Intensive Bewährungshilfe und jugendliche Intensivtäter

Eine Evaluation des Modellprojekts "Rubikon"

Die Evaluation des Modellprojekts "Rubikon" am Landgericht München I zielt auf die Implementierung und Wirkungen intensiver Bewährungshilfe bei jugendlichen und heranwachsenden Intensiv- und Mehrfachtätern. Die Evaluation wird in Form einer Kontrollgruppen- und Triangulationsstudie durchgeführt und befasst sich mit den Bedingungen der Veränderungen krimineller Entwicklungen (desistance).

Projektkategorie: Dissertation
Organisatorischer Status: Einzelprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 10/2011
Projektende: 2015
Projektstatus: abgeschlossen
Projektsprache(n): Deutsch
Rechtsordnung(en): Deutschland
Systematische Gliederungspunkte: jugendliche und heranwachsende Intensiv- und Mehrfachtäter, intensive Bewährungsbetreuung und -überwachung, Jugendkriminalität

Leitung

Mitarbeit

Forschungsgegenstand:

Junge Intensiv- und Mehrfachtäter sind in der kriminologischen Forschung und in der Öffentlichkeit ein seit langem kontrovers diskutiertes Thema. Der Befund der Philadelphia Geburtskohortenstudie einer Konzentration von Straftaten auf eine kleine Gruppe von Intensivstraftätern hat Anfang der 1970er Jahre das rechtspolitische Interesse an diesen Fragen ausgelöst. Einer Gruppe, die etwa 5-10% der Tatverdächtigen einer Alterskohorte ausmacht, können bis zu 60% der bekanntgewordenen Delikte dieser Altersgruppe zugeordnet werden. Im Gegensatz zu anderen jugendlichen und heranwachsenden Tätern, deren Kriminalität sich als bagatellhaft und vorübergehend erweist, sind Intensivstraftäter durch häufige Straftatbegehung sowie durch prekäre Lebensbedingungen gekennzeichnet. Es handelt sich hierbei um eine Hochrisikogruppe. Erwartungsgemäß konzentrieren sich präventive Anstrengungen auf diese Tätergruppe. Ein auch international beachteter präventiver Ansatzpunkt betrifft die intensive Bewährungsbetreuung und -überwachung.

Das 2010 initiierte Modellprojekt "Rubikon" der Bewährungshilfe am Landgericht München I verfolgt die Ziele des Aufbaus eines stabilen sozialen Netzwerks und damit zusammenhängend der Rückfallvermeidung für jugendliche und heranwachsende Intensiv- und Mehrfachtäter. Um für diese Problemgruppe eine über die reguläre Bewährungshilfe hinausgehende intensivere Betreuung zu gewährleisten sind vier Bewährungshelfer des Landgerichts München I von der Hälfte der regulären Fallzuweisungen entbunden worden. An die Stelle der weggefallenen regulären Betreuungsfälle treten pro Bewährungshelfer fünf intensiv betreute Probanden. Die Betreuung soll in mehreren Kontakten pro Woche sowie in der Unterstützung bei Ausbildungsfragen, Wohnungssuche oder der Einleitung von Therapien bestehen. Die wissenschaftliche Begleitforschung des Modellprojekts erfolgt im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz.

Im Rahmen der Untersuchung soll eine umfassende Evaluation des Modellprojekts erfolgen. Die Untersuchung zielt zum einen auf die Implementierung der Maßnahme und zum anderen auf deren Wirkungen.

Forschungsziel:

Forschungsfragen

Im Zuge der Untersuchung der Implementierung des Modellprojekts sollen vor allem folgende Fragen beantwortet werden:

  • Welche Intensiv- und Mehrfachtäter werden durch "Rubikon" erfasst?
  • Welche Kriterien werden der Entscheidung über die Teilnahme zugrunde gelegt?
  • Welchen Maßnahmen werden andere Intensiv- und Mehrfachtäter zugeführt?
  • Welche Maßnahmen werden im Rahmen des Modelprojekts "Rubikon" durchgeführt?
  • Wie häufig und aus welchen Gründen kommt es zu Änderungen oder Abbrüchen dieser Maßnahmen?
  • Verändern sich die Sozialkompetenzen, Einstellungen etc. der Teilnehmer?
  • Wie schätzen die beteiligten Bewährungshelfer/innen, Jugendrichter/innen, Jugendgerichtshelfer/innen, Jugendstaatsanwälte/innen, Polizisten/innen und Sozialarbeiter/innen die Eignung des Modellprojekts "Rubikon" im Vergleich zu anderen Vorgehensweisen bei Intensivtätern ein?

In Bezug auf die Wirkungen des Modellprojekts werden folgende Fragestellungen verfolgt:

  • Gibt es Anhaltspunkte für Stärkung sozialer Bindungen und damit für die Stärkung informeller Kontrolle?
  • Ergeben sich positive Veränderungen in den Merkmalsbereichen Familie, Bildung, Erwerbstätigkeit, finanzielle Situation, Freizeitverhalten, Alkohol-/Drogenkonsum und/oder Beziehungen zu Gleichaltrigen?
  • Tritt erneute Straffälligkeit auf?
  • In welcher Häufigkeit und Schwere tritt diese auf? Handelt es sich um einschlägige Straftaten?
  • Kommt es zu Bewährungswiderrufen, -verlängerungen oder Abänderungen von Weisungen oder Auflagen?
  • Wie ist die intensive Bewährungsbetreuung in Form der für "Rubikon" implementierten Maßnahmen im Vergleich zu anderen (jugendstrafrechtlichen) Reaktionen auf Intensivstraftäter im Hinblick auf die Legalbewährung zu beurteilen?

Forschungsmethode:

Grundlage der Untersuchung sind Datenerhebungen zu allen Teilnehmern, die von Beginn der Modellphase im März 2010 bis Dezember 2012 in das Projekt aufgenommen wurden. Es wird ein Quasi-Experiment durchgeführt, dessen Kontrollgruppen aus polizeilich geführten Intensivtätern aus Bayern bestehen. Dabei erfolgen Vergleiche mit:

  1. regulärer Bewährungshilfe
  2. verschiedenen jugendstrafrechtlichen Sanktionsmaßnahmen
  3. Strafvollzug

In Anbetracht der Stichprobe und des Untersuchungsgegenstands wurde eine Methodentriangulation gewählt, um eine differenzierte Analyse des Evaluationsgegenstands sicherstellen zu können. Zum einen soll die Wirksamkeit von Intensivbewährungshilfe im Vergleich zu anderen Sanktionsarten untersucht werden. Zum anderen besteht das Ziel in der Erfassung von Bedingungen der Veränderungen krimineller Karrieren. Durch ein exploratives Vorgehen bei der Erhebung soll eine möglichst weite Erfassung von Datenmaterial ermöglicht werden. Ferner enthält die Untersuchung sowohl quer- als auch längsschnittliche Elemente, da eine Einteilung der Projektteilnehmer in zwei Gruppen erfolgt. Einerseits werden diejenigen Probanden, deren Projektteilnahme zu Beginn der Datenerhebung bereits begonnen hatte bzw. abgeschlossen war, nach erfolgter Projektteilnahme interviewt. Andererseits werden die später in das Projekt aufgenommenen Teilnehmer zu drei Gelegenheiten befragt (bei Eintritt ins Projekt, bei Entlassung sowie ein halbes Jahr nach Entlassung).

Datenerhebung

Die Datenerhebung erfolgt über verschiedene Zugänge:

  • Teilnarrative Interviews mit Projektteilnehmern und Kontrollgruppenteilnehmern
  • Psychometrische Testverfahren mit den Projektteilnehmern
  • Aktenanalysen der Experimental- und Kontrollgruppen
  • Befragung mittels Interview oder Fragebögen von Bewährungshelfer/innen, Jugendrichter/innen, Jugendgerichtshelfer/innen, Jugendstaatsanwälte/innen, Polizisten/innen und Sozialarbeiter/innen
  • Bundeszentralregisterauszüge zur Feststellung erneuter Straffälligkeit der Experimental- und Kontrollgruppen nach einem Rückfallzeitraum von mindestens zwei Jahren

Förderung:

Das Projekt wurde bis April 2013 mit Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz gefördert. Diese Finanzierung und der Evaluationsauftrag endeten mit erfolgter Abnahme des Evaluationsberichts im April 2013.

Publikationen (Auswahl)

  • Walsh, Maria: Übergangsmanagement im Rahmen von Intensivbewährungshilfe. Das Modellprojekt RUBIKON. In: Handbuch Jugendstrafvollzug/Schweder, M. (Hrsg.), Weinheim, Basel 2015, Beltz Juventa, 730-742.

  • Haverkamp, Rita/Walsh, Maria: Intensivbewährungshilfe für junge Intensiv- und Mehrfachtäter. Die Implementation des Modellprojekts RUBIKON. In: Risiken der Sicherheitsgesellschaft. Sicherheit, Risiko & Kriminalpolitik/Niggli, M. A./Marty, L. (Hrsg.), Kriminologische Schriftenreihe der Neuen Kriminologischen Gesellschaft e.V. Bd. 115. Mönchengladbach 2014, Forum Verlag Godesberg, 290-302.

  • Haverkamp, Rita/Walsh, Maria: Intensivbewährungshilfe bei jugendlichen und heranwachsenden Intensiv- und Mehrfachtätern. In: Bewährungshilfe 61/2, 117-131 (2014).

  • Geändert am: 14.12.2017
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