Kriminalsanktionen sind individualisiert und sollen allein den Täter als Individuum betreffen. Freilich haben sie immer auch Auswirkungen auf das soziale Umfeld des Täters, insbesondere auf Familie, Angehörige (mutmaßlich auch auf Freundeskreise und die Nachbarschaft). In dieser Studie wird die Problematik der sog. „Drittbetroffenheit“ durch Sanktionen untersucht. Dabei geht es um die Frage, inwieweit bereits in richterlichen Entscheidungen über die Sanktionen, hier insbesondere bei der Frage der Bewährungssaussetzung nach den §§ 56, 57 StGB, die „Drittbetroffenheit“ von Angehörigen Berücksichtigung findet. Schließlich wird dargestellt, wie die einzelnen Justizvollzugsanstalten Baden-Württembergs die in den §§ 23-36 StVollzG normierten Möglichkeiten der Inhaftierten, Kontakt mit ihren Angehörigen zu halten, ausgestaltet haben.

Schon lan­ge ist in der kri­mi­no­lo­gi­schen For­schung das Pro­blem be­kannt, dass Sank­tio­nen im Straf­recht zwar nur den Tä­ter ei­ner Straf­tat in­di­vi­du­ell be­tref­fen sol­len, die An­ge­hö­ri­gen durch die Stra­fe je­doch auch be­las­tet wer­den. Die In­di­vi­dua­li­sie­rung der Stra­fe wird in der Li­te­ra­tur teil­wei­se so­gar als Fik­ti­on be­zeich­net. Denn ge­ra­de die Über­le­gung, dass “Sip­pen­haft” ver­mie­den und - dem mo­der­nen Ge­rech­tig­keits­ge­dan­ken ent­spre­chend - die Stra­fe in­di­vi­du­ell an­ge­wandt wer­den soll, be­ein­träch­tigt of­fen­sicht­lich den Blick auf die Wirk­lich­keit der Sank­tio­nie­rung. Schließ­lich sind Men­schen kei­ne wirt­schaft­lich, so­zi­al und emo­tio­nal un­ab­hän­gi­gen In­di­vi­du­en, son­dern in ihr so­zia­les Um­feld ein­ge­bun­den. So wirkt ei­ne in­di­vi­du­el­le Be­stra­fung im­mer auch auf das Um­feld des Be­straf­ten und ins­be­son­de­re auf die na­hen An­ge­hö­ri­gen.

Die Aus­wir­kun­gen der Stra­fe auf die An­ge­hö­ri­gen ste­hen im Span­nungs­feld zwei­er Be­din­gun­gen. Zum einen hat der De­lin­quent selbst durch sei­ne Straf­tat die ers­te Ur­sa­che für die In­haf­tie­rung und da­mit für ei­ne Be­las­tung der An­ge­hö­ri­gen ge­setzt. Zum an­de­ren wird je­doch das Ver­hal­ten des De­lin­quen­ten durch die straf­ge­richt­li­che Ver­ur­tei­lung sank­tio­niert und die An­ge­hö­ri­gen da­durch von staat­li­cher Sei­te be­las­tet. So­weit die Be­las­tun­gen dem Staat an­zu­rech­nen sind, ist von ei­ner (fak­ti­schen) Mit­be­stra­fung Drit­ter aus­zu­ge­hen.

Als “Mit­be­trof­fe­ne Drit­te”  be­zeich­net man die An­ge­hö­ri­gen, die so­zi­al, psy­chisch und/oder öko­no­misch durch die Ver­ur­tei­lung in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen wer­den. Ge­naue An­ga­ben, wie vie­le Men­schen als An­ge­hö­ri­ge von Straf­ge­fan­ge­nen be­trof­fen sind, gibt es nicht. Je­doch wur­den in Deutsch­land im Lau­fe des Jah­res 2004 135.002 Zu­gän­ge (aus der Frei­heit) in Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten re­gis­triert (Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt, Be­stand der Ge­fan­ge­nen und Ver­wahr­ten in den deut­schen Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten, Stand 11. 2. 2005, S. 5). Geht man da­von aus, dass et­wa ein Fünf­tel der Voll­zugs­in­sas­sen ver­hei­ra­tet ist und rech­net man die Part­ner aus nicht-ehe­li­chen Le­bens­ge­mein­schaf­ten, (an­ge­hö­ri­ge) Kin­der und an­de­re, in häus­li­cher Ge­mein­schaft le­ben­de An­ge­hö­ri­ge da­zu, dann kann von ei­ner er­heb­li­chen An­zahl von durch frei­heits­ent­zie­hen­de Sank­tio­nen be­trof­fe­ner Drit­ter aus­ge­gan­gen wer­den.

Über­dies sind An­ge­hö­ri­ge je­doch nicht nur “Op­fer”, son­dern kön­nen auch für die Er­rei­chung des Voll­zugs­ziels der Rein­te­gra­ti­on des Tä­ters ei­ne be­deut­sa­me Rol­le spie­len.

Da­her sind die Ein­füh­rung(en) von neu­en Sank­tio­nen und die Aus­ge­stal­tung der Frei­heits­s­tra­fe heu­te ge­prägt von dem Ver­such, die Be­zie­hun­gen zwi­schen Ver­ur­teil­ten und re­le­van­ten Drit­ten nicht zu zer­stö­ren, son­dern, so­weit es die Um­stän­de zu­las­sen, zu fes­ti­gen. So soll durch das Straf­voll­zugs­ge­setz (StVollzG) er­reicht wer­den, dass die In­haf­tier­ten zum Le­bens­un­ter­halt ih­rer An­ge­hö­ri­gen bei­tra­gen kön­nen (u. a. durch leis­tungs­ge­rech­te Ent­loh­nung der Ge­fan­ge­nen­ar­beit). Fer­ner war ne­ben der Ein­füh­rung an­de­rer an­ge­hö­ri­gen­freund­li­cher Neue­run­gen ge­plant, die Ge­fan­ge­nen in die ge­setz­li­che Kran­ken- und Ren­ten­ver­si­che­rung ein­zu­be­zie­hen. Die­se Re­form­be­we­gun­gen schei­ter­ten je­doch aus fi­nan­zi­el­len Grün­den. So­weit sich un­ter der Gel­tung des StVollzG “an­ge­hö­ri­gen­freund­li­che” Maß­nah­men durch­set­zen konn­ten, sind sie fast aus­schließ­lich im Be­reich der per­sön­li­chen Kon­tak­te an­ge­sie­delt, z. B. der Ein­füh­rung von ver­bes­ser­ten Be­suchs­mög­lich­kei­ten.

Nach­dem in den 1960er und 1970er Jah­ren die Fra­ge der An­ge­hö­ri­gen von Straf­tä­tern in der For­schung durch­aus the­ma­ti­siert wor­den war, rich­te­te sich in der Zeit da­nach die rechts­po­li­ti­sche und wis­sen­schaft­li­che Auf­merk­sam­keit ver­stärkt auf die Op­fer der Straf­ta­ten. So­mit trat die For­schung über Tä­ter und de­ren Um­feld in den Hin­ter­grund. Erst in der Dis­kus­si­on über die “Elek­tro­ni­sche Fuß­fes­sel” wur­de die Fra­ge der An­ge­hö­ri­gen für die For­schung wie­der wich­ti­ger. In­ter­na­tio­nal wird die Fra­ge­stel­lung vor al­lem in Straf­jus­tiz­sys­te­men auf­ge­wor­fen, die durch einen dras­ti­schen Ge­brauch (lan­ger) Frei­heits­s­tra­fen und hier­durch be­ding­ter er­heb­li­cher Aus­wei­tung der Ge­fan­ge­nen­po­pu­la­ti­on ge­kenn­zeich­net sind (vor al­lem USA).

Ziel die­ser em­pi­ri­schen Un­ter­su­chung ist es, zu über­prü­fen, in­wie­weit der Fak­tor “An­ge­hö­ri­ge”, und hier ins­be­son­de­re der Fak­tor “Kin­der”, bei straf­recht­li­chen Ent­schei­dun­gen Be­rück­sich­ti­gung fin­det. Da­bei geht es im We­sent­li­chen um die Ent­schei­dung, ob ei­ne Frei­heits­s­tra­fe zur Be­wäh­rung aus­ge­setzt wer­den soll oder nicht. Er­gän­zend wird dar­ge­stellt, in wel­chem Um­fang die Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten Ba­den-Würt­tem­bergs Kon­tak­te der Straf­ge­fan­ge­nen mit ih­ren An­ge­hö­ri­gen un­ter­stüt­zen, um durch “se­kun­däre” Maß­nah­men un­ter an­de­rem die Aus­wir­kun­gen des Voll­zugs der Frei­heits­s­tra­fe auf re­le­van­te Drit­te zu ver­rin­gern.

Die Fra­ge, in­wie­weit An­ge­hö­ri­ge von Tä­tern bei der Straf­aus­set­zung zur Be­wäh­rung nach § 56 StGB ei­ne Rol­le spie­len, wur­de durch die Ana­ly­se von durch Ur­teil ab­ge­schlos­se­nen Ver­fah­ren un­ter­sucht. Da­für wur­den ins­ge­samt 300 Straf­ver­fah­rens­ak­ten von drei Staats­an­walt­schaf­ten (Frei­burg, Stutt­gart und Walds­hut-Ti­en­gen) aus­ge­wählt. 150 die­ser Ver­fah­ren wur­den durch Ver­ur­tei­lun­gen zu Be­wäh­rungs­stra­fen ab­ge­schlos­sen. Die Kon­troll­grup­pe be­stand aus 150 Ver­fah­ren, die durch Ver­ur­tei­lun­gen zu un­be­ding­ten Frei­heits­s­tra­fen er­le­digt wor­den wa­ren.

Eben­falls im Rah­men ei­ner Ak­ten­ana­ly­se wur­de un­ter­sucht, in­wie­weit der Fak­tor “An­ge­hö­ri­ge” und ins­be­son­de­re der Fak­tor “Kin­der” bei der Rest­stra­fen­aus­set­zung zur Be­wäh­rung nach § 57 StGB und bei Ent­schei­dun­gen in Haft nach dem StVollzG, zum Bei­spiel Lo­cke­rung und Ur­laub, ei­ne Rol­le spiel­ten. Ins­ge­samt wur­den 150 Ge­fan­ge­nen­per­so­nal­ak­ten aus dem Ent­las­sungs­jahr­gang 2001 der Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten Schwä­bisch Gmünd, Heil­bronn und Bruch­sal, die per Zu­falls­s­tich­pro­be ge­zo­gen wor­den wa­ren, ana­ly­siert.

Er­gän­zend wur­de ei­ne schrift­li­che Be­fra­gung bei al­len Er­wach­se­nen­voll­zugs­an­stal­ten in Ba­den-Würt­tem­berg durch­ge­führt, um zu eva­lu­ie­ren, wie die ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten der Ge­fan­ge­nen, Au­ßen­kon­tak­te nach den §§ 23-36 StVollzG wahr­zu­neh­men, von den ein­zel­nen An­stal­ten aus­ge­stal­tet wer­den.

Die Er­geb­nis­se deu­ten dar­auf hin, dass der Aspekt der An­ge­hö­ri­gen bei der Fra­ge der Be­wäh­rungs­aus­set­zung der Frei­heits­s­tra­fe nach § 56 StGB ei­ne sehr un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le spielt. Das größ­te Ge­wicht bei die­ser Ent­schei­dung kommt der straf­recht­li­chen Vor­be­las­tung des An­ge­klag­ten zu. Ei­ne an­de­re Ten­denz ist bei der be­ding­ten Haft­ent­las­sung nach § 57 StGB zu be­ob­ach­ten. Hier spielt die per­sön­li­che und fa­mi­li­äre Si­tua­ti­on des In­haf­tier­ten vor al­len Din­gen im Zu­sam­men­hang mit der Fra­ge nach der Ent­las­sungs­si­tua­ti­on, dem so­ge­nann­ten “So­zia­len Emp­fangs­raum”, ei­ne Rol­le.