Kriminalpolitik nach der Diktatur – Straflosigkeit und Transitional Justice in Brasilien

Im Übergang von der Diktatur zur Demokratie in Südamerika sind Amnestien, Wahrheitskommissionen und Strafver­fol­gungs­ver­jäh­rung bei der Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen unter der Diktatur Konstanten der Kriminal­poli­tik. Projektziel ist, eine Basis zu schaffen, um Brasiliens Transitional Justice Politik in entsprechende südamerikanische Kriminalpolitiken einzuordnen, nachdem der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof Brasilien wegen der Straflosigkeit von Menschenrechtsverletzungen verurteilte.

Projektkategorie: Forschungsprojekt
Organisatorischer Status: Referatsprojekt
Projektlaufzeit: Projektbeginn: 2012
Projektende: 2014
Projektstatus: abgeschlossen
Projektsprache(n): Portugiesisch, Spanisch
Rechtsordnung(en): Argentinien, Brasilien, Chile, Uruguay
Systematische Gliederungspunkte: Lateinamerika, Transitional Justice, Interamerikanisches Menschenrechtssystem, Wahrheitskommissionen, Amnestie, Strafverfolgungsverjährung, Menschenrechtsverletzungen

Leitung

  • Jan-Michael Simon [Email]
  • Prof. Dr. Ana Lucia Sabadell (Universidade Federal do Rio de Janeiro)
  • Prof. Dr. Dimitri Dimoulis (Escola de Direito da Fundação Getulio Vargas, São Paulo)

Mitarbeit

  • Argentinien: Prof. Dr. Gabriel Pérez Barberá (Universidad Nacional de Córdoba)
    Brasilien: Prof. Dr. Carlos Eduardo Japiassú (Universidade do Estado do Rio de Janeiro) | Prof. Cezar Augusto Rodrigues Costa (Universidade Federal do Rio de Janeiro) | Prof. Dr. Davi de Paiva Costa Tangerino (Universidade do Estado do Rio de Janeiro) | Isaac Porto dos Santos (Universidade Federal do Rio de Janeiro) | Marcelo Torelly (Universidade de Brasilia) | Dr. Paulo Abrão (Instituto de Políticas Públicas em Direitos Humanos do Mercosul, Buenos Aires) | Paulo Mendes (Universidade Federal do Rio de Janeiro) | Prof. Marcela Siqueira Miguens (Universidade Federal do Rio de Janeiro) | Prof. Dr. Marcos Vinicius Torers Pereira (Universidade Federal do Rio de Janeiro)
    Chile: Prof. Dr. Salvador Millaleo (Universidad de Chile, Santiago de Chile) | Prof. Dr. Héctor Hernández (Universidad Diego Portales, Santiago de Chile)
    Uruguay: Prof. Dr. Pablo Galain Palermo (Universidad de la República, Montevideo)
    Vereinte Nationen: Amerigo Incalcalterra (Office of the United Nations High Commissioner of Human Rights, Geneva – Santiago de Chile)

Projektbeschreibung

Gegenstand des Projekts war die Transitional Justice (TJ)-Politik in der Kriminalpolitik südamerikanischer Staaten nach der Diktatur – speziell die TJ Politik Brasiliens. Der brasilianische Staat war zwischen 1964 und 1985 eine Militärdiktatur, unter der von Staats wegen schwerste Straftaten gegen Personen begangen wurden. Während diese Art von Kriminalität unter der Diktatur straflos blieb, ging der Staat rigoros gegen politisch motivierte Taten Oppositioneller vor. Schließlich erließ der brasilianische Staat in der letzten Phase der Diktatur ein Amnestiegesetz und erkannte nach deren Ende die schwersten Straftaten offiziell an, die zuvor seinetwegen begangen worden waren. Eine Strafverfolgung dieser Taten blieb dabei unter Verweis auf die Amnestie aus. Hier liegt das wesentliche Problem der brasilianischen TJ-Politik.

Im Anschluss an eine landesweite Debatte über die Verfassungsmäßigkeit und Reichweite des Amnestiegesetzes befand der Oberste Bundesgerichtshof Brasiliens (STF) das Gesetz für verfassungsmäßig. Der STF stellte dabei fest, dass die Amnestie von Staats wegen begangene schwerste Straftaten und politische Taten Oppositioneller gleichermaßen umfasste. Ein obiter dictum verwies ferner auf die Verfolgungsverjährung einschlägiger Straftaten. Monate später befand der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof jedoch, dass die Art und Weise, wie die brasilianische Justiz das Amnestiegesetz interpretierte und anwendete, die Aufklärung und Bestrafung von Menschenrechtsverletzungen (MR Verletzungen) verhinderte – und verurteilte Brasilien zur Aufnahme von Ermittlungen über die MR Verletzungen und zur Bestrafung der Verantwortlichen. Anschließend setzte die brasilianische Bundesregierung eine nationale Wahrheitskommission mit dem Ziel ein, die MR Verletzungen zu untersuchen und sie aufzuklären, um den Opferrechten auf Gedenken an diese Straftaten und auf Kenntnis der historischen Wahrheit zu genügen. Eine effektive Strafverfolgung der durch den Staat begangenen schwersten Straftaten fand indes bis heute nicht statt – v.a. unter Verweis auf das Urteil des STF, einschließlich der Strafverfolgungsverjährung. Diese Probleme der brasilianischen TJ Politik nach der Militärdiktatur sind Konstanten der Kriminalpolitik in Südamerika.

Das Projekt verfolgte als Ziel, eine Grundlage dafür zu schaffen, um Brasiliens TJ Politik in die südamerikanischen Kriminalpolitiken – bezogen auf Amnestien, Wahrheitskommissionen und die Strafverfolgungsverjährung – einzuordnen. Als Projektergebnis lässt sich festhalten, dass die südamerikanischen Rechtsordnungen im Anschluss an die jeweiligen Diktaturen zwei Arten von Kriminalpolitiken für den Umgang mit MR Verletzungen verfolgen. Zum einen existiert eine nicht juristisch-statische – wenn auch in rechtlicher Form ausgestaltete – TJ Politik, deren Komponenten im Wesentlichen nicht unter der Bedingung des Einsatzes strafrechtlicher Sanktionen stehen, sondern wesentlich Elemente des Restorative Justice Paradigmas enthalten. Zum anderen existiert eine Kriminalpolitik, die im Ganzen unter der Bedingung des Einsatzes strafrechtlicher Sanktionen operiert. Entscheidungen über die Akzentuierung entsprechender Politiken sind dabei jeweils von den Zielsetzungen und -konflikten abhängig, die sich in den einzelnen Gesellschaften aktuell in jeder Phase des langen politisch-gesellschaftlichen Übergangs von der Diktatur zur Demokratie herausbilden. Dabei ist für Südamerika festzustellen, dass während der ersten Übergangsphasen der Einsatz strafrechtlicher Sanktionen weniger akzentuiert ist als in späteren Phasen, in denen bei dem Umgang mit MR Verletzungen durch die Diktatur der Ausnahmegedanke der Transitional Justice zunehmend dem Normalprogramm des Strafrechts zu weichen scheint. Der brasilianische Weg ist dabei keine Ausnahme. Leichte und schnelle politische Lösungen für die jeweilige Übergangsphase gibt es nach den südamerikanischen Erfahrungen jedenfalls ebenso wenig wie allgemeine normative Gewissheiten über den richtigen Weg.

Finanzierung

CAPES
Editora Revista dos Tribunais

Publikationen (Auswahl)

  • Sabadell, Ana Lucia / Simon, Jan-Michael / Dimoulis, Dimitri (Hrsg.): Justiça de transição. Das anistias às comissões de verdade. Revista dos Tribunais, São Paulo 2014, 424 S.

  • Simon, Jan-Michael: Verantwortung, Schuld und Pflicht zur Erinnerung – Ein Kommentar. In: Neumann, U. / Prittwitz, C. / Abrão, P. / Swensson Jr, L. J. / Torelly, M. D. (Hrsg.): Transitional Justice. Das Problem gerechter strafrechtlicher Vergangenheitsbewältigung. Frankfurter Kriminalwissenschaftliche Studien, Band 143. Peter Lang, Frankfurt a.M. 2013, S. 201-206.

  • Sabadell, Ana Lucia / Dimoulis, Dimitri: Anistia. A política além da justiça e da verdade. Acervo, Band 24 (2012), S. 79-102.

  • Simon, Jan-Michael / Galain Palermo, Pablo: La imprescriptibilidad de las violaciones contra los derechos humanos cometidas en Uruguay (1973-1985). In: Revista Penal, Band 32 (2013), S. 222-249.

  • Weitere Publikationen der Projektleitung im Zusammenhang mit dem Thema:

    • Simon, Jan-Michael: Posibilidades e limites da perseguição penal das violações aos direitos humanos cometidos no passado na república do Haiti: Entre o direito nacional e o direito internacional. In: Revista Anistia Política e Justiça de Transição, Nr. 6 (2012), S. 262-299 = Posibilidades y límites de la persecución penal de las violaciones a los derechos humanos perpetrados en el pasado en la República del Haití: Entre el derecho nacional y el derecho internacional. In: Revista Derecho y Sociedad 2013/2, S. 35-51.
    • Simon, Jan-Michael: O esclarecimiento da verdade sobre graves violações dos direitos humanos. In: Revista Brasileira de Ciências Criminais, Nr. 92 (2011), S. 403-428.
    • Dimoulis, Dimitri, zusammen mit Martins, Antonio / Swensson Junior, Lauro Joppert (Hrsg.): Justiça de transição no Brasil. Direito, responsabilização e verdade. Saraiva, São Paulo 2010, 158 S.
    • Sabadell, Ana Lucia / Espinoza Mavila, Olga: Brasilien. In: Eser, A. / Sieber U. / Arnold J. (Hrsg.): Strafrecht in Reaktion auf Systemunrecht. Vergleichende Einblicke in Transitionsprozesse, Teilband 13. Duncker&Humblot, Berlin 2009, 250 S.
    • Simon, Jan-Michael: Entre o global e o local. Negociações de paz e Tribunal Penal Internacional. In: Monte Ferreira, M. (Hrsg.): Que futuro para o direito processual penal? Simpósio em homenagem a Jorge de Figueiredo Días, por ocasião dos 20 anos do código de processo penal português. Coimbra Editora, Coimbra 2009, S. 583-612.
    • Simon, Jan-Michael: La función del derecho penal en casos de violencia colectiva: Algunas consideraciones sobre los objetivos y fines del derecho penal en situaciones de posconflicto. In: García Ramírez, S. / Islas de González Mariscal, O. (Hrsg.): Panorama internacional sobre justicia penal. Instituto de Investigaciones Jurídicas de la UNAM, México D.F. 2007, S. 555-566.
    • Simon, Jan-Michael, zusammen mit Albrecht, Hans-Jörg / Rezaei, Hassan / Rohne, Holger / Kiza, Ernesto (Hrsg.): Conflicts and conflict resolution in middle eastern societies. Between tradition and modernity. Duncker&Humblot, Berlin 2006, 658 S.
    • Simon, Jan-Michael: Criminal accountability and reconciliation. In: Albrecht, H.-J. / Simon, J.-M. / Rezaei, H. / Rohne, H. / Kiza, E. (Hrsg.): Conflicts and conflict resolution in middle eastern societies. Between tradition and modernity. Duncker&Humblot, Berlin 2006, S. 99-116.
    • Simon, Jan-Michael, zusammen mit Arnold, Jörg / Woischnik, Jan (Hrsg.): Estado de derecho y delincuencia de estado en América Latina: Una visión comparativa. Instituto de Investigaciones Jurídicas de la UNAM, México D.F. 2006, 422 S.
    • Simon, Jan-Michael: Guatemala. In: Arnold, J. / Simon, J.-M. / Woischnik, J. (Hrsg.): Estado de derecho y delincuencia de estado en América Latina: Una visión comparativa. Instituto de Investigaciones Jurídicas de la UNAM, México D.F. 2006, S. 353-406.
    • Simon, Jan-Michael: Violencia masiva patrocinada por el estado. Responsabilidad criminal y “reconciliación”. In: Boletín Mexicano de Derecho Comparado, Nr. 112 (2005), S. 273-292.
    • Simon, Jan-Michael: Procesos de paz y Corte Penal Internacional. In: García Ramírez, S. (Hrsg.): Derecho Penal. Memoria del congreso internacional de culturas y sistemas jurídicos comparados. Instituto de Investigaciones Jurídicas de la UNAM, México D.F. 2005, S. 423-434.
    • Simon, Jan-Michael: Responsabilidad criminal y reconciliación: El derecho penal frente a la violencia política masiva en Súdafrica, Ruanda y El Salvador. In: Fundación País Libre / Fundación Konrad Adenauer (Hrsg.): Corte Penal Internacional. Instrumento de paz para Colombia. Fundación País Libre / Fundación Konrad Adenauer, Bogotá 2004, S. 33-57.
    • Simon, Jan-Michael: La Comisión para el Esclarecimiento Histórico de Guatemala. In: Boletín Mexicano de Derecho Comparado, Nr. 106 (2003), S. 147-203.
    • Simon, Jan-Michael: Przemoc propierana przez państwo – Odpowiedzialność karna a pojednanie. In: Ius et Lex, Band 2 (2003), S. 161-173.
    • Simon, Jan-Michael: Jurisdicción universal: La perspectiva del derecho internacional público. In: Anuario de Derecho Constitucional Latinoamericano 2001. Konrad-Adenauer-Stiftung, Montevideo-Bonn 2001, S. 283-318.
  • Geändert am: 14.12.2017
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