Wissenschaftliche Geschichte des Instituts

Das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht geht zurück auf das „Seminar für ausländisches und internationales Strafrecht“ an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg. Die detaillierte Entstehungsgeschichte des Instituts finden Sie im Bereich "Organisation". Das Seminar pflegte von Beginn an intensive Auslandsbeziehungen und verlor auch während der Kriegszeit seine in der friedlichen Zusammenarbeit der Völker gelegenen Ziele nie aus den Augen. Um diesen Einsatz zu würdigen, wurde das Seminar 1947 umbenannt in „Institut für ausländisches und internationales Strafrecht“.

Anfang 1954 wurde Hans-Heinrich Jescheck als Nachfolger von Adolf Schönke berufen. 1966 wurde das Institut in die Max-Planck-Gesellschaft aufgenommen und Jescheck zum wissenschaftlichen Mitglied und Direktor berufen. Um die notwendige empirische Forschung auf dem Gebiet der Strafrechtswissenschaft im Institut zu verankern, stimmte die MPG 1970 zu, eine kriminologische Abteilung aufzunehmen. Zum Leiter der neuen Forschungsgruppe wurde Günther Kaiser berufen, der vorher am Institut für Kriminologie der Universität Tübingen tätig war. Mit dieser Konstruktion war der Grundstein für alle zukünftigen Institutsprojekte gelegt bei denen die Verbindung von normativer und empirischer Forschung durch eine möglichst enge Zusammenarbeit von Strafrecht und Kriminologie eine zunehmend wichtige Rolle spielen sollte. Zu unterscheiden sind seit dieser Zeit gemeinsame Projekte sowie solche, die schwerpunktmäßig durch eine Abteilung durchgeführt wurden. Auch bei der letztgenannten Gruppe liefert die jeweils nicht federführend tätige Abteilung regelmäßig wichtige Beiträge für das Projekt.

Unter der Führung durch Jescheck hat das Institut seinen rechtsvergleichenden Schwerpunkt erhalten und bis heute weiter fortgeführt. In einer Welt, in der sich räumliche Distanzen immer leichter überbrücken lassen, z.B. durch das Internet, und bei der gesellschaftliche Entwicklungen kaum noch an nationalen Grenzen Halt machen, wird auch die Berührung mit fremdem Strafrecht immer mehr zu einem massenhaften Phänomen. Damit wächst auch das gegenseitige Informationsbedürfnis. Dies gilt für den Gesetzgeber, der bei Reformvorhaben ausländische Erfahrungen nutzen oder im Interesse internationaler Rechtsangleichung sich am Vorbild anderer Länder orientieren will. Es gilt für den Richter, Staatsanwalt oder Verteidiger, der bei Entscheidungen fremdes Recht zu berücksichtigen, Rechtshilfe zu leisten oder einem Mandanten Rechtsrat zu erteilen hat. Und es gilt für den Wissenschaftler, der sein Forschen und Lehren rechtsvergleichend untermauern oder von den Fragestellungen und Erkenntnissen ausländischer Kollegen lernen möchte.

Mit der Entscheidung aus dem Jahr 1970 zur Gründung der Forschungsgruppe Kriminologie als eigenständiger Abteilung und der Ernennung von Günther Kaiser zum Leiter und Direktor wurde der Grundstein für den Aufbau der sozialwissenschaftlich-empirischen Forschung am Institut gelegt, die die normativ ausgerichtete Arbeit der strafrechtlichen Forschungsgruppe komplementär ergänzt. Dem interdisziplinären Anspruch verpflichtet setzte sich die Forschungsgruppe von Anfang aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen zusammen. Zunächst war die Forschung schwerpunktmäßig auf die Erforschung der vielschichtigen Zusammenhänge von Verbrechen und Verbrechenskontrolle ausgerichtet. Neben der Behandlungsforschung, der Opferforschung, der Polizei- und Justizforschung und der Erforschung bestimmter Kriminalitätsbereiche und -phänomene stellte die Implementations- und Evaluationsforschung von Beginn an eine wichtige Komponente im kriminologischen Forschungsprogramm des Instituts dar. Auf die Ära Kaiser geht auch die Freiburger Kohortenstudie zurück, ein Langzeitprojekt der Grundlagenforschung, das polizeiliche und justizielle Registrierungen mehrerer Geburtskohorten aus den 1970er Jahren anonymisiert im Lebensverlauf beobachtet. Mit jedem weiteren Jahr gewinnt dieser in Deutschland und Europa einzigartige Datenbestand weiter an Wert; er erlaubt mittlerweile die Analyse vielfältiger Fragestellungen zur Kriminalitätsentwicklung wie auch zu (kriminellen) Biographien und möglichen Determinanten im Längsschnitt.

Im Jahre 1982 wurde Albin Eser zum Nachfolger von Hans-Heinrich Jescheck berufen. Durch ihn wurde seit 1982 das Arbeitsfeld des Hauses um den Bereich Recht und Medizin erweitert. Ebenso wie auch sonst soll Strafrecht die "ultima ratio" des Rechtsgüterschutzes sein und soll damit auch im Verhältnis zwischen Arzt und Patient erst dann zum Zuge kommen, wenn andere soziale Regelungssysteme und Ordnungsmechanismen den Schutzbedürfnissen nicht hinreichend gerecht zu werden vermögen. Daher ist es das Anliegen der medizinrechtlichen Forschungsarbeit des Instituts, der auch innerhalb der juristischen Betrachtungsweise interdisziplinären Dimension dieses Forschungsgebiets Rechnung zu tragen und die vielfach involvierten ethischen Fragestellungen nicht auszuklammern, sondern im Gegenteil - auch durch interdisziplinäre Zusammenarbeit - ihrer zentralen Bedeutung gemäß zu erfassen.

1995 wurde Hans-Jörg Albrecht zum Nachfolger von Günther Kaiser berufen. Unter seiner Leitung wurde die kriminologische Forschung weiter ausgebaut und inhaltlich auf neue Fragestellungen ausgerichtet, die mit globalisierungs- und modernisierungsbedingten Veränderungen in der Kriminalitätsentwicklung und daraus resultierenden neuen Herausforderungen für die Kriminalitätskontrolle in Verbindung stehen. Im Zentrum der Forschungstätigkeit rückten insbesondere die Herausfordungen durch Transaktionskriminalität, Schwarzmärkte und Schattenwirtschaften, durch rationale Kriminalität, Organisation und Subkultur, durch transnationale Netzwerke und komplexe Sachverhalte sowie durch besondere Formen von Extremkriminalität wie Regierungs- und Makrokriminalität, Sexual- und andere gefährliche Straftäter und, seit 2001, der neue internationale Terrorismus. Unter dem Arbeitstitel "mediation, retaliation and punishment" wird in den kommenden Jahren ein weiterer Akzent auf Fragen nach dem Verhältnis von (konventionellem) Strafrecht und alternativen Konfliktregelungsmodellen, insbesondere im Kontext von Makrokriminalität und gesellschaftlichen Postkonfliktsituationen, liegen. Neu aufgebaut wurde von Albrecht ferner das Laboratoire Europeen Associé, ein von der Max-Planck-Gesellschaft und dem Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) gesondert geförderter deutsch-französischer Forschungsverbund, der seit 1998 besteht.

2003 schließlich wurde Ulrich Sieber Leiter der strafrechtlichen Forschungsgruppe und Direktor am Institut als Nachfolger von Albin Eser. Sieber ergänzte die strafrechtliche Forschungsgruppe um ein Referat für Informationsrecht und Rechtsinformatik. Er greift damit eine der zentralen Herausforderungen im Bereich der Kriminalität und Kriminalitätsbekämpfung auf. Kriminalität wird globaler, sie nutzt dabei zunehmend internationale Datennetze. Durch Technik und Organisation können die Auswirkungen schon im Einzelfall gesamtgesellschaftliche Bedeutung erlangen.

Seit dem Jahr 2008 hat das Institut seine wissenschaftliche Organisationsstruktur an die allgemein üblichen Bezeichnungen in der Max-Planck-Gesellschaft angepasst. Die zwei ursprünglich als "Forschungsgruppen" gegründeten Einheiten firmieren nun als strafrechtliche bzw. kriminologische "Abteilung". Ebenfalls seit dem Jahr 2008 verfügt das Institut über einen "Geschäftsführenden Direktor", dessen Position abwechselnd vom Leiter der kriminologischen und der strafrechtlichen Abteilung wahrgenommen wird.

  • Geändert am: 16.07.2015
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