For­schungs­pro­gramm und Pro­jek­te der Kri­mi­no­lo­gi­schen Ab­tei­lung

Das For­schungs­pro­gramm der Kri­mi­no­lo­gi­schen Ab­tei­lung kon­zen­triert sich auf die Ver­än­de­rungs­pro­zes­se, die im Zu­ge der grund­le­gen­den ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che und Trans­for­ma­tio­nen der Ge­gen­wart nicht nur die Ent­ste­hungs­be­din­gun­gen und Ge­le­gen­heits­s­truk­tu­ren von Kri­mi­na­li­tät – und da­mit auch die Er­schei­nungs­for­men der Kri­mi­na­li­tät – ver­än­dern, son­dern auch die ge­sell­schaft­li­chen Re­ak­tio­nen, die In­stru­men­ta­ri­en der for­ma­len So­zi­al­kon­trol­le und da­bei ins­be­son­de­re der straf­recht­li­chen In­ter­ven­ti­on und straf­recht­li­cher Sank­tio­nen. Die­ser in­halt­li­che Fo­kus be­stimmt den Zu­schnitt und die Aus­ge­stal­tung der For­schungs­schwer­punk­te zu „Straf­ver­fah­ren und Sank­tio­nen im Wan­del“, „Ge­fähr­li­che Straf­tä­ter“, „In­ne­re Si­cher­heit, or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät und Ter­ro­ris­mus“ so­wie „Kri­mi­na­li­tät, so­zia­ler Kon­text und so­zia­ler Wan­del“.

In me­tho­di­scher Hin­sicht wird ein Schwer­punkt auf die Längs­schnitt­for­schung ge­legt, die vor al­lem in der Frei­bur­ger Ko­hor­ten­un­ter­su­chung und in der Un­ter­su­chung der Wir­kun­gen der So­zi­al­the­ra­pie auf die Rück­fäl­lig­keit von Se­xu­al- und Ge­walt­straf­tä­tern zum Aus­druck kommt, je­doch auch in Wie­der­ho­lungs­stu­di­en, wie sie in For­schun­gen zur Im­ple­men­tie­rung des Um­welt­straf­rechts oder in der bun­des­wei­ten Rück­fall­sta­tis­tik sicht­bar wer­den. Fer­ner kon­zen­trie­ren sich ver­schie­de­ne Pro­jek­te aus den Schwer­punk­ten „Kri­mi­na­li­tät, so­zia­ler Kon­text und so­zia­ler Wan­del“ und „In­ne­re Si­cher­heit“ auf Meh­re­be­nen­ana­ly­sen, die Va­ria­blen der In­di­vi­du­al­ebe­ne mit Da­ten des so­zia­len Kon­texts und der So­zi­al­struk­tur zu­sam­men­füh­ren. Das For­schungs­pro­gramm ist dann be­stimmt durch in­ter­na­tio­na­le Ko­ope­ra­ti­ons­pro­jek­te und ei­ne auch or­ga­ni­sa­to­risch nach­hal­ti­ge Zu­sam­men­ar­beit in den durch die Schwer­punkt­set­zun­gen, ins­be­son­de­re aber durch For­schun­gen zu „Kri­mi­nal­po­li­tik und rechts­staat­li­che Ent­wick­lung in au­ßer­eu­ro­päi­schen und Über­gangs­ge­sell­schaf­ten“ de­fi­nier­ten Fra­ge­stel­lun­gen.

Da­bei geht es um die nun­mehr in ei­nem am In­sti­tut an­ge­sie­del­ten „Cen­ter for Chi­ne­se Le­gal Stu­dies“ ge­bün­del­ten und auch mit der Asi­en­for­schung der Uni­ver­si­tät Frei­burg ver­knüpf­ten Un­ter­su­chun­gen zur Ent­wick­lung des Straf­rechts und der Straf­jus­tiz in Chi­na (Mo­der­ni­sie­rung der Straf­jus­tiz), um das vor al­lem Pro­ble­me der Kri­mi­na­li­tät und des Straf­rechts in Über­gangs­ge­sell­schaf­ten auf­grei­fen­de Trans­kau­ka­si­sche For­schungs­in­sti­tut in Tif­lis, die Max-Planck-Part­ner-Grup­pe „Bal­kan Cri­mi­no­lo­gy“ an der Uni­ver­si­tät Za­greb so­wie em­pi­ri­sche Un­ter­su­chun­gen zu den Aus­wir­kun­gen der Le­ga­li­sie­rung von Ma­ri­hua­na an der Uni­ver­si­tät Mon­te­vi­deo im Rah­men ei­nes In­sti­tuts für em­pi­ri­sche kri­mi­no­lo­gi­sche For­schung in La­tein­ame­ri­ka (OLAP).

Die Kri­mi­no­lo­gi­sche Ab­tei­lung sucht In­no­va­ti­on in der Ent­wick­lung von Me­tho­den, in der In­ter­dis­zi­pli­na­ri­tät und ei­ner da­mit ver­bun­de­nen ver­netz­ten und in­ter­na­tio­na­li­sier­ten For­schung, in der sys­te­ma­ti­schen Auf­be­rei­tung kri­mi­no­lo­gi­scher For­schung so­wie in der dar­auf ge­stütz­ten Theo­rie­bil­dung, die auf die Grund­la­gen straf­recht­li­cher So­zi­al­kon­trol­le so­wie die Kri­mi­na­li­täts­ent­ste­hung aus­ge­rich­tet ist. Aus­gangs­punkt ist da­bei der ge­sell­schaft­li­che Wan­del, der Ri­si­ko, Ge­fahr und Si­cher­heit in den Mit­tel­punkt der Kri­mi­nal­po­li­tik rückt.

In me­tho­di­scher Hin­sicht geht es um

(a)  die Her­stel­lung und Ver­tie­fung von In­ter­dis­zi­pli­na­ri­tät, ins­be­son­de­re mit der Ver­schrän­kung nor­ma­ti­ver und em­pi­ri­scher Zu­gän­ge,

(b)  die In­ter­na­tio­na­li­sie­rung der For­schung durch ei­ne Ver­net­zung mit an ähn­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen ar­bei­ten­den For­schungs­ein­rich­tun­gen des Aus­lands,

(c)  den in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich,

(d) die Er­fas­sung von Wan­del und Ver­än­de­rung, ins­be­son­de­re auch im Hin­blick auf die ei­ne Ver­än­de­rung be­ein­flus­sen­den Merk­ma­le in Längs­schnitt- und Re­pli­ka­ti­ons­un­ter­su­chun­gen,

(e)  die Fort­ent­wick­lung me­tho­di­scher An­sät­ze, die der Iden­ti­fi­zie­rung kau­sa­ler Zu­sam­men­hän­ge und Be­din­gungs­be­zie­hun­gen in ei­nem Feld die­nen, das sich für das klas­si­sche kon­trol­lier­te Ex­pe­ri­ment (auch aus me­tho­di­schen und theo­re­ti­schen Er­wä­gun­gen her­aus) nicht im­mer eig­net,

(f)  die Fort­bil­dung von Meh­re­be­nen­ana­ly­sen, in de­nen Da­ten zur Mi­kro­ebe­ne des Han­delns mit den Ebe­nen der so­zia­len Um­welt von Ak­teu­ren und der so­zia­len Struk­tu­ren zu­sam­men­ge­führt wer­den,

(g)  die Ent­wick­lung von me­tho­di­schen In­stru­men­ten, mit de­nen an den Schnitt­stel­len von Recht und (so­zia­len/recht­li­chen) Tat­sa­chen sys­te­ma­tisch In­for­ma­tio­nen er­ho­ben wer­den kön­nen, die ei­ne trag­fä­hi­ge Grund­la­ge für Eva­lua­ti­on und Er­klä­rung her­ge­ben.

In der Ent­wick­lung der Theo­rie geht es um

(a)  die Er­klä­rung von Kri­mi­na­li­tät un­ter den Be­din­gun­gen mo­der­ner Ge­sell­schaf­ten, die durch zu­neh­men­de kul­tu­rel­le und eth­ni­sche He­te­ro­ge­ni­tät so­wie In­di­vi­dua­li­sie­rung ge­prägt sind,

(b)  theo­re­ti­sche Mo­del­le der Kri­mi­na­li­tät, in de­nen Va­ria­blen der Mi­kro-, Me­so- und Ma­kro­ebe­nen zu­sam­men­ge­führt wer­den,

(c)  die Er­klä­rung von Be­tei­li­gung und Aus­stieg an/aus Kri­mi­na­li­tät im Le­bens­ver­lauf,

(d)  theo­re­ti­sche Mo­del­le, die die Er­klä­rung der Va­ri­anz und der Be­we­gun­gen in Ver­bre­chens­furcht und Un­si­cher­heits­ge­füh­len ver­bes­sern,

(e)  die Er­klä­rung von Ver­än­de­run­gen in der straf­recht­li­chen So­zi­al­kon­trol­le.

Aus dem in­ter­dis­zi­pli­nären, auf Längs­schnitt und Ver­läu­fe an­ge­leg­ten so­wie ver­glei­chen­den Vor­ge­hen sol­len auch Bau­stei­ne zu ei­ner Theo­rie der Si­cher­heit ent­ste­hen, die den re­la­ti­ven Bei­trag des Straf­rechts in Form von Ver­fah­ren und Sank­tio­nen und da­mit die Gren­zen der ge­sell­schaft­li­chen Steue­rung durch Straf­recht of­fen­legt.

Im Be­richts­zeit­raum kon­zen­trier­ten sich die Ar­bei­ten der Ab­tei­lung Kri­mi­no­lo­gie auf die Fer­tig­stel­lung der For­schungs­pro­jek­te und die Ver­öf­fent­li­chung der For­schungs­er­geb­nis­se. Bis zum Über­gang der In­sti­tuts­lei­tung an Nach­fol­ge­rin­nen/Nach­fol­ger sol­len al­le For­schungs­pro­jek­te mit For­schungs­be­rich­ten ab­ge­schlos­sen sein.

1. Schwer­punkt: Straf­ver­fah­ren und Sank­tio­nen im Wan­del

In dem Ge­samt­sys­tem straf­recht­li­cher So­zi­al­kon­trol­le ste­hen das Straf­ver­fah­rens­recht wie auch das Sank­tio­nen­recht ex­em­pla­risch für die De­fi­ni­ti­on, die Aus­ge­stal­tung, die Reich­wei­te und die Gren­zen straf­recht­li­cher In­ter­ven­tio­nen. Ge­sell­schaft­li­che Trans­for­ma­tio­nen, tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen und da­mit ein­her­ge­hen­de Ver­än­de­run­gen in den Kri­mi­na­li­täts­phä­no­me­nen (dies um­fasst vor al­lem die so­ge­nann­te Trans­ak­ti­ons­kri­mi­na­li­tät, die sich heu­te ne­ben den „klas­si­schen“ Be­rei­chen wie Kor­rup­ti­on und Dro­gen­han­del auch auf den vir­tu­el­len Be­reich ver­bo­te­ner In­hal­te im welt­wei­ten Cy­ber­space er­streckt) stel­len das Straf­recht vor neue Her­aus­for­de­run­gen. Die Wei­ter­ent­wick­lung der be­ste­hen­den Ein­griffs­be­fug­nis­se und die da­mit ver­bun­de­nen recht­li­chen und prak­ti­schen Kon­se­quen­zen für das Sys­tem als Gan­zes wer­den in die­sen Be­rei­chen be­son­ders au­gen­fäl­lig, und zwar weit mehr als in an­de­ren Be­rei­chen des (ma­te­ri­el­len) Straf­rechts. Da­mit ein­her­ge­hend kon­zen­trie­ren sich die po­li­ti­schen Kon­tro­ver­sen auf Fra­ge­stel­lun­gen des Ver­fah­rens­rechts und dort auf ver­deck­te und tech­ni­sche In­for­ma­ti­ons­be­schaf­fung. Je­doch er­fah­ren auch „klas­si­sche“ Maß­nah­men wie die Durch­su­chung von Rä­um­lich­kei­ten, die zum tra­di­tio­nel­len Be­stand des straf­pro­zes­sua­len Er­mitt­lungs­in­stru­men­ta­ri­ums zäh­len, durch tech­no­lo­gi­sche Ver­än­de­run­gen und Fort­schrit­te, ins­be­son­de­re die Di­gi­ta­li­sie­rung ei­ne Neu­be­wer­tung. Denn der Zu­griff auf elek­tro­nisch ge­spei­cher­te In­for­ma­tio­nen ver­än­dert nicht nur den äu­ße­ren Ab­lauf sol­cher Maß­nah­men; zu­gleich er­öff­nen sich neue Pro­ble­me der Grenz­zie­hung zwi­schen ver­schie­de­nen In­stru­men­ten und ih­ren Rechts­grund­la­gen und fer­ner neue Fra­ge­stel­lun­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit und des Da­ten­schut­zes.

Im Hin­blick auf die­se Ent­wick­lun­gen setzt das kri­mi­no­lo­gi­sche For­schungs­pro­gramm des In­sti­tuts einen be­son­de­ren Schwer­punkt auf die em­pi­ri­sche Straf­ver­fah­rens­for­schung. Er­wei­tert wird die­se For­schungs­li­nie um die em­pi­ri­sche Sank­ti­ons­for­schung, mit der eben­falls Ver­än­de­rungs­pro­zes­se und Wan­del the­ma­ti­siert wer­den.

Im Be­reich der Straf­ver­fah­rens­for­schung liegt der Schwer­punkt be­reits seit län­ge­rem auf der Un­ter­su­chung der Ent­wick­lung, Im­ple­men­tie­rung und auf der Eva­lua­ti­on neu­er Tech­no­lo­gi­en in straf­recht­li­chen Er­mitt­lungs­ver­fah­ren. Ex­em­pla­risch hier­für steht die Über­wa­chung der Kom­mu­ni­ka­ti­on, die ge­ra­de im Zu­sam­men­hang mit Trans­ak­ti­ons­kri­mi­na­li­tät und Ter­ro­ris­mus von be­son­de­rer Be­deu­tung ist. Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­weist auf Netz­wer­ke, das Vor­feld von Straf­ta­ten und die An­bah­nung von Trans­ak­tio­nen. Die kri­mi­nal­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen in die­sem Be­reich las­sen sich ins­be­son­de­re durch das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen der Grund­rechts­re­le­vanz die­ser Ein­grif­fe ei­ner­seits (die sich im Zu­griff auf die Pri­vat­sphä­re und teil­wei­se in der wei­ten Er­fas­sung nicht be­schul­dig­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­teil­neh­mer ma­ni­fes­tiert) so­wie dem In­ter­es­se der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den an ef­fek­ti­ven Er­mitt­lungs­an­sät­zen an­de­rer­seits cha­rak­te­ri­sie­ren. Der Be­darf ist un­mit­tel­ba­re Fol­ge ei­nes von der Straf­ver­fol­gung re­kla­mier­ten struk­tu­rel­len De­fi­zits, das als zu­neh­men­des Ver­sa­gen der „klas­si­schen“ straf­pro­zes­sua­len Er­mitt­lungs­me­tho­den in­fol­ge des im Be­reich der Trans­ak­ti­ons­kri­mi­na­li­tät und an­de­rer For­men der Kon­troll­kri­mi­na­li­tät re­gel­mä­ßi­gen Feh­lens von Op­fern (An­zei­ge­er­stat­tern) be­schrie­ben wird. Je­doch ha­ben sich auch im Be­reich der kon­ven­tio­nel­len Kri­mi­na­li­tät De­likt­for­men mit un­mit­tel­ba­rem Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­zug her­aus­ge­bil­det, bei de­nen der Rück­griff auf die da­mit im Zu­sam­men­hang ste­hen­den Da­ten­be­stän­de ei­ner­seits na­he­liegt, an­de­rer­seits auch den ein­zi­gen er­folg­ver­spre­chen­den Er­mitt­lungs­an­satz zu bil­den scheint. Dies kann der Zu­griff auf Ver­kehrs­da­ten bei il­le­ga­len Com­pu­terak­ti­vi­tä­ten oder Straf­ta­ten mit­tels Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on wie Dro­h­an­ru­fe oder Stal­king eben­so sein wie die Er­mitt­lung von Ge­rä­te­num­mern im Fal­le des Dieb­stahls oder Rau­bes von Mo­bil­te­le­fo­nen.

Be­ge­hungs­mo­da­li­tä­ten und Er­mitt­lungs­op­tio­nen ha­ben sich glei­cher­ma­ßen ver­än­dert und er­wei­tert. Die neu­en Er­mitt­lungs­me­tho­den sind dann an der Schnitt­stel­le zur Prä­ven­ti­on an­ge­sie­delt und wei­sen häu­fig einen ex­pli­zi­ten re­pres­siv-prä­ven­ti­ven Dop­pel­cha­rak­ter auf. Die­ser un­mit­tel­ba­re Be­zug zur Prä­ven­ti­on ver­weist auf ei­ne wei­te­re Ent­wick­lungs­li­nie ak­tu­el­ler Kri­mi­nal­po­li­tik. Ins­be­son­de­re dort, wo or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät und Ter­ro­ris­mus im Zen­trum ste­hen, geht es um mehr als die blo­ße An­pas­sung der bis­he­ri­gen Er­mitt­lungs­in­stru­men­te auf die im Ver­gleich zur kon­ven­tio­nel­len Kri­mi­na­li­tät ver­än­der­ten Ein­satz­be­din­gun­gen. Hier steht die ge­ziel­te Er­wei­te­rung ver­deck­ter Er­mitt­lungs­mög­lich­kei­ten im Zen­trum der kri­mi­nal­po­li­ti­schen In­ter­es­sen.

Nach dem Ab­schluss ver­schie­de­ner For­schungs­pro­jek­te zu ver­deck­ten Er­mitt­lungs­me­tho­den, ins­be­son­de­re zur Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­halts­über­wa­chung, zur akus­ti­schen Wohn­rau­m­über­wa­chung, zur Ras­ter­fahn­dung so­wie zur Ab­fra­ge von Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­kehrs­da­ten und der Vor­ratss­pei­che­rung wur­de auch die En­de 2013 zu­sam­men mit dem Lehr­stuhl Po­scher an der Rechts­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Frei­burg be­gon­ne­ne Eva­lu­ie­rung der zur Ab­wehr von Ge­fah­ren des in­ter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus ein­ge­führ­ten §§4a, 20j, 20k des Ge­set­zes über das Bun­des­kri­mi­nal­amt fer­tig­ge­stellt und ver­öf­fent­licht. Hier ging es im Kern um die Ras­ter­fahn­dung und um den ver­deck­ten Ein­griff in in­for­ma­ti­ons­tech­ni­sche Sys­te­me. Die Eva­lua­ti­ons­un­ter­su­chung folg­te ei­ner Aus­schrei­bung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des In­ne­ren und ziel­te auf ei­ne staats­rechts­wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­se der er­wei­ter­ten Er­mitt­lungs- und In­for­ma­ti­ons­be­schaf­fungs­be­fug­nis­se des Bun­des­kri­mi­nal­amts, die ver­schränkt ist mit ei­ner em­pi­ri­schen Eva­lua­ti­on. Zwar stand da­bei zu­nächst die Ge­fah­ren­ab­wehr im Vor­der­grund. Doch wur­den auch re­pres­si­ve Kon­se­quen­zen ins­be­son­de­re für die Be­stim­mung der Ein­griffs­tie­fe der zur Ge­fah­ren­ab­wehr vor­ge­nom­me­nen Maß­nah­men in den Blick ge­nom­men. Aus­gangs­punkt der em­pi­ri­schen Un­ter­su­chung war ei­ne Ana­ly­se al­ler Fäl­le, in de­nen die Zu­stän­dig­keit des BKA zur Ab­wehr von Ge­fah­ren des in­ter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus ge­prüft wur­de. Aus den zwi­schen 2009 und 2015 an­ge­fal­le­nen 1.850 Sach­ver­hal­ten ent­stan­den 17 Ge­fah­ren­ab­wehr­vor­gän­ge, in de­nen dann prä­ven­ti­ve Maß­nah­men ein­ge­setzt wur­den. Da­bei zeigt sich (er­war­tungs­ge­mäß), dass Ras­ter­fahn­dung und On­li­ne-Durch­su­chung nur ganz sel­ten zum Ein­satz kom­men. Schwer­punk­te ge­fahr­ab­weh­ren­der Maß­nah­men lie­gen in der In­halts­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung und in der Ver­kehrs­da­ten­ab­fra­ge, fer­ner in der po­li­zei­li­chen Be­ob­ach­tung. Im Üb­ri­gen wer­den durch­schnitt­lich et­wa 100 Un­be­tei­lig­te durch die prä­ven­ti­ven Maß­nah­men be­trof­fen, was die Reich­wei­te (und Tie­fe) der Ein­grif­fe un­ter­streicht. Die Un­ter­su­chung zur Pra­xis der Durch­su­chung von Wohn- und Ge­schäfts­räu­men (2007–2015) stellt nicht nur die ers­te sys­te­ma­ti­sche Un­ter­su­chung zur Häu­fig­keit und Durch­füh­rungs­pra­xis die­ser tra­di­tio­nel­len, auf den phy­si­schen und nicht-heim­li­chen Zu­griff aus­ge­rich­te­ten Er­mitt­lungs­maß­nah­me dar, son­dern eva­lu­iert dar­über hin­aus auch Mög­lich­kei­ten und Reich­wei­te spe­zi­ell im Hin­blick auf di­gi­tal ge­spei­cher­te In­for­ma­tio­nen. Die Un­ter­su­chung leis­tet da­mit auch einen em­pi­risch fun­dier­ten Bei­trag zur kri­mi­nal­po­li­ti­schen De­bat­te um die Not­wen­dig­keit neu­er Re­ge­lun­gen zum heim­li­chen Zu­griff auf Da­ten­be­stän­de (On­li­ne-Durch­su­chung).

Die em­pi­ri­sche Sank­ti­ons­for­schung ist im Be­richts­zeit­raum mit ver­schie­de­nen Pro­jek­ten re­prä­sen­tiert. Ein Schwer­punkt lag da­bei auf der bun­des­wei­ten Rück­fall­sta­tis­tik, die nun­mehr auf der Grund­la­ge ei­ner DFG-För­de­rung fort­ge­führt wer­den kann und auf Dau­er ge­stellt wer­den soll. Ziel des Ko­ope­ra­ti­ons­pro­jek­tes mit der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen ist die Wei­ter­ent­wick­lung der Rück­fall­for­schung durch die Eta­blie­rung ei­ner aus­sa­ge­fä­hi­gen und lang­fris­tig an­ge­leg­ten na­tio­na­len Rück­fall­sta­tis­tik. Auf die­se Wei­se wird zu­nächst ein si­gni­fi­kan­ter Bei­trag zur Ver­bes­se­rung der Da­ten­la­ge zu Rück­fall und Le­gal­be­wäh­rung nach ver­schie­de­nen Sank­tio­nen in Deutsch­land ge­leis­tet. Fer­ner bie­tet die Da­ten­ba­sis nach drei Wel­len nun­mehr die Mög­lich­keit, aus­sa­ge­kräf­ti­ge Un­ter­su­chun­gen zur Ent­wick­lung von Rück­fall­ra­ten auch im Längs­schnitt durch­zu­füh­ren. Die Grund­da­ten der Rück­fall­sta­tis­tik lie­fern im Üb­ri­gen für schwe­re Straf­ta­ten ei­ne un­er­läss­li­che Ba­sis für die Fort­ent­wick­lung der Ge­fähr­lich­keits­pro­gno­se und dar­auf be­zo­ge­ner Pro­gno­se­in­stru­men­te. Denn die Rück­fall­sta­tis­tik er­laubt es erst­mals, all­ge­mei­ne Rück­fall­ra­ten aus den Grund­ge­samt­hei­ten nach ver­schie­de­nen Kri­mi­nal­stra­fen und Maß­re­geln der Bes­se­rung und Si­che­rung zu be­rech­nen.

Einen zwei­ten Schwer­punkt bil­den Un­ter­su­chun­gen zur elek­tro­ni­schen Über­wa­chung. Die Da­te­ner­he­bung zu den im Zeit­raum 2000–2014 in Hes­sen durch­ge­führ­ten Ver­fah­ren mit elek­tro­ni­scher Über­wa­chung wur­de auf der Grund­la­ge der je­wei­li­gen Strafak­ten ab­ge­schlos­sen. Die Un­ter­su­chung der zum 01.01.2010 in Ba­den-Würt­tem­berg ein­ge­führ­ten elek­tro­ni­schen Fuß­fes­sel ist fer­tig­ge­stellt und be­zo­gen auf die Im­ple­men­tie­rungs­pha­se ver­öf­fent­licht (Schwed­ler, A., Wöß­ner, G.: Elek­tro­ni­sche Auf­sicht bei voll­zugs­öff­nen­den Maß­nah­men. Im­ple­men­ta­ti­on, Ak­zep­tanz und psy­cho­so­zia­le Ef­fek­te des ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Mo­dell­pro­jekts. Schrif­ten­rei­he des Max-Planck-In­sti­tuts für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht. Kri­mi­no­lo­gi­sche For­schungs­be­rich­te K 169. Dun­cker & Hum­blot, Ber­lin 2015). Das ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Pro­gramm war, an­ders als das hes­si­sche, auf den straf­ver­kür­zen­den bzw. straf­er­set­zen­den Ein­satz (sog. „back end“-Ein­satz) aus­ge­rich­tet. Im Zu­sam­men­hang mit der Un­ter­su­chung des Rück­falls nach elek­tro­ni­scher Über­wa­chung ge­lang es, ein kon­trol­lier­tes (ran­do­mi­sier­tes) Ex­pe­ri­ment zu im­ple­men­tie­ren. Die Er­geb­nis­se zei­gen, dass sich im Ver­gleich ver­schie­de­ner Ex­pe­ri­men­tal- und Kon­troll­grup­pen Rück­fall­ra­ten nicht si­gni­fi­kant un­ter­schei­den. Die Ver­öf­fent­li­chung des For­schungs­be­richts zum Rück­fall nach elek­tro­ni­scher Über­wa­chung ist für 2018 vor­ge­se­hen. Die Eva­lua­ti­ons­stu­die zum Ein­satz der elek­tro­ni­schen Über­wa­chung in Ko­rea wur­de ver­öf­fent­licht (Min Kyung Han: The Ef­fec­ti­ven­ess of Elec­tro­nic Mo­ni­to­ring in Ko­rea. Ber­lin: Dun­cker & Hum­blot 2017).

Auch die Un­ter­su­chung zur An­wen­dung des Um­welt­straf- und Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­rechts in Deutsch­land und im Ver­gleich der Im­ple­men­tie­rungs­pro­zes­se und -er­geb­nis­se in den 1980er Jah­ren wur­de pu­bli­ziert (Klüp­fel, C.: Voll­zug­s­pra­xis des Um­welt­straf- und Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­rechts Ei­ne em­pi­ri­sche Un­ter­su­chung zur ak­tu­el­len An­wen­dungs­pra­xis so­wie zur Ent­wick­lung des Fall­spek­trums und des Ver­fah­rens­gangs seit den 1980er Jah­ren. Ber­lin: Dun­cker & Hum­blot 2016).

Her­vor­zu­he­ben ist dann der Ab­schluss ei­ner Un­ter­su­chung zum Ein­fluss ho­hen Al­ters so­wie schwe­rer oder un­heil­ba­rer Krank­heit auf die vor­zei­ti­ge Ent­las­sung aus der Straf­haft, die im Rah­men der Dok­to­ran­den­schu­le Max­Ne­tA­ging und am Bei­spiel von Eng­land/Wa­les und un­ter be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te durch­ge­führt wur­de. Der For­schungs­be­richt wur­de zur Ver­öf­fent­li­chung durch den Rout­led­ge Ver­lag an­ge­nom­men (Khe­chu­my­an, A.: Im­pri­son­ment of the El­der­ly and Death in Cu­sto­dy: The Right to Re­view. Rout­led­ge, Lon­don, New York 2018).

Schließ­lich wur­de im Be­richts­zeit­raum ei­ne em­pi­ri­sche Stu­die zum Ein­satz und zum Po­ten­zi­al des Tä­ter-Op­fer-Aus­gleichs im Voll­zug von Frei­heits­s­tra­fen durch­ge­führt und fer­tig­ge­stellt, de­ren Er­geb­nis­se nun­mehr in der Kri­mi­no­lo­gi­schen For­schungs­rei­he pu­bli­ziert wur­den (Kilch­ling, M.: Tä­ter-Op­fer-Aus­gleich im Straf­voll­zug. Wis­sen­schaft­li­che Be­glei­tung des Mo­dell­pro­jekts Tä­ter-Op­fer-Aus­gleich im ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Jus­tiz­voll­zug. Dun­cker & Hum­blot, Ber­lin 2017). Im Üb­ri­gen run­det ei­ne ex­plo­ra­ti­ve Stu­die, die im Auf­trag des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Jus­tiz und für Ver­brau­cher­schutz er­ar­bei­tet wur­de und die auf die Be­ant­wor­tung der Fra­ge zielt, ob, in wel­chem Um­fang und auf wel­che Wei­se die Op­fer­schutz­stan­dards, die sich seit vie­len Jah­ren im Straf­pro­zess­recht eta­bliert und be­währt ha­ben, auch in an­de­re ge­richt­li­che Ver­fah­rens­ord­nun­gen, na­ment­lich die ZPO, das FamFG und das ArbGG so­wie das SGG über­tra­gen wer­den kön­nen und sol­len, die For­schun­gen zum Op­fer in ge­richt­li­chen Ver­fah­ren ab (Kilch­ling, M.: Op­fer­schutz in­ner­halb und au­ßer­halb des Straf­rechts. Per­spek­ti­ven zur Über­tra­gung op­fer­schüt­zen­der Nor­men aus dem Straf­ver­fah­rens­recht in an­de­re Ver­fah­rens­ord­nun­gen. Dun­cker & Hum­blot, Ber­lin 2018).

2. Schwer­punkt: Ge­fähr­li­che Straf­tä­ter

Der For­schungs­schwer­punkt „Ge­fähr­li­che Straf­tä­ter“ be­fasst sich aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven mit kri­mi­nal­po­li­ti­schen Dis­kur­sen und Re­for­men, der Ge­fähr­lich­keits­pro­gno­se, In­ter­ven­ti­ons­mög­lich­kei­ten zur Re­du­zie­rung von Ge­fähr­lich­keit und Rück­fall­ri­si­ko so­wie be­son­de­ren (Be­hand­lungs-)Be­dürf­nis­sen bei als ge­fähr­lich ein­ge­schätz­ten Straf­tä­tern. Zwei lang­fris­tig an­ge­leg­te Pro­jek­te bil­den den Kern des For­schungs­schwer­punkts: Zum einen lie­fert die Frei­bur­ger Ko­hor­ten­stu­die, die seit 1986 al­le po­li­zei­li­chen Re­gis­trie­run­gen be­stimm­ter Ge­burts­jahr­gän­ge in Ba­den-Würt­tem­berg auf­be­rei­tet und aus­wer­tet, grund­le­gen­de Er­kennt­nis­se zu Zu­sam­men­hän­gen von Se­xu­al­kri­mi­na­li­tät, un­ter­schied­li­chen For­men der Tat­be­ge­hung und der Ent­wick­lung von Ver­läu­fen der Se­xu­al­de­lin­quenz. Ein wei­te­res lang­fris­tig an­ge­leg­tes Pro­jekt stellt die Eva­lua­ti­ons­stu­die „Se­xu­al­straf­tä­ter als Her­aus­for­de­rung für For­schung und Kri­mi­nal­po­li­tik“ dar. In die­ser – einen Längs­schnitt von 12 Jah­ren um­fas­sen­den – Un­ter­su­chung wird die prä­ven­ti­ve Wirk­sam­keit der Be­hand­lung von Se­xu­al­straf­tä­tern in den so­zi­al­the­ra­peu­ti­schen Ab­tei­lun­gen des Frei­staa­tes Sach­sen the­ma­ti­siert. Das Pro­jekt knüpft da­mit an die seit den 1980er Jah­ren durch die Kri­mi­no­lo­gi­sche Ab­tei­lung rea­li­sier­te Eva­lua­ti­on von Be­hand­lungs­maß­nah­men im Straf­voll­zug (und in der So­zi­al­the­ra­pie) an. Im Mit­tel­punkt ste­hen da­bei die Fra­ge nach der Wirk­sam­keit von (Se­xu­al-)Straf­tä­ter­be­hand­lung, die Su­che nach kri­mi­no­ge­nen und pro­tek­ti­ven Fak­to­ren im Rah­men der Rück­fall­for­schung, die Be­stands­auf­nah­me pro­gno­s­tisch re­le­van­ter Kri­te­ri­en so­wie die Er­for­schung der Si­tua­ti­on von Haft­ent­las­se­nen im Über­gang vom Straf­voll­zug in die Frei­heit und im ers­ten Jahr nach der Haft­ent­las­sung. Die auf 12 Jah­re an­ge­leg­te Stu­die er­fasst zu meh­re­ren Zeit­punk­ten des Haft- und Be­hand­lungs­ver­laufs so­wie in der Nach­ent­las­sungs­pha­se und im Pro­zess der Wie­der­ein­glie­de­rung theo­re­tisch be­grün­de­te Merk­ma­le im Hin­blick auf Aus­prä­gun­gen und Ver­än­de­run­gen, wo­bei der Kon­troll­theo­rie be­son­de­re Auf­merk­sam­keit gilt. Durch das auch die Nach­ent­las­sungs­si­tua­ti­on ein­schlie­ßen­de und Kon­troll­grup­pen be­rück­sich­ti­gen­de De­sign wer­den dif­fe­ren­zier­te und die Aus­wir­kun­gen der So­zi­al­the­ra­pie nach­voll­zieh­bar dar­stel­len­de Ana­ly­sen er­mög­licht. Nach dem Ab­schluss der Da­te­ner­he­bun­gen im Straf­voll­zug wur­den die Bun­des­zen­tral­re­gis­ter­aus­zü­ge an­ge­for­dert, die nun­mehr der Durch­füh­rung von Ana­ly­sen zum Rück­fall die­nen. In der Un­ter­su­chung der Wie­der­ein­glie­de­rung und des Ab­bruchs bzw. des Fort­set­zens kri­mi­nel­ler Ak­ti­vi­tä­ten wur­de über die Er­he­bung der re­gis­trier­ten Kri­mi­na­li­tät in ei­ner Selbst­be­richts­stu­die das Dun­kel­feld ein­be­zo­gen. Da­mit wird nicht nur die Nach­ent­las­sungs­si­tua­ti­on auf­ge­grif­fen und in einen auch theo­re­tisch be­lang­vol­len Zu­sam­men­hang mit den (so­zi­al­the­ra­peu­ti­schen) Voll­zugs­ver­läu­fen ge­stellt. Mit der Dun­kel­feld- und Wie­der­ein­glie­de­rungs­stu­die wird erst­mals ein For­schungs­mo­dul im­ple­men­tiert, das über die of­fi­zi­ell be­kannt ge­wor­de­ne Kri­mi­na­li­tät hin­aus­geht und ei­ne in­ter­na­tio­nal fest­stell­ba­re For­schungs­lücke schließt. So­mit ist ei­ne dif­fe­ren­zier­te Un­ter­su­chung des of­fi­zi­ell re­gis­trier­ten und im Dun­kel­feld ver­blei­ben­den Rück­falls von Se­xu­al- bzw. Ge­walt­straf­tä­tern un­ter­schied­li­chen Al­ters un­ter Be­rück­sich­ti­gung ver­schie­de­ner In­ter­ven­tio­nen (Re­gel­voll­zug ver­sus So­zi­al­the­ra­pie) mög­lich. In ei­ner ge­son­der­ten und qua­li­ta­tiv ori­en­tier­ten Stu­die er­fuhr die Fra­ge­stel­lung des Ab­bruchs von kri­mi­nel­len Kar­rie­ren (de­si­stan­ce) be­son­de­re Auf­merk­sam­keit. Die Un­ter­su­chung des Ab­bruchs kri­mi­nel­ler Kar­rie­ren ist ab­ge­schlos­sen und wird An­fang 2019 ver­öf­fent­licht. Ne­ben dem Haupt­pro­jekt der Eva­lua­ti­on von Be­hand­lungs­maß­nah­men bei er­wach­se­nen Se­xu­al- und Ge­walt­straf­tä­tern wid­met sich ei­ne Teil­stu­die de­zi­diert der Un­ter­su­chung ju­gend­li­cher Ge­fan­ge­ner mit der­sel­ben Fra­ge­stel­lung und dem glei­chen For­schungs­de­sign, das auch für die Stu­die der Er­wach­se­nen hand­lungs­lei­tend ist. Der Ge­samt­be­richt zur Eva­lua­ti­on der So­zi­al­the­ra­pie in Sach­sen wird 2019 ver­öf­fent­licht wer­den.

Schließ­lich wur­de ei­ne in­ter­na­tio­nal ver­glei­chen­de Un­ter­su­chung zu den recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen der Ge­fähr­der­über­wa­chung fer­tig­ge­stellt und ver­öf­fent­licht (Chal­kia­da­ki, V.: Ge­fähr­der­kon­zep­te in der Kri­mi­nal­po­li­tik. Rechts­ver­glei­chen­de Ana­ly­se der deut­schen, fran­zö­si­schen und eng­li­schen An­sät­ze. Sprin­ger, Wies­ba­den 2017).

3. Schwer­punkt: In­ne­re Si­cher­heit, or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät, Ter­ro­ris­mus – ge­sell­schaft­li­che Wahr­neh­mun­gen und Re­ak­tio­nen

Die Ar­bei­ten im For­schungs­schwer­punkt „In­ne­re Si­cher­heit“ kon­zen­trie­ren sich so­wohl auf die ob­jek­ti­ve Si­cher­heits­la­ge als auch sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mun­gen von Si­cher­heit (bzw. Un­si­cher­heit). Im Zen­trum der Un­ter­su­chun­gen ste­hen meh­re­re Ko­ope­ra­ti­ons­pro­jek­te, die sich aus kom­ple­men­tä­ren, in­ter­dis­zi­pli­när an­ge­leg­ten Mo­du­len zu­sam­men­set­zen. Da­bei han­delt es sich um das Pro­jekt „Ba­ro­me­ter Si­cher­heit in Deutsch­land“ (Ba­SiD), das in sei­nen zen­tra­len Be­stand­tei­len im Be­richts­zeit­raum fer­tig­stellt wor­den ist. Un­ter­su­chun­gen zu „Kri­mi­na­li­täts­wahr­neh­mun­gen und -er­fah­run­gen im eu­ro­päi­schen Ver­gleich“ sind in ver­schie­de­nen Zeit­schrif­ten­ar­ti­keln prä­sen­tiert wor­den. Aus ih­nen er­gibt sich die er­heb­li­che Be­deu­tung von so­zia­ler Si­cher­heit und von ver­ti­ka­lem Ver­trau­en für das Aus­maß von Un­si­cher­heits­ge­füh­len und Kri­mi­na­li­täts­angst. In die­sen Ana­ly­sen er­folgt ei­ne sys­te­ma­ti­sche und in­no­va­ti­ve Ver­knüp­fung von kri­mi­no­lo­gi­scher, so­zio­lo­gi­scher, (so­zi­al-)psy­cho­lo­gi­scher und po­li­ti­scher Theo­rie.

Si­cher­heit hat sich zu ei­nem Leit­mo­tiv von Po­li­tik und „Good Go­ver­nance“ ent­wi­ckelt. Mit „Si­cher­heit“ wer­den kom­ple­xe Grund­la­gen­fra­gen auch der Kri­mi­no­lo­gie und des Straf­rechts an­ge­spro­chen, die mit Ba­SiD auf­ge­grif­fen wur­den. In die­sem Pro­jekt wur­den Wahr­neh­mun­gen, La­ge­bil­der, Be­din­gun­gen und Er­war­tun­gen zur Si­cher­heit so­wie Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen Si­cher­heits­wahr­neh­mung und tech­ni­sier­ten For­men der so­zia­len Kon­trol­le und Über­wa­chung in ei­nem Ver­bund aus dem Max-Planck-In­sti­tut als Kon­sor­ti­al­füh­rer, vier Uni­ver­si­tä­ten, die ver­schie­de­ne Dis­zi­pli­nen re­prä­sen­tie­ren (So­zio­lo­gie, Me­di­en­wis­sen­schaft, Ka­ta­stro­phen­for­schung und Ethik), dem Bun­des­kri­mi­nal­amt so­wie dem Fraun­ho­fer In­sti­tut für Sys­tem- und In­no­va­ti­ons­for­schung er­mit­telt und ana­ly­siert. Die ex­em­pla­ri­sche Stu­die ba­siert auf der Kom­bi­na­ti­on von grund­le­gen­der Da­te­ner­he­bung, Me­tho­den­ent­wick­lung und an­wen­dungs­ori­en­tier­ter Aus­wer­tung in ei­nem ge­sell­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Ver­bund, der auch die Aus­leuch­tung ethi­scher Fra­ge­stel­lun­gen und der Gren­zen von Si­cher­heits­for­schung vor­sieht. De­sign, Me­tho­dik und Re­sul­ta­te die­ser Stu­die die­nen als Grund­la­ge und Ori­en­tie­rungs­maß­stab für die Durch­füh­rung von (deut­schen wie eu­ro­päi­schen) Ver­gleichs- und Fol­ge­stu­di­en. Mit der Er­for­schung von wahr­ge­nom­me­nen und ge­fühl­ten Si­cher­hei­ten schloss das Pro­jekt ei­ne be­deut­sa­me Wis­sens­lücke in der Si­cher­heits­for­schung. Zu­dem ge­lang es dem Kon­sor­ti­um auf in­no­va­ti­ve Wei­se, Grund­la­gen­for­schung, qua­li­ta­ti­ve und quan­ti­ta­ti­ve em­pi­ri­sche Er­geb­nis­se so­wie prak­ti­sche Um­setz­bar­keit mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Die Grund­la­gen­for­schung er­mög­licht es, fun­dier­te und die Dis­zi­pli­nen über­grei­fen­de Er­kennt­nis­se zur Si­cher­heit und vor al­lem zu Zu­sam­men­hän­gen zwi­schen Si­cher­heits­tech­no­lo­gi­en und Si­cher­heits­wahr­neh­mun­gen zu ge­win­nen. Die Un­ter­su­chung bie­tet ne­ben der Her­stel­lung ei­ner so­li­den em­pi­ri­schen Grund­la­ge ei­ne um­fas­sen­de Be­stands­auf­nah­me zu ob­jek­ti­vier­ten und sub­jek­ti­ven Si­cher­hei­ten so­wie ih­re Ein­bet­tung in ei­ne dis­zi­plin­über­grei­fen­de Theo­rie.

An­ge­sichts der zen­tra­len Stel­lung von Si­cher­heit in mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten spricht das Ver­bund­pro­jekt Ba­SiD auch Po­li­tik und Öf­fent­lich­keit an. Die Da­ten­ana­ly­sen sind im Be­richts­zeit­raum in al­len Mo­du­len ab­ge­schlos­sen wor­den. Im An­schluss an das Er­schei­nen des Ab­schluss­be­richts zum Mo­dul der ge­samt­deut­schen Dun­kel­feld­stu­die 2012 wur­den die Er­geb­nis­se zum Ba­ro­me­ter Si­cher­heit für al­le Teilm­odu­le ver­öf­fent­licht (Ha­ver­kamp, R., Ar­nold, H. (Hrsg.): Sub­jek­ti­ve und ob­jek­ti­vier­te Be­din­gun­gen von (Un-)Si­cher­heit. Stu­di­en zum Ba­ro­me­ter Si­cher­heit in Deutsch­land (Ba­SiD). Dun­cker & Hum­blot, Ber­lin 2015). Ver­tie­fen­de Ana­ly­sen er­folg­ten in ei­nem in der For­schungs­rei­he des Bun­des­kri­mi­nal­amts her­aus­ge­ge­be­nen Sam­mel­band (Bir­kel, C., Hum­mels­heim-Doss, D., Leit­göb-Gu­zy, N., Ober­witt­ler, D. (Hrsg.): Op­fe­rer­fah­run­gen und kri­mi­na­li­täts­be­zo­ge­ne Ein­stel­lun­gen in Deutsch­land. Ver­tie­fen­de Ana­ly­sen des Deut­schen Vik­ti­mi­sie­rungs­sur­vey 2012 un­ter be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung des rä­um­li­chen Kon­tex­tes. Rei­he „Po­li­zei + For­schung“ 49. Bun­des­kri­mi­nal­amt, Wies­ba­den 2016). Das dem Vik­ti­mi­sie­rungs­sur­vey zu­grun­de lie­gen­de Er­he­bungs­in­stru­ment wur­de nun­mehr in ei­ner zwei­ten na­tio­na­len Vik­ti­mi­sie­rungs­un­ter­su­chung ein­ge­setzt. In die Aus­wer­tung der zwei­ten Be­fra­gungs­wel­le ist das Max-Planck-In­sti­tut ein­ge­bun­den. Da­mit wird Ba­SiD zum Aus­gangs­punkt für re­gel­mä­ßig wie­der­hol­te Kri­mi­na­li­täts­sur­veys, die in Zu­kunft die un­er­läss­li­che Grund­la­ge für die Ana­ly­se von Kri­mi­na­li­täts­ent­wick­lun­gen auf der Grund­la­ge of­fi­zi­el­ler Da­ten­be­stän­de und von Be­fra­gungs­da­ten her­stel­len wer­den.

Die in Ba­SiD auf­ge­wor­fe­nen Fra­ge­stel­lun­gen wur­den in ei­ner wei­te­ren Un­ter­su­chung, die sich mit der Be­deu­tung kri­mi­na­li­täts­be­zo­ge­ner Un­si­cher­heits­wahr­neh­mun­gen für die Le­bens­qua­li­tät und das so­zia­le Le­ben in Groß­städ­ten be­fasst, ver­tieft. An­ge­sichts des de­mo­gra­phi­schen Wan­dels und ei­ner zu­neh­men­den Al­te­rung der Be­völ­ke­rung wird sich ge­ra­de die Fra­ge nach der Si­cher­heit und der Si­cher­heits­ge­füh­le äl­te­rer Men­schen in Zu­kunft ver­stärkt stel­len. Das Ver­bund­pro­jekt „Si­cher­heit äl­te­rer Men­schen im Wohn­quar­tier. Ana­ly­sen und Kon­zep­ti­on des Pra­xis­mo­dells ‚Se­nio­ren­si­cher­heits­ko­or­di­na­ti­on‘“ (SEN­SI­KO) stellt Un­si­cher­heits­wahr­neh­mun­gen in den brei­te­ren Kon­text des kol­lek­ti­ven So­zi­al­ka­pi­tals in Wohn­quar­tie­ren. Da­mit wer­den die Be­zü­ge zwi­schen Kri­mi­na­li­täts­furcht und dem so­zia­len Kli­ma in Wohn­quar­tie­ren be­tont. Äl­te­re Men­schen wer­den zwar sel­te­ner Op­fer, ha­ben je­doch auf­grund er­höh­ter Ver­letz­lich­keit in­ten­si­ve­re Furcht vor Kri­mi­na­li­tät als jün­ge­re und rea­gie­ren stär­ker mit Rück­zugs-und Ver­mei­dungs­ver­hal­ten und da­mit ge­rin­ge­rer so­zia­ler Teil­ha­be. Dies kann ne­ga­ti­ve Kon­se­quen­zen für die Le­bens­qua­li­tät und das kol­lek­ti­ve So­zi­al­ka­pi­tal in Wohn­quar­tie­ren ha­ben. Die Un­ter­su­chung ba­siert auf ei­nem Meh­re­be­nen- und Längs­schnitt­de­sign, mit dem Be­fra­gungs-, Be­ob­ach­tungs- und Struk­tur­da­ten auf ei­ner klein­räu­mi­gen Ebe­ne zu­sam­men­ge­führt wer­den. In ei­ner an­wen­dungs­ori­en­tier­ten Per­spek­ti­ve der So­zi­al­raum­for­schung wur­den fer­ner Hand­lungs­an­sät­ze der Prä­ven­ti­on von Kri­mi­na­li­tät und Un­si­cher­heits­emp­fin­den und der För­de­rung ge­sell­schaft­li­cher Teil­ha­be und des lo­ka­len So­zi­al­ka­pi­tals pra­xis­nah ent­wi­ckelt und gleich­zei­tig eva­lu­iert. Das Pro­jekt wur­de im Be­richts­zeit­raum ab­ge­schlos­sen. Der For­schungs­be­richt wur­de ver­öf­fent­licht (Ober­witt­ler, D., Ger­st­ner, D., Jans­sen, H.J.: Er­geb­nis­se der SEN­SI­KO-Stu­die zur Si­cher­heits­la­ge und Si­cher­heits­wahr­neh­mung im Al­ter. In: Pro­jekt­be­rich­te (wor­king pa­pers) SEN­SI­KO – Si­cher­heit äl­te­rer Men­schen im Wohn­quar­tier 4, 2016).

In ei­nem im Jahr 2016 be­gon­ne­nen Pro­jekt wer­den zen­tra­le An­nah­men des Pre­dic­ti­ve Po­li­cing un­ter­sucht. Es geht hier um die Eva­lua­ti­on ei­nes ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Pi­lot­pro­jekts, das vor dem Hin­ter­grund ei­nes deut­li­chen An­stiegs der Woh­nungs­ein­brü­che in Deutsch­land in Gang ge­setzt wur­de, um die­sen Trend zu stop­pen oder im bes­ten Fall um­zu­keh­ren. Da­bei wird auf Me­tho­den des Pre­dic­ti­ve Po­li­cing, al­so der auf sta­tis­ti­schen Vor­her­sa­gen ba­sie­ren­den Vor­beu­gung in be­son­ders ge­fähr­de­ten Räu­men ge­setzt. In Ba­den-Würt­tem­berg wur­de hier­zu am 30.10.2015 das Pi­lot­pro­jekt Pre­dic­ti­ve Po­li­cing P4 ge­st­ar­tet. Die­ses wur­de un­ter Lei­tung ei­ner Pro­jekt­grup­pe des Lan­des­kri­mi­nal­am­tes Ba­den-Würt­tem­berg in den Po­li­zei­prä­si­di­en Stutt­gart und Karls­ru­he durch­ge­führt. Wie auch im Bun­des­land Bay­ern und in ei­ni­gen Ge­bie­ten der Schweiz kam da­bei die Soft­wa­re PRE­COBS des In­sti­tuts für mus­ter­ba­sier­te Pro­gno­se­tech­nik aus Ober­hau­sen zum Ein­satz. Das Max-Planck-In­sti­tut über­nahm die Un­ter­su­chung der Im­ple­men­ta­ti­on so­wie der Eva­lua­ti­on. Die Er­geb­nis­se ver­wei­sen dar­auf, dass Ef­fek­te des pre­dic­ti­ve po­li­cing nur schwach aus­fal­len. In ei­ner An­schluss­un­ter­su­chung, die nun­mehr ex­pe­ri­men­tell an­ge­legt ist, wer­den die Un­ter­su­chun­gen ver­tieft. Der For­schungs­be­richt wird in der ers­ten Jah­res­hälf­te 2019 vor­lie­gen.

Der „Fach­dia­log Si­cher­heits­for­schung“, an dem das Max-Planck-In­sti­tut so­wie das So­zio­lo­gi­sche In­sti­tut der Uni­ver­si­tät Frei­burg un­ter Lei­tung des Fraun­ho­fer In­sti­tuts für Sys­tem- und In­no­va­ti­ons­for­schung (ISI/Karls­ru­he) teil­nah­men, war auf si­cher­heits­tech­no­lo­gi­sche Aspek­te kon­zen­triert. Auf der Grund­la­ge ei­nes fach­lich-in­ter­dis­zi­pli­nären Aus­tau­sches wur­den grund­le­gen­de Ent­wick­lun­gen der ge­sell­schaft­li­chen Si­cher­heits­kul­tur so­wie der in­sti­tu­tio­nel­len Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur er­fasst. Mit meh­re­ren Work­shops zu si­cher­heits­be­zo­ge­nen The­men wur­de der Fach­dia­log ab­ge­schlos­sen. Die in­ter­dis­zi­pli­näre Rei­he „Schrif­ten zum Fach­dia­log Si­cher­heits­for­schung“ und die seit 2016 er­fol­gen­de Her­aus­ga­be des „Eu­ro­pean Jour­nal for Se­cu­ri­ty Re­se­arch“ wer­den Er­geb­nis­se eu­ro­pa­wei­ter, in­ter­dis­zi­pli­närer em­pi­ri­scher Si­cher­heits­for­schung ab­bil­den.

Ein bis­lang ver­nach­läs­sig­tes For­schungs­feld wird mit dem 2014 in­iti­ier­ten Pro­jekt WiS­KoS auf­ge­grif­fen. WiS­KoS zielt auf die sys­te­ma­ti­sche Er­fas­sung der Wirt­schaftss­pio­na­ge und Kon­kur­renzaus­spä­hung, der dar­auf be­zo­ge­nen staat­li­chen Kon­troll­struk­tu­ren und der in­ner­be­trieb­li­chen Er­ken­nungs- und Prä­ven­ti­onss­tra­te­gi­en in Deutsch­land und Eu­ro­pa. Ne­ben ei­ner Be­stands­auf­nah­me des Sta­tus Quo wird der Op­ti­mie­rungs­be­darf er­mit­telt, was die Su­che nach Al­ter­na­tiv­mo­del­len und -stra­te­gi­en im eu­ro­päi­schen Aus­land ein­schließt. Die Un­ter­su­chung um­fasst im Üb­ri­gen die Er­he­bung von Be­fra­gungs­da­ten so­wie Ak­ten­ana­ly­sen.

4. Schwer­punkt: Kri­mi­na­li­tät, so­zia­ler Kon­text und so­zia­ler Wan­del

Der For­schungs­schwer­punkt „Kri­mi­na­li­tät, so­zia­ler Kon­text und so­zia­ler Wan­del“ bün­delt Un­ter­su­chun­gen, die sich aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven mit Fra­ge­stel­lun­gen sich ver­än­dern­der Be­din­gun­gen der Ent­ste­hung von Kri­mi­na­li­tät und da­mit auch ver­knüpf­ten Ver­än­de­run­gen straf­recht­li­cher So­zi­al­kon­trol­le be­fas­sen.

Einen zen­tra­len Be­stand­teil die­ses Schwer­punkts stel­len die Frei­bur­ger Ko­hor­ten­stu­die zur Ent­wick­lung po­li­zei­lich re­gis­trier­ter Kri­mi­na­li­tät und straf­recht­li­cher Sank­tio­nie­rung auf der Grund­la­ge ver­schie­de­ner Ge­burts­ko­hor­ten in Ba­den-Würt­tem­berg so­wie Un­ter­su­chun­gen zu „Po­li­zei und Ju­gend­li­che[n] in mul­ti-eth­ni­schen Ge­sell­schaf­ten“.

Bei der Frei­bur­ger Ko­hor­ten­stu­die han­delt es sich um ein lang­fris­tig an­ge­leg­tes Pro­jekt der kri­mi­no­lo­gi­schen Grund­la­gen­for­schung, das durch sein be­son­de­res Ko­hor­ten­de­sign ein­zig­ar­tig in der Bun­des­re­pu­blik ist. Der Schwer­punkt der seit den 1980er Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich fort­ge­schrie­be­nen Stu­die liegt in der Schaf­fung ei­ner sta­bi­len Da­ten­grund­la­ge zur Ana­ly­se de­lin­quen­ten Ver­hal­tens im Le­bens­lauf. Die­ser ist nun in der Ge­burts­ko­hor­te von 1970 von ei­nem Al­ter von 7 Jah­ren (Po­li­zei) bzw. 14 Jah­ren (Jus­tiz) bis zu ei­nem Al­ter von knapp 50 Jah­ren er­fasst. Mit die­sen Da­ten kann fer­ner die Ent­wick­lung of­fi­zi­ell re­gis­trier­ter Kri­mi­na­li­tät seit der Mit­te der 1980er Jah­re nach­ver­folgt wer­den, wo­bei die mehr­fa­chen Zie­hun­gen von Ge­burts­ko­hor­ten dif­fe­ren­zier­te­re Ana­ly­sen zu­las­sen, als dies an­hand der amt­li­chen Sta­tis­ti­ken (z.B. PKS) mög­lich wä­re. Nicht zu­letzt kön­nen die Art der jus­ti­zi­el­len Re­ak­ti­on in Ab­hän­gig­keit von de­likt­s­pe­zi­fi­schen und bio­gra­phi­schen Fak­to­ren un­ter­sucht so­wie die Ver­än­de­run­gen in den jus­ti­zi­el­len Re­ak­ti­ons­for­men über die letz­ten drei Jahr­zehn­te auf­ge­zeigt wer­den. Die Grö­ße der un­ter­such­ten Po­pu­la­tio­nen – je­weils kom­plet­te Ge­burts­jahr­gän­ge aus ganz Ba­den-Würt­tem­berg – ga­ran­tiert die Re­prä­sen­ta­ti­vi­tät und Aus­sa­ge­kraft auch bei der Ana­ly­se sel­te­ner Kri­mi­na­li­täts­for­men. Dies, zu­sam­men mit der in­zwi­schen ab­ge­deck­ten Zeit­span­ne und der Er­fas­sung von nicht nur Män­nern, son­dern auch Frau­en, lässt der Stu­die auch im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich einen be­son­de­ren Sta­tus zu­kom­men. Im Üb­ri­gen ist auf die Er­fül­lung sehr auf­wen­di­ger An­for­de­run­gen des Da­ten­schut­zes hin­zu­wei­sen.

Das in­ter­na­tio­nal ver­glei­chen­de Pro­jekt PO­LIS leis­tet einen Bei­trag zu ei­nem For­schungs­feld, das nicht nur we­gen der in ver­schie­de­nen eu­ro­päi­schen Län­dern im­mer wie­der auf­fla­ckern­den Un­ru­hen von ho­her kri­mi­nal­po­li­ti­scher Be­deu­tung ist, son­dern vor al­lem we­gen der Ori­en­tie­rung an Grund­la­gen­fra­gen zu In­ter­ak­tio­nen zwi­schen so­zia­ler Kon­trol­le und (kol­lek­ti­ver) Ge­walt so­wie des ver­glei­chen­den und auf die In­te­gra­ti­on qua­li­ta­ti­ver und quan­ti­ta­ti­ver Me­tho­den an­ge­leg­ten Da­ten­zu­gangs ein her­aus­ra­gen­des theo­re­ti­sches und me­tho­di­sches Po­ten­zi­al be­sitzt. In fran­zö­si­schen und bri­ti­schen Groß­städ­ten ist es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wie­der­holt zu schwe­ren ge­walt­sa­men Ju­gend­pro­tes­ten ge­kom­men, die zu­meist durch es­ka­lie­ren­de Kon­flik­te zwi­schen Po­li­zei und Ju­gend­li­chen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund aus­ge­löst wur­den. Dies legt na­he, dass ein Man­gel an Le­gi­ti­mi­tät und Ak­zep­tanz po­li­zei­li­chen Han­delns ei­ne ernst zu neh­men­de Be­dro­hung für mul­ti-eth­ni­sche ur­ba­ne Ge­sell­schaf­ten dar­stellt. Ver­trau­en in die Po­li­zei (und in an­de­re staat­li­che In­sti­tu­tio­nen) ist das Er­geb­nis ge­sell­schaft­li­cher Ver­fasst­heit ins­ge­samt, aber auch kon­kre­ter all­täg­li­cher Er­fah­run­gen der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mit den Re­prä­sen­tan­ten des Staa­tes. Tat­säch­lich zeigt der Ver­gleich Frank­reich/Deutsch­land be­deut­sa­me Un­ter­schie­de in po­li­zei­li­chen Kon­troll­mus­tern und ins­be­son­de­re im Aus­maß des Ver­trau­ens von jun­gen Men­schen in die Po­li­zei. Ein bes­se­res Ver­hält­nis der deut­schen Po­li­zei zur „Pro­blem-Kli­en­tel“ liegt nicht nur an dem ge­rin­ge­ren Aus­maß so­zia­ler und städ­te­bau­li­cher Se­gre­ga­ti­on, son­dern auch an ei­ner er­folg­rei­chen kom­mu­ni­ka­ti­ven Stra­te­gie und ei­nem Rol­len­ver­ständ­nis, die auf De­es­ka­la­ti­on aus­ge­rich­tet sind. Die Er­geb­nis­se der Un­ter­su­chun­gen wur­den in meh­re­ren For­schungs­be­rich­ten ver­öf­fent­licht (Hu­nold, D.: Po­li­zei im Re­vier. Po­li­zei­li­che Hand­lungs­pra­xis ge­gen­über Ju­gend­li­chen in der mul­tieth­ni­schen Stadt. Dun­cker & Hum­blot, Ber­lin 2015; Schwar­zen­bach, A.: Youth-Po­li­ce Re­la­ti­on in Mul­ti-Eth­nic Ci­ties. Dun­cker & Hum­blot, Ber­lin 2018; Ober­witt­ler, D., Ro­ché, S. (Hrsg.), Po­li­ce-Ci­ti­zen Re­la­ti­ons around the World. Com­pa­ring Sources and Con­texts of Trust and Le­gi­ti­ma­cy. Rout­led­ge, Lon­don 2018).

In der Un­ter­su­chung „In­ten­siv­be­wäh­rung und ju­gend­li­che In­ten­siv­tä­ter“ wur­de auf der Ba­sis ei­ner Tri­an­gu­la­ti­ons­stu­die das Mo­dell­pro­jekt „Ru­bi­kon“ der Be­wäh­rungs­hil­fe am Land­ge­richt Mün­chen I eva­lu­iert, das seit 2010 ei­ne ge­ziel­te Be­treu­ung ju­gend­li­cher und her­an­wach­sen­der In­ten­siv- und Mehr­fachtä­ter in Mün­chen vor­sieht. Im Vor­der­grund stan­den da­bei ne­ben dich­ten Be­schrei­bun­gen der für In­ten­siv­tä­ter im­ple­men­tier­ten po­li­zei­li­chen, für­sor­ge­ri­schen und päd­ago­gi­schen Maß­nah­men Fra­ge­stel­lun­gen zur Fort­set­zung und zum Ab­bruch kri­mi­nel­ler Kar­rie­ren (de­si­stan­ce). Fer­ner wur­de ein Eva­lua­ti­ons­de­sign im­ple­men­tiert, das der Ent­wick­lung ad­äqua­ter Kon­troll­grup­pen be­son­de­re Auf­merk­sam­keit zollt. Die Un­ter­su­chung ist ab­ge­schlos­sen. Die Ver­öf­fent­li­chung der Er­geb­nis­se ist in der kri­mi­no­lo­gi­schen Be­richts­rei­he für 2018 vor­ge­se­hen (Walsh, M.: In­ten­si­ve Be­wäh­rungs­hil­fe und jun­ge In­ten­siv­tä­ter. Ei­ne em­pi­ri­sche Ana­ly­se des Ein­flus­ses von In­ten­siv­be­wäh­rungs­hil­fe auf die kri­mi­nel­le Kar­rie­re ju­gend­li­cher und her­an­wach­sen­der Mehr­fach­auf­fäl­li­ger in Bay­ern. Dun­cker & Hum­blot, Ber­lin 2018).

5. Schwer­punkt: Kri­mi­nal­po­li­tik und rechts­staat­li­che Ent­wick­lung in Über­gangs­ge­sell­schaf­ten

In die­sem For­schungs­schwer­punkt wur­den in Zu­sam­men­ar­beit mit der Chi­na Uni­ver­si­ty for Po­li­ti­cal Sciences and Law in dem En­de 2013 er­öff­ne­ten Cen­ter for Chi­ne­se Le­gal Stu­dies re­gel­mä­ßig Se­mi­na­re durch­ge­führt, die sich mit der Mo­der­ni­sie­rung von Straf­jus­tiz­sys­te­men be­fass­ten.

Die Zu­sam­men­ar­beit mit Uni­ver­si­tä­ten aus der Re­gi­on des Kau­ka­sus wur­de fort­ge­führt und wei­ter ver­tieft. Die Ko­ope­ra­ti­on schließt an die in den 1980er Jah­ren durch­ge­führ­ten Deutsch-So­wje­ti­schen Kol­lo­qui­en zu Straf­recht und Kri­mi­no­lo­gie an und glie­dert sich so­mit in den Auf­bau von wis­sen­schaft­li­chen Be­zie­hun­gen zwi­schen der Kri­mi­no­lo­gi­schen und der Straf­recht­li­chen Ab­tei­lung des In­sti­tuts und den Nach­fol­ge­staa­ten der ehe­ma­li­gen So­wje­tu­ni­on ein. In den Be­richts­zeit­raum fal­len ver­schie­de­ne Ver­an­stal­tun­gen am Frei­bur­ger In­sti­tut so­wie in Ge­or­gi­en, die sich mit Fra­gen der straf­recht­li­chen Re­form­pro­zes­se in den Län­dern der ehe­ma­li­gen So­wje­tu­ni­on so­wie der Ent­wick­lung der Kri­mi­na­li­tät be­fass­ten. Da­bei lag der Schwer­punkt auf der or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät und der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät.

Die the­ma­ti­sche Aus­rich­tung der „In­ter­na­tio­nal Max Planck Re­se­arch School on Re­ta­lia­ti­on, Me­dia­ti­on and Pu­nis­h­ment“ schließt be­son­de­re Fra­ge­stel­lun­gen von Über­gangs­ge­sell­schaf­ten ein.