In der Kriminologie wird meist untersucht, wie häufig Straftaten, allgemein oder differenziert nach einzelnen Deliktskategorien, vorkommen. Muster von Straftaten werden aber seltener analysiert. Jedoch könnte gerade die Kenntnis über Muster von Straftaten, zum Verständnis der Ursachen von Straftaten beitragen und gegebenenfalls auch die Prävention verbessern. Um typische Deliktsmuster zu erfassen, wird in diesem Projekt empirisch untersucht, welche Kombinationen von Delikten innerhalb von kriminellen Karrieren besonders häufig auftreten. D.h. es werden Analysen zu Spezialisierung in mehrfachem Sinne durchgeführt. Einerseits wird Spezialisierung innerhalb einzelner Deliktskategorien untersucht, andererseits wird der Zusammenhang verschiedener Deliktskategorien mit dem Ziel erforscht, typische Deliktsmuster zu bestimmen, innerhalb derer es auch zu Spezialisierungen kommt.

Ziel die­ses Pro­jek­tes ist es, Ähn­lich­kei­ten von De­lik­ten em­pi­risch an­hand der Da­ten der Frei­bur­ger Ko­hor­ten­stu­die zu be­stim­men. Da­für wird un­ter­sucht, wel­che Kom­bi­na­tio­nen von De­lik­ten in­ner­halb von kri­mi­nel­len Kar­rie­ren be­son­ders häu­fig (bzw. sel­ten) auf­tre­ten.

Da­bei wird von der Über­le­gung aus­ge­gan­gen, dass De­lik­te, die von ein und der­sel­ben Per­son im Lau­fe ih­rer kri­mi­nel­len Kar­rie­re be­gan­gen wer­den, Ge­mein­sam­kei­ten auf­wei­sen. Die­se Ge­mein­sam­kei­ten ba­sie­ren – so die Über­le­gung – auf be­stimm­ten Per­sön­lich­keits­merk­ma­len und/oder Le­bens­sti­len, in­klu­si­ve der mit die­sen Le­bens­sti­len ver­bun­de­nen si­tua­ti­ven Op­tio­nen der Tat­ge­le­gen­hei­ten. Im­pli­zit setzt die­se An­nah­me vor­aus, dass es zwi­schen den de­lin­quent Han­deln­den je nach Per­sön­lich­keitss­truk­tur / je nach ge­wähl­tem Le­bens­stil, Dif­fe­ren­zen be­züg­lich der be­gan­gen De­lik­te gibt.

Ein Ähn­lich­keits­maß für De­lik­te wird im We­sent­li­chen da­durch be­stimmt, dass die Häu­fig­keit der De­likt­s­kom­bi­na­tio­nen in­ner­halb kri­mi­nel­ler Kar­rie­ren er­fasst wird. Die­se Häu­fig­keit wird mit der Häu­fig­keit, die auf­grund ei­ner zu­fäl­li­gen Wahl der De­likt­s­ab­fol­ge zu er­war­ten wä­re, ver­gli­chen. Ist die Kom­bi­na­ti­on zwei­er De­likt­s­ka­te­go­ri­en häu­fi­ger als auf der Ba­sis ei­nes zu­fäl­li­gen Pro­zes­ses er­war­tet, so sind die­se zwei De­likt­s­ka­te­go­ri­en ähn­lich. Ist um­ge­kehrt die Kom­bi­na­ti­on zwei­er De­likt­s­ka­te­go­ri­en sel­te­ner als auf der Ba­sis ei­nes zu­fäl­li­gen Pro­zes­ses er­war­tet, so sind die­se zwei De­likt­s­ka­te­go­ri­en un­ähn­lich. Das Ad­jus­ted Stan­dar­di­zed Re­si­du­um (ASR) eig­net sich gut als Si­mi­la­ri­täts­maß für die Ana­ly­se der De­likt­s­ähn­lich­keit. Im Ge­gen­satz zu an­de­ren Ar­bei­ten zu die­sem The­ma wird kein spe­zi­fi­scher Über­gang von ei­nem De­likt zu ei­nem an­de­ren be­trach­tet son­dern al­le De­likt­s­kom­bi­na­tio­nen im Lau­fe ei­ner kri­mi­nel­len Ka­rie­re wer­den gleich­zei­tig ana­ly­siert.

Die Ana­ly­se der De­likt­s­ähn­lich­kei­ten wird für Po­li­zei­da­ten und für jus­ti­zi­el­le Da­ten je­weils dif­fe­ren­ziert nach Ge­schlecht und Na­tio­na­li­täts­sta­tus durch­ge­führt. Bei al­len De­likt­s­ka­te­go­ri­en kann so­wohl bei po­li­zei­lich wie bei jus­ti­zi­ell Re­gis­trier­ten re­la­tiv deut­lich ih­re „Ei­ge­n­ähn­lich­keit“ fest­ge­stellt wer­den, d.h. ein ge­wis­ser Grad an Spe­zia­li­sie­rung. Be­son­ders hoch ist der Grad der Spe­zia­li­sie­rung bei den De­likt­s­ka­te­go­ri­en Be­trug, BtM-De­lik­te und Se­xual­de­lik­te. Auch bei den jus­ti­zi­ell er­fass­ten Ver­kehrs­de­lik­ten ist ei­ne „Spe­zia­li­sie­rung“ er­kenn­bar.

Die Ähn­lich­keit von De­lik­ten wird mit Hil­fe der Me­tho­de der Mul­ti­di­men­sio­na­len Ska­lie­rung gra­fisch dar­ge­stellt. Die­se Me­tho­de er­laubt es aus paar­wei­sen Ähn­lich­keits­an­ga­ben von Ob­jek­ten, Aus­sa­gen über die Ge­samt­kon­stel­la­ti­on die­ser Ob­jek­te zu tref­fen. Die De­lik­te wer­den – auf­grund von In­for­ma­tio­nen über ih­re paar­wei­se Ähn­lich­keit bzw. Un­ähn­lich­keit – in ei­nem mehr­di­men­sio­na­len Raum, ge­wählt wird hier we­gen der An­schau­lich­keit die 2-di­men­sio­na­le Dar­stel­lung, so plat­ziert, dass die Ähn­lich­kei­ten der De­lik­te mög­lichst op­ti­mal re­prä­sen­tiert wer­den.

Das Er­geb­nis der Mul­ti­di­men­sio­na­len Ska­lie­rung für jus­ti­zi­el­le Re­gis­trie­run­gen deut­scher Män­ner ist in der fol­gen­den Ab­bil­dung zu se­hen. Von Be­deu­tung bei die­ser Dar­stel­lung sind nur die Ent­fer­nun­gen der ein­zel­nen Punk­te un­ter­ein­an­der, „oben un­ten“, „links rechts“ spielt kei­ne Rol­le. Je nä­her die Punk­te bei­ein­an­der lie­gen, de­sto ähn­li­cher sind die De­lik­te. Ein Ab­stand von 0,7 Ein­hei­ten ent­spricht ei­nem ASR von Null, d.h, lie­gen die De­likt­s­ka­te­go­ri­en nä­her als 0,7 Ein­hei­ten bei­ein­an­der, sind die­se De­likt­s­ka­te­go­ri­en ähn­lich, an­de­ren­falls un­ähn­lich.

Deliktskonfiguration von justiziellen Registrierungen (deutsche Männer)

De­likt­s­kon­fi­gu­ra­ti­on von jus­ti­zi­el­len Re­gis­trie­run­gen (deut­sche Män­ner)


Ähn­lich sind, nah bei­ein­an­der lie­gen, Kör­per­ver­let­zung, schwe­re Kör­per­ver­let­zung, Be­lei­di­gung, Straf­ta­ten ge­gen die per­sön­li­che Frei­heit, Se­xual­de­lik­te und auch Tö­tungs­de­lik­te. Die Ähn­lich­keit der Ge­walt­de­lik­te lässt auf ge­mein­sa­me Ur­sa­chen und Mo­ti­ve die­ser Straf­ta­ten schlie­ßen. Fahr­läs­si­ge Kör­per­ver­let­zung und Ge­walt­de­lik­te sind ein­an­der nicht ähn­lich. Bei Be­täu­bungs­mit­tel­de­lik­ten zeigt sich ei­ne Ähn­lich­kei­ten zu ein­fa­chem Dieb­stahl und zu Leis­tungs­er­schlei­chung, was den Zu­sam­men­hang von Dro­gen­de­lik­ten und Be­schaf­fungs­kri­mi­na­li­tät sicht­bar macht. Ver­kehrs­de­lik­te lie­gen weit ent­fernt von an­de­ren De­lik­ten. So­mit wird der Un­ter­schied von Ver­kehrs­de­lik­ten und "nor­ma­len", klas­si­schen und kon­ven­tio­nel­len Rechts­brü­chen deut­lich. Die Gü­te der Prä­sen­ta­ti­on ist bei den ein­zel­nen De­lik­ten un­ter­schied­lich, ist aber im Mit­tel als über­durch­schnitt­lich gut zu be­zeich­nen (R² = 0,76).

An­ders als bei jus­ti­zi­ell re­gis­trier­ten deut­schen Män­nern zeigt sich bei po­li­zei­lich re­gis­trier­ten Män­nern beim schwe­ren Dieb­stahl ei­ne Un­ähn­lich­keit zu al­len an­de­ren De­lik­ten. Schwe­rer Dieb­stahl (Ein­bruch) wird häu­fig in Se­rie be­gan­gen und dement­spre­chend häu­fig po­li­zei­lich re­gis­triert. Da­durch ist die Spe­zia­li­sie­rungs­ra­te bei schwe­rem Dieb­stahl bei po­li­zei­lich re­gis­trier­ten Män­nern hoch und dement­spre­chend die Häu­fig­keit von Kom­bi­na­tio­nen von schwe­rem Dieb­stahl mit an­de­ren De­lik­ten un­ter­durch­schnitt­lich. Jus­ti­zi­ell wird die­se "Ein­bruch­se­rie" in­ner­halb ei­ner Ent­schei­dung ab­ge­han­delt, wird so­mit als ein schwe­rer Dieb­stahl ge­zählt und die deut­li­che Un­ähn­lich­keit von schwe­rem Dieb­stahl zu an­de­ren De­lik­ten zeigt sich so­mit hier nicht.

Auch Ver­ge­hen ge­gen das Aus­län­der­ge­setz oder Asyl­ver­fah­rens­ge­setz tre­ten im Fall von Nicht­deut­schen sel­ten im Zu­sam­men­hang mit an­de­ren De­likt­s­ka­te­go­ri­en auf. Ein­zig die De­likt­s­ka­te­go­ri­en Fäl­schung (Ur­kun­den­fäl­schung und Wert­zei­chen­fäl­schung) und Leis­tungs­er­schlei­chung ste­hen in ei­nem ge­wis­sen Zu­sam­men­hang mit die­sen Ver­ge­hen.

Be­son­de­re Er­geb­nis­se bringt die nach Al­ter­s­stu­fen dif­fe­ren­zier­te Ana­ly­se. Ob­gleich die für die ein­zel­nen Al­ter­s­stu­fen ge­fun­de­nen Er­geb­nis­se weit­ge­hend über­ein­stim­men, zeigt sich im Ein­zel­nen doch, dass der über das In­di­vi­du­um her­ge­stell­te Zu­sam­men­hang zwi­schen ver­schie­de­nen De­likt­s­ty­pen ent­spre­chend den ver­schie­de­nen Al­ters-Ent­wick­lungs­pha­sen va­ri­iert. Zu er­wäh­nen sind hier ins­be­son­de­re die Se­xual­de­lik­te, die ten­den­zi­ell bei Ju­gend­li­chen und Her­an­wach­sen­den en­ger mit Ge­walt­de­lik­ten zu­sam­men­hän­gen als bei Äl­te­ren.

Des Wei­te­ren wer­den De­lin­quenz­mus­ter im Ver­lauf ei­ner kri­mi­nel­len Kar­rie­re un­ter­sucht. Da­zu wird in ei­nem ers­ten Schritt das Auf­tre­ten ver­schie­de­ner De­lin­quenz­ka­te­go­ri­en bei Per­so­nen in­ner­halb je­weils 5-jäh­ri­ger Zeit­span­nen mit Hil­fe ei­ner pro­ba­bi­lis­ti­schen Clus­ter­ana­ly­se zu ty­pi­schen De­lin­quenz­mus­tern zu­sam­men­ge­fasst. Die­se De­lin­quenz­mus­ter wer­den da­bei im ers­ten Schritt un­ab­hän­gig vom Al­ter der Re­gis­trier­ten be­trach­tet. In ei­nem zwei­ten Schritt wird dann der De­lin­quenz­ver­lauf un­ter­sucht, d.h. es wird ana­ly­siert, wie sich die ge­fun­de­nen De­lin­quenz­mus­ter, de­nen die Re­gis­trier­ten je­der Al­ter­stu­fe zu­ge­ord­net wer­den, im Al­ters­ver­lauf wie­der­ho­len oder ver­än­dern, ein­schließ­lich des Ab­bruchs der kri­mi­nel­len Kar­rie­re.

Auch die pro­ba­bi­lis­ti­sche Clus­ter­ana­ly­se gibt Hin­wei­se auf die Ähn­lich­keit von Ge­walt­de­lik­ten. Es wird ein Clus­ter ge­fun­den, in das haupt­säch­lich Per­so­nen ein­sor­tiert wer­den, die in den ent­spre­chen­den Al­ters­ab­schnit­ten we­gen Kör­per­ver­let­zungs­de­lik­ten, Straf­ta­ten ge­gen die per­sön­li­che Frei­heit, Tö­tungs­de­lik­ten und se­xu­el­len Ge­walt­de­lik­ten of­fi­zi­ell re­gis­triert wa­ren, aber auch we­gen Be­lei­di­gung, Sach­be­schä­di­gung und Wi­der­stand ge­gen die Staats­ge­walt. Des Wei­te­ren er­gibt die Ana­ly­se ein klei­nes Clus­ter „ver­schie­de­ne Straf­ta­ten“, in dem al­le De­lik­te über­durch­schnitt­lich und in er­höh­ter An­zahl (mit ca. je­weils sechs ver­schie­de­nen De­lik­ten et­wa drei­mal so vie­le wie durch­schnitt­lich) auf­tre­ten. In die­sem Clus­ter wer­den haupt­säch­lich „chro­ni­sche“ Straf­tä­ter er­fasst.

Bei der Ana­ly­se der jus­ti­zi­el­len Re­gis­trie­run­gen er­ge­ben sich zwei Clus­ter die De­lik­te aus dem Stra­ßen­ver­kehr bein­hal­ten und zwar ein­mal Ver­kehrs­de­lik­te oh­ne Per­so­nen­schä­den und ein­mal Ver­kehrs­de­lik­te mit Per­so­nen­schä­den.

Be­züg­lich des De­lin­quenz­ver­laufs im Sin­ne ei­ner Spe­zia­li­sie­rung, d.h. der Zu­ord­nung in glei­che Clus­ter von ei­ner Al­ter­s­stu­fe zur nächs­ten, er­gibt sich, dass die Spe­zia­li­sie­rung mit dem Al­ter zu­nimmt, un­ter der Vor­aus­set­zung, dass die kri­mi­nel­le Kar­rie­re nicht ab­bricht. Bei al­len Clus­tern er­ge­ben sich in­so­fern Hin­wei­se auf Spe­zia­li­sie­rung, als dass die­se Clus­ter in vor­aus­ge­hen­den und fol­gen­den Al­ter­s­stu­fen über­durch­schnitt­lich häu­fig ver­tre­ten sind. Gleich­wohl ist die je­weils größ­te Grup­pe die der Ab­bre­cher. Ei­ne Aus­nah­me stellt dies­be­züg­lich das Clus­ter „ver­schie­de­ne Straf­ta­ten“ dar.