Das Projekt beschäftigt sich mit den kriminellen Verhaltensweisen und moralisch-normativen Einstellungen älterer Menschen und umfasst zwei empirische Teilstudien.

For­schungs­hin­ter­grund:

In­fol­ge so­zia­ler und de­mo­gra­phi­scher Ver­än­de­run­gen nimmt so­wohl die ab­so­lu­te An­zahl als auch der re­la­ti­ve An­teil äl­te­rer Men­schen in un­se­rer Ge­sell­schaft seit ei­ni­gen Jah­ren ste­tig zu. Die stei­gen­de Le­bens­war­tung geht da­bei mit ver­bes­ser­ter kör­per­li­cher und geis­ti­ger Fit­ness bis ins ho­he Al­ter ein­her. Kennt­nis­se zu den Le­ben­sum­stän­den, Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen von Men­schen im hö­he­ren Le­bensal­ter wer­den da­her in ver­schie­de­ner Hin­sicht für das ge­sell­schaft­li­che Zu­sam­men­le­ben im­mer be­deut­sa­mer. Das hier be­schrie­be­ne Pro­jekt kon­zen­triert sich spe­zi­ell auf die mo­ra­lisch-nor­ma­ti­ven Ein­stel­lun­gen und kri­mi­nel­len Ver­hal­tens­wei­sen von Men­schen im hö­he­ren Le­bensal­ter. Im Ge­gen­satz zur pha­sen­wei­se recht häu­fi­gen, da­bei aber zu­meist pla­ka­ti­ven Ab­hand­lung des The­mas „Al­ter­s­kri­mi­na­li­tät“ in den Me­di­en, lie­gen bis­lang kaum wis­sen­schaft­li­che Ar­bei­ten zu den be­nann­ten Aspek­ten vor. Die we­ni­gen ein­schlä­gi­gen em­pi­ri­schen Stu­di­en sind ei­ner­seits aus­schließ­lich de­skrip­tiv, an­de­rer­seits be­schrän­ken sie sich auf die Ana­ly­se der re­gis­trier­ten Al­t­er­staten und -tä­ter und da­mit auf das Hell­feld.
Das vor­lie­gen­de Pro­jekt soll die vor­han­de­ne For­schung er­gän­zen, in­dem In­for­ma­tio­nen zum „Dun­kel­feld“ der Al­ter­s­kri­mi­na­li­tät so­wie re­le­van­te Kon­tex­t­in­for­ma­tio­nen er­ho­ben und so­wohl un­ter de­skrip­ti­ven Ge­sicht­punk­ten als auch theo­rie­ge­lei­tet aus­ge­wer­tet wer­den.

Teil­stu­die 1:

Die ers­te Teil­stu­die ver­folgt zwei Zie­le:

Zum Einen soll die Kri­mi­na­li­tät äl­te­rer Men­schen un­ter Ein­be­zie­hung des Dun­kel­fel­des im Hin­blick auf ver­schie­de­ne Merk­ma­le (z.B. De­likt­struk­tur, In­zi­denz, Ver­sa­ti­li­tät) um­fas­send be­schrie­ben wer­den. Zum An­de­ren soll un­ter­sucht wer­den, wel­che psy­cho-so­zia­len Fak­to­ren kri­mi­nel­les Han­deln im hö­he­ren Le­bensal­ter be­güns­ti­gen bzw. hem­men und ob es sich da­bei um al­ter­ss­pe­zi­fi­sche oder al­ter­su­n­ab­hän­gig wirk­sa­me Fak­to­ren han­delt.

Die zur Um­set­zung der For­schuns­gzie­le be­nö­tig­ten Da­ten wur­den im Som­mer 2009 mit ei­ner an­ony­men po­sta­li­schen Be­fra­gung un­ter 49- bis 81-jäh­ri­gen Bür­gern in der Re­gi­on Süd­ba­den er­ho­ben. Der Fra­ge­bo­gen trug den Ti­tel "All­tag & Ge­set­ze. Er­fah­run­gen und Ein­stel­lun­gen in der zwei­ten Le­bens­hälf­te" und wur­de an 3555 zu­fäl­lig aus­ge­wähl­te Pri­vat­haus­hal­te deut­scher Staats­bür­ger in 12 (von über 300) Ge­mein­den des Re­gie­rungs­be­zir­kes Frei­burg ver­schickt (Stich­pro­ben­de­sign: ge­schich­te­te, ge­klump­te, zwei­stu­fi­ge Zu­falls­aus­wahl). Der in­halt­li­che Schwer­punkt der Be­fra­gung lag auf der Er­fas­sung von De­lin­quenz und an­de­ren kri­mi­na­li­täts­be­zo­ge­nen The­men (z.B. po­li­zei­li­che Re­gis­trie­rung, De­lin­quenz­be­reit­schaft, Ein­stel­lun­gen ge­gen­über so­zia­len Nor­men und Ge­set­zen, Kri­mi­na­li­täts­furcht, Vik­ti­mi­sie­rung). Es wur­den u.a. In­for­ma­tio­nen zur Be­ge­hung von 14 De­lik­ten (dar­un­ter "Schwarz­fah­ren", Trun­ken­heit am Steu­er, La­den­dieb­stahl, Ver­si­che­rungs­be­trug, Steu­er­hin­ter­zie­hung und Kör­per­ver­let­zung) in ver­schie­de­nen Zeiträu­men er­ho­ben.

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Teil­stu­die 2:

Zahl­rei­che so­zio­lo­gi­sche und kri­mi­no­lo­gi­sche Theo­ri­en ver­wei­sen bei der Er­klä­rung mensch­li­chen (kri­mi­nel­len oder kon­for­men) Han­delns auf die zen­tra­le Be­deu­tung in­di­vi­du­el­ler und ge­sell­schaft­li­cher Wert- und Mo­ral­vor­stel­lun­gen. Die durch­ge­führ­te po­sta­li­sche Be­fra­gung so­wie di­ver­se wei­te­re em­pi­ri­sche Stu­di­en stüt­zen die­se An­nah­me.

Die zwei­te Teil­stu­die geht nun zum Einen der Fra­ge nach, ob und in­wie­fern sich das ge­sell­schaft­li­che Mo­ral­ver­ständ­nis und (Un-)Rechts­emp­fin­den im Lauf der Zeit wan­delt. Zum An­de­ren wird an­hand von re­tro­spek­ti­ven Selbst­ein­schät­zun­gen der Be­frag­ten un­ter­sucht, ob und ggf. in­wie­fern in­di­vi­du­el­le so­zio-mo­ra­li­sche Grund­hal­tun­gen und Ein­stel­lun­gen im Le­bens­ver­lauf sta­bil blei­ben bzw. sich ver­än­dern.

Zur Be­ant­wor­tung der For­schungs­fra­gen wur­den in der Zeit von Mai bis Ju­li 2010 per­sön­lich-münd­li­che In­ter­views mit 50 teils of­fe­nen, teils ge­schlos­se­nen Fra­gen ge­führt. Be­fragt wur­den ins­ge­samt 99 Per­so­nen im Al­ter zwi­schen 51 und 80 Jah­ren. Die In­ter­view­part­ner wur­den un­ter al­len Frei­bur­ger Sur­vey-Re­spon­de­ten, die sich in der 2009 bei­ge­leg­ten Post­kar­te zu ei­ner Teil­nah­me an der An­schlus­stu­die be­reit er­klärt hat­ten, ge­mäß ei­ner Quo­tie­rung nach Ge­ne­ra­ti­ons­zu­ge­hö­rig­keit und Ge­schlecht zu­fäl­lig aus­ge­wählt. Die In­ter­views wur­den von Mit­ar­bei­tern des Frei­bur­ger In­sti­tuts für an­ge­wand­te So­zi­al­for­schung FI­FAS e.V. ge­führt und dau­er­ten im Durch­schnitt et­wa 40 Mi­nu­ten.

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