Predictive Policing

Evaluation des baden-württembergischen Pilotprojekts P4

Vor dem Hintergrund eines deutlichen Anstiegs der Wohnungseinbrüche in Deutschland wird nach neuen Mitteln gesucht, um diesen Trend zu stoppen oder im besten Fall umzukehren. Dabei wird mittlerweile auch hierzulande auf Methoden des Predictive Policing, also der auf statistischen Vorhersagen basierenden Vorbeu­gung in besonders gefährdeten Räumen, gesetzt. In Baden-Württemberg wurde hierzu am 30.10.2015 das Pilotprojekt Predictive Policing P4 gestartet. Dieses wurde unter Leitung einer Projektgruppe des Landes­kriminal­amtes Baden-Württemberg in den Polizeipräsidien Stuttgart und Karlsruhe durchgeführt. Wie auch im Bundesland Bayern und in einigen Gebieten der Schweiz kam dabei die Software PRECOBS des Instituts für musterbasierte Prognosetechnik aus Oberhausen zum Einsatz.

Das Projekt war vom LKA-BW ergebnisoffen angelegt und beinhaltete eine externe wissenschaftliche Evaluation durch das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht. Neben der Analyse prozess­gene­rier­ter Daten mit Fokus auf die Wirksamkeit der Prognosesoftware, wurden eine Online-Befragung mit ca. 700 Teilnehmern sowie Experteninterviews durchgeführt.

Die Vielzahl der Einzelergebnisse der Evaluationsstudie wird in dem Forschungsbericht  "Predictive Policing als Instrument zur Prä­ven­tion von Wohnungseinbruchdiebstahl. Evaluationsergebnisse zum Baden-Württembergischen Pilotprojekt P4" detailliert beschrieben und mit Tabellen und Grafiken illustriert.

Seit dem 01.08.2017 läuft PRECOBS erneut testweise in den Polizeipräsidien Karlsruhe und Stuttgart. Auch diese Phase wird von uns evaluiert werden.

Projektkategorie: Forschungsprojekt
Organisatorischer Status: Forschungsgruppenprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2016
Projektende: 2018
Projektstatus: laufend
Projektsprache(n): Deutsch / Englisch
Systematische Gliederungspunkte: Predictive Policing, Kriminalitätsprognosen, Baden-Württemberg, Wohnungseinbruch, Crime Prediction, sozialräumlicher Kontext, Kriminalgeographie, Near-Repeat, PRECOBS

Leitung

Wie auch in anderen Regionen Deutschlands haben in Baden-Württemberg die Wohnungseinbrüche in den letzten Jahren zugenommen. Um diesem Trend entgegen zu wirken, wurde von der Polizei Baden Württemberg unter Leitung des Landeskriminalamts Baden-Württemberg das Pilotprojekt Predictive Policing (P4) durch­ge­führt. Dabei kam die Computersoftware PRECOBS des Instituts für musterbasierte Prognosetechnik aus Ober­hau­sen zum Einsatz, die nach einem alarmauslösenden Einbruch für bestimmte Gebiete erhöhte Wahr­schein­lich­kei­ten von zukünftigen Einbrüchen vorhersagt. Anschließend können entsprechende polizeiliche Maßnahmen ergriffen werden, um Folgedelikte zu verhindern. Das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht wurde vom Stuttgarter Landeskriminalamt beauftragt, das Pilotprojekt wissenschaftlich zu evaluieren. Zu dieser ersten wissenschaftlich unabhängigen Evaluation von Predictive Policing liegt nun ein detaillierter Forschungsbericht vor.


Durchführung der Evaluation
Das Pilotprojekt wurde zwischen November 2015 und April 2016 in den Polizeipräsidien Karlsruhe und Stuttgart durchgeführt. In diesem Zeitraum gab es 183 PRECOBS-Alarme, wobei die Vorhersagen auf dem „Near Repeat“-Phänomen basieren. Dabei geht es um die Beobachtung, dass Wohnungseinbrüche unter bestimmten Umständen in kurzer zeitlicher und räumlicher Distanz Folgedelikte nach sich ziehen. Die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit für eine Alarmgebiet vorhergesagten „Near Repeat“-Folgedelikte sollen dann durch den gezielten Einsatz von Polizeikräften verhindert und somit die Zahl der Wohnungseinbrüche gesenkt werden. Die Wirkung dieser Umsetzung von Predictive Policing, und auch die Akzeptanz dieses neuen Ansatzes wurden in der Evaluation untersucht.
 

Zentrale Ergebnisse der Evaluation
In Teilen des Pilotgebiets sank die Zahl der Wohnungseinbrüche in der Testphase, in anderen blieb sie konstant oder nahm zu. Die Entwicklung von Fallzahlen alleine ohne experimentelles Forschungsdesign kann aber nur Hinweise auf die Wirkung von Predictive Policing geben kann und diese Resultate müssen vorsichtig beurteilt werden muss, da die Zahl der Einbrüche natürlichen Schwankungen unterliegt. Die Evaluationsstudie unter­such­te deshalb auch das Auftreten von „Near Repeat“-Delikten genauer. Für dieses Muster bei Wohnungs­einbrü­chen konnte in relevanten Gebieten sowohl eine Abnahme als auch Zusammenhänge mit der Intensität polizeilicher Maßnahmen während eines Alarms beobachtet werden. Die aus statistischen Modellen errechneten kriminalitätsminderen Effekte sind jedoch nur moderat. Für sichere Belege zur präventiven Wirksamkeit ist weitere Forschung nötig.
 
Im Pilotzeitraum betraf die große Mehrzahl der Vorhersagen städtische Gebiete, die generell höhere Einbruchs­raten aufweisen. Für ländliche Gebiete mit geringem Fallaufkommen gab es kaum PRECOBS-Alarme, und der Nutzen für diese Gebiete wird in der Evaluationsstudie kritisch gesehen.

Die Analyse von Daten aus dem täglichen Betrieb konnte zeigen, dass die zeitlichen Abläufe für das Funktio­nie­ren der Software aus kriminologischer Perspektive als praxistauglich eingestuft werden können. Dies wurde auch von den PRECOBS-Operatoren/-innen (Polizisten/-innen, die die PRECOBS-Software im Evalua­tions­zeit­raum bedienten) so gesehen. In Experteninterviews wurde das Programm als sinnvolle Ergänzung zur gezielten Einsatzplanung bewertet. Jedoch auch mit dem Hinweis, dass dies vor allem für städtische Gebiete und Zeiten mit hoher Fallbelastung gilt.
 
Für die Evaluationsstudie wurden zudem 700 Polizisten/-innen über eine Online-Befragung nach ihrer Meinung und ihren Erfahrungen zum Einsatz von Predictive Policing befragt. Ein zentrales Ergebnis war, dass Einschätzun­gen zum Nutzen stark polarisiert waren.  

Die Vielzahl der Einzelergebnisse wird in dem Bericht, der hier kostenlos heruntergeladen werden kann, beschrieben und mit Tabellen und Grafiken illustriert.                      

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse finden Sie hier.

Publikationen (Auswahl)

  • Gerstner, Dominik: Predictive Policing als Instrument zur Prävention von Wohnungseinbruchdiebstahl. Evaluationsergebnisse zum Baden-Württembergischen Pilotprojekt P4. Freiburg, edition iuscrim, 2017, 97 S.
    Volltext (10 MB)

  • Geändert am: 11.10.2017
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