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Forschungsprogramm und Projekte der Kriminologischen Abteilung

Das Forschungsprogramm der Kriminologischen Abteilung konzentriert sich auf die Veränderungsprozesse, die im Zuge der grundlegenden gesellschaftlichen Umbrüche und Transformationen der Gegenwart nicht nur die Entstehungsbedingungen und Gelegenheitsstrukturen von Kriminalität – und damit auch die Erscheinungsformen der Kriminalität – verändern, sondern auch die gesellschaftlichen Reaktionen, die Instrumentarien der formalen Sozialkontrolle und dabei insbesondere der strafrechtlichen Intervention und strafrechtlicher Sanktionen. Dieser inhaltliche Fokus bestimmt den Zuschnitt und die Ausgestaltung der Forschungsschwerpunkte zu „Strafverfahren und Sanktionen im Wandel“, „Gefährliche Straftäter“, „Innere Sicherheit, organisierte Kriminalität und Terrorismus“ sowie „Kriminalität, sozialer Kontext und sozialer Wandel“.

In methodischer Hinsicht wird ein Schwerpunkt auf die Längsschnittforschung gelegt, die vor allem in der Freiburger Kohortenuntersuchung und in der Untersuchung der Wirkungen der Sozialtherapie auf die Rückfälligkeit von Sexual- und Gewaltstraftätern zum Ausdruck kommt, jedoch auch in Wiederholungsstudien, wie sie in Forschungen zur Implementierung des Umweltstrafrechts oder in der bundesweiten Rückfallstatistik sichtbar werden. Ferner konzentrieren sich verschiedene Projekte aus den Schwerpunkten „Kriminalität, sozialer Kontext und sozialer Wandel“ und „Innere Sicherheit“ auf Mehrebenenanalysen, die Variablen der Individualebene mit Daten des sozialen Kontexts und der Sozialstruktur zusammenführen. Das Forschungsprogramm ist dann bestimmt durch internationale Kooperationsprojekte und eine auch organisatorisch nachhaltige Zusammenarbeit in den durch die Schwerpunktsetzungen, insbesondere aber durch Forschungen zu „Kriminalpolitik und rechtsstaatliche Entwicklung in außereuropäischen und Übergangsgesellschaften“ definierten Fragestellungen.

Dabei geht es um die nunmehr in einem am Institut angesiedelten „Center for Chinese Legal Studies“ gebündelten und auch mit der Asienforschung der Universität Freiburg verknüpften Untersuchungen zur Entwicklung des Strafrechts und der Strafjustiz in China (Modernisierung der Strafjustiz), um das vor allem Probleme der Kriminalität und des Strafrechts in Übergangsgesellschaften aufgreifende Transkaukasische Forschungsinstitut in Tiflis, die Max-Planck-Partner-Gruppe „Balkan Criminology“ an der Universität Zagreb sowie empirische Untersuchungen zu den Auswirkungen der Legalisierung von Marihuana an der Universität Montevideo im Rahmen eines Instituts für empirische kriminologische Forschung in Lateinamerika (OLAP).

Die Kriminologische Abteilung sucht Innovation in der Entwicklung von Methoden, in der Interdisziplinarität und einer damit verbundenen vernetzten und internationalisierten Forschung, in der systematischen Aufbereitung kriminologischer Forschung sowie in der darauf gestützten Theoriebildung, die auf die Grundlagen strafrechtlicher Sozialkontrolle sowie die Kriminalitätsentstehung ausgerichtet ist. Ausgangspunkt ist dabei der gesellschaftliche Wandel, der Risiko, Gefahr und Sicherheit in den Mittelpunkt der Kriminalpolitik rückt.

In methodischer Hinsicht geht es um

(a)  die Herstellung und Vertiefung von Interdisziplinarität, insbesondere mit der Verschränkung normativer und empirischer Zugänge,

(b)  die Internationalisierung der Forschung durch eine Vernetzung mit an ähnlichen Fragestellungen arbeitenden Forschungseinrichtungen des Auslands,

(c)  den internationalen Vergleich,

(d) die Erfassung von Wandel und Veränderung, insbesondere auch im Hinblick auf die eine Veränderung beeinflussenden Merkmale in Längsschnitt- und Replikationsuntersuchungen,

(e)  die Fortentwicklung methodischer Ansätze, die der Identifizierung kausaler Zusammenhänge und Bedingungsbeziehungen in einem Feld dienen, das sich für das klassische kontrollierte Experiment (auch aus methodischen und theoretischen Erwägungen heraus) nicht immer eignet,

(f)  die Fortbildung von Mehrebenenanalysen, in denen Daten zur Mikroebene des Handelns mit den Ebenen der sozialen Umwelt von Akteuren und der sozialen Strukturen zusammengeführt werden,

(g)  die Entwicklung von methodischen Instrumenten, mit denen an den Schnittstellen von Recht und (sozialen/rechtlichen) Tatsachen systematisch Informationen erhoben werden können, die eine tragfähige Grundlage für Evaluation und Erklärung hergeben.

In der Entwicklung der Theorie geht es um

(a)  die Erklärung von Kriminalität unter den Bedingungen moderner Gesellschaften, die durch zunehmende kulturelle und ethnische Heterogenität sowie Individualisierung geprägt sind,

(b)  theoretische Modelle der Kriminalität, in denen Variablen der Mikro-, Meso- und Makroebenen zusammengeführt werden,

(c)  die Erklärung von Beteiligung und Ausstieg an/aus Kriminalität im Lebensverlauf,

(d)  theoretische Modelle, die die Erklärung der Varianz und der Bewegungen in Verbrechensfurcht und Unsicherheitsgefühlen verbessern,

(e)  die Erklärung von Veränderungen in der strafrechtlichen Sozialkontrolle.

Aus dem interdisziplinären, auf Längsschnitt und Verläufe angelegten sowie vergleichenden Vorgehen sollen auch Bausteine zu einer Theorie der Sicherheit entstehen, die den relativen Beitrag des Strafrechts in Form von Verfahren und Sanktionen und damit die Grenzen der gesellschaftlichen Steuerung durch Strafrecht offenlegt.

Im Berichtszeitraum konzentrierten sich die Arbeiten der Abteilung Kriminologie auf die Fertigstellung der Forschungsprojekte und die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse. Bis zum Übergang der Institutsleitung an Nachfolgerinnen/Nachfolger sollen alle Forschungsprojekte mit Forschungsberichten abgeschlossen sein.

1. Schwerpunkt: Strafverfahren und Sanktionen im Wandel

In dem Gesamtsystem strafrechtlicher Sozialkontrolle stehen das Strafverfahrensrecht wie auch das Sanktionenrecht exemplarisch für die Definition, die Ausgestaltung, die Reichweite und die Grenzen strafrechtlicher Interventionen. Gesellschaftliche Transformationen, technologische Entwicklungen und damit einhergehende Veränderungen in den Kriminalitätsphänomenen (dies umfasst vor allem die sogenannte Transaktionskriminalität, die sich heute neben den „klassischen“ Bereichen wie Korruption und Drogenhandel auch auf den virtuellen Bereich verbotener Inhalte im weltweiten Cyberspace erstreckt) stellen das Strafrecht vor neue Herausforderungen. Die Weiterentwicklung der bestehenden Eingriffsbefugnisse und die damit verbundenen rechtlichen und praktischen Konsequenzen für das System als Ganzes werden in diesen Bereichen besonders augenfällig, und zwar weit mehr als in anderen Bereichen des (materiellen) Strafrechts. Damit einhergehend konzentrieren sich die politischen Kontroversen auf Fragestellungen des Verfahrensrechts und dort auf verdeckte und technische Informationsbeschaffung. Jedoch erfahren auch „klassische“ Maßnahmen wie die Durchsuchung von Räumlichkeiten, die zum traditionellen Bestand des strafprozessualen Ermittlungsinstrumentariums zählen, durch technologische Veränderungen und Fortschritte, insbesondere die Digitalisierung eine Neubewertung. Denn der Zugriff auf elektronisch gespeicherte Informationen verändert nicht nur den äußeren Ablauf solcher Maßnahmen; zugleich eröffnen sich neue Probleme der Grenzziehung zwischen verschiedenen Instrumenten und ihren Rechtsgrundlagen und ferner neue Fragestellungen der Verhältnismäßigkeit und des Datenschutzes.

Im Hinblick auf diese Entwicklungen setzt das kriminologische Forschungsprogramm des Instituts einen besonderen Schwerpunkt auf die empirische Strafverfahrensforschung. Erweitert wird diese Forschungslinie um die empirische Sanktionsforschung, mit der ebenfalls Veränderungsprozesse und Wandel thematisiert werden.

Im Bereich der Strafverfahrensforschung liegt der Schwerpunkt bereits seit längerem auf der Untersuchung der Entwicklung, Implementierung und auf der Evaluation neuer Technologien in strafrechtlichen Ermittlungsverfahren. Exemplarisch hierfür steht die Überwachung der Kommunikation, die gerade im Zusammenhang mit Transaktionskriminalität und Terrorismus von besonderer Bedeutung ist. Kommunikation verweist auf Netzwerke, das Vorfeld von Straftaten und die Anbahnung von Transaktionen. Die kriminalpolitischen Herausforderungen in diesem Bereich lassen sich insbesondere durch das Spannungsverhältnis zwischen der Grundrechtsrelevanz dieser Eingriffe einerseits (die sich im Zugriff auf die Privatsphäre und teilweise in der weiten Erfassung nicht beschuldigter Kommunikationsteilnehmer manifestiert) sowie dem Interesse der Strafverfolgungsbehörden an effektiven Ermittlungsansätzen andererseits charakterisieren. Der Bedarf ist unmittelbare Folge eines von der Strafverfolgung reklamierten strukturellen Defizits, das als zunehmendes Versagen der „klassischen“ strafprozessualen Ermittlungsmethoden infolge des im Bereich der Transaktionskriminalität und anderer Formen der Kontrollkriminalität regelmäßigen Fehlens von Opfern (Anzeigeerstattern) beschrieben wird. Jedoch haben sich auch im Bereich der konventionellen Kriminalität Deliktformen mit unmittelbarem Telekommunikationsbezug herausgebildet, bei denen der Rückgriff auf die damit im Zusammenhang stehenden Datenbestände einerseits naheliegt, andererseits auch den einzigen erfolgversprechenden Ermittlungsansatz zu bilden scheint. Dies kann der Zugriff auf Verkehrsdaten bei illegalen Computeraktivitäten oder Straftaten mittels Telekommunikation wie Drohanrufe oder Stalking ebenso sein wie die Ermittlung von Gerätenummern im Falle des Diebstahls oder Raubes von Mobiltelefonen.

Begehungsmodalitäten und Ermittlungsoptionen haben sich gleichermaßen verändert und erweitert. Die neuen Ermittlungsmethoden sind dann an der Schnittstelle zur Prävention angesiedelt und weisen häufig einen expliziten repressiv-präventiven Doppelcharakter auf. Dieser unmittelbare Bezug zur Prävention verweist auf eine weitere Entwicklungslinie aktueller Kriminalpolitik. Insbesondere dort, wo organisierte Kriminalität und Terrorismus im Zentrum stehen, geht es um mehr als die bloße Anpassung der bisherigen Ermittlungsinstrumente auf die im Vergleich zur konventionellen Kriminalität veränderten Einsatzbedingungen. Hier steht die gezielte Erweiterung verdeckter Ermittlungsmöglichkeiten im Zentrum der kriminalpolitischen Interessen.

Nach dem Abschluss verschiedener Forschungsprojekte zu verdeckten Ermittlungsmethoden, insbesondere zur Telekommunikationsinhaltsüberwachung, zur akustischen Wohnraumüberwachung, zur Rasterfahndung sowie zur Abfrage von Telekommunikationsverkehrsdaten und der Vorratsspeicherung wurde auch die Ende 2013 zusammen mit dem Lehrstuhl Poscher an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg begonnene Evaluierung der zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus eingeführten §§4a, 20j, 20k des Gesetzes über das Bundeskriminalamt fertiggestellt und veröffentlicht. Hier ging es im Kern um die Rasterfahndung und um den verdeckten Eingriff in informationstechnische Systeme. Die Evaluationsuntersuchung folgte einer Ausschreibung des Bundesministeriums des Inneren und zielte auf eine staatsrechtswissenschaftliche Analyse der erweiterten Ermittlungs- und Informationsbeschaffungsbefugnisse des Bundeskriminalamts, die verschränkt ist mit einer empirischen Evaluation. Zwar stand dabei zunächst die Gefahrenabwehr im Vordergrund. Doch wurden auch repressive Konsequenzen insbesondere für die Bestimmung der Eingriffstiefe der zur Gefahrenabwehr vorgenommenen Maßnahmen in den Blick genommen. Ausgangspunkt der empirischen Untersuchung war eine Analyse aller Fälle, in denen die Zuständigkeit des BKA zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus geprüft wurde. Aus den zwischen 2009 und 2015 angefallenen 1.850 Sachverhalten entstanden 17 Gefahrenabwehrvorgänge, in denen dann präventive Maßnahmen eingesetzt wurden. Dabei zeigt sich (erwartungsgemäß), dass Rasterfahndung und Online-Durchsuchung nur ganz selten zum Einsatz kommen. Schwerpunkte gefahrabwehrender Maßnahmen liegen in der Inhaltskommunikationsüberwachung und in der Verkehrsdatenabfrage, ferner in der polizeilichen Beobachtung. Im Übrigen werden durchschnittlich etwa 100 Unbeteiligte durch die präventiven Maßnahmen betroffen, was die Reichweite (und Tiefe) der Eingriffe unterstreicht. Die Untersuchung zur Praxis der Durchsuchung von Wohn- und Geschäftsräumen (2007–2015) stellt nicht nur die erste systematische Untersuchung zur Häufigkeit und Durchführungspraxis dieser traditionellen, auf den physischen und nicht-heimlichen Zugriff ausgerichteten Ermittlungsmaßnahme dar, sondern evaluiert darüber hinaus auch Möglichkeiten und Reichweite speziell im Hinblick auf digital gespeicherte Informationen. Die Untersuchung leistet damit auch einen empirisch fundierten Beitrag zur kriminalpolitischen Debatte um die Notwendigkeit neuer Regelungen zum heimlichen Zugriff auf Datenbestände (Online-Durchsuchung).

Die empirische Sanktionsforschung ist im Berichtszeitraum mit verschiedenen Projekten repräsentiert. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der bundesweiten Rückfallstatistik, die nunmehr auf der Grundlage einer DFG-Förderung fortgeführt werden kann und auf Dauer gestellt werden soll. Ziel des Kooperationsprojektes mit der Universität Göttingen ist die Weiterentwicklung der Rückfallforschung durch die Etablierung einer aussagefähigen und langfristig angelegten nationalen Rückfallstatistik. Auf diese Weise wird zunächst ein signifikanter Beitrag zur Verbesserung der Datenlage zu Rückfall und Legalbewährung nach verschiedenen Sanktionen in Deutschland geleistet. Ferner bietet die Datenbasis nach drei Wellen nunmehr die Möglichkeit, aussagekräftige Untersuchungen zur Entwicklung von Rückfallraten auch im Längsschnitt durchzuführen. Die Grunddaten der Rückfallstatistik liefern im Übrigen für schwere Straftaten eine unerlässliche Basis für die Fortentwicklung der Gefährlichkeitsprognose und darauf bezogener Prognoseinstrumente. Denn die Rückfallstatistik erlaubt es erstmals, allgemeine Rückfallraten aus den Grundgesamtheiten nach verschiedenen Kriminalstrafen und Maßregeln der Besserung und Sicherung zu berechnen.

Einen zweiten Schwerpunkt bilden Untersuchungen zur elektronischen Überwachung. Die Datenerhebung zu den im Zeitraum 2000–2014 in Hessen durchgeführten Verfahren mit elektronischer Überwachung wurde auf der Grundlage der jeweiligen Strafakten abgeschlossen. Die Untersuchung der zum 01.01.2010 in Baden-Württemberg eingeführten elektronischen Fußfessel ist fertiggestellt und bezogen auf die Implementierungsphase veröffentlicht (Schwedler, A., Wößner, G.: Elektronische Aufsicht bei vollzugsöffnenden Maßnahmen. Implementation, Akzeptanz und psychosoziale Effekte des baden-württembergischen Modellprojekts. Schriftenreihe des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht. Kriminologische Forschungsberichte K 169. Duncker & Humblot, Berlin 2015). Das baden-württembergische Programm war, anders als das hessische, auf den strafverkürzenden bzw. strafersetzenden Einsatz (sog. „back end“-Einsatz) ausgerichtet. Im Zusammenhang mit der Untersuchung des Rückfalls nach elektronischer Überwachung gelang es, ein kontrolliertes (randomisiertes) Experiment zu implementieren. Die Ergebnisse zeigen, dass sich im Vergleich verschiedener Experimental- und Kontrollgruppen Rückfallraten nicht signifikant unterscheiden. Die Veröffentlichung des Forschungsberichts zum Rückfall nach elektronischer Überwachung ist für 2018 vorgesehen. Die Evaluationsstudie zum Einsatz der elektronischen Überwachung in Korea wurde veröffentlicht (Min Kyung Han: The Effectiveness of Electronic Monitoring in Korea. Berlin: Duncker & Humblot 2017).

Auch die Untersuchung zur Anwendung des Umweltstraf- und Ordnungswidrigkeitenrechts in Deutschland und im Vergleich der Implementierungsprozesse und -ergebnisse in den 1980er Jahren wurde publiziert (Klüpfel, C.: Vollzugspraxis des Umweltstraf- und Umweltordnungswidrigkeitenrechts Eine empirische Untersuchung zur aktuellen Anwendungspraxis sowie zur Entwicklung des Fallspektrums und des Verfahrensgangs seit den 1980er Jahren. Berlin: Duncker & Humblot 2016).

Hervorzuheben ist dann der Abschluss einer Untersuchung zum Einfluss hohen Alters sowie schwerer oder unheilbarer Krankheit auf die vorzeitige Entlassung aus der Strafhaft, die im Rahmen der Doktorandenschule MaxNetAging und am Beispiel von England/Wales und unter besonderer Berücksichtigung der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte durchgeführt wurde. Der Forschungsbericht wurde zur Veröffentlichung durch den Routledge Verlag angenommen (Khechumyan, A.: Imprisonment of the Elderly and Death in Custody: The Right to Review. Routledge, London, New York 2018).

Schließlich wurde im Berichtszeitraum eine empirische Studie zum Einsatz und zum Potenzial des Täter-Opfer-Ausgleichs im Vollzug von Freiheitsstrafen durchgeführt und fertiggestellt, deren Ergebnisse nunmehr in der Kriminologischen Forschungsreihe publiziert wurden (Kilchling, M.: Täter-Opfer-Ausgleich im Strafvollzug. Wissenschaftliche Begleitung des Modellprojekts Täter-Opfer-Ausgleich im baden-württembergischen Justizvollzug. Duncker & Humblot, Berlin 2017). Im Übrigen rundet eine explorative Studie, die im Auftrag des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz erarbeitet wurde und die auf die Beantwortung der Frage zielt, ob, in welchem Umfang und auf welche Weise die Opferschutzstandards, die sich seit vielen Jahren im Strafprozessrecht etabliert und bewährt haben, auch in andere gerichtliche Verfahrensordnungen, namentlich die ZPO, das FamFG und das ArbGG sowie das SGG übertragen werden können und sollen, die Forschungen zum Opfer in gerichtlichen Verfahren ab (Kilchling, M.: Opferschutz innerhalb und außerhalb des Strafrechts. Perspektiven zur Übertragung opferschützender Normen aus dem Strafverfahrensrecht in andere Verfahrensordnungen. Duncker & Humblot, Berlin 2018).

2. Schwerpunkt: Gefährliche Straftäter

Der Forschungsschwerpunkt „Gefährliche Straftäter“ befasst sich aus verschiedenen Perspektiven mit kriminalpolitischen Diskursen und Reformen, der Gefährlichkeitsprognose, Interventionsmöglichkeiten zur Reduzierung von Gefährlichkeit und Rückfallrisiko sowie besonderen (Behandlungs-)Bedürfnissen bei als gefährlich eingeschätzten Straftätern. Zwei langfristig angelegte Projekte bilden den Kern des Forschungsschwerpunkts: Zum einen liefert die Freiburger Kohortenstudie, die seit 1986 alle polizeilichen Registrierungen bestimmter Geburtsjahrgänge in Baden-Württemberg aufbereitet und auswertet, grundlegende Erkenntnisse zu Zusammenhängen von Sexualkriminalität, unterschiedlichen Formen der Tatbegehung und der Entwicklung von Verläufen der Sexualdelinquenz. Ein weiteres langfristig angelegtes Projekt stellt die Evaluationsstudie „Sexualstraftäter als Herausforderung für Forschung und Kriminalpolitik“ dar. In dieser – einen Längsschnitt von 12 Jahren umfassenden – Untersuchung wird die präventive Wirksamkeit der Behandlung von Sexualstraftätern in den sozialtherapeutischen Abteilungen des Freistaates Sachsen thematisiert. Das Projekt knüpft damit an die seit den 1980er Jahren durch die Kriminologische Abteilung realisierte Evaluation von Behandlungsmaßnahmen im Strafvollzug (und in der Sozialtherapie) an. Im Mittelpunkt stehen dabei die Frage nach der Wirksamkeit von (Sexual-)Straftäterbehandlung, die Suche nach kriminogenen und protektiven Faktoren im Rahmen der Rückfallforschung, die Bestandsaufnahme prognostisch relevanter Kriterien sowie die Erforschung der Situation von Haftentlassenen im Übergang vom Strafvollzug in die Freiheit und im ersten Jahr nach der Haftentlassung. Die auf 12 Jahre angelegte Studie erfasst zu mehreren Zeitpunkten des Haft- und Behandlungsverlaufs sowie in der Nachentlassungsphase und im Prozess der Wiedereingliederung theoretisch begründete Merkmale im Hinblick auf Ausprägungen und Veränderungen, wobei der Kontrolltheorie besondere Aufmerksamkeit gilt. Durch das auch die Nachentlassungssituation einschließende und Kontrollgruppen berücksichtigende Design werden differenzierte und die Auswirkungen der Sozialtherapie nachvollziehbar darstellende Analysen ermöglicht. Nach dem Abschluss der Datenerhebungen im Strafvollzug wurden die Bundeszentralregisterauszüge angefordert, die nunmehr der Durchführung von Analysen zum Rückfall dienen. In der Untersuchung der Wiedereingliederung und des Abbruchs bzw. des Fortsetzens krimineller Aktivitäten wurde über die Erhebung der registrierten Kriminalität in einer Selbstberichtsstudie das Dunkelfeld einbezogen. Damit wird nicht nur die Nachentlassungssituation aufgegriffen und in einen auch theoretisch belangvollen Zusammenhang mit den (sozialtherapeutischen) Vollzugsverläufen gestellt. Mit der Dunkelfeld- und Wiedereingliederungsstudie wird erstmals ein Forschungsmodul implementiert, das über die offiziell bekannt gewordene Kriminalität hinausgeht und eine international feststellbare Forschungslücke schließt. Somit ist eine differenzierte Untersuchung des offiziell registrierten und im Dunkelfeld verbleibenden Rückfalls von Sexual- bzw. Gewaltstraftätern unterschiedlichen Alters unter Berücksichtigung verschiedener Interventionen (Regelvollzug versus Sozialtherapie) möglich. In einer gesonderten und qualitativ orientierten Studie erfuhr die Fragestellung des Abbruchs von kriminellen Karrieren (desistance) besondere Aufmerksamkeit. Die Untersuchung des Abbruchs krimineller Karrieren ist abgeschlossen und wird Anfang 2019 veröffentlicht. Neben dem Hauptprojekt der Evaluation von Behandlungsmaßnahmen bei erwachsenen Sexual- und Gewaltstraftätern widmet sich eine Teilstudie dezidiert der Untersuchung jugendlicher Gefangener mit derselben Fragestellung und dem gleichen Forschungsdesign, das auch für die Studie der Erwachsenen handlungsleitend ist. Der Gesamtbericht zur Evaluation der Sozialtherapie in Sachsen wird 2019 veröffentlicht werden.

Schließlich wurde eine international vergleichende Untersuchung zu den rechtlichen Rahmenbedingungen der Gefährderüberwachung fertiggestellt und veröffentlicht (Chalkiadaki, V.: Gefährderkonzepte in der Kriminalpolitik. Rechtsvergleichende Analyse der deutschen, französischen und englischen Ansätze. Springer, Wiesbaden 2017).

3. Schwerpunkt: Innere Sicherheit, organisierte Kriminalität, Terrorismus – gesellschaftliche Wahrnehmungen und Reaktionen

Die Arbeiten im Forschungsschwerpunkt „Innere Sicherheit“ konzentrieren sich sowohl auf die objektive Sicherheitslage als auch subjektive Wahrnehmungen von Sicherheit (bzw. Unsicherheit). Im Zentrum der Untersuchungen stehen mehrere Kooperationsprojekte, die sich aus komplementären, interdisziplinär angelegten Modulen zusammensetzen. Dabei handelt es sich um das Projekt „Barometer Sicherheit in Deutschland“ (BaSiD), das in seinen zentralen Bestandteilen im Berichtszeitraum fertigstellt worden ist. Untersuchungen zu „Kriminalitätswahrnehmungen und -erfahrungen im europäischen Vergleich“ sind in verschiedenen Zeitschriftenartikeln präsentiert worden. Aus ihnen ergibt sich die erhebliche Bedeutung von sozialer Sicherheit und von vertikalem Vertrauen für das Ausmaß von Unsicherheitsgefühlen und Kriminalitätsangst. In diesen Analysen erfolgt eine systematische und innovative Verknüpfung von kriminologischer, soziologischer, (sozial-)psychologischer und politischer Theorie.

Sicherheit hat sich zu einem Leitmotiv von Politik und „Good Governance“ entwickelt. Mit „Sicherheit“ werden komplexe Grundlagenfragen auch der Kriminologie und des Strafrechts angesprochen, die mit BaSiD aufgegriffen wurden. In diesem Projekt wurden Wahrnehmungen, Lagebilder, Bedingungen und Erwartungen zur Sicherheit sowie Zusammenhänge zwischen Sicherheitswahrnehmung und technisierten Formen der sozialen Kontrolle und Überwachung in einem Verbund aus dem Max-Planck-Institut als Konsortialführer, vier Universitäten, die verschiedene Disziplinen repräsentieren (Soziologie, Medienwissenschaft, Katastrophenforschung und Ethik), dem Bundeskriminalamt sowie dem Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ermittelt und analysiert. Die exemplarische Studie basiert auf der Kombination von grundlegender Datenerhebung, Methodenentwicklung und anwendungsorientierter Auswertung in einem gesellschaftswissenschaftlichen Verbund, der auch die Ausleuchtung ethischer Fragestellungen und der Grenzen von Sicherheitsforschung vorsieht. Design, Methodik und Resultate dieser Studie dienen als Grundlage und Orientierungsmaßstab für die Durchführung von (deutschen wie europäischen) Vergleichs- und Folgestudien. Mit der Erforschung von wahrgenommenen und gefühlten Sicherheiten schloss das Projekt eine bedeutsame Wissenslücke in der Sicherheitsforschung. Zudem gelang es dem Konsortium auf innovative Weise, Grundlagenforschung, qualitative und quantitative empirische Ergebnisse sowie praktische Umsetzbarkeit miteinander zu verbinden. Die Grundlagenforschung ermöglicht es, fundierte und die Disziplinen übergreifende Erkenntnisse zur Sicherheit und vor allem zu Zusammenhängen zwischen Sicherheitstechnologien und Sicherheitswahrnehmungen zu gewinnen. Die Untersuchung bietet neben der Herstellung einer soliden empirischen Grundlage eine umfassende Bestandsaufnahme zu objektivierten und subjektiven Sicherheiten sowie ihre Einbettung in eine disziplinübergreifende Theorie.

Angesichts der zentralen Stellung von Sicherheit in modernen Gesellschaften spricht das Verbundprojekt BaSiD auch Politik und Öffentlichkeit an. Die Datenanalysen sind im Berichtszeitraum in allen Modulen abgeschlossen worden. Im Anschluss an das Erscheinen des Abschlussberichts zum Modul der gesamtdeutschen Dunkelfeldstudie 2012 wurden die Ergebnisse zum Barometer Sicherheit für alle Teilmodule veröffentlicht (Haverkamp, R., Arnold, H. (Hrsg.): Subjektive und objektivierte Bedingungen von (Un-)Sicherheit. Studien zum Barometer Sicherheit in Deutschland (BaSiD). Duncker & Humblot, Berlin 2015). Vertiefende Analysen erfolgten in einem in der Forschungsreihe des Bundeskriminalamts herausgegebenen Sammelband (Birkel, C., Hummelsheim-Doss, D., Leitgöb-Guzy, N., Oberwittler, D. (Hrsg.): Opfererfahrungen und kriminalitätsbezogene Einstellungen in Deutschland. Vertiefende Analysen des Deutschen Viktimisierungssurvey 2012 unter besonderer Berücksichtigung des räumlichen Kontextes. Reihe „Polizei + Forschung“ 49. Bundeskriminalamt, Wiesbaden 2016). Das dem Viktimisierungssurvey zugrunde liegende Erhebungsinstrument wurde nunmehr in einer zweiten nationalen Viktimisierungsuntersuchung eingesetzt. In die Auswertung der zweiten Befragungswelle ist das Max-Planck-Institut eingebunden. Damit wird BaSiD zum Ausgangspunkt für regelmäßig wiederholte Kriminalitätssurveys, die in Zukunft die unerlässliche Grundlage für die Analyse von Kriminalitätsentwicklungen auf der Grundlage offizieller Datenbestände und von Befragungsdaten herstellen werden.

Die in BaSiD aufgeworfenen Fragestellungen wurden in einer weiteren Untersuchung, die sich mit der Bedeutung kriminalitätsbezogener Unsicherheitswahrnehmungen für die Lebensqualität und das soziale Leben in Großstädten befasst, vertieft. Angesichts des demographischen Wandels und einer zunehmenden Alterung der Bevölkerung wird sich gerade die Frage nach der Sicherheit und der Sicherheitsgefühle älterer Menschen in Zukunft verstärkt stellen. Das Verbundprojekt „Sicherheit älterer Menschen im Wohnquartier. Analysen und Konzeption des Praxismodells ‚Seniorensicherheitskoordination‘“ (SENSIKO) stellt Unsicherheitswahrnehmungen in den breiteren Kontext des kollektiven Sozialkapitals in Wohnquartieren. Damit werden die Bezüge zwischen Kriminalitätsfurcht und dem sozialen Klima in Wohnquartieren betont. Ältere Menschen werden zwar seltener Opfer, haben jedoch aufgrund erhöhter Verletzlichkeit intensivere Furcht vor Kriminalität als jüngere und reagieren stärker mit Rückzugs-und Vermeidungsverhalten und damit geringerer sozialer Teilhabe. Dies kann negative Konsequenzen für die Lebensqualität und das kollektive Sozialkapital in Wohnquartieren haben. Die Untersuchung basiert auf einem Mehrebenen- und Längsschnittdesign, mit dem Befragungs-, Beobachtungs- und Strukturdaten auf einer kleinräumigen Ebene zusammengeführt werden. In einer anwendungsorientierten Perspektive der Sozialraumforschung wurden ferner Handlungsansätze der Prävention von Kriminalität und Unsicherheitsempfinden und der Förderung gesellschaftlicher Teilhabe und des lokalen Sozialkapitals praxisnah entwickelt und gleichzeitig evaluiert. Das Projekt wurde im Berichtszeitraum abgeschlossen. Der Forschungsbericht wurde veröffentlicht (Oberwittler, D., Gerstner, D., Janssen, H.J.: Ergebnisse der SENSIKO-Studie zur Sicherheitslage und Sicherheitswahrnehmung im Alter. In: Projektberichte (working papers) SENSIKO – Sicherheit älterer Menschen im Wohnquartier 4, 2016).

In einem im Jahr 2016 begonnenen Projekt werden zentrale Annahmen des Predictive Policing untersucht. Es geht hier um die Evaluation eines baden-württembergischen Pilotprojekts, das vor dem Hintergrund eines deutlichen Anstiegs der Wohnungseinbrüche in Deutschland in Gang gesetzt wurde, um diesen Trend zu stoppen oder im besten Fall umzukehren. Dabei wird auf Methoden des Predictive Policing, also der auf statistischen Vorhersagen basierenden Vorbeugung in besonders gefährdeten Räumen gesetzt. In Baden-Württemberg wurde hierzu am 30.10.2015 das Pilotprojekt Predictive Policing P4 gestartet. Dieses wurde unter Leitung einer Projektgruppe des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg in den Polizeipräsidien Stuttgart und Karlsruhe durchgeführt. Wie auch im Bundesland Bayern und in einigen Gebieten der Schweiz kam dabei die Software PRECOBS des Instituts für musterbasierte Prognosetechnik aus Oberhausen zum Einsatz. Das Max-Planck-Institut übernahm die Untersuchung der Implementation sowie der Evaluation. Die Ergebnisse verweisen darauf, dass Effekte des predictive policing nur schwach ausfallen. In einer Anschlussuntersuchung, die nunmehr experimentell angelegt ist, werden die Untersuchungen vertieft. Der Forschungsbericht wird in der ersten Jahreshälfte 2019 vorliegen.

Der „Fachdialog Sicherheitsforschung“, an dem das Max-Planck-Institut sowie das Soziologische Institut der Universität Freiburg unter Leitung des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI/Karlsruhe) teilnahmen, war auf sicherheitstechnologische Aspekte konzentriert. Auf der Grundlage eines fachlich-interdisziplinären Austausches wurden grundlegende Entwicklungen der gesellschaftlichen Sicherheitskultur sowie der institutionellen Sicherheitsarchitektur erfasst. Mit mehreren Workshops zu sicherheitsbezogenen Themen wurde der Fachdialog abgeschlossen. Die interdisziplinäre Reihe „Schriften zum Fachdialog Sicherheitsforschung“ und die seit 2016 erfolgende Herausgabe des „European Journal for Security Research“ werden Ergebnisse europaweiter, interdisziplinärer empirischer Sicherheitsforschung abbilden.

Ein bislang vernachlässigtes Forschungsfeld wird mit dem 2014 initiierten Projekt WiSKoS aufgegriffen. WiSKoS zielt auf die systematische Erfassung der Wirtschaftsspionage und Konkurrenzausspähung, der darauf bezogenen staatlichen Kontrollstrukturen und der innerbetrieblichen Erkennungs- und Präventionsstrategien in Deutschland und Europa. Neben einer Bestandsaufnahme des Status Quo wird der Optimierungsbedarf ermittelt, was die Suche nach Alternativmodellen und -strategien im europäischen Ausland einschließt. Die Untersuchung umfasst im Übrigen die Erhebung von Befragungsdaten sowie Aktenanalysen.

4. Schwerpunkt: Kriminalität, sozialer Kontext und sozialer Wandel

Der Forschungsschwerpunkt „Kriminalität, sozialer Kontext und sozialer Wandel“ bündelt Untersuchungen, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit Fragestellungen sich verändernder Bedingungen der Entstehung von Kriminalität und damit auch verknüpften Veränderungen strafrechtlicher Sozialkontrolle befassen.

Einen zentralen Bestandteil dieses Schwerpunkts stellen die Freiburger Kohortenstudie zur Entwicklung polizeilich registrierter Kriminalität und strafrechtlicher Sanktionierung auf der Grundlage verschiedener Geburtskohorten in Baden-Württemberg sowie Untersuchungen zu „Polizei und Jugendliche[n] in multi-ethnischen Gesellschaften“.

Bei der Freiburger Kohortenstudie handelt es sich um ein langfristig angelegtes Projekt der kriminologischen Grundlagenforschung, das durch sein besonderes Kohortendesign einzigartig in der Bundesrepublik ist. Der Schwerpunkt der seit den 1980er Jahren kontinuierlich fortgeschriebenen Studie liegt in der Schaffung einer stabilen Datengrundlage zur Analyse delinquenten Verhaltens im Lebenslauf. Dieser ist nun in der Geburtskohorte von 1970 von einem Alter von 7 Jahren (Polizei) bzw. 14 Jahren (Justiz) bis zu einem Alter von knapp 50 Jahren erfasst. Mit diesen Daten kann ferner die Entwicklung offiziell registrierter Kriminalität seit der Mitte der 1980er Jahre nachverfolgt werden, wobei die mehrfachen Ziehungen von Geburtskohorten differenziertere Analysen zulassen, als dies anhand der amtlichen Statistiken (z.B. PKS) möglich wäre. Nicht zuletzt können die Art der justiziellen Reaktion in Abhängigkeit von deliktspezifischen und biographischen Faktoren untersucht sowie die Veränderungen in den justiziellen Reaktionsformen über die letzten drei Jahrzehnte aufgezeigt werden. Die Größe der untersuchten Populationen – jeweils komplette Geburtsjahrgänge aus ganz Baden-Württemberg – garantiert die Repräsentativität und Aussagekraft auch bei der Analyse seltener Kriminalitätsformen. Dies, zusammen mit der inzwischen abgedeckten Zeitspanne und der Erfassung von nicht nur Männern, sondern auch Frauen, lässt der Studie auch im internationalen Vergleich einen besonderen Status zukommen. Im Übrigen ist auf die Erfüllung sehr aufwendiger Anforderungen des Datenschutzes hinzuweisen.

Das international vergleichende Projekt POLIS leistet einen Beitrag zu einem Forschungsfeld, das nicht nur wegen der in verschiedenen europäischen Ländern immer wieder aufflackernden Unruhen von hoher kriminalpolitischer Bedeutung ist, sondern vor allem wegen der Orientierung an Grundlagenfragen zu Interaktionen zwischen sozialer Kontrolle und (kollektiver) Gewalt sowie des vergleichenden und auf die Integration qualitativer und quantitativer Methoden angelegten Datenzugangs ein herausragendes theoretisches und methodisches Potenzial besitzt. In französischen und britischen Großstädten ist es in den vergangenen Jahren wiederholt zu schweren gewaltsamen Jugendprotesten gekommen, die zumeist durch eskalierende Konflikte zwischen Polizei und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausgelöst wurden. Dies legt nahe, dass ein Mangel an Legitimität und Akzeptanz polizeilichen Handelns eine ernst zu nehmende Bedrohung für multi-ethnische urbane Gesellschaften darstellt. Vertrauen in die Polizei (und in andere staatliche Institutionen) ist das Ergebnis gesellschaftlicher Verfasstheit insgesamt, aber auch konkreter alltäglicher Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger mit den Repräsentanten des Staates. Tatsächlich zeigt der Vergleich Frankreich/Deutschland bedeutsame Unterschiede in polizeilichen Kontrollmustern und insbesondere im Ausmaß des Vertrauens von jungen Menschen in die Polizei. Ein besseres Verhältnis der deutschen Polizei zur „Problem-Klientel“ liegt nicht nur an dem geringeren Ausmaß sozialer und städtebaulicher Segregation, sondern auch an einer erfolgreichen kommunikativen Strategie und einem Rollenverständnis, die auf Deeskalation ausgerichtet sind. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden in mehreren Forschungsberichten veröffentlicht (Hunold, D.: Polizei im Revier. Polizeiliche Handlungspraxis gegenüber Jugendlichen in der multiethnischen Stadt. Duncker & Humblot, Berlin 2015; Schwarzenbach, A.: Youth-Police Relation in Multi-Ethnic Cities. Duncker & Humblot, Berlin 2018; Oberwittler, D., Roché, S. (Hrsg.), Police-Citizen Relations around the World. Comparing Sources and Contexts of Trust and Legitimacy. Routledge, London 2018).

In der Untersuchung „Intensivbewährung und jugendliche Intensivtäter“ wurde auf der Basis einer Triangulationsstudie das Modellprojekt „Rubikon“ der Bewährungshilfe am Landgericht München I evaluiert, das seit 2010 eine gezielte Betreuung jugendlicher und heranwachsender Intensiv- und Mehrfachtäter in München vorsieht. Im Vordergrund standen dabei neben dichten Beschreibungen der für Intensivtäter implementierten polizeilichen, fürsorgerischen und pädagogischen Maßnahmen Fragestellungen zur Fortsetzung und zum Abbruch krimineller Karrieren (desistance). Ferner wurde ein Evaluationsdesign implementiert, das der Entwicklung adäquater Kontrollgruppen besondere Aufmerksamkeit zollt. Die Untersuchung ist abgeschlossen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse ist in der kriminologischen Berichtsreihe für 2018 vorgesehen (Walsh, M.: Intensive Bewährungshilfe und junge Intensivtäter. Eine empirische Analyse des Einflusses von Intensivbewährungshilfe auf die kriminelle Karriere jugendlicher und heranwachsender Mehrfachauffälliger in Bayern. Duncker & Humblot, Berlin 2018).

5. Schwerpunkt: Kriminalpolitik und rechtsstaatliche Entwicklung in Übergangsgesellschaften

In diesem Forschungsschwerpunkt wurden in Zusammenarbeit mit der China University for Political Sciences and Law in dem Ende 2013 eröffneten Center for Chinese Legal Studies regelmäßig Seminare durchgeführt, die sich mit der Modernisierung von Strafjustizsystemen befassten.

Die Zusammenarbeit mit Universitäten aus der Region des Kaukasus wurde fortgeführt und weiter vertieft. Die Kooperation schließt an die in den 1980er Jahren durchgeführten Deutsch-Sowjetischen Kolloquien zu Strafrecht und Kriminologie an und gliedert sich somit in den Aufbau von wissenschaftlichen Beziehungen zwischen der Kriminologischen und der Strafrechtlichen Abteilung des Instituts und den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion ein. In den Berichtszeitraum fallen verschiedene Veranstaltungen am Freiburger Institut sowie in Georgien, die sich mit Fragen der strafrechtlichen Reformprozesse in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sowie der Entwicklung der Kriminalität befassten. Dabei lag der Schwerpunkt auf der organisierten Kriminalität und der Wirtschaftskriminalität.

Die thematische Ausrichtung der „International Max Planck Research School on Retaliation, Mediation and Punishment“ schließt besondere Fragestellungen von Übergangsgesellschaften ein.