Die Rolle der Ehre im Strafrecht

In Zeiten fortschreitender Globalisierung treffen zunehmend Menschen mit unterschiedlichen Ehrvorstellungen zusammen. Daher untersucht das Projekt anhand von 14 Berichten aus ausgewählten Ländern die Bedeutung der Ehre in verschiedenen Aspekten des Strafrechts. Ein Querschnittsbericht zieht ein Fazit. Dabei zeigt sich z. B., dass es deutliche Unterschiede im System der Ehrverletzungstatbestände gibt oder dass Strafmilderungen für Ehrenmorde nur in wenigen Ländern gewährt werden.
Projektkategorie: Forschungsprojekt
Organisatorischer Status: Institutsprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 1998
Projektende: 2007
Projektstatus: abgeschlossen
Projektsprache(n): Überwiegend Deutsch
Rechtsordnung(en): Verschiedene Rechtsordnungen weltweit

Leitung

Mitarbeit

  • Dr. Juliette Lelieur-Fischer, LL.M. Köln/Paris, LL.M. European and comparative Law, University of Maastricht
  • Dr. Teresa Manso, Mag. iur. comp (Bonn) [Email]
  • Birgit Münchbach
  • Dr. Holger-C. Rohne
  • Chiara Santangelo
  • Dr. Ewa Weigend
  • Verschiedene Bearbeiterinnen und Bearbeiter

In einer Zeit fortschreitender Globalisierung kommen zunehmend Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zusammen. Dabei treffen auch unterschiedliche Bewertungen menschlichen Verhaltens aufeinander, die zu kennen nicht nur wissenschaftliche, sondern auch praktische Bedeutung hat.

Der Begriff "Ehre" bezeichnet einen Bereich, in dem oft unterschiedliche Vorstellungen herrschen. Ehre und Ehrverletzung können in verschiedenen Problemkreisen eine Rolle spielen: bei Beleidigungsdelikten, erlittener oder befürchteter Ehrverletzung als Motiv für eine Straftat sowie der Bedeutung im Strafverfahren und bei den Strafen. Strafrechtsvergleichende Arbeiten zur Ehre zum Recht der Länder, die die größten Ausländergruppen in Deutschland stellen, nämlich der Türkei, der Nachfolgestaaten Jugoslawiens, Italiens und Spaniens, fehlen fast völlig. Arbeiten zum Thema, die sich mit ferneren, etwa ostasiatischen Kulturen befassen, gibt es nicht.

Das Projekt will ermitteln, wie andere Rechtssysteme die Rolle der Ehre im Strafrecht sehen. Dabei werden Aufschlüsse über die unterschiedliche Gewichtung von Ehre und Ehrverletzungen in verschiedenen Gesellschaften erwartet, die nicht nur wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bedeuten, sondern das gegenseitige Verstehen dieser Gesellschaften fördern können.

In dem Projekt wurden   meist von externen Bearbeitern   insgesamt 13 Landesberichte zu den folgenden Staaten erstellt: Australien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Israel, Italien, Japan, Kroatien, Norwegen, Polen, Spanien, Türkei, USA sowie ferner ein Überblick zum Ehrenmord in nahöstlichen Staaten. Auf ihrer Grundlage wurde ein rechtsvergleichender Querschnitt erarbeitet.

Während in den Common Law Ländern und den USA der Schutz der Ehre insgesamt schwach ist, besteht im kontinentaleuropäischen Recht ein detailliertes Instrumentarium zum Schutz der Ehre, auch wenn dieser zunehmend durch Zivil- und Presserecht erfolgt. Das deutsche System mit der Dreigliederung in Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung ist eher die Ausnahme. Typisch ist vielmehr ein zweigliedriges System mit Beleidigung und übler Nachrede. Der Kenntnis der Unwahrheit einer behaupteten Tatsache, im deutschen Recht das wesentliche Merkmal der Verleumdung, kann in den meisten Ländern nur durch die Strafzumessung Rechnung getragen werden. In vielen Ländern ist das Zurlastlegen einer Tatsache das entscheidende Merkmal der üblen Nachrede, während das Charakteristikum der Beleidigung das herabsetzende Werturteil ist. Eine andere Lösung kennt z.B. das italienische Recht: Dort kommt es für das Vorliegen einer üblen Nachrede auf die Anzahl der Personen an, denen gegenüber der Täter die Ehre eines Dritten verletzt. Unterschiedlich ist auch der Schutz bei Verstorbenen und bei juristischen Personen. Die Kategorien dessen, was inhaltlich als Ehrverletzung angesehen wird, sind weitgehend ähnlich: Vorwurf der Begehung einer Straftat, eines rechtswidrigen oder unanständigen Handelns, eines schuldhaften Versagens bei der Erfüllung einer Pflicht. Wie diese Merkmale aber inhaltlich "aufzufüllen" sind, hängt stark von den einzelnen Ländern und gesellschaftlichen Verhältnissen ab.

Ehrenmorde kommen nicht nur im Nahen Osten und der Türkei vor, sondern auch unter Migranten in Ländern wie Deutschland oder Schweden. Im Nahen Osten werden auch heute noch erhebliche Strafmilderungen für derartige Täter gewährt. In keinem der sonstigen hier behandelten Länder wird eine mildere Bestrafung des Täters akzeptiert, selbst wenn sie das rechtliche Instrumentarium zuließe.

Im Strafprozessrecht sind die Regelungen, die sich als ehrschützend auffassen lassen, relativ ähnlich. Einige sind Ausfluss der Unschuldsvermutung, andere schützen das Privatleben des Angeklagten wie auch das des Zeugen. Bei den Strafen wird bis auf Sonderfälle, in denen die Veröffentlichung von Urteilen möglich ist, nicht mehr von – möglicherweise – anprangernden Strafen berichtet, mit einer Ausnahme: In den USA nehmen Strafen zu, bei denen die Prangerwirkung gezielt eingesetzt wird.

Landesberichterstatter/-innen

Australien: Dr. Greg Taylor; Brasilien: Fauzi Hassan Choukr; Deutschland: Dr. Thomas Winter; Frankreich: Dr. Xavier Pin (Landesbericht in französischer Sprache); Israel: Dr. Khalid Ghanayim; Italien: Prof. Dr. Giulio de Simone, Stefano de Francesco; Japan: Prof. Dr. Mitsumasa Matsuo; Kroatien: Dr. Igor Bojanić; Norwegen: Bjørnar Bornik (Landesbericht in englischer Sprache); Polen: Dr. Ewa Weigend, Prof. Dr. Eleonora Zielińska; Spanien: Prof. Dr. Enrique Bacigalupo, Teresa Manso Porto; Türkei: Dr. Silvia Tellenbach; USA: Prof. Dr. Camille Nelson (Landesbericht in englischer Sprache).

Publikationen (Auswahl)

  • Geändert am: 14.12.2017
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