Otto Hahn Group zu Alternative and Informal Systems of Crime Control and Criminal Justice

Im Berichtszeitraum 2015–2017 gelang es der strafrechtlichen Abteilung des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht, die Grundlagen für die Einrichtung einer zweiten Otto-Hahn-Gruppe am Institut zu legen: Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Prof. Dr. Martin Stratmann verlieh Herrn Dr. Em­ma­nouil Bil­lis , wissenschaftlicher Referent am Institut, neben der Otto-Hahn-Medaille auch den Otto-Hahn-Award 2016 in der Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaftlichen Sektion. Seinen Forschungsaufenthalt im Rahmen der derzeit laufenden ersten Förderphase des Otto-Hahn-Awards verbringt Dr. Bil­lis an den Universitäten von Athen (Griechenland), London (QMUL, Vereinigtes Königreich), Oxford (Vereinigtes Königreich) und Tromsø (Norwegen). Neben seiner Lehrtätigkeit als Guest Lecturer mit allgemeinem Schwerpunkt Strafrechtsvergleichung hat er als Visiting Scholar an diesen Universitäten die Möglichkeit, die rechtsphilosophischen Grundlagen und Besonderheiten einer Vielzahl von Strafrechtssystemen unterschiedlicher Rechtskreise zu erforschen. Ein besonderer Schwerpunkt des Forschungsvorhabens ist die vertiefende Einarbeitung in den allgemeinen Begriff des „strafrechtlichen Konflikts“ (penal conflict) sowie in spezifische Fragestellungen im positiven Straf- und Verfahrensrecht wie z.B. die Formen außergerichtlicher Streitbeilegung.

Gleichzeitig bereitet Dr. Em­ma­nouil Bil­lis die zweite Phase des Otto-Hahn-Awards vor, namentlich die Übernahme einer Otto-Hahn-Forschungsgruppe als Gruppenleiter mit einem eigenen Forschungskonzept. Im Zentrum seiner Forschung stehen die zeitgenössischen alternativen Verfahrensformen und informellen Prozesstypen zur Konflikterledigung in verschiedenen Strafjustizsystemen: Die traditionellen verfahrensorientierten Justizsysteme stoßen zunehmend an ihre funktionellen und logistischen Grenzen. Dementsprechend ist die praktische Bedeutung jener Verfahrensmechanismen und Rechtsinstitutionen gestiegen, die sich die Verbesserung der Strafverfolgung vor allem hinsichtlich der Punkte der Verfahrensökonomie und des Erreichens guter statistischer Ergebnisse zum Ziel gesetzt haben. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach einer holistischen, normativen und abstrakt-theoretischen Betrachtung der modernen Formen der administrativen und ermessensbasierten Verfahrenserledigung, der alternativen Formen von „Konfliktlösung“ einschließlich Mediation und plea bargaining, der informellen soft law- und Compliance-Programme als Vorgehen bei Wirtschaftskriminalität sowie anderer Verfahrenstechniken zur Verkürzung, Vereinfachung und eventuell Vermeidung des herkömmlichen Ermittlungs- und Gerichtsverfahrens. Die Forschungen von Dr. Em­ma­nouil Bil­lis und seiner Otto-Hahn-Gruppe zielen damit auf die rechtsvergleichende Betrachtung zentraler relevanter Fragen und fügen sich so in das Institutsprogramm über die funktionalen Grenzen des Strafrechts und die neuen Formen der Sozialkontrolle, einschließlich seiner sicherheitsrechtlichen Implikationen ein.