For­schungs­pro­gramm und Pro­jek­te der Straf­recht­li­chen Ab­tei­lung

For­schungs­pro­gramm: Gren­zen des Straf­rechts


Das 2004 kon­zi­pier­te For­schungs­pro­gramm der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung zielt auf ei­ne Theo­rie­bil­dung und prak­ti­sche Lö­sun­gen zu den zen­tra­len Zu­kunfts­fra­gen des Straf­rechts. Die­ses Pro­gramm zu den „Gren­zen des Straf­rechts“ kon­zen­triert seit dem Di­rek­to­ren­wech­sel im Jahr 2003 die Ar­bei­ten der Ab­tei­lung kon­se­quent auf wich­ti­ge Grund­la­gen­pro­ble­me und Zu­kunfts­fra­gen des Straf­rechts. Es führt da­bei die Er­trä­ge der Ein­zel­pro­jek­te zu­sam­men, er­mög­licht ei­ne ge­gen­sei­ti­ge Be­fruch­tung der lau­fen­den Pro­jek­te und er­zielt da­durch Syn­er­gie­ef­fek­te und Mehr­wer­te, vor al­lem bei der spä­te­ren Ge­sam­tin­ter­pre­ta­ti­on der Ein­zel­er­geb­nis­se mit dem Ziel ei­ner um­fas­sen­de­ren Theo­rie­bil­dung.

Das Pro­gramm ist auch for­schungs­lei­tend für die Aus­bil­dung des wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuch­ses, seit 2007 ins­be­son­de­re in der In­ter­na­tio­nal Max Planck Re­se­arch School for Com­pa­ra­ti­ve Cri­mi­nal Law und seit 2014 in der Ot­to-Hahn-Grup­pe der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung für die Post-Doc-Aus­bil­dung. Al­le Ar­bei­ten des wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuch­ses sind da­bei voll in das Ge­samt­pro­gramm in­te­griert. Nur ei­ne sol­che sys­te­ma­ti­sche Zu­sam­men­schau von Ein­zela­spek­ten kann zu den not­wen­di­gen Ant­wor­ten auf die der­zeit er­kenn­ba­ren straf­recht­li­chen „Jahr­hun­dert­fra­gen“ bei­tra­gen.

Der nach­fol­gen­de Text gibt zu­nächst einen kur­z­en all­ge­mei­nen Über­blick zu For­schungs­ge­gen­stand, For­schungs­zie­len, For­schungs­me­tho­den, For­schungs­schwer­punk­ten und For­schungs­fel­dern (un­ten 1 bis 5). Die an­schlie­ßen­den Aus­füh­run­gen ord­nen dann die kon­kre­ten Pro­jek­te des Be­richts­zeit­raums (2015–2017) in das Pro­gramm ein und fas­sen den Er­trag der ein­zel­nen Pro­jek­te und des Ge­samt­pro­gramms zu­sam­men (un­ten 6 und 7). In der Pro­jekt­über­sicht sind ab­schlie­ßend al­le im Be­richts­zeit­raum durch­ge­führ­ten Pro­jek­te nach ein­heit­li­chen Ge­sichts­punk­ten zu­sam­men­ge­fasst.

1. For­schungs­ge­gen­stand

Ge­gen­stand des For­schungs­pro­gramms sind die sich ver­än­dern­den Gren­zen des Straf­rechts. Die ak­tu­el­le Ver­schie­bung die­ser Gren­zen wird an den ge­sell­schaft­li­chen, wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Ver­än­de­run­gen der Welt-, In­for­ma­ti­ons- und Ri­si­ko­ge­sell­schaft deut­lich, die zu ei­nem ra­san­ten Wan­del in der Kri­mi­na­li­tät, Kri­mi­nal­po­li­tik und im Straf­recht füh­ren. Das Aus­maß der ge­gen­wär­ti­gen Ver­än­de­run­gen zeigt sich im Hin­blick auf die ter­ri­to­ria­len Gren­zen des Straf­rechts bei­spiels­wei­se im Eu­ro­päi­schen Straf­recht, im Völ­ker­straf­recht und in den si­cher­heits­recht­li­chen Agen­den ver­schie­de­ner in­ter­na­tio­na­ler Or­ga­ni­sa­tio­nen, z.B. an der Ent­ste­hung von Ele­men­ten ei­nes ech­ten su­pra­na­tio­na­len Straf­rechts, an neu­en For­men der in­ter­na­tio­na­len Zu­sam­men­ar­beit und an neu­en Kon­zep­ten der in­ter­na­tio­na­len Si­cher­heits­po­li­tik. Bei der Kon­trol­le des Ter­ro­ris­mus ma­ni­fes­tie­ren sich eben­so weit­rei­chen­de Ver­än­de­run­gen, die das fun­da­men­ta­le Ver­hält­nis zwi­schen den Ga­ran­ti­en von Si­cher­heit und Frei­heit in Be­we­gung brin­gen und klas­si­sche po­li­ti­sche und recht­li­che Ka­te­go­ri­en auf­lö­sen, wie die Un­ter­schei­dung von in­ne­rer und äu­ße­rer Si­cher­heit, von Krieg und Ver­bre­chen, von Krieg und Frie­den so­wie von Straf­jus­tiz, Po­li­zei, Ge­heim­dienst und Mi­li­tär.

2. For­schungs­ziel

Ziel des For­schungs­pro­gramms ist es, die Gren­zen des Straf­rechts im Hin­blick auf die tat­säch­li­chen Ver­än­de­run­gen von Si­cher­heits­ri­si­ken und Si­cher­heits­wahr­neh­mung in der sich wan­deln­den Ge­sell­schaft so­wie die hieraus re­sul­tie­ren­den nor­ma­ti­ven Ver­än­de­run­gen zu ana­ly­sie­ren, um neue Ant­wor­ten auf die ent­ste­hen­den kri­mi­nal­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen für ei­ne ef­fek­ti­ve, je­doch den Men­schen­rech­ten ver­pflich­te­te Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le zu ent­wi­ckeln.

Im Mit­tel­punkt des In­ter­es­ses ste­hen da­bei zwei mit­ein­an­der zu­sam­men­hän­gen­de und für die ge­gen­wär­ti­ge Straf­recht­s­ent­wick­lung fun­da­men­ta­le fak­ti­sche Pro­zes­se:

  1. die mit der Glo­ba­li­sie­rung zu­neh­men­de Trans­na­tio­na­li­sie­rung der Kri­mi­na­li­tät so­wie
  2. die mit der Ri­si­ko- und In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft ein­her­ge­hen­de Ver­än­de­rung der Ri­si­ken und der Ri­si­ko­wahr­neh­mung von kom­ple­xen Kri­mi­na­li­täts­for­men, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Ter­ro­ris­mus, Or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät, Kor­rup­ti­on, Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät und Cy­ber­cri­me.

Die­se bei­den Pro­zes­se füh­ren das klas­si­sche Straf­recht an sei­ne ter­ri­to­ria­len bzw. funk­tio­na­len Gren­zen und ver­än­dern es in gra­vie­ren­der Wei­se. Der da­durch ver­ur­sach­te nor­ma­ti­ve Wan­del be­stimmt des­we­gen auch die zen­tra­len For­schungs­schwer­punk­te des Pro­gramms, die von ei­nem drit­ten Schwer­punkt zur zen­tra­len For­schungs­me­tho­de der Ar­bei­ten er­gänzt wer­den.

3. For­schungs­me­tho­den

Das For­schungs­pro­gramm un­ter­sucht die ge­sell­schaft­li­chen wie die nor­ma­ti­ven Be­din­gun­gen sei­nes For­schungs­ge­gen­stands. Des­we­gen fin­den so­wohl die em­pi­ri­schen Er­he­bungs­me­tho­den der So­zi­al­wis­sen­schaf­ten als auch die Me­tho­den der – ins­be­son­de­re ver­glei­chen­den – Straf­rechts­wis­sen­schaft An­wen­dung.

Die Ana­ly­se­me­tho­den der So­zi­al­wis­sen­schaf­ten wer­den zur Be­stim­mung der fak­ti­schen Ver­än­de­run­gen vor al­lem in der kri­mi­no­lo­gi­schen, aber auch in der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung des In­sti­tuts ge­nutzt. Die em­pi­ri­schen Un­ter­su­chun­gen des For­schungs­pro­gramms be­tref­fen da­bei vor­wie­gend die Ver­än­de­run­gen der Kri­mi­na­li­täts­phä­no­me­ne, der straf­pro­zes­sua­len Er­mitt­lungs­pro­ble­me (insb. im di­gi­ta­len Be­reich) so­wie der prak­ti­schen An­wen­dung neu­er nicht straf­recht­li­cher Auf­klä­rungs- und Sank­ti­ons­sys­te­me (z.B. die Rechts­wirk­lich­keit von Com­pli­an­ce-Pro­gram­men). Da die kri­mi­no­lo­gi­sche Ab­tei­lung ein in wei­ten Tei­len ent­spre­chen­des For­schungs­pro­gramm ver­folgt und in­halt­lich ähn­li­che Pro­ble­me des so­zia­len Wan­dels un­ter kri­mi­no­lo­gi­schen Aspek­ten un­ter­sucht wie die Ab­tei­lung Straf­recht un­ter straf­recht­li­chen Ge­sichts­punk­ten, er­folgt ein Groß­teil die­ser em­pi­ri­schen Un­ter­su­chun­gen in der kri­mi­no­lo­gi­schen Ab­tei­lung und es er­ge­ben sich aus den Ar­bei­ten der bei­den Ab­tei­lun­gen Syn­er­gie­ef­fek­te. Auf­grund der Ver­schrän­kung von em­pi­ri­schen und nor­ma­ti­ven Zu­gän­gen ist die For­schung grund­sätz­lich in­ter­dis­zi­pli­när an­ge­legt.

Für die Lö­sung der zen­tra­len nor­ma­ti­ven Fra­gen hat die Straf­rechts­ver­glei­chung zu­sam­men mit der von ihr mit­be­stimm­ten in­ter­na­tio­na­len Straf­rechts­dog­ma­tik zen­tra­le Be­deu­tung. Zur Er­fas­sung der ge­gen­wär­ti­gen Recht­s­ent­wick­lung er­folgt so­mit häu­fig ei­ne breit an­ge­leg­te Straf­rechts­ver­glei­chung, da auf­grund der glo­ba­len Pro­zes­se in der ak­tu­el­len Kri­mi­nal- und Rechts­po­li­tik ein nor­ma­ti­ves Ge­samt­bild der ak­tu­el­len welt­wei­ten Ent­wick­lun­gen und ih­rer Zu­sam­men­hän­ge er­for­der­lich ist, auch um lo­ka­le und re­gio­na­le Ent­wick­lun­gen zu ver­ste­hen. In den ein­zel­nen Un­ter­su­chun­gen ist da­bei für die Ana­ly­se des gel­ten­den Rechts oft ei­ne sys­te­ma­ti­sche und/oder fall­ba­sier­te Straf­rechts­ver­glei­chung not­wen­dig, die im We­ge der wert­ba­sier­ten Straf­rechts­ver­glei­chung auch auf die den Re­ge­lun­gen zu­grun­de lie­gen­den so­zia­len und recht­li­chen Grund­la­gen ein­geht. Auf die­ser ver­glei­chen­den Ba­sis kön­nen dann auch all­ge­mei­ne Rechts­grund­sät­ze ent­wi­ckelt wer­den, die mit Hil­fe der wer­ten­den Rechts­ver­glei­chung Lücken im Eu­ro­päi­schen Recht und im Völ­ker­straf­recht schlie­ßen. Un­ter prak­ti­schen Ge­sichts­punk­ten un­ter­stützt die wer­ten­de Rechts­ver­glei­chung dar­über hin­aus vor al­lem die ver­glei­chen­de Be­stim­mung von „best prac­ti­ces“ im We­ge des „bench­mar­king“, die für die zu­künf­ti­ge na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Kri­mi­nal­po­li­tik be­son­ders wich­tig ist.

We­gen der glo­ba­len Ziel­set­zung des For­schungs­pro­gramms und der me­tho­di­schen Be­deu­tung des in­ter­na­tio­na­len Ver­gleichs sind – wie schon seit der In­sti­tuts­grün­dung – prak­tisch al­le Pro­jek­te der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung auf in­ter­na­tio­na­le Ko­ope­ra­ti­on aus­ge­rich­tet. Dies hat zu ei­ner Viel­zahl von in­ter­na­tio­na­len Ver­bin­dun­gen und zum Aus­bau der seit Jahr­zehn­ten be­ste­hen­den Netz­wer­ke ge­führt. Ent­spre­chen­de Ko­ope­ra­tio­nen sind vor al­lem bei in­ter­dis­zi­pli­nären Pro­jek­ten er­for­der­lich, die im Be­reich des Cy­ber­cri­me und der Er­mitt­lungs­ar­beit in in­ter­na­tio­na­len Da­ten­net­zen z.B. ge­mein­sam mit Ex­per­ten der In­for­ma­ti­ons­tech­nik er­fol­gen.

4. For­schungs­schwer­punk­te

Aus dem ge­nann­ten Kon­zept zur Un­ter­su­chung der ak­tu­el­len Ver­än­de­run­gen von Kri­mi­na­li­tät und Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le in der glo­ba­len Ri­si­ko­ge­sell­schaft er­ge­ben sich zwei – in­halt­lich zu­sam­men­hän­gen­de – the­ma­ti­sche Schwer­punk­te des For­schungs­pro­gramms zu den ter­ri­to­ria­len und funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts. Hin­zu kommt ein drit­ter me­tho­de­n­ori­en­tier­ter Schwer­punkt zur Straf­rechts­ver­glei­chung.

a) Ver­än­de­run­gen durch die Glo­ba­li­sie­rung: Grenz­über­schrei­ten­de Kri­mi­na­li­tät, ter­ri­to­ria­le Gren­zen des Straf­rechts und in­ter­na­tio­na­le Straf­rechts­in­te­gra­ti­on

Der ers­te For­schungs­schwer­punkt knüpft an die Ver­än­de­run­gen durch die Glo­ba­li­sie­rung an. Da­bei geht es vor al­lem um die ter­ri­to­ria­len Gren­zen des Straf­rechts und die Mög­lich­kei­ten ih­rer Über­win­dung durch ein trans­na­tio­nal wirk­sa­mes Straf­recht. Die­ser For­schungs­schwer­punkt zielt auf die Bil­dung ei­ner Theo­rie der Straf­rechts­in­te­gra­ti­on in der glo­ba­len Welt und die Ent­wick­lung ent­spre­chen­der pra­xi­staug­li­cher Lö­sungs­kon­zep­te. Ihm liegt die – in der aus­führ­li­chen Fas­sung des For­schungs­pro­gramms nä­her be­grün­de­te – An­nah­me zu­grun­de, dass die zu­neh­men­de trans­na­tio­na­le Kri­mi­na­li­tät vor al­lem auf tech­ni­schen, wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Ver­än­de­run­gen der Glo­ba­li­sie­rung be­ruht, aus de­nen sich neue Ge­le­gen­hei­ten zur grenz­über­schrei­ten­den De­likts­be­ge­hung er­ge­ben, z.B. in in­ter­na­tio­na­len Da­ten­net­zen und glo­ba­len il­le­ga­len Märk­ten (z.B. für Dro­gen, Waf­fen oder sen­si­ble Da­ten). Die­se neu­en Mög­lich­kei­ten trans­na­tio­na­ler Kri­mi­na­li­tät for­dern das na­tio­nal­staat­li­che Straf­recht her­aus, da die­ses nur schwer ge­gen grenz­über­schrei­ten­de Kri­mi­na­li­tät vor­ge­hen kann, wenn die Durch­set­zung sei­ner Ent­schei­dun­gen auf an­de­ren Ter­ri­to­ri­en erst lang­wie­ri­ge Amts- oder Rechts­hil­fe­ver­fah­ren be­nö­tigt und die na­tio­na­len Straf­rechts­ord­nun­gen von­ein­an­der ab­wei­chen.

Als Ant­wort auf die neu­en Her­aus­for­de­run­gen ist da­her nicht nur ei­ne ver­stärk­te Rechts­har­mo­ni­sie­rung er­for­der­lich. Viel­mehr sind neue Sys­te­me ei­nes trans­na­tio­nal wirk­sa­men Straf­rechts ge­fragt, mit de­nen – wie bei­spiels­wei­se im Eu­ro­päi­schen Straf­recht – die klas­si­schen Mo­del­le der zwi­schen­staat­li­chen Ko­ope­ra­ti­on und des su­pra­na­tio­na­len Straf­rechts zu hy­bri­den Misch­for­men und kom­ple­xen Meh­re­be­nen­sys­te­men der straf­recht­li­chen So­zi­al­kon­trol­le wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den. Der For­schungs­schwer­punkt be­fasst sich da­her vor al­lem mit den Fra­gen, ob und wie die ter­ri­to­ria­len Gren­zen des Straf­rechts zu über­win­den sind, wie die da­bei ent­ste­hen­den Re­ge­lun­gen aus­se­hen und wie sie sich auf den Aus­gleich von Si­cher­heits- und Frei­heits­in­ter­es­sen aus­wir­ken. Die­ser Schwer­punkt be­trifft da­her ins­be­son­de­re neue For­men der in­ter­na­tio­na­len Rechts­hil­fe, die Ent­wick­lung von su­pra­na­tio­na­lem Straf­recht so­wie neue For­men der in­ter­na­tio­na­len Straf­rechts­ko­or­di­na­ti­on durch in­ter­na­tio­na­le In­sti­tu­tio­nen (wie EU, UN oder FATF).

b) Ver­än­de­run­gen der Ri­si­ko- und In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft: Kom­ple­xe Kri­mi­na­li­tät, funk­tio­na­le Gren­zen des Straf­rechts und neue al­ter­na­ti­ve Maß­nah­men der So­zi­al­kon­trol­le

Der zwei­te For­schungs­schwer­punkt der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung be­trifft die fun­da­men­ta­len Ver­än­de­run­gen der Ri­si­ko- und In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft. Da­bei geht es um die funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts und die Mög­lich­kei­ten neu­er al­ter­na­ti­ver Maß­nah­men der So­zi­al­kon­trol­le, die zu ei­ner Theo­rie der funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts füh­ren sol­len. Die­sem For­schungs­schwer­punkt liegt die An­nah­me zu­grun­de, dass nicht nur die Trans­na­tio­na­li­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung, son­dern vor al­lem der tech­ni­sche, wirt­schaft­li­che und po­li­ti­sche Wan­del der In­for­ma­ti­ons- und der Ri­si­ko­ge­sell­schaft ge­stei­ger­te Ri­si­ken für die Ge­sell­schaft und ei­ne im­mer kom­ple­xe­re Kri­mi­na­li­tät pro­du­ziert, de­ren Er­fas­sung durch das klas­si­sche „Stan­dard­pro­gramm“ des Straf­rechts auf Schwie­rig­kei­ten stößt. Dies zeigt sich bei­spiels­wei­se am in­ter­na­tio­nal ar­beits­tei­li­gen Vor­ge­hen weit­ver­zweig­ter Straf­tä­ter­grup­pen, die sich mo­der­ner Tech­no­lo­gi­en be­die­nen, so­wie am Zer­stö­rungs- und Scha­den­s­po­ten­zi­al neu­er For­men des Ter­ro­ris­mus, der Or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät, der Kor­rup­ti­on, der Wirt­schafts- und der In­ter­net­kri­mi­na­li­tät.

Die Pra­xis ver­sucht den da­mit ein­her­ge­hen­den Kon­troll­ver­lust des klas­si­schen na­tio­nal­staat­li­chen Straf­rechts durch spe­zi­fi­sche Ver­än­de­run­gen zu kom­pen­sie­ren: Es ent­ste­hen neue Netz­wer­ke zwi­schen­staat­li­cher Zu­sam­men­ar­beit, ge­hei­me tech­ni­sche Über­wa­chungs­maß­nah­men, ein am Prä­ven­ti­ons­ge­dan­ken ori­en­tier­tes neu­es „Si­cher­heits­recht“ un­ter Ein­be­zie­hung ver­wal­tungs­straf­recht­li­cher, po­li­zei­recht­li­cher, ge­heim­di­en­st­recht­li­cher, aus­län­der­recht­li­cher und kriegs­recht­li­cher Maß­nah­men (in­ner­halb und au­ßer­halb des Straf­rechts), Mit­wir­kungs­pflich­ten Pri­va­ter so­wie al­ter­na­ti­ve Maß­nah­men der So­zi­al­kon­trol­le (z.B. im We­ge der „re­gu­lier­ten Selbst­re­gu­lie­rung“ der Wirt­schaft). Die­ser – auch auf ei­ner ver­än­der­ten Wahr­neh­mung von Kri­mi­na­li­tät be­ru­hen­de – Wan­del wird in Ge­sell­schaft und Po­li­tik mit kri­mi­nal­po­li­ti­schen Si­cher­heits­dis­kur­sen zu Grenz­ver­schie­bun­gen des Straf­rechts le­gi­ti­miert. Der For­schungs­schwer­punkt be­han­delt da­mit vor al­lem die Fra­gen, wie sich das Straf­recht auf­grund der vor­ge­nann­ten Ver­än­de­run­gen ent­wi­ckelt, in­wie­weit die da­mit her­aus­ge­for­der­ten klas­si­schen Gren­zen des Straf­rechts bei­zu­be­hal­ten oder neu zu ver­mes­sen sind und wie die ge­gen­wär­tig zu be­ob­ach­ten­de „Er­set­zung“ des Straf­rechts durch an­de­re Rechts­dis­zi­pli­nen (insb. Kriegs­recht, Po­li­zei­recht, Ge­heim­dienst­recht, Aus­län­der­recht) zu be­ur­tei­len ist.

c) Ver­än­de­run­gen der For­schungs­me­tho­de: Straf­rechts­ver­glei­chung auch als For­schungs­ge­gen­stand

Der drit­te Schwer­punkt zielt auf die Ent­wick­lung der For­schungs­me­tho­den, die zur Ana­ly­se der vor­ge­nann­ten Schwer­punk­te er­for­der­lich sind. Straf­rechts­ver­glei­chung ist des­we­gen im Pro­gramm der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung auf­grund ih­rer Be­deu­tung für die Ar­bei­ten zu den ter­ri­to­ria­len und funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts nicht nur ei­ne Me­tho­de, son­dern selbst ein zen­tra­ler For­schungs­ge­gen­stand. Da­bei geht es nicht mehr nur um die klas­si­sche (ho­ri­zon­ta­le) Ver­glei­chung von na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen, son­dern zu­neh­mend auch um die (ver­ti­ka­le) Ver­glei­chung von in­ter­na­tio­na­len und na­tio­na­len Nor­men­sys­te­men so­wie die (funk­tio­na­le) Ver­glei­chung un­ter­schied­li­cher Rechts­re­gime (z.B. Straf­recht, Po­li­zei­recht, Ge­heim­di­en­st­recht, das Recht der be­waff­ne­ten Kon­flik­te so­wie pri­va­te Rechts­re­gime) bei der Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le. Um die Vor­aus­set­zun­gen, Me­tho­den und Leis­tungs­fä­hig­keit der Straf­rechts­ver­glei­chung in ein Ge­samt­kon­zept zu brin­gen und die­ses in­no­va­tiv wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, be­trifft der drit­te – me­tho­den-ori­en­tier­te – Schwer­punkt des Pro­gramms die Grund­la­gen der Straf­rechts­ver­glei­chung.

Auf die­ser Ba­sis soll auch ei­ne uni­ver­sa­le Straf­rechts­dog­ma­tik ent­wi­ckelt wer­den. Die­se muss we­gen der glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen des Straf­rechts ih­ren Schwer­punkt auf die Ge­win­nung von welt­weit gül­ti­gen Er­kennt­nis­sen le­gen, die ins­be­son­de­re in ei­ne „in­ter­na­tio­na­le Straf­rechts­dog­ma­tik“, ei­ne „in­ter­na­tio­na­le Gram­ma­tik des Straf­rechts“ und – in der Eu­ro­päi­schen Uni­on – ein „ge­mei­n­eu­ro­päi­sches Straf­rechts­sys­tem“ mün­den.

5. For­schungs­kon­zen­tra­ti­on auf spe­zi­el­le For­schungs­fel­der

Das For­schungs­pro­gramm der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung un­ter­schei­det sich von der Ar­beit ei­nes ein­zel­nen Wis­sen­schaft­lers vor al­lem durch die Viel­zahl sei­ner Ein­zel­pro­jek­te. Ent­schei­den­de Be­deu­tung für die Um­set­zung des Pro­gramms ha­ben da­her ne­ben der Be­stim­mung der For­schungs­zie­le und der For­schungs­schwer­punk­te vor al­lem auch Aus­wahl, Kon­zen­tra­ti­on und Ab­stim­mung der dem For­schungs­ziel die­nen­den Ein­zel­pro­jek­te. Die­se wer­den des­we­gen in dem vor­lie­gen­den Pro­gramm so aus­ge­wählt, dass sie nicht nur aus­sa­ge­fä­hi­ge Er­geb­nis­se zu den ein­zel­nen For­schungs­pro­jek­ten er­brin­gen, son­dern ih­re Er­trä­ge in der Ad­di­ti­on die Sum­me der Ein­zel­er­geb­nis­se aus den ver­schie­de­nen Pro­jek­ten über­stei­gen. Nur auf die­se Wei­se kann ein Mehr­wert für ei­ne über­grei­fen­de Theo­rie­bil­dung zu den zen­tra­len For­schungs­fra­gen der ter­ri­to­ria­len und funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts und der Straf­rechts­ver­glei­chung ent­ste­hen. Die­se Ziel­set­zung und die an­ge­streb­ten Syn­er­gie­ef­fek­te wer­den in dem Pro­gramm der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung vor al­lem da­durch er­reicht, dass sich die Pro­jek­te auf be­stimm­te For­schungs­fel­der kon­zen­trie­ren, in de­nen die oben ge­nann­ten For­schungs­fra­gen zu den ter­ri­to­ria­len und funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts be­son­ders deut­lich zu­ta­ge tre­ten.

Für die Theo­rie­bil­dung zu den ter­ri­to­ria­len Gren­zen des Straf­rechts und der Straf­rechts­in­te­gra­ti­on wer­den vor al­lem Rechts­sys­te­me un­ter­sucht, die ver­schie­de­ne na­tio­na­le Straf­rechts­ord­nun­gen in­te­grie­ren und da­durch ein trans­na­tio­nal durch­setz­ba­res Straf­recht schaf­fen. Die ein­schlä­gi­gen Pro­jek­te zu den ter­ri­to­ria­len Gren­zen des Straf­rechts be­tref­fen des­we­gen ne­ben den – fä­cher­über­grei­fen­den – „Grund­la­gen zur recht­li­chen Ord­nung in ei­ner glo­ba­len Welt“ so­wie den na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen vor al­lem die klas­si­schen For­schungs­fel­der „Eu­ro­päi­sches Straf­recht“ und „In­ter­na­tio­na­les Straf­recht (ins­be­son­de­re Völ­ker­straf­recht)“. Ein­be­zo­gen wer­den da­bei aber auch straf­recht­lich re­le­van­te Re­ge­lun­gen von an­de­ren in­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­tio­nen, wie z.B. der UN, der FATF oder der OECD.

Für die Theo­rie­bil­dung zu den funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts sind da­ge­gen Pro­blem­stel­lun­gen von In­ter­es­se, de­ren Ri­si­ko­po­ten­zi­al oder Kom­ple­xi­tät das der klas­si­schen Kri­mi­na­li­tät über­steigt. Die­se Pro­ble­me ri­si­ko­rei­cher und kom­ple­xer Kri­mi­na­li­tät fin­den sich ins­be­son­de­re in den For­schungs­fel­dern „Ter­ro­ris­mus“, „Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät“, „In­ter­net­kri­mi­na­li­tät“ und „Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät“. Die Aus­wahl, Spe­zi­fi­zie­rung und Er­gän­zung die­ser De­lin­quenz­be­rei­che er­folgt da­bei funk­tio­nal un­ter dem Aspekt der über­ge­ord­ne­ten For­schungs­fra­ge, so­dass im Hin­blick auf ent­spre­chen­de Fra­ge­stel­lun­gen auch Völ­ker­straf­ta­ten und Staats­kri­mi­na­li­tät so­wie an­de­re For­men der kom­ple­xen Kri­mi­na­li­tät wie die Kor­rup­ti­on ein­be­zo­gen wer­den kön­nen. Da die vor­ge­nann­ten De­lik­te zum großen Teil in glo­ba­len Märk­ten oder auf grenz­über­schrei­ten­de Wei­se er­fol­gen, ste­hen sie auch im Mit­tel­punkt der Har­mo­ni­sie­rungs­be­stre­bun­gen in­ter­na­tio­na­ler In­sti­tu­tio­nen. Da­mit sind die­se De­lik­te und ih­re Kon­trol­le auch für den ers­ten For­schungs­schwer­punkt zu den ter­ri­to­ria­len Gren­zen des Straf­rechts re­le­vant. In­so­weit be­ste­hen auch en­ge Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen den bei­den Schwer­punk­ten.

Auf­grund die­ser häu­fig trans­na­tio­na­len De­likts­be­ge­hung sind die­se De­lik­te auch für den drit­ten me­tho­de­n­ori­en­tier­ten Schwer­punkt be­son­ders in­ter­essant. Die Grund­la­gen zur Straf­rechts­ver­glei­chung wer­den des­we­gen zu ei­nem großen Teil in den glei­chen For­schungs­fel­dern un­ter­sucht. Für die Straf­rechts­ver­glei­chung sind dar­über hin­aus der All­ge­mei­ne Teil des Straf­rechts (als be­son­ders kom­ple­xer Prüf­stein der funk­tio­na­len Straf­rechts­ver­glei­chung) so­wie das Straf­ver­fah­rens­recht (we­gen sei­ner Re­le­vanz für rechts­staat­li­che Ga­ran­ti­en und sei­ner Ab­wei­chun­gen von den Re­ge­lun­gen der al­ter­na­ti­ven Kon­troll­sys­te­me) von Be­deu­tung. Die Pro­jek­te in den vor­ge­nann­ten Fel­dern be­tref­fen des­we­gen häu­fig – ge­zielt – meh­re­re For­schungs­fra­gen und -schwer­punk­te und pro­fi­tie­ren da­durch in viel­fäl­ti­ger Wei­se so­wohl the­ma­tisch als auch me­tho­disch von den Er­geb­nis­sen an­de­rer Ar­bei­ten.

Die ne­ben­ste­hen­de Skiz­ze ver­deut­licht die­sen theo­rie­ge­lei­te­ten Pro­zess der Aus­wahl und Kon­zen­tra­ti­on der Pro­jek­te, die so­wohl durch die zen­tra­len For­schungs­fra­gen als auch durch den – für die Ana­ly­se re­le­van­ten – spe­zi­fi­schen For­schungs­ge­gen­stand be­stimmt wer­den.

6. For­schungs­pro­jek­te und For­schungs­er­geb­nis­se im Be­richts­zeit­raum (2015–2017)

Die nach­fol­gen­de Dar­stel­lung der ein­zel­nen Pro­jek­te aus der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung ist nach den oben er­läu­ter­ten drei For­schungs­schwer­punk­ten der Ab­tei­lung ge­glie­dert: (a) den straf­recht­li­chen Her­aus­for­de­run­gen der Glo­ba­li­sie­rung, (b) den straf­recht­li­chen Her­aus­for­de­run­gen der mo­der­nen Ri­si­ko­ge­sell­schaft (ein­schließ­lich der In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft) so­wie (c) den Her­aus­for­de­run­gen der Straf­rechts­ver­glei­chung als der zen­tra­len Me­tho­de der For­schun­gen zu die­sen Pro­ble­men.

a) For­schungs­schwer­punkt 1 zur Glo­ba­li­sie­rung: „Trans­na­tio­na­le Kri­mi­na­li­tät, ter­ri­to­ria­le Gren­zen des Straf­rechts und in­ter­na­tio­na­le Straf­rechts­in­te­gra­ti­on“

Eu­ro­päi­sches Straf­recht

Ba­sis für die Un­ter­su­chung der Grund­la­gen­fra­gen des ers­ten For­schungs­schwer­punkts über ter­ri­to­ria­le Gren­zen des Straf­rechts und Mög­lich­kei­ten der Schaf­fung ei­nes trans­na­tio­nal durch­setz­ba­ren Straf­rechts wa­ren die Er­kennt­nis­se über die Grund­la­gen, das Sys­tem und die Zu­kunfts­per­spek­ti­ven des Eu­ro­päi­schen Straf­rechts (vgl. Sie­ber, Die Zu­kunft des Eu­ro­päi­schen Straf­rechts – Ein neu­er An­satz zu den Zie­len und Mo­del­len des eu­ro­päi­schen Straf­rechts­sys­tems, ZStW 2009, S. 1-67, so­wie ders., Ein­füh­rung: Ent­wick­lung, Zie­le und Pro­ble­me des Eu­ro­päi­schen Straf­rechts, in: Sie­ber/Satz­ger/von Heint­schel-Hei­negg (Hrsg.), Eu­ro­päi­sches Straf­recht, 2. Auf­la­ge Ba­den-Ba­den 2014, S. 29-101). Da­bei ging es am Bei­spiel des Eu­ro­päi­schen Straf­rechts um die Ana­ly­se der bei­den wich­tigs­ten Grund­for­men zur Schaf­fung ei­nes trans­na­tio­nal wirk­sa­men Straf­rechts so­wie de­ren Wei­ter­ent­wick­lun­gen und je­wei­li­gen Pro­ble­me: Dif­fe­ren­ziert wur­den hier zum einen die na­tio­nal­staat­li­chen Ko­ope­ra­ti­ons­mo­del­le, bei de­nen die Ent­schei­dun­gen ei­ner Rechts­ord­nung in ei­ner an­de­ren Rechts­ord­nung vom na­tio­na­len Recht an­er­kannt wer­den (mit dem Vor­teil ei­ner Wah­rung der staat­li­chen Ei­gen­stän­dig­keit so­wie des Sub­si­dia­ri­täts­prin­zips), zum an­dern die su­pra­na­tio­na­len Mo­del­le, bei de­nen die jus­ti­zi­el­len Ent­schei­dun­gen von vorn­her­ein in ei­nem er­wei­ter­ten ter­ri­to­ria­len Raum gel­ten (mit dem Vor­teil ei­ner viel­fach hö­he­ren Ef­fek­ti­vi­tät so­wohl für die Si­cher­heits- als auch die Frei­heits­ge­währ­leis­tung, je­doch häu­fi­gen Le­gi­ti­mi­täts­pro­ble­men). Bei den na­tio­nal­staat­li­chen Ko­ope­ra­ti­ons­mo­del­len exis­tie­ren als Wei­ter­ent­wick­lun­gen der klas­si­schen Ko­ope­ra­ti­ons­mo­del­le des Eu­ro­pa­rats (die häu­fig ei­ne dop­pel­te Straf­bar­keit ver­lan­gen und zahl­rei­che Ver­sa­gungs­grün­de ken­nen) vor al­lem die – in der EU vor­herr­schen­den – Ko­ope­ra­ti­ons­mo­del­le der un­mit­tel­ba­ren An­er­ken­nung von aus­län­di­schen Ent­schei­dun­gen so­wie das (ehe­ma­li­ge Schwei­zer) Mo­dell ei­ner Prak­ti­zie­rung des ei­ge­nen Straf­pro­zess­rechts auf frem­dem Ter­ri­to­ri­um. Bei den su­pra­na­tio­na­len Mo­del­len, die bis­her vor al­lem im Völ­ker­recht und im Rah­men der Ver­ein­ten Na­tio­nen vor­kom­men, zeigt die Eu­ro­päi­sche Uni­on die Mög­lich­keit ei­ner un­ter­schied­lich weit rei­chen­den Über­tra­gung von jus­ti­zi­el­len Teil­be­rei­chen auf die su­pra­na­tio­na­le Ebe­ne (z.B. mit na­tio­na­len Rechts­grund­la­gen, aber un­ter­stüt­zen­den eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen).

Die For­schun­gen im Be­richts­zeit­raum ver­tief­ten mit Blick auf die Rechts­wirk­lich­keit in der Eu­ro­päi­schen Uni­on zu­nächst und vor al­lem für den Be­reich der Rechts­hil­fe die – auch welt­weit do­mi­nie­ren­den – klas­si­schen Ko­ope­ra­ti­ons­mo­del­le so­wie die in der Eu­ro­päi­schen Uni­on in in­no­va­ti­ver Form wei­ter­ent­wi­ckel­ten er­wei­ter­ten Ko­ope­ra­ti­ons­mo­del­le der un­mit­tel­ba­ren An­er­ken­nung von Ent­schei­dun­gen. Für die Rechts­hil­fe be­stä­tig­te da­zu die 2015 ab­ge­schlos­se­ne Dis­ser­ta­ti­on von Zoran Bu­rić (Kroa­ti­en) über „Mo­del­le der grenz­über­schrei­ten­den Be­wei­ser­lan­gung in Eu­ro­pa“ (Pro­jekt Nr. 2) die Vor­zü­ge der er­wei­ter­ten Ko­ope­ra­ti­ons­mo­del­le der EU im Ver­gleich zu den klas­si­schen Ko­ope­ra­ti­ons­mo­del­len des Eu­ro­pa­rats. Die noch lau­fen­de Dis­ser­ta­ti­on von An­ge­la Aguinal­do (Phil­ip­pi­nen) zum The­ma „East Meets West: Rechts­hil­fe zwi­schen und in­ner­halb der ASE­AN und der EU“ (Pro­jekt Nr. 4) kommt bei ih­rem Ver­gleich der Ko­ope­ra­ti­ons­mo­del­le in Eu­ro­pa (Deutsch­land, Eng­land) und in den – stär­ker in­for­mell agie­ren­den – ASE­AN-Staa­ten (Phil­ip­pi­nen, Ma­lay­sia) so­wie bei der an­ge­streb­ten Ent­wick­lung von Ko­ope­ra­ti­ons­for­men zwi­schen den Staa­ten der EU und der ASE­AN vor­aus­sicht­lich zu ähn­li­chen Er­geb­nis­sen. Für den Be­reich der Aus­lie­fe­rung wi­der­spricht Tho­mas Wahl (Deutsch­land) in sei­ner Dis­ser­ta­ti­on „In­ter­es­sen­ver­schie­bun­gen im eu­ro­päi­schen Aus­lie­fe­rungs­recht“ (Pro­jekt Nr. 3) der The­se, dass das er­wei­ter­te Ko­ope­ra­ti­ons­mo­dell des Eu­ro­päi­schen Haft­be­fehls zu ei­ner Ver­nach­läs­si­gung der Be­schul­dig­ten­in­ter­es­sen führt; falls die­se In­ter­es­sen im Eu­ro­päi­schen Straf­recht der­zeit we­ni­ger ge­schützt wür­den, so liegt dies nach sei­nen um­fas­sen­den – auch em­pi­ri­schen – Er­he­bun­gen vor al­lem an den tech­ni­schen For­ma­li­en (kur­ze Fris­ten und we­ni­ger Raum zur Dar­stel­lung des Sach­ver­halts in den be­nutz­ten For­mu­la­ren). Wei­ter kon­kre­ti­siert wer­den noch be­ste­hen­de De­fi­zi­te des er­wei­ter­ten Ko­ope­ra­ti­ons­mo­dells von Jörg Ar­nold in dem Pro­jekt Nr. 5 über „Eu­ro­päi­sche Straf­ver­tei­di­gung“, das sich im Er­geb­nis zu­tref­fend für eu­ro­päi­sche Ver­tei­di­ger­netz­wer­ke statt in­sti­tu­tio­nel­ler Lö­sun­gen für die eu­ro­päi­sche Straf­ver­tei­di­gung aus­spricht.

Das Be­stre­ben nach dif­fe­ren­zier­ten und aus­ge­gli­che­nen Lö­sun­gen der EU be­legt vor al­lem ei­ne im Be­richts­zeit­raum neu be­gon­ne­ne Un­ter­su­chung zur Rechts­hil­fe spe­zi­ell bei der Über­wa­chung der grenz­über­schrei­ten­den Te­le­fon- und In­ter­net­kom­mu­ni­ka­ti­on (TKÜ) von Ul­rich Sie­ber, Ni­co­las von zur Müh­len und Ta­tia­na Tro­pi­na (Rus­si­sche Fö­de­ra­ti­on) (Pro­jekt Nr. 1). Die Stu­die zeigt, dass die im Jahr 2014 in der Eu­ro­päi­schen Er­mitt­lungs­an­ord­nung ge­schaf­fe­ne Re­ge­lung für die­sen sen­si­blen per­sön­lich­keits­re­le­van­ten Be­reich nicht – wie der Re­ge­lungs­ort ver­mu­ten lässt – auf dem Prin­zip der un­mit­tel­ba­ren An­er­ken­nung be­ruht, son­dern auf ei­ner vol­len dop­pel­ten Recht­mä­ßig­keits­prü­fung der TKÜ-Maß­nah­me im er­su­chen­den und im er­such­ten Staat, so­dass hier le­dig­lich ein klas­si­sches Ko­ope­ra­ti­ons­mo­dell ähn­lich dem Mo­dell der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung durch den Eu­ro­pa­rat ge­schaf­fen wur­de. Die­ser bis­her noch kaum un­ter­such­te Be­reich der TKÜ-Rechts­hil­fe ist recht­lich be­son­ders sen­si­bel, weil sich Über­mitt­lungs­hin­der­nis­se hier auch noch nach ei­ner Be­wil­li­gungs­ent­schei­dung er­ge­ben kön­nen. Dies ist bei­spiels­wei­se der Fall, wenn bei der in Deutsch­land er­fol­gen­den Über­wa­chung ei­nes Da­ten­stro­mes ein Te­le­fon­ge­spräch des Be­schul­dig­ten mit ei­nem Pfar­rer auf­ge­zeich­net und die­ser Da­ten­strom (in Echt­zeit) nach Frank­reich aus­ge­lei­tet wird, wo Te­le­fona­te mit Geist­li­chen kei­nen be­son­de­ren Schutz ge­nie­ßen. Ei­ne prä­ven­ti­ve Kon­trol­le des ge­sam­ten – z.B. am Rou­ter ei­nes Miets­hau­ses – auf­ge­zeich­ne­ten Da­ten­stro­mes (un­ter dem sich zahl­rei­che an­de­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­gän­ge vom Ab­ruf der Fern­seh­si­gna­le bis zum Zu­griff auf www-Sei­ten be­fin­den) ist da­bei tech­nisch-prak­tisch nicht mög­lich, wenn man die – bis­her kaum er­fol­gen­de – grenz­über­schrei­ten­de TK-Über­wa­chung in der Pra­xis er­mög­li­chen will.

Das Pro­jekt des In­sti­tuts hat hier ei­ne Lö­sung ent­wi­ckelt, die in die­sen Fäl­len un­ter der Vor­aus­set­zung des ge­gen­sei­ti­gen Ver­trau­ens zwi­schen den Ak­teu­ren den deut­schen Grund­rechts­schutz für die fran­zö­si­sche Da­ten­aus­wer­tung über Be­din­gun­gen in der Rechts­hil­feent­schei­dung si­chert, so­dass der In­halt ei­nes sol­chen Te­le­fonats mit ei­nem Geist­li­chen in Frank­reich eben­so wie in Deutsch­land nicht ver­wer­tet wer­den darf. Das – stark rechts­ver­glei­chend und te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­recht­lich aus­ge­rich­te­te – Pro­jekt ist je­doch nicht nur we­gen die­ser Grund­la­gen­fra­gen zu rechts­staat­li­chen Si­che­run­gen der Rechts­hil­fe von be­son­de­rer Be­deu­tung. Es ist vor al­lem auch des­we­gen er­trag­reich, weil es für die ein­be­zo­ge­nen Rechts­ord­nun­gen nicht nur das „law in the books“ er­hebt, son­dern auf der Grund­la­ge von In­ter­views und Work­shops mit Prak­ti­kern auch die Rechts­wirk­lich­keit ein­be­zieht. Die Un­ter­su­chung ist dar­über hin­aus auch in­ter­dis­zi­pli­när aus­ge­rich­tet, weil das In­sti­tut zu­sam­men mit dem Fraun­ho­fer-In­sti­tut für Ein­ge­bet­te­te Sys­te­me und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik (ESK) einen tech­ni­schen Pro­to­typ ent­wi­ckelt, durch den ei­ne TK-Über­wa­chung mit ei­ner un­mit­tel­ba­ren tech­ni­schen Da­ten­aus­lei­tung in ei­ner eu­ro­päi­schen Ko­ope­ra­ti­on in der Pra­xis tat­säch­lich durch­ge­führt wer­den soll und dann auch der Kon­trol­le des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts stand­hal­ten muss. Die­ses neue Pro­jekt des In­sti­tuts wird durch einen Dritt­mit­tel­ver­trag mit dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um des In­nern ge­för­dert. Es be­zog sich zu­nächst auf acht eu­ro­päi­sche Rechts­ord­nun­gen und wur­de am En­de des Be­richts­zeit­raums in ei­ner Er­wei­te­rungs­pha­se auf zehn wei­te­re Staa­ten aus­ge­dehnt, in de­nen jetzt eben­falls In­ter­views und Work­shops durch­ge­führt wer­den.

In­ter­na­tio­na­les Straf­recht

Aus­gangs­punkt der Un­ter­su­chun­gen zu den Grund­la­gen­fra­gen des ers­ten For­schungs­schwer­punk­tes bil­de­te im In­ter­na­tio­na­len Straf­recht die Ana­ly­se der recht­li­chen Ord­nung in ei­ner glo­ba­len Welt und ins­be­son­de­re der ent­ste­hen­den plu­ra­lis­ti­schen Ord­nung ein­zel­ner frag­men­tier­ter Rechts­sys­te­me (Ul­rich Sie­ber, Recht­li­che Ord­nung in ei­ner glo­ba­len Welt, Rechts­theo­rie, Band 41 (2010), S. 151-198). Die­se zeig­ten vor al­lem die Le­gi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me al­ler in­ter­na­tio­nal ge­schaf­fe­nen (ins­be­son­de­re straf­recht­li­chen) Re­ge­lun­gen, de­nen es an ei­ner – mit der par­la­men­ta­ri­schen Le­gi­ti­ma­ti­on der na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen ver­gleich­ba­ren – Le­gi­ti­ma­ti­on fehlt und de­ren zu­neh­men­de Viel­falt zu Norm- und Wer­tungs­wi­der­sprü­chen führt.

Im Be­richts­zeit­raum ver­schob sich der Schwer­punkt der Un­ter­su­chun­gen – wie schon in den Jah­ren zu­vor – wei­ter weg von den tra­dier­ten und am In­sti­tut seit sei­ner Grün­dung do­mi­nie­ren­den Fra­gen des klas­si­schen Völ­ker­straf­rechts hin zu den mo­der­nen, bis­her noch we­nig un­ter­such­ten und in der Pra­xis hoch re­le­van­ten Fra­gen in­ter­na­tio­na­ler Sank­tio­nen der VN und in­ter­gou­ver­ne­men­ta­ler Or­ga­ni­sa­tio­nen wie der FATF. Die oben ge­nann­ten grund­le­gen­den Le­gi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me und die Plu­ra­li­tät sank­ti­ons­recht­li­cher Sys­te­me zei­gen sich da­bei an­schau­lich in der Un­ter­su­chung „Straf­recht zur Be­kämp­fung von Mas­sen­ge­walt“ (Pro­jekt Nr. 6) von Nan­dor Knust, Jan Si­mon und Ro­land Ad­jo­vi (Be­nin). Die­ses Pro­jekt un­ter­sucht nicht nur die klas­si­schen Fra­ge­stel­lun­gen der Tran­si­tio­nal Ju­sti­ce und des Völ­ker­straf­rechts, son­dern be­schäf­tigt sich zu­sätz­lich mit der Fra­ge, in­wie­weit die nicht straf­recht­li­chen in­ter­na­tio­na­len Sank­ti­ons­re­gime auch ge­gen die nach klas­si­schem Völ­ker­straf­recht ver­ant­wort­li­chen Per­so­nen an­ge­wandt wer­den kön­nen.

Die­se zu­letzt ge­nann­te Fra­ge­stel­lung wird auch von der – un­ten nä­her er­ör­ter­ten – Un­ter­su­chung zur Ter­ro­ris­mus­fi­nan­zie­rung (Pro­jekt Nr. 18) von Ul­rich Sie­ber und Ben­ja­min Vo­gel ge­stellt. Hier geht es um die neue und bis­her kaum er­ör­ter­te Fra­ge, in­wie­weit mit den neu ent­ste­hen­den For­men des in­ter­na­tio­na­len Sank­ti­ons­rechts z.B. der VN und der EU – auch trans­na­tio­nal und auf frem­dem Ter­ri­to­ri­um – ge­gen die Draht­zie­her und Pro­fi­teu­re von Bür­ger­krie­gen (z.B. in Afri­ka) vor­ge­gan­gen wer­den kann.

Die zen­tra­len Pro­ble­me plu­ra­ler Rechts­sys­te­me ste­hen im Mit­tel­punkt der 2016 in Band 155 der Straf­recht­li­chen Schrif­ten­rei­he des Max-Planck-In­sti­tuts für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht pu­bli­zier­ten Ein­zel­un­ter­su­chung von Jen­ni­fer Schuet­ze-Rey­mann (Ka­na­da, Deutsch­land) über „Recht­li­che Im­pli­ka­tio­nen der Über­wei­sungs­pra­xis von in­ter­na­tio­na­len zu na­tio­na­len Straf­ge­richts­hö­fen“ (Pro­jekt Nr. 7). Sie macht in ih­rer Dis­ser­ta­ti­on im Hin­blick auf die „Com­ple­ti­on Stra­t­egy“ des VN-Si­cher­heits­ra­tes für den IC­TY/IC­TR, auch auf der Grund­la­ge von Ex­per­ten­ge­sprä­chen, sehr an­schau­lich deut­lich, wel­che Schwie­rig­kei­ten durch das Ne­ben­ein­an­der un­ter­schied­li­cher in­ter­na­tio­na­ler Sank­ti­ons­sys­te­me (z.B. mit un­ter­schied­li­chen Sank­ti­ons­hö­hen) ent­ste­hen, wenn Fäl­le von dem einen Sys­tem an das an­de­re über­wie­sen wer­den sol­len. Auch hier geht es um bis­her kaum be­han­del­te Pro­ble­me.

Ne­ben die­sen neu­en Fra­gen des in­ter­na­tio­na­len Straf­rechts ar­bei­tet das In­sti­tut al­ler­dings auch wei­ter­hin an den klas­si­schen Fra­ge­stel­lun­gen des Völ­ker­straf­rechts, die am In­sti­tut seit den bahn­bre­chen­den Ar­bei­ten sei­nes Grün­ders Pro­fes­sor Hans-Hein­rich Je­scheck und den nach­fol­gen­den Ar­bei­ten von Pro­fes­sor Al­bin Eser einen fes­ten Platz ha­ben. Die kurz vor der Fer­tig­stel­lung ste­hen­de Dis­ser­ta­ti­on von Jan Ca­ba über „Straf­tat­be­stän­de zum Schutz der Rechts­pfle­ge im in­ter­na­tio­na­len Straf­recht“ (Pro­jekt Nr. 8) ent­wi­ckelt mit ei­ner de­tail­lier­ten Straf­rechts­ver­glei­chung Vor­schlä­ge für ei­ne Er­wei­te­rung der Rechts­pfle­ge­de­lik­te ge­gen den In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof. Die Ar­beit zeigt eben­so wie die in frü­he­ren Be­richts­zeiträu­men er­stell­ten großen rechts­ver­glei­chen­den Ar­bei­ten des In­sti­tuts (die teil­wei­se über 40 Rechts­ord­nun­gen ein­be­zo­gen ha­ben), dass im Be­reich des Völ­ker­straf­rechts die Straf­rechts­ver­glei­chung wei­ter einen zen­tra­len An­wen­dungs­be­reich fin­det.

In der Ge­samt­be­trach­tung be­le­gen die Un­ter­su­chun­gen zum in­ter­na­tio­na­len Straf­recht da­mit auch, in welch grund­le­gen­der Wei­se sich die­ses Ge­biet und die ent­spre­chen­den For­schun­gen wäh­rend der 14-jäh­ri­gen Ar­beit am For­schungs­pro­gramm der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung ver­än­dert ha­ben. Sie be­stä­ti­gen da­mit das dem For­schungs­pro­gramm zu­grun­de lie­gen­de Kon­zept, den Wan­del des Straf- und Sank­tio­nen­rechts in der glo­ba­len Ri­si­ko­ge­sell­schaft zum Ge­gen­stand der For­schung zu ma­chen und da­mit auch das For­schungs­pro­gramm hoch­ak­tu­ell zu hal­ten.

b) For­schungs­schwer­punkt 2 zur Ri­si­ko- und In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft: „Funk­tio­na­le Gren­zen des Straf­rechts und neue For­men der So­zi­al­kon­trol­le“

Die funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts als zwei­ter Schwer­punkt des For­schungs­pro­gramms wer­den in den ge­nann­ten vier For­schungs­fel­dern zu spe­zi­fi­schen Be­rei­chen kom­ple­xer Kri­mi­na­li­tät ana­ly­siert, in de­nen das klas­si­sche Straf­recht be­son­ders deut­lich an sei­ne Gren­zen stößt: Ter­ro­ris­mus, Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät (ein­schl. Kor­rup­ti­on), Cy­ber­cri­me und Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät. Nach 14-jäh­ri­ger Ar­beit am For­schungs­pro­gramm der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung ha­ben sich in der Ge­samtschau der in die­sen For­schungs­fel­dern be­ob­ach­te­ten Ent­wick­lun­gen wich­ti­ge Er­kennt­nis­se zu grund­le­gen­den Ver­än­de­run­gen des Straf­rechts er­ge­ben. Da­zu ge­hö­ren auch über­grei­fen­de Fra­ge­stel­lun­gen zum Wan­del der Ar­chi­tek­tur des Si­cher­heits­rechts so­wie – da­mit ver­bun­den – des In­halts und der Gel­tung von rechts­staat­li­chen Ga­ran­ti­en.

Ter­ro­ris­mus und Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät

Die Un­ter­su­chun­gen zur Kon­trol­le des Ter­ro­ris­mus kon­zen­trie­ren sich zum einen auf den Wan­del des Straf­rechts von ei­nem re­pres­si­ven zu ei­nem stark prä­ven­ti­ven Ein­griffs­in­stru­ment, zum an­de­ren auf die Ent­wick­lung der neu­en Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur des 21. Jahr­hun­derts. Im Mit­tel­punkt der erst­ge­nann­ten Ent­wick­lung zum prä­ven­ti­ven Straf­recht steht die Fra­ge, ob und in­wie­weit ei­ne sol­che Ver­än­de­rung des Straf­rechts zu le­gi­ti­mie­ren ist. Die Ba­sis und dog­ma­ti­sche Ori­en­tie­rung zu die­sen Grund­la­gen­fra­gen wa­ren Er­kennt­nis­se ins­be­son­de­re zu den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen des Rechts­gü­ter­schut­zes so­wie der ab­strak­ten Ge­fähr­dungs­de­lik­te (Ul­rich Sie­ber, Le­gi­ti­ma­ti­on und Gren­zen von Ge­fähr­dungs­de­lik­ten im Vor­feld ter­ro­ris­ti­scher Ge­walt, Neue Zeit­schrift für Straf­recht (NStZ), 2009, S. 353-364). Da­bei geht es vor al­lem um dog­ma­ti­sche An­sät­ze und ei­ne Sys­te­ma­ti­sie­rung der De­likt­s­ka­te­go­ri­sie­rung, die den An­wen­dungs­be­reich le­gi­ti­mer, die Straf­bar­keit vor­ver­la­gern­der Ge­fähr­dungs­tat­be­stän­de ge­gen­über ei­ner un­zu­läs­si­gen Straf­be­weh­rung bloß po­li­zei­recht­li­cher Ein­griffs­tat­be­stän­de ab­grenzt.

Im Mit­tel­punkt der ein­schlä­gi­gen Un­ter­su­chun­gen stand das 2015 in Band 150 der Straf­recht­li­chen Schrif­ten­rei­he des Max-Planck-In­sti­tuts für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht pu­bli­zier­te Pro­jekt Nr. 9 über „Ter­ro­ris­mus­fi­nan­zie­rung – Prä­ven­ti­on im Span­nungs­feld von in­ter­na­tio­na­len Vor­ga­ben und na­tio­na­lem Straf­recht“ von Ul­rich Sie­ber und Ben­ja­min Vo­gel. Die­ses Pro­jekt geht auf die bei­den An­hö­run­gen von Ul­rich Sie­ber vor dem Rechts­aus­schuss des Deut­schen Bun­des­ta­ges zu dem ers­ten und dem zwei­ten Ge­setz zur „Ver­fol­gung der Vor­be­rei­tung von schwe­ren staats­ge­fähr­den­den Ge­walt­ta­ten“ von 2009 und 2015 zu­rück, de­ren Fra­ge­stel­lun­gen dann ge­mein­sam mit Ben­ja­min Vo­gel in die­sem Pro­jekt wei­ter­ent­wi­ckelt wur­den. Die Be­deu­tung und das Ver­dienst der 2015 ver­öf­fent­lich­ten Stu­die lie­gen in der Wei­ter­ent­wick­lung der Grund­la­gen­fra­gen und vor al­lem dar­in, dass aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben und aus dem straf­recht­li­chen Schuld­grund­satz für die Pra­xis hand­hab­ba­re kon­kre­te Kri­te­ri­en für die Kri­mi­na­li­sie­rung und ih­re Gren­zen ent­wi­ckelt wur­den, mit de­nen ei­ne Aus­deh­nung der straf­recht­li­chen Vor­feld­tat­be­stän­de in den Be­reich der rein prä­ven­ti­ven po­li­zei­li­chen Ge­fah­ren­ab­wehr be­grenzt wer­den kann. Nach 14-jäh­ri­ger Ar­beit am For­schungs­pro­gramm der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung zeig­te sich da­bei eben­so wie an zahl­rei­chen an­de­ren Punk­ten, welch ho­hen Wert ei­ne so­li­de Grund­la­gen­for­schung für die Lö­sung sol­cher prak­ti­scher Pro­blem­stel­lun­gen ha­ben kann: Das Pro­jekt zur Ter­ro­ris­mus­fi­nan­zie­rung wur­de kurz vor der 2015 er­folg­ten Be­schluss­fas­sung des Rechts­aus­schus­ses so­wie des Plen­ums des Deut­schen Bun­des­ta­ges pu­bli­ziert und be­ein­fluss­te den Ge­setz­ent­wurf noch kurz vor der Ver­ab­schie­dung in ganz er­heb­li­cher Wei­se: We­ni­ge Ta­ge vor der drit­ten Le­sung die­ses Ge­set­zes wur­de durch ei­ne Be­schluss­emp­feh­lung des Aus­schus­ses für Recht und Ver­brau­cher­schutz, die sich aus­schließ­lich mit die­sen Än­de­rungs­vor­schlä­gen des Frei­bur­ger In­sti­tuts be­fass­te, drei der fünf zen­tra­len For­de­run­gen die­ser Stu­die Rech­nung ge­tra­gen (vgl. Deut­scher Bun­des­tag, Druck­sa­che 18/4705). Der­zeit wird an ei­ner 2. Auf­la­ge der Un­ter­su­chung in eng­li­scher Spra­che ge­ar­bei­tet, die vor al­lem im Hin­blick auf die ak­tu­el­len Fra­ge­stel­lun­gen der „Due Di­li­gence“ und der Mit­wir­kungs­pflich­ten von Pri­va­ten er­wei­tert wer­den soll so­wie auf die oben ge­nann­te Fra­ge, ob sich das ge­gen die Ter­ro­ris­mus­fi­nan­zie­rung ent­wi­ckel­te In­stru­men­ta­ri­um auch auf die Bür­ger­kriegs­par­tei­en so­wie de­ren Nutz­nie­ßer im Kampf um Roh­stof­fe er­wei­tern lässt.

Bei der Or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät stel­len sich zur Vor­ver­la­ge­rung der Straf­bar­keit ähn­li­che Fra­gen nach der prä­ven­ti­ven Aus­ge­stal­tung des ma­te­ri­el­len Straf­rechts wie im Be­reich des Ter­ro­ris­mus. In dem da­vor­lie­gen­den Be­richts­zeit­raum wur­den da­zu ei­ne Rei­he von Dis­ser­ta­tio­nen pu­bli­ziert (Mal­je­vić, Pe­tri, Pfütz­ner). Ei­ne kurz vor der Ver­öf­fent­li­chung ste­hen­de rechts­ver­glei­chen­de Ein­zel­un­ter­su­chung von Angé­li­ca Ro­me­ro Sán­chez zu Ko­lum­bi­en und Deutsch­land über „Ver­deck­te Er­mitt­lun­gen ge­gen Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät“ (Pro­jekt Nr. 10) er­stell­te da­zu jetzt einen um­fas­sen­den Ver­gleich der Kon­zep­te der Or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät und der mit ih­nen ver­bun­de­nen Ein­griffs­be­fug­nis­se so­wie ent­spre­chen­de grund­le­gen­de rechts­po­li­ti­sche Re­form­vor­schlä­ge. Da­bei nimmt die Un­ter­su­chung das ge­sam­te Mo­dell der Er­mitt­lun­gen ge­gen Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät in den Blick, zu dem ne­ben den ma­te­ri­ell­recht­li­chen Grund­la­gen und den straf­pro­zes­sua­len Ein­griffs­er­mäch­ti­gun­gen auch die spe­zi­el­len nach­rich­ten­dienst­li­chen und po­li­zei­li­chen Zu­stän­dig­kei­ten so­wie Ein­griffs­er­mäch­ti­gun­gen nach dem Recht der be­waff­ne­ten Kon­flik­te ge­hö­ren. Die Er­kennt­nis­se die­ser au­ßer­ge­wöhn­li­chen Un­ter­su­chung ei­ner er­fah­re­nen ko­lum­bia­ni­schen Rich­te­rin sind ins­be­son­de­re für die Ana­ly­se der neu­en Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur von großer Be­deu­tung. Sie be­le­gen de­tail­liert, wie Maß­nah­men ge­gen Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät durch die zu­neh­men­de Ver­schrän­kung von Straf­recht, Ver­wal­tungs­recht, Po­li­zei­recht und dem Recht be­waff­ne­ter Kon­flik­te schritt­wei­se vor­ver­la­gert wer­den und da­durch ein um­fas­sen­des Si­cher­heits­recht ent­steht.

Cy­ber­cri­me

Cy­ber­cri­me wirft über die in al­len Be­rei­chen kom­ple­xer Kri­mi­na­li­tät re­le­van­ten Her­aus­for­de­run­gen hin­aus grund­sätz­li­che Pro­ble­me im Hin­blick auf die Fra­ge auf, ob die für kör­per­li­che Ge­gen­stän­de ent­wi­ckel­ten recht­li­chen Re­geln auch für die un­kör­per­li­chen Rechts­ob­jek­te der In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (insb. Da­ten) gel­ten. Die ent­spre­chen­de Grund­la­gen­fra­ge nach dem We­sen und den Pro­pria von Da­ten und von In­for­ma­ti­on hat­te Ul­rich Sie­ber be­reits in sei­ner Bay­reuther An­tritts­vor­le­sung 1989 als Aus­gangs­punkt sei­ner Ar­bei­ten zur Com­pu­ter­kri­mi­na­li­tät aus­führ­lich ana­ly­siert (Ul­rich Sie­ber, In­for­ma­ti­ons­recht und Recht der In­for­ma­ti­ons­tech­nik – Die Kon­sti­tu­ie­rung ei­nes Rechts­ge­biets in Ge­gen­stand, Grund­fra­gen und Zie­len, NJW 1989, 2569–2580). Ei­ne um­fas­sen­de prak­ti­sche Um­set­zung der Er­geb­nis­se zu die­sen Grund­la­gen­fra­gen für ei­ne Ge­sam­tre­form im Be­reich des Cy­ber­cri­me er­folg­te dann im Rah­men die­ses For­schungs­pro­gramms im Jahr 2012 mit dem Gut­ach­ten für den 69. Deut­schen Ju­ris­ten­tag (Ul­rich Sie­ber, Straf­ta­ten und Straf­ver­fol­gung im In­ter­net. Gut­ach­ten C zum 69. Deut­schen Ju­ris­ten­tag, her­aus­ge­ge­ben von der Stän­di­gen De­pu­ta­ti­on des Deut­schen Ju­ris­ten­ta­ges, Mün­chen 2012). Die­se The­ma­tik wur­de im Be­richts­zeit­raum in be­son­de­rer Wei­se für die be­reits ge­nann­te (trans­na­tio­na­le) Über­wa­chung der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on ver­tieft („Straf­pro­zes­sua­le Über­wa­chung der grenz­über­schrei­ten­den In­ter­net­kom­mu­ni­ka­ti­on“, Pro­jekt Nr. 1). Die­ses Pro­jekt ist im vor­lie­gen­den Kon­text vor al­lem des­we­gen be­deut­sam, weil das In­sti­tut die hier ge­bo­te­ne Chan­ce ei­ner um­fas­sen­den rechts­ver­glei­chen­den Da­te­ner­he­bung mit (in vie­len Staa­ten schwer zu ge­win­nen­den) Spe­zia­lis­ten des In­for­ma­ti­ons- und In­ter­net­rechts und mit Prak­ti­kern da­zu ge­nutzt hat, die Da­te­ner­he­bung nicht nur auf die klas­si­sche Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung zu er­stre­cken, son­dern auch an­de­re ent­spre­chen­de For­men des Da­ten­zu­griffs ein­zu­be­zie­hen (Be­schlag­nah­me, Durch­su­chung, On­li­ne-Durch­su­chung, Quell­da­ten­über­wa­chung) und an­schlie­ßend auf die­ser Grund­la­ge ei­ne sehr viel um­fas­sen­de­re Ana­ly­se vor­zu­neh­men.

Die Pro­ble­ma­tik der Re­ge­lun­gen für im­ma­te­ri­el­le Rechts­ob­jek­te (insb. Da­ten) wird nach der Ver­brei­tung des In­ter­nets und dem Aus­bau sei­ner Diens­te im Be­reich der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on heu­te noch zu­sätz­lich da­durch er­schwert, dass hier in vie­len Fäl­len die für das Straf­pro­zess­recht zen­tra­le Un­ter­schei­dung zwi­schen der Spei­che­rung von Da­ten (auf die in den meis­ten Rechts­ord­nun­gen mit ei­ner Durch­su­chung und Be­schlag­nah­me zu­ge­grif­fen wer­den kann) und der Über­tra­gung von Da­ten (für die meist sehr viel stren­ge­re Vor­schrif­ten über die Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung an­wend­bar sind) ih­re Be­deu­tung ver­liert. Dies ist et­wa der Fall, wenn Da­ten auf dem Weg zum Emp­fän­ger beim Mail-Pro­vi­der zwi­schen­ge­spei­chert wer­den, so­dass es für die Er­mitt­lungs­be­hör­den na­he­liegt, auf die­se – an sich über­tra­ge­nen – Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­da­ten mit den groß­zü­gi­ge­ren Vor­schrif­ten über die Be­schlag­nah­me zu­zu­grei­fen. Die 2018 ab­ge­schlos­se­ne Dis­ser­ta­ti­on von Ni­co­las von zur Müh­len über „Die straf­pro­zes­sua­le Über­wa­chung der In­ter­net­kom­mu­ni­ka­ti­on“ (Pro­jekt Nr. 12) ana­ly­siert die ver­fas­sungs­recht­li­chen, straf­pro­zes­sua­len und rechts­po­li­ti­schen Aspek­te die­ser Pro­ble­ma­tik in um­fas­sen­der Wei­se und ent­wi­ckelt auf die­ser Grund­la­ge ein nor­ma­ti­ves Ge­samt­sys­tem der straf­pro­zes­sua­len Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung.

Zu­sätz­li­che fun­da­men­ta­le Pro­ble­me stel­len sich, wenn die für Er­mitt­lun­gen re­le­van­ten Da­ten auf Ser­vern im Aus­land ge­spei­chert sind oder – noch gra­vie­ren­der in den Fäl­len des sog. „loss of lo­ca­ti­on“ – wenn die Er­mitt­ler nicht wis­sen, in wel­chem aus­län­di­schen Staat die re­le­van­ten Ser­ver ste­hen. Da­bei kann es sich z.B. um die Rück­ver­fol­gung von un­be­kann­ten Ha­ckern han­deln oder um die Durch­su­chung ei­nes Ser­vers im Dar­knet, auf dem kri­mi­nel­le Ak­ti­vi­tä­ten statt­fin­den. In der Pra­xis re­si­gnie­ren die Er­mitt­lungs­be­hör­den ent­we­der oder sie ver­let­zen be­wusst und heim­lich frem­de Sou­ve­rä­ni­täts­rech­te oder sie ar­bei­ten mit Schutz­kon­struk­ten, die letzt­lich gleich­wohl im Wi­der­spruch zum gel­ten­den Völ­ker­recht ste­hen. Hier stel­len sich neue Grund­satz­fra­gen nach dem Sou­ve­rä­ni­täts­be­griff im glo­ba­len Cy­ber­space. Die um­fas­sen­de Un­ter­su­chung „Trans­na­tio­nal Cri­mi­nal In­ves­ti­ga­ti­ons in Cy­ber­space“ (Pro­jekt Nr. 11) von Ul­rich Sie­ber und Carl-Wen­de­lin Neu­bert ana­ly­siert die Pro­ble­me der Sou­ve­rä­ni­tät im Cy­ber­space und be­stä­tigt in Über­ein­stim­mung mit dem klas­si­schen Völ­ker­recht, dass heim­li­che Zu­grif­fe auf nicht öf­fent­lich zu­gäng­li­che Da­ten in der Tat die Sou­ve­rä­ni­tät des Staa­tes ver­let­zen, in dem sich der Ser­ver be­fin­det. Die um­fas­sen­de Ana­ly­se stellt auch fest, dass die bis­her exis­tie­ren­den in­ter­na­tio­na­len Ab­kom­men die re­le­van­ten Fäl­le nur zu ei­nem Bruch­teil er­fas­sen und dass wei­ter­ge­hen­de Ab­kom­men der­zeit aus po­li­ti­schen Grün­den zum Schei­tern ver­ur­teilt sind. Die Un­ter­su­chung ent­wi­ckelt auf die­ser Grund­la­ge gleich­wohl welt­weit erst­mals ei­ne mit dem Völ­ker­recht in Über­ein­stim­mung ste­hen­de Lö­sung für ein­schlä­gi­ge gra­vie­ren­de Fäl­le mit Hil­fe des völ­ker­recht­li­chen Not­stan­des und plä­diert für ent­spre­chen­de Emp­feh­lun­gen, aus de­ren staat­li­cher Übung mit der Zeit auch völ­ker­recht­li­ches Ge­wohn­heits­recht ent­ste­hen kann. Da­mit ge­lingt der – auch in den ein­schlä­gi­gen Gre­mi­en des Eu­ro­pa­rats vor­ge­tra­ge­nen und dort sehr po­si­tiv auf­ge­nom­me­nen – Ana­ly­se erst­mals ei­ne pra­xi­staug­li­che und gut be­gründ­ba­re Lö­sung für ei­ne Fra­ge, die bis­her als un­lös­bar galt.

Ei­ne wei­te­re Ar­beit zum The­ma Cy­ber­cri­me ist die 2017 ab­ge­schlos­se­ne Dis­ser­ta­ti­on von Hua­wei Wang (Chi­na) über die „Ver­ant­wort­lich­keit der In­ter­net-Ser­vi­ce-Pro­vi­der im deut­schen und im chi­ne­si­schen Recht“ (Pro­jekt Nr. 13). Sie zeigt, dass der deut­sche Ge­setz­ge­ber „In­ter­net-Ser­vi­ce-Pro­vi­der“ als „ga­te kee­per“ des In­ter­net­zu­gangs im In­ter­es­se der Mei­nungs­frei­heit straf­recht­lich und haf­tungs­recht­lich pri­vi­le­giert, wäh­rend das chi­ne­si­sche Straf­recht – ganz im Ge­gen­teil – Haf­tungs­ver­schär­fun­gen und spe­zi­el­le Straf­tat­be­stän­de für Fäl­le ge­schaf­fen hat, in de­nen die Pro­vi­der ih­re dort gel­ten­den Kon­troll- und Zen­sur­vor­schrif­ten nicht er­fül­len. Hin­zu kommt das Pro­jekt Nr. 14 zur „Selbst­re­gu­lie­rung im Cy­ber­space“ von Ta­tia­na Tro­pi­na (Rus­si­sche Fö­de­ra­ti­on), das auch un­ter dem Ge­sichts­punkt der pri­va­ten Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le re­le­vant ist und in die­sem Be­reich die Syn­er­gie­ef­fek­te des For­schungs­pro­gramms be­stä­tigt.

Im Üb­ri­gen stel­len sich die oben an­ge­spro­che­nen Fra­gen nach der Ent­wick­lung ei­nes prä­ven­ti­ven Straf­rechts und der Ver­schie­bung der Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le in an­de­re Rechts­re­gime auch im Be­reich des Cy­ber­cri­me. Sie wur­den hier im For­schungs­pro­gramm vor al­lem im Hin­blick auf die Kri­mi­na­li­sie­rung der Ver­brei­tung und des Be­sit­zes von Hacking-Werk­zeu­gen so­wie an­de­rer ge­fähr­li­cher Werk­zeu­ge und Da­ten ana­ly­siert. Die ein­schlä­gi­ge Un­ter­su­chung des straf­recht­li­chen Vor­feld­schut­zes in die­sem Schwer­punkt macht deut­lich, dass der straf­recht­li­che Vor­feld­schutz auch im Be­reich des Cy­ber­cri­me ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielt. Sie ent­wi­ckel­te des­we­gen – für die na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Ebe­ne – erst­mals sau­ber kon­stru­ier­te Kon­zep­te für einen ef­fek­ti­ven und zu­gleich rechts­staat­lich aus­ge­wo­ge­nen Vor­feld­schutz (Mi­cha­el Al­brecht, Die Kri­mi­na­li­sie­rung von Du­al-Use-Soft­wa­re, Ber­lin, 2014).

Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät

Die Grund­la­gen­fra­gen im Be­reich des Wirt­schaftss­traf­rechts sind ähn­lich wie in den an­de­ren oben be­schrie­be­nen Be­rei­chen der kom­ple­xen Kri­mi­na­li­tät: Es geht auch hier um wei­te­re Er­kennt­nis­se über das prä­ven­ti­ve Straf­recht, die Gren­zen von Ge­fähr­dungs­de­lik­ten so­wie – im Wirt­schaftss­traf­recht be­son­ders in­ter­essant – die Pri­va­ti­sie­rung der Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le (be­son­ders durch pri­va­te Mit­wir­kungs­pflich­ten oder pri­va­te Rechts­re­gime wie Com­pli­an­ce-Pro­gram­me). Im Hin­blick auf den zu­letzt ge­nann­ten Ge­sichts­punkt wur­de des­we­gen im Be­richts­zeit­raum auch das Pro­jekt von Marc En­gel­hart über „Sank­tio­nie­rung von Un­ter­neh­men und Com­pli­an­ce“ wei­ter­ge­führt, das nun in ei­ner 3. Auf­la­ge pu­bli­ziert wer­den soll (Pro­jekt Nr. 16).

Mit Blick auf die neue Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur steht hier je­doch vor al­lem das Pro­jekt über „Al­ter­na­ti­ve Sys­te­me zur Kon­trol­le der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät“ im Mit­tel­punkt (Pro­jekt Nr. 17). So­wohl auf­grund des Un­ter­su­chungs­fel­des als auch der Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner ist hier bei Fer­tig­stel­lung im Jahr 2019 ein be­son­de­rer Er­trag zu er­war­ten: Ge­mein­sam mit der As­so­cia­ti­on In­ter­na­tio­na­le de Droit Pénal (AIDP) ver­folgt das In­sti­tut ei­ne Un­ter­su­chung zu al­ter­na­ti­ven Sank­ti­ons­re­gi­men im Be­reich der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät („Al­ter­na­ti­ve Sank­ti­ons­sys­te­me zur Kon­trol­le der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät“, Pro­jekt Nr. 15). Zu­sam­men mit der AIDP, der Queen Ma­ry Uni­ver­si­tät Lon­don, dem Eu­ro­pean & In­ter­na­tio­nal Cri­mi­nal Law In­sti­tu­te Athen und der Uni­ver­si­tät Frei­burg wur­de da­zu 2018 in Frei­burg ein Kon­gress ver­an­stal­tet, in des­sen Rah­men 20 Lan­des­be­rich­te zu den ein­schlä­gi­gen na­tio­na­len Rechts­re­gi­men so­wie wei­te­ren su­pra­na­tio­na­len Rechts­re­gi­men mit Blick auf ih­re Ef­fek­ti­vi­tät und die sich da­bei stel­len­den frei­heits­recht­li­chen Pro­ble­me vor­ge­stellt und dis­ku­tiert wur­den. Die Be­rich­te sol­len bis En­de 2018 aus­ge­wer­tet und zu­sam­men mit ei­nem aus­führ­li­chen Ge­ne­ral­be­richt und ent­spre­chen­den Re­so­lu­ti­ons­ent­wür­fen auf dem XX. In­ter­na­tio­na­len Straf­rechts­kon­gress in Rom vor­ge­legt wer­den. Die Un­ter­su­chung ist da­bei Teil der sehr viel um­fas­sen­de­ren Ana­ly­se des In­sti­tuts zur Ver­än­de­rung der Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur in der glo­ba­len Ri­si­ko­ge­sell­schaft. Der für das Pro­jekt ent­wi­ckel­te Er­he­bungs­bo­gen zielt auf ei­ne Kon­trol­le der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät durch al­ter­na­ti­ve Rechts­re­gime, ins­be­son­de­re mit Hil­fe des Ver­wal­tungs­straf­rechts (in Deutsch­land: Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­recht), der Ver­mö­gen­sein­zie­hung (insb. non-con­vic­ti­on ba­sed con­fis­ca­ti­on) und pri­va­ten Com­pli­an­ce-Maß­nah­men. Der Fra­ge­bo­gen für die na­tio­na­len Lan­des­be­rich­te ist in sei­ner Me­ta­struk­tur so kon­stru­iert, dass so­wohl die un­ter­schied­li­chen na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen als auch die ver­schie­de­nen Rechts­re­gime mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den kön­nen. Die For­schun­gen der Ab­tei­lung zur funk­tio­na­len Rechts­ver­glei­chung und der hier­für not­wen­di­gen Me­ta­struk­tur er­wei­sen sich da­bei als be­son­ders hilf­reich und wer­den den Er­trag der Un­ter­su­chung er­heb­lich stei­gern.

Ar­chi­tek­tur des Si­cher­heits­rechts

Die Ana­ly­sen zur Ar­chi­tek­tur des Si­cher­heits­rechts hän­gen eng mit den vor­ge­nann­ten Er­kennt­nis­sen zu­sam­men. Sie be­ru­hen auf dem – auch in der Rechts­ver­glei­chung maß­geb­li­chen – funk­tio­na­len An­satz des For­schungs­pro­gramms, den Un­ter­su­chungs­ge­gen­stand rechts­wis­sen­schaft­li­cher Ana­ly­sen nicht durch recht­li­che Kon­zep­te (z.B. ei­nes na­tio­nal be­stimm­ten Straf­rechts­be­griffs) zu be­gren­zen, son­dern durch ei­ne sa­ch­ori­en­tier­te Pro­blem­stel­lung of­fen zu be­stim­men. An­lass für ei­ne ers­te ver­tief­te Grund­la­gen­ana­ly­se der da­mit ins Blick­feld tre­ten­den al­ter­na­ti­ven Maß­nah­men der Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le und des neu­en Si­cher­heits­rechts war der US-ame­ri­ka­ni­sche „war on ter­ror“ nach dem 11.9.2001: Die ame­ri­ka­ni­sche Re­gie­rung setz­te im „Kampf“ ge­gen den Ter­ro­ris­mus nicht nur das Recht der be­waff­ne­ten Kon­flik­te ein, son­dern he­bel­te da­bei auch noch men­schen­recht­li­che Si­che­run­gen aus, vor al­lem durch die Er­fin­dung der Ka­te­go­rie von weit­ge­hend schutz­los ge­stell­ten „il­le­gal com­ba­tants“, die Nut­zung des ex­ter­ri­to­ria­len Ge­biets von Gu­an­ta­na­mo als Ge­fan­ge­nen­la­ger und die Ein­füh­rung von „ver­schärf­ten Ver­hör­me­tho­den“ wie wa­ter boar­ding und an­de­re Kon­struk­tio­nen (vgl. den 2009 ver­öf­fent­lich­ten Bei­trag von Ul­rich Sie­ber über „Blur­ring the Ca­te­go­ries of Cri­mi­nal Law and the Law of War – Ef­forts and Ef­fects in the Pur­suit of In­ter­nal and Ex­ter­nal Se­cu­ri­ty”, in: Ma­nacor­da/Nie­to Mar­tín (Hrsg.), Cri­mi­nal Law Bet­ween War and Pe­ace – Ju­sti­ce and Co­ope­ra­ti­on in Cri­mi­nal Mat­ters in In­ter­na­tio­nal Mi­li­ta­ry In­ter­ven­ti­ons, Cuen­ca, Uni­ver­si­dad de Ca­stil­la-La Man­cha, 2009, S. 35-69.). Die vor­ge­nann­te ver­glei­chen­de Ana­ly­se des ent­ar­te­ten „Kriegs­rechts“ und des Straf­rechts auf ei­ner Kon­fe­renz der – dem Ab­bau von Straf­recht und dem Aus­bau prä­ven­ti­ver Si­che­run­gen ver­schrie­be­nen – tra­di­ti­ons­rei­chen „So­ciété In­ter­na­tio­na­le de Dé­fen­se So­cia­le pour une Po­li­ti­que Cri­mi­nel­le Hu­ma­nis­te (SiDS)“ war ein „Au­gen­öff­ner“ und führ­te in der nach­fol­gen­den Dis­kus­si­on zu ei­nem grund­sätz­li­chen Um­den­ken: „Wir dach­ten im­mer, dass die Prä­ven­ti­on ge­gen­über dem Straf­recht die mil­de­re und bes­se­re Maß­nah­me ist. Jetzt ha­ben wir ge­lernt, dass sie auch sehr grau­sam sein kann.“

Die nach­fol­gen­den sehr viel um­fas­sen­de­ren Un­ter­su­chun­gen und ih­re neu­en über­grei­fen­den Er­kennt­nis­se zum Pa­ra­dig­men­wech­sel des Straf­rechts in der neu­en Ar­chi­tek­tur des Si­cher­heits­rechts sind be­son­ders an­schau­li­che Bei­spie­le für den Er­trag der kon­ti­nu­ier­li­chen Ar­beit am For­schungs­pro­gramm der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung: Die zu­neh­men­de Er­set­zung des Straf­rechts durch al­ter­na­ti­ve Rechts­re­gime un­ter Ab­bau von rechts­staat­li­chen Ga­ran­ti­en ist al­lein an ein oder zwei For­schungs­fra­gen nicht als sol­che zu er­ken­nen. Die­se Er­kennt­nis er­gab sich viel­mehr erst aus der Ver­all­ge­mei­ne­rung der Pro­ble­ma­tik und der Zu­sam­men­schau ei­ner Rei­he von Ein­zel­un­ter­su­chun­gen, die sich in un­ter­schied­li­chen Be­rei­chen mit ver­schie­de­nen al­ter­na­ti­ven Maß­nah­men der So­zi­al­kon­trol­le be­fass­ten. Aus dem vor­an­ge­gan­ge­nen Be­richts­zeit­raum sind aus dem For­schungs­pro­gramm des In­sti­tuts ins­be­son­de­re die Ein­zel­un­ter­su­chun­gen zu fol­gen­den Fra­ge­stel­lun­gen zu nen­nen:

  • Zum Wan­del des prä­ven­ti­ven Straf­rechts durch vor­ver­la­ger­te Ge­fähr­dungs­de­lik­te: die 2014 ver­öf­fent­lich­ten rechts­ver­glei­chen­den Pro­mo­tio­nen zum eng­li­schen Straf­recht von Sa­rah Her­bert über „Gren­zen des Straf­rechts bei der Ter­ro­ris­mus­ge­setz­ge­bung“ (Straf­recht­li­che Schrif­ten­rei­he, Band 138) und von Lenn­art Hü­gel zum deut­schen und US-ame­ri­ka­ni­schen Recht über die „Straf­bar­keit der An­schlags­vor­be­rei­tung durch ter­ro­ris­ti­sche Ein­zel­tä­ter und de­ren Un­ter­stüt­zer“ (Straf­recht­li­che Schrif­ten­rei­he, Band 147).
  • Zum Po­li­zei­recht: die – von der Uni­ver­si­tät Frei­burg mit dem Fa­kul­täts­preis als bes­te rechts­wis­sen­schaft­li­che Dis­ser­ta­ti­on des Jah­res aus­ge­zeich­ne­te und 2011 ver­öf­fent­lich­te – Pro­mo­ti­on von Tim Ni­ko­las Mül­ler über „Prä­ven­ti­ve Frei­heits­ent­zie­hun­gen als In­stru­ment der Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung“ (Straf­recht­li­che Schrif­ten­rei­he, Band 126).
  • Zum Ge­heim­di­en­st­recht: die 2014 pu­bli­zier­te Pro­mo­ti­on von Xe­nia Lang über „Ge­heim­dienst-in­for­ma­tio­nen im deut­schen und ame­ri­ka­ni­schen Straf­pro­zess“ (Straf­recht­li­che Schrif­ten­rei­he, Band 145).
  • Zum Po­li­zei­recht und gleich­zei­tig auch zum Ge­heim­di­en­st­recht: das noch lau­fen­de Ha­bi­li­ta­ti­ons­pro­jekt in der Ot­to-Hahn-Grup­pe von Marc En­gel­hart über „Prä­ven­ti­on und Re­pres­si­on zwi­schen Straf­recht, Po­li­zei­recht und Nach­rich­ten­di­en­st­recht“ (Pro­jekt Nr. 19) so­wie die weit­ge­hend ab­ge­schlos­se­ne Un­ter­su­chung von Angé­li­ca Ro­me­ro Sán­chez über „Ver­deck­te Er­mitt­lun­gen ge­gen Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät“ (Pro­jekt Nr. 10).

Im Be­richts­zeit­raum 2015 – 2017 fin­den sich ent­spre­chen­de Fra­ge­stel­lun­gen zu den fun­da­men­ta­len Ver­än­de­run­gen hin zu ei­ner neu­en Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur wei­ter in den fol­gen­den Un­ter­su­chun­gen:

  • Zum Recht der be­waff­ne­ten Kon­flik­te: die 2016 in Band 154 der Straf­recht­li­chen For­schungs­be­rich­te aus der Schrif­ten­rei­he des Max-Planck-In­sti­tuts für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht pu­bli­zier­te und mit der Ot­to-Hahn-Me­dail­le aus­ge­zeich­ne­te Un­ter­su­chung von Carl-Wen­de­lin Neu­bert über den „Ein­satz töd­li­cher Waf­fen­ge­walt durch die deut­sche aus­wär­ti­ge Ge­walt“ (Pro­jekt Nr. 23).
  • Zur non-con­vic­ti­on ba­sed con­fis­ca­ti­on: der 2015 pu­bli­zier­te Band 146 der Straf­recht­li­chen Schrif­ten­rei­he des Max-Planck-In­sti­tuts für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht von Jon Pet­ter Rui und Ul­rich Sie­ber über „Non Con­vic­ti­on-Ba­sed Con­fis­ca­ti­on“ (Pro­jekt Nr. 20) so­wie die kurz vor dem Ab­schluss ste­hen­de Un­ter­su­chung von Ma­ja Se­ra­fin über „Ver­mö­gens­ab­schöp­fung zwi­schen Ef­fek­ti­vi­tät und Rechts­staat­lich­keit“ (Pro­jekt Nr. 21).
  • Zum Aus­län­der­recht: die 2017 be­gon­ne­ne Un­ter­su­chung von Te­resa Man­so Por­to zur „Mi­gra­ti­ons­kon­trol­le durch Straf­recht und Aus­län­der­recht“ (Pro­jekt Nr. 22).
  • Zum Recht der Geld­wä­sche­kon­trol­le und ins­be­son­de­re der Ge­men­ge­la­ge staat­li­cher und pri­va­ter Ak­teu­re im Be­reich des Span­nungs­ver­hält­nis­ses von Re­pres­si­on und Prä­ven­ti­on und sei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen, eu­ro­pa­recht­li­chen und straf­rechts­dog­ma­ti­schen Be­wer­tungs­maß­stä­ben bei der Aus­ba­lan­cie­rung von Si­cher­heit und Frei­heit fin­det im Be­richts­zeit­raum wei­ter die Un­ter­su­chung „Rethin­king Mo­ney Laun­de­ring and Fi­nan­ci­al In­ves­ti­ga­ti­ons“ statt (Pro­jekt Nr. 18). Das – durch er­heb­li­che Dritt­mit­tel ge­för­der­te und 2019 er­schei­nen­de – Pro­jekt un­ter­sucht Zie­le, In­sti­tu­tio­nen, In­for­ma­ti­ons­flüs­se und rechts­staat­li­che Ga­ran­ti­en der Rechts­re­gime zur Geld­wä­sche­kon­trol­le mit Hil­fe nor­ma­ti­ver und em­pi­ri­scher Me­tho­den.
  • Zu den Un­ter­schie­den zwi­schen dem eng­li­schen und dem deut­schen Recht im Hin­blick auf die grund­sätz­li­chen Gren­zen des Straf­rechts ge­gen­über den an­gren­zen­den Rechts­ge­bie­ten: das Ko­ope­ra­ti­ons­pro­jekt des Frei­bur­ger Max-Planck-In­sti­tuts und der Uni­ver­si­tät Ox­ford (Matt­hew Dyson) über „The Li­mits of Cri­mi­nal Law“ (Pro­jekt Nr. 37), das einen rechts­ver­glei­chen­den Schwer­punkt auf die un­ter­schied­li­chen Sank­ti­ons­re­gime in Deutsch­land und Eng­land legt, von zahl­rei­chen Straf­rechtspro­fes­so­ren der Uni­ver­si­tät Ox­ford und Mit­ar­bei­tern des MPI Frei­burg er­stellt wur­de und ab kom­men­dem Win­ter­se­mes­ter in eng­li­scher Spra­che auch als Text­book für die straf­recht­li­chen Kur­se der Uni­ver­si­tät Ox­ford die­nen soll (er­scheint im Ok­to­ber 2018).

Die ein­schlä­gi­gen Fra­gen der neu­en Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur wur­den bzw. wer­den der­zeit in drei Kon­fe­ren­zen über al­ter­na­ti­ve Kon­troll­stra­te­gi­en in ver­schie­de­nen De­likts­be­rei­chen ver­tieft: ei­ne Kon­fe­renz zum Ter­ro­ris­mus und zur tran­si­tio­nal ju­sti­ce im Ja­nu­ar 2018 an der Queen Ma­ry Uni­ver­si­ty Lon­don (Pro­jekt Nr. 17), der be­reits ge­nann­te Kon­gress zur Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät im Ju­li 2018 in Frei­burg („Al­ter­na­ti­ve Sank­ti­ons­sys­te­me zur Kon­trol­le der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät“, Pro­jekt Nr. 15) und ei­ne ge­plan­te in­ter­na­tio­na­le Ta­gung zum Cy­ber­cri­me im Jahr 2019 zu­sam­men mit dem Eu­ro­pean & In­ter­na­tio­nal Cri­mi­nal Law In­sti­tu­te in Athen. Die spe­zi­el­le Pro­ble­ma­tik der in­for­mel­len Ver­fah­rens­ar­ten (auch im Straf­recht) soll dar­über hin­aus Ge­gen­stand der neu­en Ot­to-Hahn-Grup­pe von Em­ma­nouil Bil­lis sein (vgl. un­ten III.C). All die­se Pro­jek­te und The­men ma­chen deut­lich, wie wich­tig in die­sen Be­rei­chen die rechts­staat­li­chen Gren­zen und Ga­ran­ti­en des Straf­rechts sind.

Die bis­he­ri­gen Er­geb­nis­se zu den pa­ra­dig­ma­ti­schen Ver­än­de­run­gen der Si­cher­heits­rechts­ar­chi­tek­tur und de­ren Grund­la­gen­fra­gen sind in dem Bei­trag des vor­lie­gen­den For­schungs­be­richts oben II.B über „Die Ar­chi­tek­tur des Si­cher­heits­rechts und sei­ne frei­heit­li­chen Gren­zen“ zu­sam­men­ge­fasst und sol­len des­we­gen hier nicht noch ein­mal wie­der­holt wer­den. Ei­ne aus­führ­li­che­re Zu­sam­men­fas­sung der bis­he­ri­gen Er­geb­nis­se wird in der Pu­bli­ka­ti­on zu der ge­nann­ten Lon­do­ner Ta­gung ent­hal­ten sein, die im Ok­to­ber 2018 er­scheint (vgl. Sie­ber/Mit­si­legas/My­lo­no­pou­los/Bil­lis/‌Knust (Hrsg.), Al­ter­na­ti­ve Sys­tems of Cri­me Con­trol. Na­tio­nal, Trans­na­tio­nal, and In­ter­na­tio­nal Di­men­si­ons, Ber­lin 2018).


Rechts­staat­li­che Gren­zen, ins­be­son­de­re in der neu­en Ar­chi­tek­tur der Frei­heits­rech­te

Das For­schungs­pro­gramm über die Gren­zen des Straf­rechts leg­te seit Be­ginn sei­ner Ar­beit einen be­son­de­ren Schwer­punkt auf die Ga­ran­ti­en des Straf­rechts, da die­se auf­grund der Ver­än­de­run­gen der glo­ba­len Ri­si­ko­ge­sell­schaft als be­son­ders be­droht er­schie­nen. Da­bei lag das Er­kennt­ni­s­in­ter­es­se ei­ner­seits auf der welt­weit zu be­ob­ach­ten­den In­fra­ge­stel­lung von Pro­zess­rech­ten in be­son­de­ren De­likts­be­rei­chen (vor al­lem im Be­reich von Ter­ro­ris­mus und Or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät), an­de­rer­seits auf der Fort­ent­wick­lung von pro­zes­sua­len Ga­ran­ti­en im Recht sol­cher Staa­ten, die sich heu­te um ei­ne rechts­staat­li­che Stär­kung ih­rer Ver­fah­rens­ord­nun­gen be­mü­hen. Von be­son­de­rem In­ter­es­se wa­ren in­so­weit – im letz­ten Be­richts­zeit­raum – die Ar­bei­ten „Ba­lan­cing Se­cu­ri­ty and Li­ber­ty“ von Zuny­ou Zhou (Straf­recht­li­che Schrif­ten­rei­he, Band 143, 2014), „Die Rück­kehr der Fol­ter?“ von Li­nus Son­de­r­eg­ger (Straf­recht­li­che Schrif­ten­rei­he, Band 129, 2013), „Die Ri­si­ken der Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten“ von Ste­fan Dra­ckert (Straf­recht­li­che Schrif­ten­rei­he, Band 149, 2014) so­wie im Be­richts­zeit­raum „Haft oh­ne Ur­teil – Straf­pro­zes­sua­le Frei­heits­ent­zie­hun­gen im deutsch-fran­zö­si­schen Ver­gleich“ von Ha­rald Weiß (Straf­recht­li­che Schrif­ten­rei­he, Band 148, 2015) und der deutsch-ame­ri­ka­nisch-chi­ne­si­sche Rechts­ver­gleich ,,Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bo­te im Straf­ver­fah­ren“ von Yu­kun Zong (Pro­jekt Nr. 26, im Er­schei­nen).

Straf­pro­zes­sua­le Fra­ge­stel­lun­gen im Hin­blick auf die zu­neh­men­de Schwä­chung straf­pro­zes­sua­ler Ga­ran­ti­en oder die Er­set­zung des Straf­rechts durch al­ter­na­ti­ve Rechts­re­gime un­ter Ab­bau rechts­staat­li­cher Ga­ran­ti­en wer­den da­bei re­gel­mä­ßig mit Blick auf su­pra­na­tio­na­le Stan­dards (ins­be­son­de­re der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on) ver­tieft un­ter­sucht und be­wer­tet. Her­vor­zu­he­ben sind im Be­richts­zeit­raum in­so­fern die Un­ter­su­chung von Meh­met Ars­lan über „Die Aus­sa­ge­frei­heit des Be­schul­dig­ten in der po­li­zei­li­chen Be­fra­gung “ (Straf­recht­li­che Schrif­ten­rei­he, Band 153, Pro­jekt Nr. 24) mit ei­nem Rechts­ver­gleich zwi­schen EMRK, deut­schem und tür­ki­schem Recht so­wie die lau­fen­de Ein­zel­un­ter­su­chung ,,Wand­lun­gen der Straf­ver­tei­di­gung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land‘‘ von Jörg Ar­nold (Pro­jekt Nr. 30), wel­che theo­re­ti­sche Vor­aus­set­zun­gen der Straf­ver­tei­di­gung auf der Grund­la­ge rechts- und staats­kri­ti­scher Sys­temtheo­rie dis­ku­tiert.

Ein be­son­de­res For­schungs­in­ter­es­se des In­sti­tuts lag in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf der Un­ter­su­chung des Span­nungs­felds von Ver­fah­rens­rech­ten des Be­schul­dig­ten ei­ner­seits und der Wah­rung des staat­li­chen In­ter­es­ses an ei­nem ef­fek­ti­ven Schutz be­hörd­li­cher Ge­heim­nis­se an­de­rer­seits, wel­chem ins­be­son­de­re beim po­li­zei­li­chen Rück­griff auf ver­deck­te Er­mitt­ler und In­for­man­ten häu­fig große Be­deu­tung zu­kommt. Zu er­wäh­nen sind hier­zu vor al­lem die Un­ter­su­chun­gen ,,Die Ver­wer­tung von Staats­ge­heim­nis­sen im Tür­ki­schen Straf­pro­zess­recht‘‘ von Meh­met Ars­lan (Pro­jekt Nr. 28, 2017), das 2016 be­gon­ne­ne Ge­mein­schaftspro­jekt ,,Se­cret Evi­dence in Cri­mi­nal Pro­cee­dings‘‘ un­ter Lei­tung von Ben­ja­min Vo­gel (Pro­jekt Nr. 27, mit ei­nem Rechts­ver­gleich, in­wie­weit Rech­te von Ver­däch­ti­gen in Eu­ro­pa durch die wach­sen­de Be­deu­tung nach­rich­ten­dienst­li­cher Er­mitt­lungs­me­tho­den im Straf­ver­fah­ren be­schränkt wer­den) so­wie das 2015 be­gon­ne­ne Ge­mein­schaftspro­jekt ,,Die straf­pro­zes­sua­le Ver­wer­tung von Staats­ge­heim­nis­sen im Straf­ver­fah­ren des EGMR‘‘ un­ter Lei­tung von Marc En­gel­hart (Pro­jekt Nr. 29, mit der Fra­ge­stel­lung, in­wie­weit das Span­nungs­ver­hält­nis von öf­fent­li­cher Auf­klä­rung und Ge­heim­schutz­be­dürf­nis­sen auf­zu­lö­sen ist). Die Un­ter­su­chun­gen ste­hen in en­gem Zu­sam­men­hang mit den vor­ge­nann­ten Er­kennt­nis­sen über die Ar­chi­tek­tur des Si­cher­heits­rechts (insb. der Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le durch Ge­heim­diens­te) und ma­chen deut­lich, wie rasch und fle­xi­bel im straf­recht­li­chen For­schungs­pro­gramm auf neue Er­kennt­nis­se rea­giert wird).

Die zu­künf­ti­gen Un­ter­su­chun­gen zu den rechts­staat­li­chen Ga­ran­ti­en bei der Kon­trol­le von Kri­mi­na­li­tät wer­den des­we­gen ver­stärkt auf die Fra­ge fo­kus­sie­ren, in­wie­weit die klas­si­schen straf­recht­li­chen Si­che­run­gen auch dann gel­ten, wenn Kri­mi­na­li­tät mit Hil­fe von an­de­ren Rechts­re­gi­men kon­trol­liert wird. In dem Kon­gress und Pro­jekt (Nr. 15) über al­ter­na­ti­ve Rechts­re­gime zur Kon­trol­le der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät wur­de die­se Pro­ble­ma­tik be­reits zen­tral be­han­delt.

c) For­schungs­schwer­punkt zu „Me­tho­den der Straf­rechts­ver­glei­chung“

Als drit­ter For­schungs­schwer­punkt spielt in der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung des Max-Planck-In­sti­tuts die Straf­rechts­ver­glei­chung ei­ne be­deu­ten­de Rol­le. Sie ist die zen­tra­le For­schungs­me­tho­de und auch ein zen­tra­ler For­schungs­be­reich, der die­se Me­tho­de als ihr wich­tigs­tes Ar­beits­werk­zeug wei­ter­ent­wi­ckeln soll. Eben­so wie in den an­de­ren For­schungs­schwer­punk­ten stand des­we­gen auch hier am Be­ginn der rechts­ver­glei­chen­den Ar­bei­ten zu­nächst ei­ne um­fas­sen­de Ana­ly­se der ein­schlä­gi­gen Theo­rie- und Grund­la­gen­fra­gen (vgl. Ul­rich Sie­ber, Straf­rechts­ver­glei­chung im Wan­del, in: Sie­ber/Al­brecht (Hrsg.), Straf­recht und Kri­mi­no­lo­gie un­ter ei­nem Dach, 2006, S. 78–130). Die­se Ar­beit knüpft an die be­rühm­te An­tritts­re­de von Hans-Hein­rich Je­scheck über „Ent­wick­lung, Auf­ga­ben und Me­tho­den der Straf­rechts­ver­glei­chung“ (1955) an. Im Hin­blick auf die Me­tho­den der Straf­rechts­ver­glei­chung wur­den als wich­ti­ge Aspek­te ins­be­son­de­re die uni­ver­sa­le, funk­tio­na­le, sys­te­ma­ti­sche, struk­tur­ver­glei­chen­de, fall­ba­sier­te so­wie wert­ver­glei­chen­de und wert­ba­sier­te Straf­rechts­ver­glei­chung dif­fe­ren­ziert und er­läu­tert. Von größ­ter Be­deu­tung war da­bei ihr funk­tio­na­ler Aspekt: Straf­rechts­ver­glei­chung er­for­dert einen durch Tat­sa­chen und Funk­tio­nen de­fi­nier­ten Ver­gleichs­ge­gen­stand so­wie – bei um­fas­sen­de­ren Un­ter­su­chun­gen – ei­ne durch Tat­sa­chen und Funk­tio­nen de­fi­nier­te Me­ta­struk­tur.

Die­se Me­tho­den­fra­gen der Straf­rechts­ver­glei­chung und der Kon­zep­ti­on ei­ner uni­ver­sa­len Straf­rechts­dog­ma­tik wur­den im For­schungs­pro­gramm nicht nur mit der ge­nann­ten Ana­ly­se, son­dern vor al­lem mit dem 2004 be­gon­ne­nen, lang­fris­tig an­ge­leg­ten Groß­pro­jekt „In­ter­na­tio­na­les Max-Planck-In­for­ma­ti­ons­sys­tem für Straf­rechts­ver­glei­chung“ ver­tieft (Pro­jekt Nr. 31). Die­ses – aus dem In­no­va­ti­ons­fonds des Prä­si­den­ten der Max-Planck-Ge­sell­schaft ge­för­der­te – Pro­jekt ana­ly­sier­te neue me­tho­di­sche Fra­ge­stel­lun­gen der Straf­rechts­ver­glei­chung und such­te nach ei­ner uni­ver­sal gül­ti­gen Struk­tur des All­ge­mei­nen Teils des Straf­rechts. Da­zu nutzt und ana­ly­siert es vor al­lem die Me­tho­den der funk­tio­na­len, sys­te­ma­ti­schen und com­pu­ter­ba­sier­ten Straf­rechts­ver­glei­chung. Es ge­lang da­bei, für den ge­sam­ten All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts, d.h. für das wohl kom­ple­xes­te Ge­biet des Straf­rechts, ei­ne – über den na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen ste­hen­de – Me­ta­struk­tur von Sach­pro­ble­men zu fin­den, die für al­le der höchst un­ter­schied­li­chen Rechts­ord­nun­gen ei­ne funk­tio­na­le Straf­rechts­ver­glei­chung er­mög­licht. In die­sem Zu­sam­men­hang wur­de auch ein um­fas­sen­des com­pu­ter­ba­sier­tes In­for­ma­ti­ons­sys­tem zur Straf­rechts­ver­glei­chung ent­wi­ckelt. Das Pro­jekt wur­de im Be­richts­zeit­raum er­folg­reich wei­ter­ge­führt. Ei­ne ers­te Pi­lot­grup­pe hat­te schon vor dem dies­jäh­ri­gen Be­richts­zeit­raum auf der Grund­la­ge der ge­fun­de­nen Me­ta­struk­tur zum All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts zwölf Lan­des­be­rich­te zum All­ge­mei­nen Teil ver­fasst und ver­öf­fent­licht. Ei­ne wei­te­re Grup­pe von Wis­sen­schaft­ler*in­nen er­stellt der­zeit Lan­des­be­rich­te zu wei­te­ren Rechts­ord­nun­gen. Das ent­spre­chen­de in­for­ma­ti­ons­tech­ni­sche Da­ten­bank­sys­tem ist voll funk­ti­ons­fä­hig und im In­ter­net un­ter der Adres­se in­fo­crim.org ab­ruf­bar. Das Pro­jekt ist bei den un­ten aus­führ­li­cher dar­ge­stell­ten For­schungs­pro­jek­ten nä­her be­schrie­ben (Ka­pi­tel II.E).

Zur Vor­be­rei­tung und Wei­ter­ent­wick­lung ei­ner ver­glei­chen­den Ana­ly­se der Lan­des­be­rich­te wur­de wei­ter dar­an ge­ar­bei­tet, die wich­tigs­ten The­men des All­ge­mei­nen Teils des Straf­rechts in Ein­zel­un­ter­su­chun­gen je­weils für zwei oder drei Rechts­ord­nun­gen bei­spiel­haft zu ver­glei­chen. Fer­tig­ge­stellt oder weit­ge­hend fort­ge­schrit­ten sind da­bei die fol­gen­den Ar­bei­ten:

  • Han­nes Schrä­g­le, Das be­ge­hungs­glei­che Un­ter­las­sungs­de­likt (Deutsch­land, Frank­reich, Eng­land) (Pro­jekt Nr. 32, pu­bli­ziert 2017 in Band 158 der Straf­recht­li­chen Schrif­ten­rei­he).
  • Ma­ri­le­na Sa­ma­ri­ta­ki, Le­gi­ti­ma­ti­on und Gren­zen der Ver­suchs- und Vor­be­rei­tungs­straf­bar­keit im deut­schen und eng­li­schen Straf­recht (Pro­jekt Nr. 33).
  • Ma­ria Tsi­lim­pa­ri, Recht­fer­ti­gungs- und Ent­schul­di­gungs­grün­de im deut­schen und eng­li­schen Straf­recht am Bei­spiel von Not­wehr und Not­stand (Pro­jekt Nr. 34).
  • Mik­ko Jor­ma Jo­han­nes Ru­dan­ko, Der Vor­satz – ei­ne rechts­ver­glei­chen­de Ana­ly­se des nor­di­schen, deut­schen und eng­li­schen Rechts (Pro­jekt Nr. 35).
  • Ale­jan­dra Ca­stil­lo Ara, Norm­be­fol­gungs­un­fä­hig­keit im Straf­recht (Deutsch­land, USA) (Pro­jekt Nr. 36, im Er­schei­nen).
  • An­na Pin­gen, Mo­ti­va­ti­ons­de­lik­te – ein deutsch-fran­zö­si­scher Straf­rechts­ver­gleich (Pro­jekt Nr. 38 zu spe­zi­el­len straf­recht­li­chen Vor­ver­la­ge­run­gen weit über den Ver­such und die An­stif­tung hin­aus).

Straf­rechts­ver­glei­chung war wei­ter ein stän­di­ger Be­glei­ter der meis­ten Un­ter­su­chun­gen aus den bei­den an­de­ren Schwer­punk­ten des For­schungs­pro­gramms. Die – der Auf­ga­ben­stel­lung des In­sti­tuts ent­spre­chen­de – ho­he Be­deu­tung der straf­rechts­ver­glei­chen­den For­schung zeigt sich dar­an, dass von den vor­lie­gend dar­ge­stell­ten, im Be­richts­zeit­raum be­ar­bei­te­ten 43 Pro­jek­ten ins­ge­samt 28 in sys­te­ma­ti­scher Wei­se (d.h. in der Re­gel mit ent­spre­chen­den Lan­des­be­rich­ten) straf­rechts­ver­glei­chend ar­bei­te­ten. Die Ein­zel­un­ter­su­chun­gen ver­glei­chen re­gel­mä­ßig ne­ben ver­schie­de­nen na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen – im We­ge der ver­ti­ka­len Rechts­ver­glei­chung – zu­sätz­lich ei­ne in­ter­na­tio­na­le Rechts­ord­nung (wie die EMRK oder EU-Richt­li­ni­en). Bei den Ge­mein­schaftspro­jek­ten des In­sti­tuts fin­den sich des­we­gen nicht we­ni­ge Un­ter­su­chun­gen, in die ei­ne große An­zahl an Rechts­ord­nun­gen mit aus­führ­li­chen Lan­des­be­rich­ten ein­be­zo­gen sind.

Die Syn­er­gie­ef­fek­te des For­schungs­pro­gramms zeig­ten sich auch bei die­sem Zu­sam­men­spiel der bei­den in­halts­be­zo­ge­nen Schwer­punk­te zur glo­ba­len Ri­si­ko­ge­sell­schaft und zur For­schungs­me­tho­de der Straf­rechts­ver­glei­chung. Ein­zel­ne rechts­ver­glei­chend an­ge­leg­te Un­ter­su­chun­gen zu Grund­la­gen­fra­gen der glo­ba­len Ri­si­ko­ge­sell­schaft brach­ten grund­le­gen­de Er­kennt­nis­se zu den Me­tho­den der Straf­rechts­ver­glei­chung, wie im Be­richts­zeit­raum ins­be­son­de­re die mit der Ot­to-Hahn-Me­dail­le aus­ge­zeich­ne­te und in Band 151 der Straf­recht­li­chen Schrif­ten­rei­he des Max-Planck-In­sti­tuts pu­bli­zier­te Ein­zel­un­ter­su­chung von Em­ma­nouil Bil­lis über „Die Rol­le des Rich­ters im ad­ver­sa­to­ri­schen und in­qui­si­to­ri­schen Be­weis­ver­fah­ren“ (Pro­jekt Nr. 40) oder die Ein­zel­un­ter­su­chung von Le­na Pe­tri über „Er­kennt­nis, Ge­wiss­heit und Recht­fer­ti­gung – straf­pro­zes­sua­le Tat­sa­chen­fest­stel­lung als Ver­gleichs­ge­gen­stand“ (Pro­jekt Nr. 39).

Be­son­ders er­trag­reich ist im Be­reich der Straf­rechts­ver­glei­chung die – durch die Sach­fra­gen der glo­ba­len Ri­si­ko­ge­sell­schaft be­ding­te – schritt­wei­se Er­wei­te­rung des Ver­gleichs­ge­gen­stands. So geht es heu­te in der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung nicht nur um den Ver­gleich na­tio­na­ler Rechts­ord­nun­gen, die auf der Grund­la­ge von Vor­stu­di­en durch ei­ne Iden­ti­fi­zie­rung und an­schlie­ßen­de Aus­wahl der zu der Sach­fra­ge welt­weit er­mit­tel­ten Mo­del­le in die Un­ter­su­chung ein­be­zo­gen wer­den (vgl. da­zu oben das Bei­spiel zum un­ech­ten Un­ter­las­sungs­de­likt, Pro­jekt Nr. 32). Viel­mehr geht es vor al­lem auch dar­um, in sys­te­ma­ti­scher Wei­se die ein­schlä­gi­gen su­pra­na­tio­na­len, in­ter­na­tio­na­len oder re­gio­na­len Rechts­ord­nun­gen ein­zu­be­zie­hen, die in­zwi­schen für große Tei­le des na­tio­na­len Rechts prä­gend und zu des­sen Ver­ständ­nis un­ver­zicht­bar sind.

Mit den Un­ter­su­chun­gen zu den Com­pli­an­ce-Re­gi­men er­folg­te dann auch ei­ne sys­te­ma­ti­sche Ein­be­zie­hung von pri­va­ten Rechts­re­gi­men, de­ren Ver­gleich in dem ak­tu­el­len Pro­jekt Nr. 15 über „Al­ter­na­ti­ve Sank­ti­ons­re­gime zur Kon­trol­le der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät“ ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung hat und sich sys­te­ma­tisch in ei­ner par­al­le­len Me­ta­struk­tur der staat­li­chen und der pri­va­ten Rechts­re­gime nie­der­schlägt. Pri­va­te Rechts­re­gu­lie­rung ist für den Be­reich des Cy­ber­space auch Ge­gen­stand des Pro­jekts von Ta­tia­na Tro­pi­na über „Selbst­re­gu­lie­rung und Ko-Re­gu­lie­rung im Cy­ber­space“ (Pro­jekt Nr. 14).

Die­se Aus­deh­nung des Ver­gleichs­ge­gen­stands wur­de nun­mehr an ei­ner hoch­ak­tu­el­len For­schungs­fra­ge in Ko­ope­ra­ti­on mit den Rechts­an­thro­po­lo­gen des Max-Planck In­sti­tuts für eth­no­lo­gi­sche For­schung in Hal­le (Ma­rie Claire Fo­blets) noch einen Schritt wei­ter ent­wi­ckelt: Ein­be­zo­gen in den Nor­men­ver­gleich wer­den nun auch die von Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaf­ten in die auf­neh­men­den Ge­sell­schaf­ten mit­ge­brach­ten Rechts­re­gime. So un­ter­sucht das 2017 be­gon­ne­ne Pro­jekt „Kon­flikt­re­gu­lie­rung in Deutsch­lands plu­ra­ler Ge­sell­schaft“ (Pro­jekt Nr. 42) als Ge­mein­schaftspro­jekt der bei­den Ab­tei­lun­gen des Frei­bur­ger In­sti­tuts und des Max-Planck-In­sti­tuts in Hal­le, in­wie­weit der deut­sche Staat im Fall von Kon­flik­ten zwi­schen Ein­wan­de­rern an­ge­mes­sen auf ei­ne Kol­li­si­on von nor­ma­ti­ven Prak­ti­ken von Mi­gran­ten und staat­li­chem Recht rea­gie­ren kann. Im Kon­text die­ses Pro­jekts ver­tieft die von Ul­rich Sie­ber und Ma­rie Claire Fo­blets der­zeit in Frei­burg be­treu­te Dis­ser­ta­ti­on ,,Nor­ma­ti­ve Ord­nun­gen in Min­der­hei­ten­ge­mein­schaf­ten in Deutsch­land‘‘ (Pro­jekt Nr. 43) von Afrooz Magh­zi Na­jafa­ba­di (Iran) mit em­pi­ri­schen und rechts­ver­glei­chen­den Me­tho­den am Bei­spiel der af­gha­ni­schen Min­der­heits­ge­mein­schaf­ten in Deutsch­land, wel­che Nor­men von die­sen Ge­mein­schaf­ten prak­ti­ziert wer­den und in­wie­weit die­se Nor­men mög­li­cher­wei­se mit den ent­spre­chen­den deut­schen Re­ge­lun­gen und ins­be­son­de­re Grund­wer­ten kol­li­die­ren. Die­se ver­glei­chen­de Ana­ly­se wird durch ei­ne klas­si­sche rechts­ver­glei­chen­de Un­ter­su­chung er­gänzt, in­wie­weit die – schon sehr viel län­ger als Deutsch­land mit Ein­wan­de­rungs­ge­mein­schaf­ten be­fass­ten – Rechts­ord­nun­gen von Ka­na­da und des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs der­ar­ti­ge Re­ge­lun­gen (die in Deutsch­land oft nur mit dem ne­ga­ti­ven Be­griff der „Par­al­lel­jus­tiz“ dis­ku­tiert wer­den) aus­ge­schlos­sen oder be­grenzt oder aber in die na­tio­na­len Sys­te­me in­te­griert wer­den sol­len. Die­se letzt­ge­nann­te (auch über die Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le hin­aus­füh­ren­de) Un­ter­su­chung be­legt, dass das Frei­bur­ger Max-Planck-In­sti­tut nicht nur in sei­nen For­schungs­in­hal­ten, son­dern auch bei der Ent­wick­lung sei­ner Me­tho­den und For­schungs­werk­zeu­ge an hoch­ak­tu­el­len Fra­ge­stel­lun­gen ar­bei­tet.

7. Fa­zit zum For­schungs­er­trag und zur For­schungs­me­tho­de

Zum En­de des Be­richts­zeit­raums 2017 lässt sich da­mit in ei­ner Zwi­schen­bi­lanz im Hin­blick auf den Er­trag und die Me­tho­de des straf­recht­li­chen For­schungs­pro­gramms fest­stel­len:

a) Er­trag des über­grei­fen­den For­schungs­pro­gramms

Der For­schungs­er­trag in den Ein­zel­pro­jek­ten und im Gan­zen des For­schungs­pro­gramms be­ruht vor al­lem dar­auf, dass al­le Pro­jek­te im Rah­men des Ge­samt­for­schungs­pro­gramms auf die neu­en grund­le­gen­den Ver­än­de­run­gen der Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le in der Glo­ba­li­sie­rung („Welt­ge­sell­schaft“), der In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft und der Ri­si­ko­ge­sell­schaft aus­ge­rich­tet, struk­tu­riert und ge­bün­delt wur­den.

(1) Der Wert die­ses Be­zugs auf den grund­le­gen­den ge­sell­schaft­li­chen Wan­del und die Rich­tig­keit der ent­spre­chen­den Hy­po­the­sen wur­den durch die For­schungs­er­geb­nis­se voll und ganz be­stä­tigt: Welt­ge­sell­schaft, Ri­si­ko­ge­sell­schaft und In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft sind – an­ders als bei der Vor­stel­lung des For­schungs­pro­gramms 2004 noch spe­ku­liert wur­de – kei­ne blo­ßen Schlag­wör­ter. Sie er­fas­sen viel­mehr treff­si­cher die zen­tra­len Ur­sa­chen für den ak­tu­el­len Wan­del der Ge­sell­schaft, der Kri­mi­na­li­tät so­wie der Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le. Die drei iden­ti­fi­zier­ten grund­le­gen­den Ver­än­de­rungs­pro­zes­se hän­gen auch eng mit­ein­an­der zu­sam­men und ih­re Fol­gen ver­stär­ken sich ge­gen­sei­tig. Im nor­ma­ti­ven Be­reich des Straf- und Si­cher­heits­rechts zeigt sich dies an den fol­gen­den Ver­än­de­run­gen und Er­geb­nis­sen, die in dem For­schungs­pro­gramm ana­ly­siert wur­den:

  • Die Glo­ba­li­sie­rung ver­än­dert das Straf­recht und die Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le der­zeit durch neue Ko­ope­ra­ti­ons­mo­del­le der EU zur Schaf­fung ei­nes trans­na­tio­nal durch­setz­ba­ren Straf­rechts (mit der un­mit­tel­ba­ren An­er­ken­nung jus­ti­zi­el­ler Ent­schei­dun­gen), durch zu­neh­men­de su­pra­na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Vor­ga­ben und In­sti­tu­tio­nen (wie su­pra­na­tio­na­les Ver­wal­tungs­sank­ti­ons­recht, EU-Richt­li­ni­en und in­ter­na­tio­na­le „smart sanc­ti­ons“), durch hier­mit ge­schaf­fe­ne neue Le­gi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me, Meh­re­be­nen­sys­te­me und Rechtsplu­ra­lis­mus von teil­wei­se kol­li­die­ren­den Re­gi­men so­wie durch den da­mit eben­falls be­güns­tig­ten Ver­lust frei­heits­schüt­zen­der Ga­ran­ti­en des Na­tio­nal­staa­tes. Der Er­trag der ein­schlä­gi­gen Un­ter­su­chun­gen der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung liegt hier ins­be­son­de­re in der Sys­te­ma­ti­sie­rung und Be­wer­tung der ver­schie­de­nen Mo­del­le für die Schaf­fung ei­nes trans­na­tio­nal wirk­sa­men Straf­rechts in frag­men­tier­ten Meh­re­be­nen­sys­te­men, in der Be­ur­tei­lung ih­rer Le­gi­ti­ma­ti­on und in der Ana­ly­se ih­rer kon­kre­ten Ein­satz­mög­lich­kei­ten. Die recht­li­che und prak­ti­sche Taug­lich­keit der ent­wi­ckel­ten Grund­la­gen und Kon­zep­te zeigt sich da­bei bei­spiel­haft in dem er­folg­reich er­füll­ten Auf­trag des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des In­nern, ein recht­li­ches Kon­zept für den Pro­to­ty­pen zur Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung mit ei­ner di­rek­ten Da­ten­aus­lei­tung in Echt­zeit zu ent­wi­ckeln, so­wie in der För­de­rung des Pro­jekts „Rethin­king Mo­ney Laun­de­ring“ durch die EU.
  • Die Ri­si­ko­ge­sell­schaft als die zwei­te große Ver­än­de­rung schafft zu­neh­mend ein prä­ven­ti­ves Straf­recht (vor al­lem zur Kon­trol­le von Ter­ro­ris­mus, Cy­ber­cri­me, Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät und Or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät) so­wie ei­ne neue prä­ven­ti­ve Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur mit zahl­rei­chen neu­en Rechts­re­gi­men zur Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le, die über ein er­heb­li­ches Kon­troll­po­ten­ti­al ver­fü­gen, de­nen je­doch vie­le der klas­si­schen straf­recht­li­chen Ga­ran­ti­en feh­len. Der For­schungs­er­trag der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung liegt hier in der grund­la­ge­n­ori­en­tier­ten Ent­wick­lung pra­xis-taug­li­cher Gren­zen des neu­en prä­ven­ti­ven Straf­rechts so­wie in den Er­kennt­nis­sen über die neue Ar­chi­tek­tur des Si­cher­heits­rechts, des hoch­pro­ble­ma­ti­schen Frei­heits­schut­zes sei­ner Rechts­re­gime und de­ren zu ent­wi­ckeln­de Gren­zen. Die­se – für die zu­künf­ti­ge Kri­mi­nal­po­li­tik zen­tra­len – Er­geb­nis­se ha­ben mit der von der Max-Planck-Ge­sell­schaft 2017 be­schlos­se­nen Grün­dung ei­ner neu­en zu­sätz­li­chen For­schungs­ab­tei­lung am Frei­bur­ger Max-Planck-In­sti­tut für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht zum Si­cher­heits­recht be­reits ei­ne her­aus­ra­gen­de An­er­ken­nung ge­fun­den.
  • Die In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft (als spe­zi­el­le Aus­prä­gung der Ri­si­ko­ge­sell­schaft) mit ih­ren neu­en tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen führt im „glo­ba­len Cy­ber­space“ zu neu­en For­men des grenz­über­schrei­ten­den und glo­ba­len Cy­ber­cri­me (als sich stän­dig ver­än­dern­der, gren­zen­lo­ser und tech­nisch kaum ver­läss­lich zu ver­hin­dern­der Kri­mi­na­li­tät), zu ei­ner Über­wa­chungs­ge­sell­schaft mit hoch­ef­fek­ti­ven, die Or­well’schen Vi­sio­nen weit über­stei­gen­den Mög­lich­kei­ten zur Kon­trol­le der Bür­ger und zur Steue­rung ih­res Ver­hal­tens, ein­schließ­lich neu­er Ent­wick­lun­gen beim Ein­satz künst­li­cher In­tel­li­genz (wie bei com­pu­ter­ba­sier­ten Pro­gno­seent­schei­dun­gen, der Ras­te­rung rie­si­ger Da­ten­be­stän­de und der Ver­hal­tens­ma­ni­pu­la­ti­on). Der For­schungs­er­trag der ent­spre­chen­den Un­ter­su­chun­gen der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung liegt hier vor al­lem in der Schaf­fung der Grund­la­gen und der hier­auf auf­bau­en­den Ge­setz­ge­bungs­vor­schlä­ge für ei­ne Ge­sam­tre­form der Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le im glo­ba­len Cy­ber­space mit sei­nen im­ma­te­ri­el­len und ubi­qui­tär­en Gü­tern, sei­nen grund­le­gen­den Sou­ve­rä­ni­täts­pro­ble­men in glo­ba­len vir­tu­el­len Räu­men und sei­nem enor­men Be­deu­tungs­zu­wachs von pri­va­ten „ga­te kee­pern“, die im glo­ba­len Cy­ber­space bei der Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le so­wohl über den Er­folg der Er­mitt­lungs­be­hör­den als auch über die Mei­nungs­frei­heit der Bür­ger ent­schei­den. Der in ei­nem Gut­ach­ten für den 69. Deut­schen Ju­ris­ten­tag prä­sen­tier­te Er­trag der For­schun­gen hat in den Re­so­lu­tio­nen des DJT zur Re­form des deut­schen In­ter­net­rechts sei­ne An­er­ken­nung ge­fun­den
  • In glei­cher Wei­se hat sich der me­tho­de­n­ori­en­tier­te For­schungs­schwer­punkt zur Straf­rechts­ver­glei­chung für die Er­for­schung die­ser Ver­än­de­run­gen und die Ent­wick­lung neu­er Lö­sun­gen be­währt. Die straf­recht­li­che Ab­tei­lung hat in die­sem Be­reich dar­über hin­aus um­fas­sen­des Me­tho­den­wis­sen zur funk­tio­na­len Straf­rechts­ver­glei­chung ge­ne­riert und dar­auf auf­bau­end ei­ne funk­tio­na­le Me­ta­struk­tur zum All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts ent­wi­ckelt. Be­stä­tigt wur­den die­se Er­geb­nis­se durch den Auf­bau ei­ner funk­ti­ons­fä­hi­gen Da­ten­bank und ei­nes Ex­per­ten­sys­tems, das für den kom­ple­xen All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts sei­ne Be­wäh­rungs­pro­be mit ei­nem be­nut­zer­freund­li­chen Pro­to­typ mehr als be­stan­den hat.

(2) Die dy­na­mi­sche und fle­xi­ble Aus­rich­tung des For­schungs­pro­gramms auf den – für die Ent­wick­lung von Straf­recht und sons­ti­ge Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le grund­le­gen­den – Wan­del von Ge­sell­schaft und Kri­mi­na­li­tät (statt auf ein fes­tes und un­be­weg­li­ches Ziel) stell­te in den ver­gan­ge­nen 14 Jah­ren auch si­cher, dass die Un­ter­su­chun­gen der straf­recht­li­chen For­schungs­ab­tei­lung stets hoch­ak­tu­ell blie­ben. Bei­spie­le für die­se Ak­tua­li­tät sind: die Be­ach­tung der sich stän­dig ver­än­dern­den Re­form­be­dürf­nis­se des In­ter­net­straf­rechts, die frü­he Fo­kus­sie­rung auf Com­pli­an­ce-Re­gime (mit der erst­ma­li­gen Ana­ly­se der straf­recht­li­chen Pro­ble­me von Com­pli­an­ce-Sys­te­men und der erst­ma­li­gen wis­sen­schaft­li­chen em­pi­ri­schen Un­ter­su­chung von Com­pli­an­ce-Pro­gram­men in Deutsch­land), die Iden­ti­fi­zie­rung und kri­ti­sche Ana­ly­se der neu­en Ar­chi­tek­tur des Si­cher­heits­rechts und ih­rer Aus­wir­kun­gen auf die Frei­heits­rech­te so­wie zu­letzt die Ein­be­zie­hung der nor­ma­ti­ven Ord­nun­gen von Ein­wan­de­rer­ge­mein­schaf­ten zur Er­le­di­gung von so­zia­len Kon­flik­ten.

(3) Ent­schei­dend für den Er­trag des For­schungs­pro­gramms wa­ren und sind wei­ter der Mehr­wert und die Syn­er­gie­ef­fek­te, die durch Bün­de­lung der Un­ter­su­chun­gen ent­stan­den und ent­ste­hen. Ein Bei­spiel hier­für ist die neue Ar­chi­tek­tur des Si­cher­heits­rechts und ih­rer Frei­heits­rech­te, de­ren Be­deu­tung erst durch die Ana­ly­se der ver­schie­de­nen Kon­troll­re­gime in zahl­rei­chen un­ter­schied­li­chen De­likts­be­rei­chen in ih­rem gan­zen Aus­maß deut­lich wur­de. Ein wei­te­res Bei­spiel für den aus der Pro­jekt­bün­de­lung ent­stan­de­nen Mehr­wert sind die Er­kennt­nis­se, die sich aus den zahl­rei­chen rechts­ver­glei­chen­den Un­ter­su­chun­gen zu sach­li­chen Pro­ble­men für die Me­tho­den der Straf­rechts­ver­glei­chung und um­ge­kehrt er­ge­ben.

(4) Ein ho­her Wert des – auch der In­ter­na­tio­nal Max Planck Re­se­arch School for Com­pa­ra­ti­ve Cri­mi­nal Law (IM­PRS-CC) zu­grun­de lie­gen­den – For­schungs­pro­gramms lag und liegt wei­ter in der Ein­bin­dung der Pro­mo­vie­ren­den in die Un­ter­su­chun­gen der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung. Im Be­richts­zeit­raum be­stand un­ter dem Dach des For­schungs­pro­gramms ei­ne frucht­ba­re Zu­sam­men­ar­beit von Wis­sen­schaft­le­r*in­nen der Ab­tei­lung, Pro­mo­vie­ren­den, Sti­pen­dia­t*in­nen so­wie For­schungs­gäs­ten. Die Ar­bei­ten der Pro­mo­vie­ren­den und die Dis­kus­sio­nen mit ih­nen in den Dok­to­ran­den­se­mi­na­ren ha­ben sich über­aus po­si­tiv auf den For­schungs­er­trag des Pro­gramms aus­ge­wirkt.

b) Er­trag der all­ge­mei­nen For­schungs­me­tho­dik

Ne­ben dem For­schungs­pro­gramm be­währ­te sich auch die für die Un­ter­su­chun­gen ent­wi­ckel­te all­ge­mei­ne For­schungs­me­tho­dik.

(1) Grund­le­gend war in­so­weit zu­nächst die be­reits ge­nann­te Me­tho­dik der funk­tio­na­len Straf­rechts­ver­glei­chung und der Ent­wick­lung von rechts­re­gi­me­über­grei­fen­den Me­ta­struk­tu­ren für die Ver­glei­chung. Mit fast je­der der neu­en rechts­ver­glei­chen­den Un­ter­su­chun­gen wur­de neu­es Wis­sen zur Bil­dung von Ver­gleichss­truk­tu­ren und wei­te­ren Aspek­ten der funk­tio­na­len Straf­rechts­ver­glei­chung ge­schaf­fen. Da der Er­trag der Rechts­ver­glei­chung ent­schei­dend von der Qua­li­tät ge­eig­ne­ter Ver­gleichss­truk­tu­ren ab­hängt, ver­bes­ser­ten sich auf die­se Wei­se auch das For­schungs­de­sign der Un­ter­su­chun­gen und da­mit wie­der­um die For­schungs­er­trä­ge. Die Fort­schrit­te in der Me­tho­dik der funk­tio­na­len Straf­rechts­ver­glei­chung zei­gen sich bei­spiel­haft in dem Pro­jekt des Max-Planck-In­for­ma­ti­ons­sys­tems für Straf­rechts­ver­glei­chung, des­sen Er­folg ganz we­sent­lich auf sei­ner Me­ta­struk­tur zum All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts für ei­ne Viel­zahl un­ter­schied­li­cher Rechts­ord­nun­gen be­ruht. Auch in vie­len Pro­mo­ti­ons­ar­bei­ten war die Be­stim­mung ih­rer Ver­gleichss­truk­tur der Start­schuss und der Schlüs­sel für den Er­folg.

(2) Die Qua­li­tät des For­schungs­er­trags der Un­ter­su­chun­gen wur­de wei­ter da­durch ge­för­dert, dass die Ar­bei­ten ne­ben der Straf­rechts­ver­glei­chung so­weit wie mög­lich auch em­pi­ri­sche Un­ter­su­chungs­me­tho­den an­wand­ten und so­mit die Rechts­wirk­lich­keit und prak­ti­sche Er­fah­run­gen ein­be­zo­gen. Auch die Pra­xi­staug­lich­keit der ent­wi­ckel­ten Lö­sun­gen wur­de eva­lu­iert. Im Mit­tel­punkt der in der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung ge­nutz­ten em­pi­ri­schen Me­tho­den stan­den da­bei Ex­per­ten­in­ter­views so­wie – bei der Ana­ly­se von Com­pli­an­ce-Pro­gram­men – Um­fra­gen mit Hil­fe von Fra­ge­bö­gen, die an über 5000 Un­ter­neh­men ver­sandt wur­den. Po­si­tiv auf die Er­geb­nis­se wirk­te es sich be­son­ders aus, wenn in ein­zel­nen Fäl­len pra­xis­be­zo­ge­ne Kon­zep­te oder gar Pro­to­ty­pen er­stellt wur­den. Bei­spie­le hier­für sind wie­der­um das com­pu­ter­ba­sier­te Max-Planck-In­for­ma­ti­ons­sys­tem für Straf­rechts­ver­glei­chung so­wie der Pro­to­typ für die Rechts­hil­fe im Be­reich der TKÜ mit di­rek­ter Da­ten­aus­lei­tung, der zu­sam­men mit dem Fraun­ho­fer-In­sti­tut für Ein­ge­bet­te­te Sys­te­me und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik (ESK) so­wie der Zen­tra­len Stel­le für In­for­ma­ti­ons­tech­nik im Si­cher­heits­be­reich (ZI­TiS) auch in Form von kon­kre­ter funk­tio­nie­ren­der Soft­wa­re rea­li­siert wur­de.

(3) Die Ar­bei­ten wa­ren nicht nur durch die Ein­be­zie­hung von Kri­mi­no­lo­gie, In­for­ma­tik und un­ter­neh­mens­be­zo­ge­nen Ana­ly­sen in­ter­dis­zi­pli­när, son­dern dar­über hin­aus im nor­ma­ti­ven Be­reich vor al­lem fä­cher- und rechts­re­gi­me­über­grei­fend. Bei der ver­glei­chen­den Be­trach­tung an­de­rer Rechts­ge­bie­te (wie dem Ge­heim­di­en­st­recht) wur­de der Blick noch mehr als bei der Ver­glei­chung mit dem ent­spre­chen­den aus­län­di­schen Recht ge­wei­tet und wur­den schein­ba­re Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten in dem einen Rechts­ge­biet noch mehr in Fra­ge ge­stellt. Warum ver­langt bei­spiels­wei­se der Be­ginn ei­ner straf­recht­li­chen Er­mitt­lung zum Schutz der Bür­ger einen Ver­dacht und warum ist dies bei ge­heim­dienst­li­chen Ana­ly­sen, der Geld­wä­sche­kon­trol­le oder steu­er­recht­li­chen Struk­tur- und Ri­si­ko­ana­ly­sen nicht der Fall, wenn ein Teil der da­bei er­mit­tel­ten In­for­ma­tio­nen der Po­li­zei und der Straf­jus­tiz zur Ver­fü­gung ge­stellt wird? Fra­gen wie die­se sti­mu­lie­ren, be­rei­chern und füh­ren zu neu­en Lö­sun­gen im Ge­samt­sys­tem der nor­ma­ti­ven Kri­mi­na­li­täts­kon­trol­le.

(4) Als höchst er­trag­reich er­wies sich schließ­lich das kon­se­quen­te Wech­sel­spiel zwi­schen Grund­la­gen­for­schung und an­ge­wand­ter For­schung. Aus­gangs­punkt für die Un­ter­su­chun­gen wa­ren in der Re­gel neue Her­aus­for­de­run­gen der Pra­xis. Hier­zu wur­den stets die hin­ter ih­nen ste­hen­den Ver­än­de­run­gen iden­ti­fi­ziert und par­al­le­le Ent­wick­lun­gen in an­de­ren Be­rei­chen ein­be­zo­gen. Auf die­ser Ba­sis wur­den zu­nächst die all­ge­mei­nen For­schungs­zie­le de­fi­niert, aus de­ren Be­ar­bei­tung sich dann meist auch die Lö­sun­gen für die pra­xis­re­le­van­ten Aus­gangs­pro­ble­me er­ga­ben. Der Wert die­ser Grund­la­gen­for­schung wur­de in der Aus­bil­dung der Pro­mo­vie­ren­den in der In­ter­na­tio­nal Max Planck Re­se­arch School for Com­pa­ra­ti­ve Cri­mi­nal Law mit dem Satz des In­ge­nieurs Ro­bert Bosch ver­mit­telt: „Es gibt nichts Prak­ti­sche­res als ei­ne gu­te Theo­rie“.

c) For­schungs­be­wer­tun­gen in der In­ter­na­tio­nal Max Planck Re­se­arch School
for Com­pa­ra­ti­ve Cri­mi­nal Law (IM­PRS-CC)

Die Er­geb­nis­se der Dok­to­ran­d*in­nen in der In­ter­na­tio­nal Max Planck Re­se­arch School for Com­pa­ra­ti­ve Cri­mi­nal Law be­stä­ti­gen die Er­fol­ge der an­ge­wand­ten Me­tho­dik und den po­si­ti­ven Er­trag der For­schungs­er­geb­nis­se in dem vor­lie­gen­den Pro­gramm: Die von der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung ge­mein­sam mit der Uni­ver­si­tät Frei­burg be­trie­be­ne Dok­to­ran­den­schu­le IM­PRS-CC för­der­te seit ih­rem Be­ginn im Jahr 2007 bis En­de 2017 ins­ge­samt 52 Dok­to­ran­d*in­nen, von de­nen 39 Pro­mo­vie­ren­de ih­re Dis­ser­ta­ti­on mit dem Ri­go­ro­sum in ei­ner durch­schnitt­li­chen Pro­mo­ti­ons­zeit von 36 Mo­na­ten ab­schlie­ßen konn­ten, wo­bei 36 der Un­ter­su­chun­gen be­reits pu­bli­ziert sind. Von den 39 ab­ge­schlos­se­nen Dis­ser­ta­tio­nen wur­den 21 Ar­bei­ten (d.h. 54 %) mit der No­te „sum­ma cum lau­de“ und 18 (d.h. 46 %) mit der No­te „ma­gna cum lau­de“ be­wer­tet. Von den durch Prof. Sie­ber be­treu­ten und ab­ge­schlos­se­nen Dis­ser­ta­tio­nen wur­den ins­ge­samt sechs Dis­ser­ta­tio­nen mit der Ot­to-Hahn-Me­dail­le der Max-Planck-Ge­sell­schaft aus­ge­zeich­net, zwei mit Ot­to-Hahn-Awards (die in der Max-Planck-Ge­sell­schaft mit ei­ner ei­ge­nen For­schungs­grup­pe ver­bun­den sind) und drei mit wei­te­ren re­nom­mier­ten Dis­ser­ta­ti­ons­prei­sen (wie dem Fa­kul­täts­preis der rechts­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Frei­burg).