For­schungs­pro­gramm

Die For­schungs­aus­rich­tung des In­sti­tuts, das zur Geis­tes-, So­zi­al- und Hu­man­wis­sen­schaft­li­chen Sek­ti­on der MPG ge­hört, ist grund­la­ge­n­ori­en­tiert und durch den in­ter­dis­zi­pli­nären rechts- und so­zi­al­wis­sen­schafl­ti­chen For­schungs­an­satz zu­gleich an­wen­dungs­ori­en­tiert. Ent­spre­chend den Grund­prin­zi­pi­en der Max-Planck-Ge­sell­schaft be­stim­men bei­de Di­rek­to­ren ih­re For­schun­gen ei­gen­stän­dig. Die bei­den selbst­stän­di­gen For­schungs­be­rei­che sind je­doch nicht nur me­tho­disch mit­ein­an­der ver­zahnt, son­dern auch durch die Wahl ih­rer For­schungs­ge­gen­stän­de auf­ein­an­der ab­ge­stimmt. In den For­schungs­me­tho­den er­gän­zen sich die bei­den For­schungs­ab­tei­lun­gen mit ih­ren un­ter­schied­li­chen Un­ter­su-chungs­an­sät­zen und theo­re­ti­schen Per­spek­ti­ven straf­recht­li­cher und kri­mi­no­lo­gi­scher Pro­jek­te.

Das For­schungs­pro­gramm der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung zu den Gren­zen des Straf­rechts be­schäf­tigt sich mit die­sen Ver­än­de­run­gen. Vor al­lem auf der nor­ma­ti­ven Ebe­ne wur­den zwei the­ma­ti­sche For­schungs­schwer­punk­te und ein Schwer­punkt zu den ein­schlä­gi­gen For­schungs­me­tho­den ge­bil­det. Der ers­te For­schungs­schwer­punkt zielt auf ei­ne Theo­rie der Straf­rechts­in­te­gra­ti­on: Die Her­aus­for­de­run­gen, die sich aus dem ge­sell­schaft­li­chen Wan­del der Glo­ba­li­sie­rung er­ge­ben, füh­ren das klas­si­sche na­tio­na­le Straf­recht an sei­ne ter­ri­to­ria­len Gren­zen. Mo­del­le zur Über­win­dung der ter­ri­to­ria­len Gren­zen des Straf­rechts durch ein trans­na­tio­nal wirk­sa­mes Straf­recht sind ins­be­son­de­re das Eu­ro­päi­sche Straf­recht und das Völ­ker­straf­recht. Der zwei­te For­schungs­schwer­punkt der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung fo­kus­siert auf ei­ne Theo­rie zu den funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts: Die ent­spre­chen­den Her­aus­for­de­run­gen für das Straf­recht und die Kri­mi­nal­po­li­tik wer­den be­son­ders an der be­schränk­ten Funk­ti­on von Straf­recht deut­lich, das mit neu­en kom­ple­xen For­men der Kri­mi­na­li­tät, ver­än­der­ten Ri­si­ko­wahr­neh­mun­gen und ge­wan­del­ten kri­mi­nal­po­li­ti­schen Si­cher­heits­dis­kur­sen kon­fron­tiert ist (bei­spiels­wei­se beim Ter­ro­ris­mus, bei Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit, der Or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät, der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät und der In­ter­net­kri­mi­na­li­tät). Bei­de Grenz­be­rei­che hän­gen in der ent­ste­hen­den „Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft“ eng zu­sam­men. Um die ein­schlä­gi­gen Fra­ge­stel­lun­gen me­tho­disch kon­trol­liert un­ter­su­chen und Lö­sun­gen ent­wi­ckeln zu kön­nen, ana­ly­siert der drit­te For­schungs­schwer­punkt der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung die für das straf­recht­li­che For­schungs­pro­gramm zen­tra­le Me­tho­den­fra­ge nach ei­ner Theo­rie der Straf­rechts­ver­glei­chung und ei­ner ent­spre­chen­den in­ter­na­tio­na­len Straf­rechts­dog­ma­tik.

Im Rah­men der oben be­schrie­be­nen grund­le­gen­den ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che und Trans­for­ma­tio­nen der Ge­gen­wart ver­än­dern sich nicht nur die Ent­ste­hungs­be­din­gun­gen und Ge­le­gen­heits­s­truk­tu­ren von Kri­mi­na­li­tät – und da­mit die Kri­mi­na­li­tät selbst –, son­dern auch die Re­ak­tio­nen der Ge­sell­schaft hier­auf, ih­re In­stru­men­ta­ri­en und Ver­fah­ren der So­zi­al­kon­trol­le und da­bei ins­be­son­de­re die straf­recht­li­che So­zi­al­kon­trol­le. Die­ser in­halt­li­che Fo­kus be­stimmt den Zu­schnitt und die Aus­ge­stal­tung des kri­mi­no­lo­gi­schen For­schungs­pro­gramms. Die kri­mi­no­lo­gi­sche Ab­tei­lung un­ter­sucht die oben ge­nann­ten Fra­gen des so­zia­len Wan­dels in fünf For­schungs­schwer­punk­ten:

(1.) Straf­ver­fah­ren und Sank­tio­nen im Wan­del,

(2.) Ge­fähr­li­che Straf­tä­ter,

(3.) In­ne­re Si­cher­heit, Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät, Ter­ro­ris­mus – ge­sell­schaft­li­che Wahr­neh­mun­gen und Re­ak­tio­nen,
(4.) Kri­mi­na­li­tät, so­zia­ler Kon­text und so­zia­ler Wan­del,

(5.) Kri­mi­nal­po­li­tik und rechts­staat­li­che Ent­wick­lung in Über­gangs­ge­sell­schaf­ten.

Die kri­mi­no­lo­gi­sche For­schung ist me­tho­disch auf die Er­fas­sung von Ver­än­de­run­gen und hier­mit auf Längs­schnitt- und Wie­der­ho­lungs­un­ter­su­chun­gen aus­ge­rich­tet so­wie auf die Ent­wick­lung der Meh­re­be­nen­ana­ly­se, mit der die Hand­lungs­ebe­ne und so­zia­le Kon­tex­te ver­knüpft wer­den. In­halt­lich zie­len die Un­ter­su­chun­gen auf die Fort­set­zung der am In­sti­tut be­reits früh be­gon­ne­nen Im­ple­men­ta­ti­ons- und Eva­lua­ti­ons­for­schung so­wie auf die Fort­ent­wick­lung von Theo­ri­en der Kri­mi­na­li­tät und der straf­recht­li­chen So­zi­al­kon­trol­le. Die Pro­jek­te zum Straf­ver­fah­ren grei­fen da­bei ins­be­son­de­re Fra­ge­stel­lun­gen neu­er und ver­deck­ter Er­mitt­lungs­me­tho­den auf, die – wie die Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Ver­kehrs­da­ten­über­wa­chung, die Ras­ter­fahn­dung, die Über­wa­chung des Wohn­raums oder die au­to­ma­ti­sche Kfz-Kenn­zei­chen­kon­trol­le – mit neu­en Kri­mi­na­li­täts­for­men zu­sam­men­hän­gen­de Ri­si­ken und Er­mitt­lungs­pro­ble­me be­ant­wor­ten sol­len und si­gni­fi­kan­te Ele­men­te des sich ent­wi­ckeln­den prä­ven­ti­ven Si­cher­heits­rechts re­prä­sen­tie­ren. Neue Er­mitt­lungs­me­tho­den sind dar­über hin­aus auf Fra­ge­stel­lun­gen der In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft aus­ge­rich­tet, denn sie set­zen an Ver­än­de­run­gen der In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie an und be­zie­hen sich auf ver­än­der­te ge­sell­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mus­ter. Im Rah­men der Un­ter­su­chun­gen zu ge­fähr­li­chen Straf­tä­tern und zur In­ne­ren Si­cher­heit wer­den ne­ben der em­pi­ri­schen Er­fas­sung neu­er Kri­mi­na­li­täts­phä­no­me­ne Fra­gen der Rück­fall­kri­mi­na­li­tät bei Se­xu­al­straf­tä­tern, die Ge­fähr­lich­keits­pro­gno­se so­wie die Aus­wir­kun­gen von Be­hand­lung im Straf­voll- zug und von Ent­wick­lun­gen in der Nach­ent­las­sungs­si­tua­ti­on, ins­be­son­de­re der Ab­bruch und die Fort­set­zung kri­mi­nel­ler Kar­rie­ren, the­ma­ti­siert. Im Üb­ri­gen gilt die Auf­merk­sam­keit der Wahr­neh­mung der Si­cher­heit und den Un­si­cher­heits­ge­füh­len in der Be­völ­ke­rung so­wie ih­rer Er­klä­rung mit be­son­de­rer Kon­zen­tra­ti­on auf den in­ter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus. Vor al­lem in Ko­ope­ra­ti­ons­pro­jek­ten wer­den Pro­zes­se der Aus­bil­dung ei­nes rechts­staat­li­chen Straf­rechts in Über­gangs­ge­sell­schaf­ten und sein Po­ten­zi­al für die (Wie­der-)Her­stel­lung so­zia­ler Ord­nung aus­ge­leuch­tet.