Forschungsschwerpunkte

In der strafrechtlichen Abteilung sollen nach der Neuberufung von Prof. Dr. Ulrich Sieber zunehmend neue Schwerpunkte gesetzt werden, die vor allem durch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen der strafrechtlichen und der kriminologischen Abteilung geprägt sind. Die neuen Schwerpunkte der strafrechtlichen Abteilung werden dabei vor allem die drei zentralen Herausforderungen im Bereich der Kriminalität und der Kriminalitätsbekämpfung betreffen, die mit den Begriffen "Weltgesellschaft", "Informationsgesellschaft" und "neue Risikogesellschaft" schlagwortartig umschrieben werden: Kriminalität wird globaler; sie nutzt dabei internationale Datennetze; ihre Auswirkungen können - durch Technik und Organisation - schon im Einzelfall gesamtgesellschaftliche Bedeutung erlangen und zu neuen Formen der Makrokriminalität führen. Diese drei Entwicklungen der Welt-, Informations- und Risikogesellschaft hängen eng miteinander zusammen, verstärken sich gegenseitig und führen auch zu teilweise gleichen Problemstellungen.

Ein wichtiger Aspekt dieser Entwicklungen ist ein häufiges Scheitern des klassischen, auf der territorialen Souveränität beruhenden rein nationalen Strafrechts: In der Weltgesellschaft lassen sich global agierende Täter nicht mehr durch ein Strafrecht kontrollieren, dessen Entscheidungen in ihrer Wirksamkeit auf ein nationales Territorium begrenzt sind und die im Falle ihrer Erstreckung auf ein anderes Staatsgebiet erst langwierige Mechanismen der Amts- oder Rechtshilfe durchlaufen müssen. In der modernen Informationsgesellschaft kann die Vielzahl der Datenpakete des Internet mit ihren oft verschlüsselten Inhalten an den Außengrenzen eines Staates nicht mehr flächendeckend überprüft werden, so dass der virtuelle Raum des Internet durch ein territorial begrenztes Strafrecht nur noch begrenzt kontrollierbar ist. Auch in der durch Technik und Organisation gekennzeichneten neuen Risikogesellschaft scheitert das klassische Strafrecht häufig an - vor allem international vernetzten - Fällen der Wirtschaftskriminalität, der organisierten Kriminalität, des Terrorismus, der Kriminalität in gewalttätigen Konflikten mit internationaler Bedeutung oder anderen Formen der Makrokriminalität.

Eine der zentralen Herausforderungen des beginnenden neuen Jahrtausends wird daher die Erforschung von internationalen und supranationalen Strafrechtssystemen und Kooperationsformen sowie von alternativen Präventionsmodellen sein, die zwar mit dem klassischen, territorial begrenzten nationalen Strafrecht zusammenwirken, jedoch in ihrer Effektivität darüber hinausgehen. Neue Formen der Amts- und Rechtshilfe, die unmittelbare Geltung von strafrechtlichen Entscheidungen in anderen Rechtssystemen, supranationales Strafrecht sowie europäische oder gar universelle Modellstrafgesetze gehören daher ebenso zum zukünftigen Forschungsschwerpunkt des Instituts wie die internationale Selbstregulierung der Wirtschaft, neue Formen der staatlich-privaten "Ko-Regulierung" oder der Umgang mit Post-Konfliktsituationen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. In diesem Rahmen sollen auch Fragestellungen aus bisherigen Forschungsprojekten des Instituts (wie zum Projekt "Strafrecht in Reaktion auf Systemunrecht") weiterentwickelt werden.

Das Forschungsprogramm der kriminologischen Abteilung ist inhaltlich auf die grundlegenden gesellschaftlichen Umbrüche und Transformationen der Gegenwart ausgerichtet, die nicht nur die Entstehungsbedingungen und Gelegenheitsstrukturen von Kriminalität – und damit die Kriminalität selbst – verändern, sondern auch die gesellschaftlichen Reaktionen, ihre Instrumentarien und Verfahren der Sozialkontrolle und dabei insbesondere die strafrechtliche Sozialkontrolle. Die Untersuchungen sind thematisch in fünf Forschungsschwerpunkte untergliedert: (1) Strafverfahren und Sanktionen im Wandel, (2) Gefährliche Straftäter, (3) Innere Sicherheit, organisierte Kriminalität, Terrorismus – gesellschaftliche Wahrnehmungen und Reaktionen, (4) Kriminalität, soziale Kontexte und sozialer Wandel, (5) Kriminalpolitik und rechtsstaatliche Entwicklung in außereuropäischen und Übergangsgesellschaften.

Die Forschung ist methodisch auf die Erfassung von Veränderungen und hiermit auf Längsschnitt- und Wiederholungsuntersuchungen ausgerichtet sowie auf die Entwicklung der Mehrebenenanalyse, mit der die Handlungsebene und soziale Kontexte verknüpft werden. Inhaltlich zielen die Untersuchungen auf die Fortsetzung der am Institut bereits früh begonnenen Implementations- und Evaluationsforschung sowie auf die Fortentwicklung von Theorien der Kriminalität und der strafrechtlichen Sozialkontrolle. Die Projekte zum Strafverfahren greifen dabei insbesondere Fragestellungen neuer und verdeckter Ermittlungsmethoden auf, die – wie die Telekommunikationsüberwachung, die Rasterfahndung, die Überwachung des Wohnraums oder die Verkehrsdatenabfrage – mit neuen Kriminalitätsformen zusammenhängende Risiken und Ermittlungsprobleme beantworten sollen und das sich entwickelnde präventive Sicherheitsrecht repräsentieren. Neue Ermittlungsmethoden sind darüber hinaus auf Fragestellungen der Informationsgesellschaft ausgerichtet, denn sie setzen an Veränderungen der Informationstechnologie an und beziehen sich auf veränderte gesellschaftliche Kommunikationsmuster. Im Rahmen der Untersuchungen zu gefährlichen Straftätern und zur Inneren Sicherheit werden neben der empirischen Erfassung neuer Kriminalitätsphänomene Fragen der Rückfallkriminalität bei Sexualstraftätern, die Prognose sowie die Auswirkungen von Behandlung im Strafvollzug und von Entwicklungen in der Nachentlassungssituation thematisiert. Im Übrigen gilt die Aufmerksamkeit der Wahrnehmung der Sicherheit und den Unsicherheitsgefühlen in der Bevölkerung sowie ihrer Erklärung. Vor allem in Kooperationsprojekten und in Übergangsgesellschaften werden Prozesse der Ausbildung eines rechtsstaatlichen Strafrechts und sein Potential für die (Wieder-)Herstellung sozialer Ordnung ausgeleuchtet.

  • Geändert am: 16.07.2015
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