Ziel der Dissertation war es zu klären, inwieweit seit 1992 geltende argentinische Bundesstrafverfahrensgesetz (CPPN) den Anforderungen der argentinischen Verfassung (CN) bzw. der Amerikanischen Menschenrechtskonvention (AMRK) gerecht wird. Maßgeblicher war angesichts der verfahrensentscheidenden Bedeutung, die dem Ermittlungsverfahren in der argentinischen Rechtspraxis zukommt, inwieweit die untersuchungsrichterlichen Befugnisse eingedämmt und die Rechtsstellung des Beschuldigten verbessert wurden.

In den letz­ten Jah­ren hat der De­mo­kra­ti­sie­rungs­pro­zess in La­tein­ame­ri­ka da­durch, dass auf dem gan­zen Kon­ti­nent die Straf­jus­tiz re­for­miert wird, neu­en Auf­trieb er­fah­ren. Auf dem Ge­biet des Straf­pro­zess­rechts ist ten­den­zi­ell die Ver­drän­gung des tra­di­tio­nel­len schrift­li­chen "In­qui­si­ti­ons­pro­zes­ses" durch rechts­staat­li­che­re, münd­li­che Pro­zess­ty­pen zu be­ob­ach­ten. Die aus­ge­präg­te Macht­stel­lung des Rich­ters wird re­du­ziert, die Rechts­stel­lung des Be­schul­dig­ten im Ge­gen­zug ver­bes­sert. War letz­te­rer bis­lang im We­sent­li­chen nur Ob­jekt ei­nes ge­gen ihn in­iti­ier­ten Ver­fah­rens, wird er nun­mehr als Pro­zess­sub­jekt an­ge­se­hen, dem be­stimm­te Rech­te ga­ran­tiert sind. Al­ler­dings lös­ten bzw. lö­sen sich die Ge­setz­ge­ber der ver­schie­de­nen Län­der in recht un­ter­schied­li­cher Art und In­ten­si­tät von den über­kom­me­nen Struk­tu­ren.

Ziel der Dis­ser­ta­ti­on war es, die­sen Pro­zess am Bei­spiel Ar­gen­ti­ni­ens dar­zu­stel­len und zu klä­ren, in­wie­weit das dort seit 1992 gel­ten­de Bun­dess­traf­ver­fah­rens­ge­setz (CPPN) den An­for­de­run­gen der ar­gen­ti­ni­schen Ver­fas­sung (CN) bzw. der Ame­ri­ka­ni­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (AMRK) ge­recht wird. Maß­geb­li­cher Aspekt für die Be­ant­wor­tung die­ser Fra­ge war an­ge­sichts der ver­fah­rens­ent­schei­den­den Be­deu­tung, die dem Er­mitt­lungs­ver­fah­ren in der ar­gen­ti­ni­schen Recht­spra­xis re­gel­mä­ßig noch im­mer zu­kommt, in­wie­weit die bis­lang aus­ufern­den un­ter­su­chungs­rich­ter­li­chen Be­fug­nis­se tat­säch­lich ein­ge­dämmt und die Rechts­stel­lung des Be­schul­dig­ten im Ge­gen­zug ver­bes­sert wur­den. Auf die deut­sche Rechts­la­ge wur­de in die­sem Zu­sam­men­hang Be­zug ge­nom­men, so­weit der Ver­gleich für das Ver­ständ­nis des ar­gen­ti­ni­schen Rechts er­for­der­lich schi­en.

Im Jahr 1998 konn­te zu­nächst ei­ne all­ge­mei­ne Dar­stel­lung des neu­en Straf­ver­fah­rens­rechts, ins­be­son­de­re der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten so­wie des Ver­fah­rens­gangs fer­tig­ge­stellt wer­den. Als be­son­ders er­trag­reich hat sich in die­sem Zu­sam­men­hang ein zwei­mo­na­ti­ger For­schungs­auf­ent­halt des Verf. in Bue­nos Ai­res, dem Haupt­an­wen­dungs­ge­biet des CPPN, er­wie­sen. Zahl­rei­che Ge­sprä­che mit füh­ren­den Rechts­leh­rern so­wie mit er­fah­re­nen Rich­tern, Staats­an­wäl­ten und Ver­tei­di­gern so­wie die Lek­tü­re von Er­mitt­lungs­ak­ten und der Be­such der ent­spre­chen­den Haupt­ver­hand­lun­gen ha­ben einen um­fas­sen­den Ein­blick in die tat­säch­li­che Um­set­zung des neu­en Rechts und die spe­zi­fi­schen Im­ple­men­ta­ti­ons­pro­ble­me ver­mit­telt.

In der zwei­ten Hälf­te des Jah­res 1998 wur­den die his­to­ri­schen Wur­zeln des ar­gen­ti­ni­schen Straf­pro­zess­rechts un­ter­sucht. Der vor­lie­gen­den Fra­ge­stel­lung ent­spre­chend stand da­bei die Ent­wick­lung der Be­schul­dig­ten­rech­te im Mit­tel­punkt. Aus­ge­hend von der Ko­lo­ni­al­zeit, in der der spa­ni­sche In­qui­si­ti­ons­pro­zess Ein­zug nach Ar­gen­ti­ni­en hielt, wur­de der Weg bis zur grund­le­gen­den Re­form von 1992 nach­ge­zeich­net. Die da­bei er­lang­ten Er­kennt­nis­se er­mög­lich­ten die im wei­te­ren Ver­lauf der Stu­die er­for­der­li­che Ein­schät­zung, ob be­stimm­te Re­ge­lun­gen bzw. Struk­tu­ren des CPPN tat­säch­lich sys­tem­be­dingt mo­ti­viert sind oder aber le­dig­lich der Tra­di­ti­on we­gen bei­be­hal­ten wur­den. Ei­ni­ge Aspek­te des CPPN konn­ten zu­dem erst vor ih­rem ge­schicht­li­chen Hin­ter­grund ver­ständ­lich wer­den.

Im Jahr 1999 wur­de der ana­ly­ti­sche Teil der Dis­ser­ta­ti­on er­ar­bei­tet. Um ein ab­ge­run­de­tes Bild von der Macht­stel­lung des Un­ter­su­chungs­rich­ters zu er­hal­ten, muss­te zum einen auf sei­ne all­ge­mei­ne Rol­le als Herr des Vor­ver­fah­rens und de­ren Be­deu­tung für die Rechts­stel­lung des Be­schul­dig­ten ein­ge­gan­gen wer­den. Zum an­de­ren war an­hand aus­ge­wähl­ter Ein­griffs­er­mäch­ti­gun­gen des Un­ter­su­chungs­rich­ters zu klä­ren, ob des­sen his­to­risch be­grün­de­te Macht­stel­lung und die da­mit ein­her­ge­hen­de Mög­lich­keit staat­li­cher Will­kür durch die Re­form­ge­setz­ge­bung von 1992 aus­rei­chend ein­ge­dämmt wur­de, oder ob er bei der An­ord­nung von straf­pro­zes­sua­len Grund­recht­sein­grif­fen nach wie vor weit­ge­hend freie Hand hat.

Zur Klä­rung die­ser Fra­gen wur­den zu­nächst die für den je­wei­li­gen Aspekt maß­geb­li­chen Vor­ga­ben von CN und AMRK dar­ge­stellt und dar­auf­hin her­aus­ge­ar­bei­tet, wel­che Be­fug­nis­se der CPPN dem Rich­ter ein­räumt und wie da­durch die Be­schul­dig­ten­rech­te be­schränkt wer­den. An­schlie­ßend wur­de je­weils da­zu Stel­lung ge­nom­men, ob der CPPN den ver­fas­sungs- und men­schen­recht­li­chen Vor­ga­ben ge­nügt.

Wäh­rend ei­nes ein­mo­na­ti­gen For­schungs­auf­ent­halts des Verf. in Bue­nos Ai­res En­de 1999 wur­den letz­te noch of­fe­ne Fra­gen ge­klärt, Zwei­fel im per­sön­li­chen Ge­spräch mit ar­gen­ti­ni­schen Wis­sen­schaft­lern und Prak­ti­kern aus­ge­räumt, feh­len­des Ma­te­ri­al be­sorgt und das Schrift­tum ak­tua­li­siert. Die Ar­beit wur­de An­fang 2000 ab­ge­ge­ben.