Ot­to-Hahn-Grup­pe zur Ar­chi­tek­tur des Si­cher­heits­rechts (Ar­chiS)

Die Gren­zen des Straf­rechts ge­gen­über dem Po­li­zei- und Nach­rich­ten­di­en­st­recht ver­lau­fen in Deutsch­land ent­lang der di­cho­to­men Un­ter­schei­dung zwi­schen der re­pres­si­ven Funk­ti­on des Straf­rechts und der prä­ven­ti­ven Ge­fah­ren­ab­wehr im Po­li­zei- und Nach­rich­ten­di­en­st­recht. Da­mit wird von ei­ner kla­ren Auf­ga­ben- und Funk­ti­ons­ver­tei­lung zwi­schen die­sen Rechts­ge­bie­ten aus­ge­gan­gen.
Ei­ne der­ar­tig schar­fe Tren­nung hat je­doch in die­ser Form nie be­stan­den; die vor­han­de­ne wird zu­dem in den letz­ten Jah­ren durch Über­schnei­dun­gen bei­der Be­rei­che mehr und mehr ver­wischt. Das Straf­recht ist seit je­her stark prä­ven­tiv ge­prägt. Klas­si­sche Bei­spie­le sind die Straf­zwe­cke der Ge­ne­ral- und Spe­zi­al­prä­ven­ti­on oder die im StGB ge­re­gel­te Si­che­rungs­ver­wah­rung zum Schutz der Ge­sell­schaft vor mög­li­chen zu­künf­ti­gen Ta­ten. In neue­rer Zeit hat der prä­ven­ti­ve Aspekt an Be­deu­tung noch zu­ge­nom­men, vor al­lem bei den Tat­be­stän­den des so­ge­nann­ten Prä­ven­ti­onss­traf­rechts zur Ver­hin­de­rung von Ter­ro­ris­mus. Das Straf­recht stößt hier­bei je­doch schnell an sei­ne Gren­zen, wenn es im Vor­feld ei­ner Tat und da­mit pri­mär zu­kunfts­ori­en­tiert ein­ge­setzt wird. Dies wirft die Fra­ge nach al­ter­na­ti­ven po­li­zei- und nach­rich­ten­dienst­li­chen Mit­teln auf.

Hin­zu kommt, dass das Straf­ver­fah­rens­recht in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten zu­neh­mend Er­mitt­lungs­maß­nah­men vor­sieht, die ur­sprüng­lich nur der Po­li­zei oder den Nach­rich­ten­diens­ten vor­be­hal­ten wa­ren. Auch wur­den im Po­li­zei- und Nach­rich­ten­di­en­st­recht, ins­be­son­de­re im Be­reich der Po­li­zei­en des Bun­des (BKA, Bun­des­po­li­zei, Zoll­kri­mi­nal­amt) so­wie des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz, im­mer um­fas­sen­de­re Zu­stän­dig­kei­ten und Ein­griffs­be­fug­nis­se ge­schaf­fen, die der Ver­hin­de­rung, aber auch der Auf­klä­rung von Straf­ta­ten die­nen. Hin­zu kom­men Aus­deh­nun­gen des Po­li­zei­rechts in das Vor­feld (und da­mit an sich nach­rich­ten­dienst­li­cher Auf­klä­rung), wie bei­spiels­wei­se in Bay­ern mit der Schaf­fung ei­ner neu­en Ka­te­go­rie der „dro­hen­den Ge­fahr“.

Die Ab­gren­zung von Auf­ga­ben und Be­fug­nis­sen zwi­schen Straf­recht und prä­ven­ti­vem Ge­fah­ren­ab­wehr­recht ver­schwimmt da­her. Die Fol­ge ist ei­ne Mehr­fach­zu­stän­dig­keit von Straf- und Si­cher­heits­be­hör­den. Rechts­staat­li­che Gren­zen ei­ner­seits und die Rech­te der Be­trof­fe­nen an­de­rer­seits sind oft­mals un­klar. Die Er­mitt­lungs­pan­nen im NSU-Fall ha­ben ge­zeigt, wel­che Pro­ble­me durch sol­che Mehr­fach­zu­stän­dig­kei­ten und die Ein­bin­dung der Nach­rich­ten­diens­te in straf­recht­li­che Er­mitt­lun­gen ent­ste­hen kön­nen. Die Pro­ble­ma­tik der Ein­füh­rung von ge­heim er­lang­ten In­for­ma­tio­nen in Straf­ver­fah­ren, de­ren Zu­rück­hal­tung als Staats­ge­heim­nis­se oft­mals sei­tens der Exe­ku­ti- ve ge­wünscht wird, zeigt, wel­che Span­nun­gen zwi­schen prä­ven­ti­vem Schutz und rechts­staat­li­cher Straf­ver­fol­gung ent­ste­hen kön­nen.


Vor die­sem Hin­ter­grund zielt die Ar­beit auf ei­ne Mo­dell­bil­dung im Hin­blick auf die un­ter­schied­li­chen An­sät­ze zur Be­stim­mung der prä­ven­ti­ven und re­pres­si­ven Gren­zen im Be­reich des Si­cher­heits­rechts. Die ver­schie­de­nen Mo­del­le sol­len dann be­wer­tet und mit Re­for­man­sät­zen ver­bun­den wer­den. Die Mo­dell­bil­dung er­folgt durch einen funk­tio­na­len Rechts­ver­gleich der deut­schen Rechts­la­ge mit der Ent­wick­lung im Com­mon Law (Ver­ei­nig­tes Kö­nig­reich und USA) so­wie mit der Recht­set­zung auf in­ter­na­tio­na­ler (ins­be­son­de­re eu­ro­päi­scher) Ebe­ne. Auf die­sem We­ge sol­len An­sät­ze ge­fun­den wer­den, die das Straf­recht auf sei­ne rechts­staat­li­che Be­last­bar-
keit über­prü­fen, wei­ter­ent­wi­ckeln und in die recht­li­che Ge­samt­kon­zep­ti­on ei­ner Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur ein­bin­den, die so­wohl der Ge­währ­leis­tung von Rechts­si­cher­heit durch Straf­recht als auch der Be­gren­zung ho­heit­li­cher Machtaus­übung im Span­nungs­feld von Re­pres­si­on und Prä­ven­ti­on ge­recht wird.

Die Um­set­zung des For­schungs­pro­gramms der Ot­to-Hahn-Grup­pe er­folgt in meh­re­ren Schwer­punkt­be­rei­chen:
(1) Straf­recht zwi­schen Prä­ven­ti­on und Re­pres­si­on,
(2) Ver­mö­gens­ab­schöp­fung und
(3) Be­hand­lung von Staats­ge­heim­nis­sen im Ver­fah­rens­recht.

Die Un­ter­schei­dung zwi­schen Prä­ven­ti­on und Re­pres­si­on ana­ly­siert die Grund­la­gen­struk­tur des Straf­rechts in Deutsch­land, sei­ne his­to­ri­sche Ent­wick­lung, sei­ne Struk­tur im Ver­gleich zu aus­län­di­schen Rechts­ord­nun­gen (v.a. zu Groß­bri­tan­ni­en und den USA) und die Per­spek­ti­ven des be­ste­hen­den deut­schen Rechts. Ver­bun­den da­mit sind Ein­zel­fra­gen, die im Rah­men der For­schungs­grup­pe be­han­delt wer­den: Hier­zu ge­hört bei­spiels­wei­se die Rol­le der Nach­rich­ten­diens­te im Straf­ver­fah­ren, die ins­be­son­de­re durch den NSU-Fall Fra­gen auf­ge­wor­fen hat, aber seit den 1990er Jah­ren im­mer grö­ßer ge­wor­den ist. So bil­det der Ter­ro­ris­mus seit Jah­ren einen wich­ti­gen ak­tu­el­len Schwer­punkt in die­sem Be­reich, da hier Vor­feld­de­lik­te, aber auch die Über­schnei­dun­gen mit po­li­zei­li­chen Maß­nah­men der Ge­fah­ren­ab­wehr be­son­ders aus­ge­prägt sind. Im Rah­men der Re­cher­chen zum aus­län­di­schen (ins­be­son­de­re dem eng­li­schen) Straf­recht war Dr. Marc En­gel­hart im Jahr 2014 als vi­si­ting scholar am In­sti­tu­te of Cri­mi­no­lo­gy der Uni­ver­si­ty of Cam­bridge und am Cen­tre for Cri­mi­no­lo­gy der Uni­ver­si­ty of Ox­ford so­wie im Au­gust 2017 noch ein­mal am Cen­tre for Cri­mi­no­lo­gy der Uni­ver­si­ty of Ox­ford tä­tig.

Die Fra­ge­stel­lung ist je­doch bei wei­tem nicht auf das Phä­no­men des Ter­ro­ris­mus be­schränkt, son­dern be­trifft auch in großem Um­fang das Wirt­schaftss­traf­recht. Hier sind nicht nur star­ke Über­schnei­dun­gen zu ver­wal­tungs­recht­li­chen prä­ven­ti­ven Maß­nah­men zu be­ob­ach­ten, die sich – be­dingt durch die Fi­nanz­kri­sen der letz­ten zehn Jah­re – noch deut­lich ver­stärkt ha­ben. Auch spie­len prä­ven­ti­ve Stra­te­gi­en ei­ne im­mer grö­ße­re Rol­le im Straf­recht, so vor al­lem durch die Com­pli­an­ce-Ent­wick­lung, die in ei­ner Form der staat­lich-pri­va­ten Ko-Re­gu­lie­rung pri­va­te Ak­teu­re in nie da­ge­we­se­ner Wei­se zur Kri­mi­nal­prä­ven­ti­on und zur Er­mitt­lung von Fehl­ver­hal­ten her­an­zieht. Hier­zu wird das Un­ter­neh­mens­straf­recht, das in Deutsch­land nun­mehr seit ei­ni­gen Jah­ren wie­der in­ten­siv dis­ku­tiert wird, als ge­eig­ne­tes Ve­hi­kel ge­se­hen und bei­spiels­wei­se in Groß­bri­tan­ni­en in­zwi­schen auch re­gel­mä­ßig vom Ge­setz­ge­ber an­ge­wen­det.

Ne­ben die­sem zen­tra­len, sehr um­fas­sen­den For­schungs­kom­plex stellt die Ver­mö­gens­ab­schöp­fung einen wei­te­ren Ein­zel­schwer­punkt dar. Die­se er­laubt weit­rei­chen­de Sank­tio­nen, die in viel­fa­cher Wei­se Ver­ein­fa­chun­gen ge­gen­über ei­ner kri­mi­nal­straf­recht­li­chen Stra­fe bie­ten, so vor al­lem hin­sicht­lich der Be­weis­last und er­leich­ter­ter ver­fah­rens­recht­li­cher Mög­lich­kei­ten. Hier zeigt sich be­son­ders deut­lich, wie prä­ven­ti­ve Er­wä­gun­gen, zum Bei­spiel zur Ver­mei­dung des wei­te­ren Um­laufs „in­kri­mi­nier­ten“ Gel­des und an­de­rer Ge­gen­stän­de, das klas­si­sche Stra­fen­spek­trum er­wei­tern und wel­che Pro­ble­me da­durch ent­ste­hen.

Mit der straf­pro­zes­sua­len Be­hand­lung von Staats­ge­heim­nis­sen wid­met sich die For­schungs­grup­pe schließ­lich ei­ner wei­te­ren Ein­zel­fra­ge. Im Zen­trum des In­ter­es­ses steht hier vor al­lem, wel­che Aus­wir­kun­gen prä­ven­ti­ve Ge­heim­hal­tungs­in­ter­es­sen (Schutz von In­for­man­ten, Be­trieb­sab­läu­fen, Er­mitt­lungs­tech­ni­ken etc.) auf das Straf­ver­fah­ren ha­ben. Da nach­rich­ten­dienst­li­che Er­kennt­nis­se in den letz­ten zehn Jah­ren im­mer grö­ße­re Be­deu­tung für das Straf­ver­fah­ren (v.a. in Ter­ro­ris­mus­ver­fah­ren und Ver­fah­ren ge­gen Per­so­nen aus dem Be­reich der or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät) er­langt ha­ben, wird der Um­gang mit die­sen Er­kennt­nis­sen oft­mals zur ent­schei­den­den Fra­ge.

Zur Um­set­zung des For­schungs­pro­gramms und um ein in­ter­na­tio­na­les Ex­per­ten­netz­werk zu schaf­fen, or­ga­ni­siert die Ot­to-Hahn-Grup­pe seit 2014 ei­ne ein­wö­chi­ge Kurs- und Kon­fe­renz-
ver­an­stal­tung, die seit 2016 jähr­lich am In­ter-Uni­ver­si­ty Cen­ter in Du­brov­nik (Kroa­ti­en) statt­fin­det. Das Pro­gramm wird in Zu­sam­men­ar­beit mit der rechts­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät in Za­greb aus­ge­ar­bei­tet, wo der Kurs auch mit vier ECTS-Punk­ten an­er­kannt ist. In­ter­na­tio­na­le Wis­sen­schaft­ler*in­nen, Nach­wuchs­for­scher*in­nen, Prak­ti­ker*in­nen und fort­ge­schrit­te­ne Stu­die­ren­de ha­ben in die­sem Rah­men die Mög­lich­keit, sich in­ten­siv über das je­wei­li­ge Kon­fe­renz­the­ma aus­zut­au­schen. In den Jah­ren 2016 und 2017 stand die Ter­ro­ri­mus­be­kämp­fung im Vor­der­grund („ISIS as a Th­re­at and Le­gal Chal­len­ge and the Pre­ven­ti­on of Re­cruit­ment of Ter­ro­rism“ bzw. „Fight Against Ter­ro­rism through Pre­ven­ti­on of Fi­nan­cing and Re­cruit­ment“), wäh­rend 2018 die eu­ro­päi­sche Zu­sam­men­ar­beit und der Op­fer­schutz im Mit­tel­punkt stan­den („En­han­ce­ment of Vic­tims Pro­tec­ti­on wi­thin the EU – Buil­ding Mu­tu­al Trust Bet­ween the EU Mem­ber States“). Mit im Durch­schnitt je­weils 20 Vor­tra­gen­den und über 50 Teil­neh­mer*in­nen hat sich die Ver­an­stal­tung zu ei­nem höchst er­folg­rei­chen Pro­gramm ent­wi­ckelt, das auch in den nächs­ten Jah­ren und nach Ab­schluss der Ot­to-Hahn-Grup­pe fort­ge­setzt wer­den soll.

In der im Jahr 2017 neu ge­schaf­fe­nen Rei­he „Bei­trä­ge zum Si­cher­heits­recht“ wer­den For­schungs­er­geb­nis­se, die im Rah­men der Ot­to-Hahn-Grup­pe ent­stan­den sind, ei­nem brei­ten Fach­pu­bli­kum als Open Ac­cess zu­gäng­lich ge­macht. Die Tex­te sind als On­li­ne-PDF auf den Sei­ten des Max-Planck-In­sti­tuts, über das Pu­bli­ka­ti­ons­r­e­po­si­to­ri­um der Max-Planck-Ge­sell­schaft (Pu­Re) so­wie auf der Web­si­te der Ot­to-Hahn Grup­pe https://criminallaw.science/de ab­ruf­bar.