsmustern in der Abfolge von Sanktionen, wie z.B. die einschlägige erneute Sanktionierung bei bestimmten Straftaten (Gewalt- und Sexualdelikten).

Mit der Untersuchung für das Bezugsjahr 2004 wurde ein Grundstein für eine periodische Rückfallstudie gelegt, bei der die, in regelmäßigen Abständen aus dem Bundeszentralregister gesammelten Daten mit einander verbunden werden können.

Die zweite Erhebungswelle mit Datenziehungen 2010 und 2011 ermöglichte eine erneute Rückfallstudie mit einem Beobachtungszeitraum von drei Jahren basierend auf dem Bezugsjahr 2007, gleichzeitig aber auch Analysen mit einem Rückfallzeitraum von bis zu sechs Jahren. Der Zeitraum der erfassten Legalbiographie wurde erweitert. Erweiterte Rückfallzeiträume sind insbesondere bei Sexual- oder anderen Gewaltstraftätern von Bedeutung. Bei dieser Tätergruppe kommt es häufig erst viele Jahre nach der Verurteilung oder Entlassung zu einer erneuten Straftat. Mit der Verwirklichung eines Längsschnittdesigns ergeben sich Analysemöglichkeiten, die weit darüber hinausgehen, was einzelne getrennte Datenziehungen ermöglichen.

Grundlegend für eine solche Erweiterung der Legalbewährungsstudie ist, dass Personen in den verschiedenen Datenlieferungen identifiziert werden können. Die Identifikation der Personen weiterer Datenlieferungen soll hauptsächlich anhand einer mit einer Hash-Funktion anonymisierten Personenkennung durchgeführt werden.

Die einmalige Datenziehung ermöglicht eine Rückfalluntersuchung über einen Zeitraum von 3 Jahren. Für diesen Zeitraum ist die Vorgeschichte lückenlos erfasst. Diese Einschränkung gilt auch bei mehrfachen unabhängigen Ziehungen, solange eine Zuordnung der Personen zwischen den einzelnen Ziehungen nicht möglich ist.

Wenn man allerdings diese einmaligen Datenziehungen erweitert zu regelmäßigen, 3-jährigen, Datenziehungen und dabei ein Längsschnittdesign verwirklicht wird, so ergeben sich Analysemöglichkeiten, die weit über das hinausgehen, was einzelne getrennte Datenziehungen ermöglichen.

  • Längere Rückfallzeiträume können untersucht werden. Insbesondere bei Sexualstraftätern oder anderen Gewaltstraftätern kommt es häufig erst viele Jahre nach der Verurteilung oder Entlassung zu einer erneuten Straftat.
  • Die Legalbiographie wird über einen längeren Zeitraum vollständig erfasst. Mehr Vorregistrierungen sind vorhanden bzw. von vielen Personen alle Vorregistrierungen. Damit kann die Rückfälligkeit differenzierter untersucht werden.
  • Das Tilgungsproblem des Erziehungsregisters entfällt bei 3-jähriger Ziehung und damit das Problem von fehlenden Heranwachsenden, die nur im Bezugsjahr mit Eintragungen im Erziehungsregister erfasst sind.
  • Die Einschränkung der Legalbewährungsstudie auf bestimmte Bezugsjahre wird aufgehoben.
  • Andere Themen der Karriereforschung wie z.B. Karriereabbruch und Spezialisierung können untersucht werden.

Das Ergebnis der ersten Erhebungswelle wurde 2010, das der zweiten 2013 und das der dritten Ende 2016 veröffentlicht. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Jörg-Martin Jehle und seiner Mitarbeiterin Sabine Hohmann-Fricke vom Institut für Kriminalwissenschaften der Juristischen Fakultät der Universität Göttingen durchgeführt. Auftraggeber des Projekts ist das Bundesministerium der Justiz.

Rückfallforschung ist auch international von großer Relevanz. Anhand offizieller Daten werden in vielen europäischen Ländern Rückfalluntersuchungen durchgeführt. Jedoch ist es schwierig die Rückfallraten der einzelnen Länder miteinander zu vergleichen, da viele Faktoren die Ergebnisse beeinflussen. Rückfallanalysen werden durch die Datenbasis aber auch durch juristische Faktoren und Analysemethoden stark beeinflusst. Zum Beispiel bestehen Unterschiede darin welche Ereignisse als Straftat aber auch welche Sanktionen registriert werden. Weiter unterscheiden sich die Daten darin, dass teils jede Straftat einzeln registriert wird teils aber wie in Deutschland häufig mehrere Straftaten gleichzeitig verhandelt und somit auch registriert werden. Unterschiede bestehen auch in der Definition von Rückfall. Zählen nur einschlägige Straftaten als Rückfall oder zählen auch viel leichtere Straftaten als die Ausgangsstraftat als Rückfall? Gleichwohl sind auf relativem Niveau die längerfristigen Zunahmen beziehungsweise Abnahmen von Rückfall bedingt vergleichbar.

Publikationen (Auswahl)

  • Jehle, Jörg-Martin/Albrecht, Hans-Jörg / Hohmann-Fricke, Sabine / Tetal, Carina: Legalbewährung nach strafrechtlichen Sanktionen. Eine bundesweite Rückfalluntersuchung 2010 bis 2013 und 2004 bis 2013. Hrsg. vom Bundesministerium der Justiz, 2016.
  • Tetal, Carina: Die Datengrundlage der deutschen Rückfalluntersuchung. In: National Reconviction Statistics and Studies in Europe – Nationale Rückfallstatistiken und -untersuchungen in Europa/Albrecht, H.-J./Jehle, J.-M. (Hrsg.), Göttingen Studies in Criminal Law and Justice, Vol. 25. Göttingen 2014, Universitätsverlag Göttingen, 139-157.
  • Jehle, Jörg-Martin/Albrecht, Hans-Jörg / Hohmann-Fricke, Sabine / Tetal, Carina: Legalbewährung nach strafrechtlichen Sanktionen. Eine bundesweite Rückfalluntersuchung 2007 bis 2010 und 2004 bis 2010. Hrsg. vom Bundesministerium der Justiz, 2013. Zusätzlich verfügbar als PDF (siehe unten).
  • Jehle, Jörg-Martin/Albrecht, Hans-Jörg / Hohmann-Fricke, Sabine / Tetal, Carina: Legalbewährung nach strafrechtlichen Sanktionen. Eine bundesweite Rückfalluntersuchung 2004 - 2007. Hrsg. vom Bundesministerium der Justiz, 2010. Zusätzlich verfügbar als PDF (siehe unten).
  • Jehle, J.-M./Heinz, W. & Sutterer, P.: Legalbewährung nach strafrechtlichen Sanktionen. Eine kommentierte Rückfallstatistik. Hrsg. vom Bundesministerium der Justiz, 2003. Zusätzlich verfügbar als PDF (siehe unten).
  • Geändert am: 14.12.2017
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